Alfa Romeo 4C

Wenn die Strasse direkt ins Herz führt: Alfa Romeo 4C

Jööh, ist der niedlich! Nein, die Rede ist hier nicht vom Fiat 500, sondern von Alfa Romeos Meisterwerk, dem 4C (4 Cylindri, zu Deutsch: 4 Zylinder). Er sieht eben schon süss aus, mit seinen unschuldigen Augen und den winzigen Fenstern. Wie ein zu heiss gewaschener Ferrari, dem beim Waschgang jegliche optische Aggressivität abhanden gekommen ist. Ein richtiger Bonsai-Sportwagen. Unwissende neigen schnell dazu, den kleinen Flitzer falsch einzuordnen, dies kann aber böse enden…

Man sieht den Alfa Romeo 4C an und möchte ihn am liebsten tätscheln, sich womöglich über ihn lustig machen. Aber wenn der Motor gestartet wird, dann… ja, dann ist fertig lustig. Etwa so:


Ein Blechkleid wie eine zierliche, italienische Diva, aber eine Stimme wie der grösste Prolet! Das ist in etwa so, als ob ein zuckersüsses, zehn Wochen altes Kätzchen dich wie ein ausgewachsener Löwe anbrüllen würde! Mir stellen sich umgehend alle Nackenhaare auf. Der 4C ist kein niedliches Spielzeug, sondern ein Sportwagen, der durchaus das Zeug dazu hat, Karren abzuservieren, die doppelt so gross, doppelt so teuer und doppelt so stark sind wie er. Alfa Romeo fährt diesbezüglich richtig grobes Geschütz auf.

Alfa Romeo 4C
Für einen Sportwagen ist der Blick vorne sehr unschuldig.

Bereits beim Einsteigen muss man umdenken. Mit dem rechten Bein zuerst hinein? Haha, dann möchte ich aber sehen, wie der Hintern nachgezogen wird. Nein, hier muss man sich geschickt einfädeln: Bücken (und zwar sehr tief), den Allerwertesten parkieren, dann das eine Bein und schliesslich das andere nachziehen. Kein Sache? Kein Problem. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich ganz einfach steigern, indem man das Prozedere in einer engen Parklücke wiederholt. Schlangenmenschen werden’s mit dem 4C einfacher haben.

Alfa Romeo 4C
Die Sitzposition ist extrem tief. Leider stützen die Sitze nicht gut genug.

Auf jeden Fall sitze ich nun drin und möchte Portmonee und Brillendöschen verstauen. Für’s Portmonee hat’s – oh Wunder – ein kleines Netzchen zwischen den Sitzen. Für das Brillendöschen ist offiziell kein Platz, aber erfinderisch, wie ich bin, merke ich, dass es perfekt in die Türschlaufe passt. Ihr merkt, worauf ich hinaus will: der Alfa ist im normalen Alltag eine Katastrophe – aber eine Katastrophe mit einer derart magischen Anziehungskraft ist mir noch nie untergekommen.

Alfa Romeo 4C
Türschlaufe: Ich bin auch eine Ablagemöglichkeit.

Wer auch privat in einer Höhle ohne jeglichen Komfort wohnt, der kann den 4C ohne Klimaanlage und Radio ordern. Wer sich gerne in Verzicht übt – nur zu. Ich für meinen Teil bin froh, habe ich beides im Testwagen drinnen, schliesslich sind beide Optionen ohne Aufpreis erhältlich. Dank dem unten abgeflachten Lenkrad finden auch meine Beine Platz und um ein Feingefühl bei der Schaltung brauche ich mich dank Doppelkupplungsgetriebe nicht zu kümmern. Voller Erwartungen stürze ich mich in den Zürcher Stadtverkehr, den ich aus völlig neuer Perspektive kennenlerne: Der Froschperspektive.

Alfa Romeo 4C
Karges Interieur. Was nach Carbon aussieht, ist echt.

Normale Kompaktwagen haben plötzlich die Grösse eines SUVs, während ein echter SUV wie ein Sattelschlepper und ein Sattelschlepper wie ein Wolkenkratzer wirkt. Hoffentlich übersieht mich einer dieser wandelnden Wolkenkratzer nicht… Aber die Perspektive ist nicht das einzig Ungewohnte. Der kleine 4C ist richtig zappelig, wie ein Baby. Das Fahrwerk ist so hart, dass das Auto ständig irgendwie in Bewegung ist, ausserdem muss man ständig ein bisschen gegen irgendetwas gegenlenken, jede Unebenheit scheint den 4C aus der Spur zu bringen. Die servolose Lenkung ist sehr gewöhnungsbedürftig, ebenso der kurve Pedalweg des Bremspedals. Eine Start-Stopp-Automatik hat der Alfa natürlich nicht, doch komischerweise kann man im Stand das Bremspedal loslassen, ohne, dass er loskriecht – so ein Verhalten habe ich noch nie bei einem Automatikgetriebe gehabt, aber der 4C ist sowieso kein Massstab für die Norm.

Alfa Romeo 4C
Die Heckklappe muss mit einer Stange fixiert werden. Und: Der Kofferraum lässt sich nur von innen öffnen.

Besonders deutlich wird dies beim Sound. Direkt hinter meinem Nacken wütet ein 1,8-Liter Vierzylinder Turbobenziner. Und wenn ich sage, er wütet, dann meine ich das auch so. Was dieses Motörchen an Lärm produziert, ist einfach unglaublich. Einen dermassen röchelnden, dreckigen Vierzylinder Sound ist mir noch nie, wirklich nie untergekommen, da kann auch der A45 AMG einpacken. Wird der erste Gang bis knapp Tempo 50 ausgedreht und anschliessend der Zweite reingeworfen, dann knallt es so derb hinten heraus, dass die Bevölkerung glaubt, ein Haus stürze jetzt dann gleich ein. Einfach nur krass. Und krank. Aber auf eine geile Art krank! Der Alfa sieht nicht nur aus wie ein kleiner Ferrari, er klingt auch so. Ganz grosses Kino. Selbst ohne geöffnete Fenster kriegt man die Lautäusserungen im Innenraum ganz deutlich mit, Dämmmaterial wäre schliesslich zu schwer.

Alfa Romeo 4C
Aus dieser Perspektive wird besonders deutlich, wie flach und winzig der Alfa ist.

Doch auf der Autobahn vergeht einem das Grinsen ziemlich schnell. Nein, es ist nicht der fehlende Tempomat, über den ich mich grün und blau ärgere. Auch das Fahrwerk ist erträglich, sofern man keine Rückenprobleme hat. Es ist der Motorsound. Nur ist es auf der Autobahn kein Sound mehr. Bei 120 – 130 km/h hat der Motor einen besonders üblen, brummigen und tiefen Ton, der sich ganz tief in mein Gehirn einnistet und höchste Aggressionen weckt. Echt schlimm. Aber der allergrösste Fail ist, dass der Alfa im fünften Gang viel leiser ist, der Brummton verschwindet komplett. Da hat das Sound-Engineering an der falschen Stelle aufgehört. Der Ton im sechsten Gang auf der Autobahn ist eine Zumutung.

Alfa Romeo 4C
Sieht insbesondere von hinten wie ein kleiner Ferrari aus.

Es wird deshalb Zeit, den 4C dort auszuführen, wo er hingehört: Auf Berg- und Passstrassen. Und das habe ich die folgenden Stunden und Tage gemacht, weil der 4C Fahrfreude in seiner reinsten Form bietet. Die servolose Lenkung ist nun nicht mehr gewöhnungsbedürftig, sondern das Beste, was ich haben kann. Das harte Fahrwerk stört nicht, es hält mich stoisch in der Spur, während ich wie ein Wilder durch die Kurven düse. Und jetzt ist er wieder grosses Kino, der Sound. Im obersten Drehzahlbereich, da ist der Sound vom Motor eine Mischung aus Abarth auf Drogen und krepierender Kettensäge, während der Turbo wie eine Schlange vor sich hin zischelt. Der Alfa ist laut, brutal laut, aber im Gegensatz zum Autobahnton ist es hier oben in den Bergen eine wunderbare Klangkulisse. Ich bin Strecken gefahren, die ich in und auswendig kenne und ich bin mit Geschwindigkeiten durch Kurven gerauscht, die nicht mehr schön sind, wie mein Beifahrer mir nach der Fahrt kleinlaut mitgeteilt hat.

Alfa Romeo 4C
Die Auspuffanlage ist optisch dezent, aber akustisch extrem krawallig!

Und der Alfa? Er macht es mit. Ohne mit der Wimper zu zucken. Trotz meinem Höllentempo hat das ESP nicht ein einziges Mal eingegriffen. Klar, das harte Fahrwerk, das sensationelle Gewicht von 995 Kilo und der sehr tiefe Schwerpunkt ermöglichen ein fantastisches Handling. Aber die unfassbare Stabilität und Traktion sind auch dem Motor zu verdanken. Im Gegensatz zu übermotorisierten Sportwagen müssen die Hinterräder vom 4C «nur» mit 350 Nm klar kommen. Ich bin mit dem 4C an die Grenzen gegangen – aber es sind meine eigenen Grenzen gewesen. Der heissblütige Italiener wäre noch schneller, noch intensiver zu fahren, aber irgendwann wurde es sogar mir zu brenzlig, das Tempo noch weiter zu steigern. Mal abgesehen vom Radical RXC Turbo ist mir noch nie ein Auto untergekommen, welches so intensiv zu fahren ist. Rein gefühlsmässig bin ich noch nie schneller auf irgendwelche Pässe geheizt, weil das Fahrgefühl so mitreissend ist. Wahrscheinlich bin ich mit dem GT-R noch schneller gefahren, aber das ist dann eine komplett andere Liga, ausserdem hat Godzilla Allradantrieb. Der Alfa Romeo 4C hat dafür die perfekte Balance zwischen Gewicht, Leistung und Handling.

Alfa Romeo 4C
Die Sicht nach hinten ist praktisch null.

Irgendwann wird es leider Zeit, Abschied zu nehmen. Mein lieber 4C, was habe ich mich nur über dich geärgert! Mal hat mein Arm geschmerzt, mal mein Rücken – ich weiss, ich kann es dir nicht beweisen, aber ich bin mir sicher, es ist deine Schuld! Ich habe dich verflucht für deine dämliche Kofferraumöffnung. Wollte ich mein Getränk mit nach vorne nehmen, flog es bereits nach der ersten Kurve quer durch den Innenraum. Dich aus der Parklücke rauszuwürgen, war mir dank der grandiosen Sicht nach hinten stets ein Vergnügen. Aber noch viel lieber war mir dein grässlicher, brummiger Ton auf der Autobahn, wovon ich nur schon beim Gedanken daran bereits wieder Kopfschmerzen bekomme. Nicht mal über den Fiat Panda musste ich mich dermassen aufregen! Und trotzdem… Trotzdem bin ich immer wieder zu dir gekommen, konnte mich einfach nicht losreissen. Bereits dein dreckiges Röcheln, wenn du aus dem Dornröschenschlaf erwachst, hat gereicht, damit ich dir alle Fehler verzeihe. Weil jede Kurve, die ich mit dir durchfahren habe, direkt in mein Herz geführt hat. Ich habe die Strasse gespürt, habe dich gespürt. Deshalb knie ich vor dir nieder, um dir auf Augenhöhe zu begegnen, und danke zu sagen. Danke, Alfa Romeo, dass ihr den Cuore Sportivo auf diese Art und Weise wiederbelebt hat. Mögen sich unsere Wege eines Tages wieder kreuzen – ich werde auf dich warten. Mein inneres Feuer wird für dich weiter lodern.

Alfa Romeo 4C
Allen Schwächen zum Trotz: Der Alfa Romeo 4C ist ein fahrendes Feuerwerk an Emotionen!

Alltag 1.0 Stars

Es gibt kaum etwas Unpraktischeres als ein 4C. Enger Beifahrerplatz, winziger Kofferraum mit extrem mühsamen Zugang, null Sicht nach hinten, kaum brauchbare Ablageflächen. In Fahrt ist er laut und hart. Der Alfa taugt bloss für Extremisten, die sind, wie er, oder für jene, die ihn sich als Zweitwagen leisten können.

Fahrdynamik 5.0 Stars

Der Italiener ist ein fahrdynamisches Ausrufezeichen! Er ist der fahrende Beweis, dass nicht überbordende Kraft, sondern geringes Gewicht sowohl das Handling, als auch die (Quer-)Beschleunigung massgeblich beeinflusst. Sein unerschütterliches Handling und die servolose Lenkung sorgen für ein extrem intensives Fahrerlebnis, während der Sound die Nackenhaare aufstellen lässt.

Umwelt 4.0 Stars

Angesichts der Leistung, der irren Fahrdynamik und dem harten Testeinsatz sind 8,7 l/100 km Testverbrauch absolut in Ordnung. Wer gemütlich dahinrollt (was für eine Verschwendung an Emotionen…) erzielt einen Verbrauch von ca. 7,0 l/100 km.

Ausstrahlung 5.0 Stars

Nicht nur das Fahrfeeling, auch das Design vom Alfa Romeo 4C führt mitten ins Herz.

Fazit 4.5 Stars

+ Unfassbar geiler Sound
+ Perfekte Traktion
+ Intesives Fahrerlebnis
+ Höchstpräzises Handling
+ Perfekte Verbindung zur Strasse dank servoloser Lenkung
+ Sehr tiefes Gewicht
+ Race Modus mit deaktiviertem ESP
+ Hinreissendes Design
+ LED-Scheinwerfer
+ Fairer Preis

– Katastrophaler Ton auf der Autobahn
– Lasche Verarbeitungsqualität
– Sitze mit wenig Seitenhalt
– Eingeschränkter Platz auf der Beifahrerseite
– Mühsamer Zugang zum Kofferraum

Steckbrief

Marke / ModellAlfa Romeo 4C
Preis Basismodell / Testwagen71 000 CHF / 76 900 CHF
AntriebBenzin, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder1742 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptMittelmotor / Turbomotor
Getriebe6-Gang Doppelkupplungsgetriebe Alfa TCT
Max. Leistung177 kW bei 6000 r/min
Max. Drehmoment350 Nm bei 2200 - 4250 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h4,5 s
Vmax258 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz6,8 l/100 km / 157 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz8,7 l/100 km / 201 g/km / +28%
Länge / Breite / Höhe3,99 m / 1,86 m / 1,18 m
Leergewicht995 kg
Koffer­raum­volumen110 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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