Alfa Romeo Stelvio: Der Pfeffer in der Suppe

Alfa Romeo Stelvio: Der Pfeffer in der Suppe

Es hat lange gedauert, bis sich Alfa Romeo endlich mit attraktiven Autos wie Giulia und Stelvio zurückgemeldet hat. Und so schön die Giulia auch sein mag, die Hoffnung ruht natürlich auf dem Stelvio, der in das boomende SUV-Segment einsteigt. Noch ein SUV mehr in der unübersichtlichen Masse. Allerdings sticht der Italiener nicht nur optisch aus der Masse hinaus. Wenn man der SUV-Markt als die Suppe bezeichnen möchte, dann ist der Stelvio definitiv der Pfeffer darin. Pfeffer darum, weil er sich mit seiner Schärfe deutlich von der Konkurrenz abhebt! Wer darum selber über einen «Cuore Sportivo» in der Brust verfügt, ist beim Alfa genau richtig. Allerdings sollte man mit italienischer Leichtigkeit über die eine oder andere Schwäche hinwegsehen.

Optisch setzt der Newcomer schon mal ein fettes Ausrufezeichen und etwas anderes haben alle Fans und Kunden der Marke auch gar nicht erwartet. Ein italienisches Auto hat einfach gut auszusehen und der Stelvio wird diesen Erwartungen völlig gerecht, wie ich finde. Insbesondere im auffälligen «Rosso Competizione» Lackton mit den grossen 20-Zöllern, lackieren Bremssätteln und getönten Scheiben zieht das SUV die Blicke auf sich.

2017 Alfa Romeo Stelvio
Der Stelvio ist rundum eine Augenweide. Hinter den Auspuffblenden stecken immerhin richtige Rohre.

Mit italienischem Chic geht es auch im Interieur weiter. Als Erstes fallen das Sportlenkrad samt integriertem Startknopf und gigantischen, feststehenden Alu-Paddels auf. Da hat das SUV aber hohe sportliche Ansprüche an sich selber! Schick sind zudem die Holz-Applikationen und der hübsch integrierte Bildschirm, der dafür ziemlich klein geraten ist.

2017 Alfa Romeo Stelvio
Typisch Alfa: Der Scudetto, der eine versetzte Positionierung des Nummernschildes verlangt.

Schade, sind im Testwagen die Standardsitze ohne farbliche Kontrastnähte verbaut. Optional sind noch Sportsitze verfügbar, die das Interieur buchstäblich weiter aufmöbeln würden. Zu erwähnen ist die einwandfreie Ergonomie, das war bei den Italienern lange zeit keine Selbstverständlichkeit. Obwohl sich der Stelvio als Sportler unter den SUVs sieht, sind die Platzverhältnisse in der zweiten Reihe sehr grosszügig.

2017 Alfa Romeo Stelvio
Das schicke SUV ist klar sportlich orientiert. Geländegängigkeit ist kein grosses Thema.

Grosszügig hinwegsehen sollte man über die teils einfache Qualität. Die Bedienelemente auf der Mittelkonsole fühlen sich nicht besonders hochwertig an. Dabei können’s die Italiener: Wäre jedes Bedienelement so liebevoll gestaltet und hochwertig wie die Schaltpaddels, die schön metallisch klicken, dann könnten sogar die Deutschen einpacken. Der ganz grosse Fehler von Alfa ist es jedoch, auf ein eigenes Infotainmentsystem zu setzen anstelle des im FCA-Konzern verbreiteten Uconnect mit Touchscreen. Das System im Alfa ist nicht nur umständlich zu bedienen, sondern auch zum Gähnen langsam. Wer an einen fremden Ort fährt und erst das Navi programmieren muss, plant dafür am besten fünf Minuten extra ein!

2017 Alfa Romeo Stelvio
Die grossen, feststehenden Alu-Schaltwippen sind der feuchte Traum eines jeden Sportfahrers!

Gott sei Dank verfügt der Stelvio über das völlig gegenteilige Wesen als sein Navi. Zwar versucht der Vierzylinder-Turbo nicht mal ansatzweise, sportliche Töne zu spucken, aber der ganze Rest des Autos ist ganz schön heissblütig! Über das bekannte DNA-System von Alfa lässt sich das Temperament steuern. Bereits im Normal-Modus über alle Zweifel erhaben: Die Lenkung. Wie sie es schafft, den 1860 Kilo schweren Brocken so unfassbar direkt und willig zum einlenken zu bewegen, mag man anfangs kaum glauben. Doch der Blick aus dem Fenster bestätigt es: Ja, man sitzt immer noch in einem SUV und ist nicht plötzlich in einem Sportwagen gelandet.

2017 Alfa Romeo Stelvio
Die Sitze sind zwar bequem, doch es sind optional noch weit sportlicher geformte Sitze zu haben.

Damit deklassiert der Alfa puncto Lenkverhalten gleich mal das gesamte Segment. Auch ohne sportliche Ambitionen macht es sichtlich Spass, mit dem Alfa zu cruisen. Abzweigungen, Kreisel, leichte Kurven – eine sanfte Drehung am Lenkrad genügt und der Italiener setzt noch so willig jeden Befehl um. Macht viel mehr Spass als das teils ewige Gekurble in SUVs! Schön, dass der Sportsgeist sich beim Fahrwerk in Grenzen hält. Natürlich gehört der Stelvio nicht zu den sanftesten im Segment, aber der Fahrkomfort bleibt auf alle Fälle ausreichend, auch mit 20-Zöllern.

2017 Alfa Romeo Stelvio
Da flippt doch jeder Italiener aus! Die Bedienung des Navis setzt eine gehörige Portion Geduld voraus.

Im «All Weather Modus», der gleichzeitig auch ein Eco-Modus ist, wird der Stelvio erstaunlich zahm, für meinen Geschmack sogar zu zahm. Das Getriebe wählt so hohe Drehzahlen und sträubt sich lange gegen das Runterschalten, dass der eigentlich temperamentvolle Italiener plötzlich lethargisch wirkt. Vielleicht ist dieser langweilige Modus aber der einzige Weg, ansatzweise den Normverbrauch von 7,0 l/100 km zu erreichen.

2017 Alfa Romeo Stelvio
Die Qualität der Bedienelemente dürfte höher sein.

Trotzdem, beim Wechsel in den Dynamic-Modus spürt man anhand des Rucks, der durchs ganze Auto geht, was der Stelvio am liebsten mag: Sportliches fahren! Am besten wechselt man dazu gleich in den manuellen Modus des Getriebes, um die ganze Schärfe vom Stelvio zu erfahren. Vom sensationellen Handlingtalent hatten wir es schon, doch beim zügigen Fahren verstärkt sich der Effekt dadurch, dass der Stelvio seine Kraft von hinten nach vorne verteilt, sprich, er wird um die Kurve gedrückt und nicht gezogen – so, wie es beispielsweise bei BMW und Jaguar der Fall ist.

2017 Alfa Romeo Stelvio
Was guckst du denn so böse? Vielleicht, weil das Nummernschild die Optik versaut?

Erstaunlich ist jedoch, mit welcher Vehement das Getriebe arbeitet, wenn man zu den Paddels greift! Klick, bämm, der Gang wird mit Schmackes reingehauen! Das kann kein Doppelkupplungsgetriebe schneller. Auch im Automatik-Modus arbeitet das Getriebe sehr flink, aber nicht ganz so ambitioniert, wie wenn man selber schaltet. Der Motor erweist sich zwar als sehr kräftig, aber überhaupt nicht drehfreudig, da der Begrenzer bereits bei 6000 Umdrehungen beginnt. Zudem geht ihm bei hohen Drehzahlen die Luft aus. Besser, man arbeitet also mit dem Drehmoment, anstatt den Motor unnötig auszudrehen.

2017 Alfa Romeo Stelvio
Eine Ähnlichkeit zum Maserati Levante ist bei der Heckansicht nicht von der Hand zu weisen.

Was ich erst nach dem Test erfahren habe: Optional kann man den Stelvio mit adaptivem Fahrwerk und Sperrdifferential an der Hinterachse ausrüsten. Quadrifoglio lässt grüssen! So ausgerüstet, dürfte der Stelvio eigentlich handlingtechnisch fast allem, was sich sonst noch SUV oder Crossover nennt, davonfahren. Wer also unbedingt SUV fahren will, aber etwas ausgeprägt sportliches sucht, ist mit dem Stelvio goldrichtig.

2017 Alfa Romeo Stelvio
Verrät viel über den Charakter des Autos: Die Domstrebe zur Versteifung der Karosserie.

Auch technisch sind die Italiener mit einer grossen Bandbreite an Assistenzsystemen weitgehend up to date. Minuspunkte gibt es für das verkorkste Navi und das Fehlen von LED-Scheinwerfern, wie sie in dieser Klasse mittlerweile Standard sind. Dass die Mittelkonsole teilweise knarzt, zeigt, dass man bei Alfa puncto Verarbeitungsqualität noch nicht dort angekommen ist, wo man hinwill. Doch das dürfte den Alfisti ziemlich egal sein, da das Auto für die Marke insgesamt einen riesigen Sprung nach vorne bedeutet. Erfreulicherweise sind die Preise nicht zu abgehoben, denn mit 67’800 Franken ist der Stelvio günstiger als die Premium-Brands. Angesichts soviel Schärfe beim zivilen Stelvio stellt sich mir die Frage, wie böse eigentlich ein Quadrifoglio sein muss?

2017 Alfa Romeo Stelvio
Vom Handling her fährt der Stelvio fast in der Liga von Porsche.

Alltag 

Obwohl der Stelvio über ein besonders attraktives Design verfügt, leidet der Nutzwert erfreulicherweise nicht darunter. Spezielle Variabilität bietet er zwar nicht, aber sein Fokus liegt bekanntlich eher auf der feurigen Seite und nicht beim Pragmatismus.

Fahrdynamik 

Um es nochmals zu betonen: Der Stelvio verfügt über die beste Lenkung weit und breit. Er lenkt ein, als sei er 500 Kilo leichter. Insgesamt bekommt man ein Energiebündel, das nicht nur sehr kräftig ist, sondern auch ein erstaunliches Handlingtalent an den Tag legt. Von den SUV-typischen Nachteilen spürt man hier praktisch nichts. Schade, ist der Motor nicht so drehfreudig und klingt praktisch nach nichts.

Umwelt 

Ja, der Stelvio ist leistungsstark und er gehört definitiv zu den Sportlern in seinem Segment. Aber ein Testverbrauch von 10,5 l/100 km ist zu hoch. Punkt. Selbst wer das sportliche Potenzial nicht ausnutzt und einfach nur normal fährt, kommt nicht auf unter neun Liter.

Ausstrahlung 

Zweifelsohne ist der Stelvio sehr attraktiv. Dass sich Passanten zweimal aktiv nach dem Auto erkundigt haben, obwohl er bereits seit einem Jahr auf dem Markt ist, zeigt, dass Alfa den Nerv und den Geschmack des Zielpublikums getroffen hat. Molto bene!

Fazit 

+ Sehr attraktives Design
+ Exzellente Ergonomie
+ Bequeme Sitze, aber harte Kopfstütze
+ Grosszügige Platzverhältnisse, auch im Fond und im Kofferraum
+ Unglaublich direkte und präzise Lenkung
+ Hoher Fahrkomfort
+ Sehr schnell reagierendes und sportlich schaltendes Getriebe
+ Kräftige Bremsen
+ Viele Assistenzsysteme verfügbar
+ Fairer Preis

– Hoher Verbrauch
– Teilweise mässige Verarbeitungsqualität
– Schwacher Motorsound
– Wenig Drehfreude
– Keine LED-Scheinwerfer erhältlich

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellAlfa Romeo Stelvio
Preis Basismodell / Motorisierung / Testwagen50 950 CHF / 59 050 CHF / 67 800 CHF
AntriebBenzin, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder1995 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung206 kW bei 5250 r/min
Max. Drehmoment400 Nm bei 2250 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h5,7 s
Vmax230 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz7,0 l/100 km / 161 g/km / F
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz10,5 l/100 km / 242 g/km / +36%
Länge / Breite / Höhe4,69 m / 1,90 m / 1,68 m
Leergewicht1860 kg
Kofferraumvolumen525 - 1600 l

Bilder: Koray Adigüzel

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