Alpine A110: Wie Phoenix aus der Asche

Alpine A110: Wie Phoenix aus der Asche

Bereits als Knirps war ich ein eingefleischter Autofan und bildete mir ein, sämtliche Automarken auf diesem Planeten zu kennen. Selbstverständlich gehörte auch Alpine zu meinem Repertoire, doch seit ich denken kann, war die legendäre Marke bereits eingestellt. Damals und auch später hätte ich es nie zu denken gewagt, dass diese Marke ein derartiges Comeback feiern würde und ich noch dazu die Ehre habe. Vor einigen Jahren aber muss ein paar Entscheidungsträgern bei Renault bewusst worden sein, auf was für einem Schatz sie mit der Marke Alpine sitzen. Glücklicherweise wurden die richtigen Entscheidungen getroffen. Die Franzosen haben in einer Zeit, in welcher das Automobil einen totalen Umbruch erlebt, einen berauschenden Mittelmotor-Sportler auf die Räder gestellt, der die Herzen sämtlicher Petrolheads im Sturm erobert!

Mit der A110 beleben die Franzosen einen grossen Namen wieder, war doch die Berlinette damals nicht nur eines der erfolgreichsten, sondern auch eines der schönsten Autos. Die Designer haben beim Remake ein gutes Händchen bewiesen: Die Neuauflage ist so Retro wie nötig und wirkt insgesamt stimmig und modern.

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Die Farbe ist eine Reminiszenz an damals. Ihr Name: «Blue Alpine». War ja klar!

Besonders markant sind die vier Scheinwerfer, wodurch man die Alpine A110 bereits von weitem erkennt. Dass sich das helle Blau mit Tiefenwirkung an den Autos von früher orientiert und auch noch «Bleu Alpine» heisst, ist eine Selbstverständlichkeit! Darüber hinaus trägt die Alpine stolz das französische Wappen auf sich, aber das sei ihr erlaubt, eine Legende ist wiederauferstanden, da darf man zeigen, woher die Wurzeln stammen.

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Ein bisschen Nationalstolz darf schon sein.

Alles andere als eine Selbstverständlichkeit dagegen: Wie klein und zierlich die Alpine geworden ist. Heute, wo Autos immer grösser, breiter und stärker werden, wirkt die A110, als könnte sie mit all den Kraftprotzen auf der Strasse gar nicht mithalten. Selbst ein ebenfalls nicht gerade grosser Renault Megane R.S. wirkt im Vergleich zur Alpine geradezu grobschlächtig. Nur 4,18 Meter lang und 1,25 Meter hoch lächelt die Alpine in die Welt, wirkt überhaupt nicht aggressiv, sondern weckt eher den Beschützerinstinkt. Man kann sich gar nicht vorstellen, dieses arme, kleine Ding über einen Pass oder gar die Rennstrecke zu prügeln!

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Besonders aus dieser Perspektive ist offensichtlich, wie klein das Auto ist.

Doch der Gedanke an französischen Weichspüler verblasst beim Motorstart ganz schnell. Die raue, metallische Stimme mag man der A110 im ersten Moment gar nicht zutrauen! Den Beschützerinstinkt kann man jedenfalls ablegen, die Alpine kann sich anscheinend recht gut selber verteidigen. Ich war anfangs noch unsicher, wie ich den Mittelmotorsportler einschätzen soll. Ist das Auto umgänglich? Gnadenlos? Nur ein Kompromiss und nichts Rechtes?

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Dramatischer Startknopf in Rot. Das Getriebe ist gar nicht so simpel: Langer Druck auf «N» wechselt ins «P», Doppelklick auf «D» in den manuellen Schaltmodus. Muss man wissen.

Schnell wird klar, dass die Alpine ein durch und durch freundliches Wesen an den Tag legt. Der Fahrkomfort ist sogar höher als in manchem Kompaktsportler und der Geräuschpegel ist ebenfalls überraschend angenehm. Anders als beispielsweise der Alfa Romeo 4C, dessen kreischender Motorklang das Trommelfell malträtiert, singt die Alpine ihr Vierzylinder-Lied stets in angenehmer, aber präsenter Lautstärke.

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Die Sabelt-Schalensitze sind nicht nur optisch eine Wucht. Leider steht die starre Lehne zu weit hinten.

Zwar verfügt der Sportler über zwei Kofferräume, allerdings ist einer kleiner und unpraktischer als der andere. Ausserdem wird der hintere Kofferraum durch den Motor ordentlich aufgeheizt, was die gekühlten Lebensmittel aus dem Supermarkt bestimmt erfreut. Am besten fährt man die Einkäufe daher auf dem Boden vor dem Beifahrersitz nach Hause. Die Alpine, das perfekte Auto für Singles!

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Der hintere Kofferraum, der mangels Handschuhfach auch die Fahrzeugpapiere beherbergt. Die Temperatur: Kuschlig warm.

 

Das klingt, als ob die heiss ersehnte A110  ein weichgespülter Kompromiss geworden wäre. Diese Annahme entpuppt sich allerdings schnell als Fehler, denn die Manieren, welche das Auto im Normal-Modus an den Tag legt, können ganz schnell abgelegt werden. Am Lenkrad wartet der Sport-Knopf nur darauf, gedrückt zu werden. Und zwar am besten drei Sekunden lang, denn dann wird der Race-Modus aktiviert. Manuell schalten ist jetzt Pflicht, ausserdem lehnt sich das ESP zurück und eilt nur noch zu Hilfe, wenn die Situation kurz vor dem Eskalieren steht. Perfekte Voraussetzungen für eine heisse Runde.

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Das einzige Ablagefach im ganzen Innenraum. In schnellen Kurven fliegt der Kram zudem gerne mal raus.

320 Nm bringen die Alpine in Schwung, ein Wert, der heute wahrlich keine Bäume mehr ausreisst. Doch in der 1103 Kilo leichten Alpine ändern sich die Verhältnisse und die zierliche Französin stürmt los, als sie sie gefühlt anderthalb mal so stark! Das im Alltag sanft agierende Getriebe knallt die Gänge jetzt so hart rein, dass man jedes Mal einen Schlag ins Kreuz verspürt. Beim Anbremsen und Runterschalten sprudeln Klänge aus dem Zentralauspuff, die nur noch entfernt an einen kleinen Vierzylinder erinnern!

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Cleanes Design ohne Spoiler. Vom Motor sieht man leider nichts.

In fast keinem anderen Auto tritt die Weisheit «wer später bremst, ist länger schnell» so sehr zu Tage, wie in der Alpine! Keine Keramik-Bremsen im Windrad-Format, sondern einmal mehr ihr Fliegengewicht sorgt dafür, dass man die Bremspunkte dort setzen kann, wo doppelt so starke und schwere Über-SUVs schon längst keine Chance mehr hätten. Dank der leicht hecklastigen Gewichtsverteilung bleibt die A110 stets stabil, auch bergab.

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Trotz Fokus auf geringem Gewicht ist das Interieur ansehnlich und hochwertig.

Darüber hinaus ist das Auto so wunderbar kommunikativ! Es lastet so wenig Gewicht auf der Vorderachse, was zusammen mit der präzisen, rückmeldungsfreudigen Lenkung das Gefühl vermittelt, als sei die Vorderachse Teil des Körpers geworden. Untersteuern? Nur wer kreuzfalsch mit dem Auto umgeht. Dafür sind leichte Slides jederzeit möglich! Der Haftungsverlust kündigt sich dabei an und die Alpine bittet ganz galant zum Tanz, lässt selbst leicht quer noch immer spielend korrigieren. Zickiges oder gar heimtückisches Verhalten braucht man nicht zu befürchten.

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Das digitale Cockpit ist ziemlich verspielt und wechselt die Ansicht je nach Fahrmodus. Hier im Bild: Race-Modus.

Es ist die reinste Freude am Fahren (Hallo, BMW, so geht das) man sitzt so tief und stark verbunden in der Alpine, dass man selbst bekannte Strecken völlig neu entdeckt. Sie ist der fahrende Beweis, dass nicht überbordende Kraft, sondern Gewicht und Fahrwerk der Schlüssel für Fahrspass auf öffentlichen Strassen ist. Selbst bei Regen fährt sich die Alpine ausgesprochen sportlich und stabil, sofern man nicht wie ein Berserker aufs Gas stampft. Ich fühle mich in der kleinen Alpine sicherer als in einem zweieinhalb Tonnen Panzer, denn in kritischen Situationen sind es nicht Masse und Allradantrieb, sondern Agilität und Bremsleistung, was zählt, um den Crash zu vermeiden.

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Übers Infotainmentsystem lassen sich allerlei technische Parameter abrufen. Leider ist das System nicht annähernd so zügig wie das Auto.

Die Autowelt hat einen neuen Stern am Sportwagen-Himmel, einen kleinen zwar, dafür strahlend hell. Einen Haken hat die Sache leider: Wer heute bestellt, muss ca. ein Jahr warten, bis sein Schätzchen geliefert wird. Das machen sich Besitzer der auf 1955 Stück limitierten Première Édition, wie auch der Testwagen eine ist, zu nutze. In meinem Feundeskreis wurde der Preis der Alpine auf bis zu sechsstellig geschätzt, dabei waren für die sehr gut ausgestattete Premiere lediglich 62’000 Franken fällig, ein sehr fairer Preis. Auf Autoscout finden sich dafür mittlerweile Preise von bis zu 78’000 Franken.

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Wer weiss, ob die Franzosen dereinst ein manuelles Getriebe anbieten.

Wer diese Unverschämtheit nicht bezahlen möchte, bestellt die unlimitierte A110 als Pure (ab 61’500 Franken) oder Légende (ab 66’000 Franken), wobei die Pure-Edition auf sämtliche Komfortfeatures verzichtet, die Légende dagegen weniger radikal daherkommt. Ich persönlich würde den Franzosen den Erfolg vom ganzen Herzen gönnen, denn sie sind in eine Nische gestossen, die praktisch konkurrenzlos ist. Lotus Elise und Alfa 4C sind keine Alltagsautos, der Mazda MX-5 ist viel schwächer und der Porsche Cayman deutlich teurer – und schwerer. Ausserdem bleiben die Franzosen trotz einer starken Marke preislich fair. Und zum Schluss, das muss jetzt einfach noch gesagt werden, ist die A110 in jeglicher Hinsicht effizienter und umweltfreundlicher als all die neuen und modischen Riesen-Elektro-SUVs, die angeblich ach so sauber sind. Denkt darüber nach.

2018 Alpine A110 Premiere Edition
Sie ist schnell, sie ist agil, sie ist vernünftig und sie ist erschwinglich. Danke Alpine, danke Frankreich.

Alltag 

Die Alpine lässt sich völlig zahm und problemlos im Alltag bewegen. Sie ist ausreichend komfortabel, nicht laut und sehr wendig. Das mit dem Platz ist halt so eine Sache. Einkaufen geht praktisch nur alleine und zu zweit verreisen dürfte schwierig werden.

Fahrdynamik 

Ja, die Leistungsdaten wirken auf dem Papier eher bescheiden. Doch dank 1103 Kilo Leergewicht kann selbst ein 1,8-Liter Vierzylinder ungeahntes Temperament entfachen. Gepaart mit dem brillanten Handling, der extrem reaktionsfreudigen Lenkung und dem gutmütigen Fahrverhalten wird das Grinsen in jeder Kurve grösser.

Umwelt 

6,2 l/100 km will die A110 gemäss Norm verbrauchen, im zeitweise sehr anspruchsvoll gefahren Test waren es am Ende 8,0 l/100 km im Schnitt. Ohne sportliche Eskapaden sinkt der Verbrauch auf unter 7 Liter. Wer sparsamere Sportler dieses Kalibers kennt, bitte melden.

Ausstrahlung 

Dank des freundlichen Auftretens und den geringen Abmessungen wirkt die Alpine wie die Unschuld vom Lande und somit sehr sympathisch. Der Mix zwischen Retro und Moderne ist darüber hinaus perfekt gelungen.

Fazit 

+ Gelungenes Design mit Retro-Akzenten
+ Unkompliziert und komfortabel im Alltag
+ Exzellente Sitze mit top Seitenhalt, leider nicht verstellbar
+ Wertige Materialien, top Verarbeitungsqualität
+ Kerniger Motorsound, Bollern inklusive
+ Treffsicheres Doppelkupplungsgetriebe
+ Top Lenkung mit einer super Rückmeldung
+ Sehr sicheres Fahrverhalten, auch bei schlechtem Wetter
+ Dreistufig deaktivierbares ESP
+ Sehr tiefes Gewicht
+ Angemessener Verbrauch
+ Fairer Preis

– Starre Sitzlehne, sie liegt zu weit hinten
– Träges Infotainmentsystem, zudem keine direkte Smartphone-Integration
– Kaum Ablagemöglichkeiten im Innenraum
– Unpraktische Kofferräume, hinten wird es zudem warm

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellAlpine A110 Première Edition
Preis Basismodell / Testwagen62 000 CHF / 62 000 CHF (nicht mehr bestellbar)
AntriebBenzin, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder1798 ccm / R4
Motoranordnung / Motorkonzept Mittelmotor / Turbomotor
Getriebe7-Gang Doppelkupplungsgetriebe
Max. Leistung185 kW bei 6000 r/min
Max. Drehmoment320 Nm bei 2000 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h4,5 s
Vmax250 km/h (elektronisch abgeregelt)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz6,2 l/100 km / 141 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz8,0 l/100 km / 182 g/km / +29%
Länge / Breite / Höhe4,18 m / 1,80 m / 1,25 m
Leergewicht1103 kg
Kofferraumvolumen96 l vorne + 100 l hinten

Bilder: Koray Adigüzel

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