Zeitreise: Aston Martin Rapide S

Zeitreise: Aston Martin Rapide S

In einer Zeit, in welcher Schlagworte wie Automatisierung, Digitalisierung und Elektrifizierung die Autowelt beherrschen, wirkt der Aston Martin Rapide S wie ein Relikt. Das schrumpft die Begehrlichkeit, die dieses Auto ausstrahlt, aber nicht im geringsten. Im Gegenteil, denn unter der majestätisch langen Haube schlummert eine Art von Triebwerk, die man heute bei einem Neuwagen lange suchen muss. Ausserdem ist dieser Wagen nicht nur zeitlos schön designt, sondern verleiht dem Reisen mit seinen zahllosen Eigenheiten eine ganz besondere Note. Wer mit diesem exklusiven und seltenen GT vorfährt, setzt nicht nur ein stilistisches Zeichen, sondern darf sich auch bewundernden Blicken gewiss sein. Das setzt aber eine gewisse Nachgiebigkeit voraus, denn bei aller Schönheit und Faszination: Der Rapide S ist nicht frei von Schwächen.

Doch in erster Linie schwächt der Aston erst mal das rationale Denkvermögen. Mit seiner schier endlosen Haube, den bündigen Türgriffen sowie der langen, abfallenden Dachlinie entspricht er quasi dem automobilen Schönheitsideal. Zudem bleibt das Auge an hübschen Details, wie den Kiemen an der Flanke, dem ausgeprägten Hüftschwung hinten oder den auffallenden Endrohren haften. Abgerundet wird das Erscheinungsbild durch die Lackierung in «Ultramarine Black», einem Schwarz, das bei Lichteinstrahlung dunkelblau schimmert. Wem wird da nicht warm ums Herz?

2017 Aston Martin Rapide S
Bereits die Felgen und Bremsscheiben geben ein kleines Kunstwerk ab.

Beim Einsteigen wird man schliesslich endgültig erschlagen. Noch nie bin ich in einem Auto gesessen, das dermassen üppig mit Leder ausgekleidet war. Der gesamte Mitteltunnel, das Armaturenbrett und die Türen sind mit hochwertigstem Leder überzogen und selbst an Orten wie Ablageflächen, wo normalerweise gespart wird, ist alles piekfein ausgekleidet.

2017 Aston Martin Rapide S
Das Infotainmentsystem unterstützt Smartphone-Integration. Die Sensortasten auf der Mittelkonsole geben haptisches Feedback.

Die Sportsitze sind mit Kontrastnähten aufwendig verziert und der Dachhimmel aus Alcantara und gestepptem Leder setzt dem ganzen die Krone auf. Man kann sich in diesem fürstlichen Interieur gar nicht satt sehen und egal, wohin die Hand wandert, es ist alles von exzellenter Qualität – wobei man von dieser Marke auch nichts anderes erwartet.

2017 Aston Martin Rapide S
Wunderschöner Dachhimmel. Das Rear-Seat-Entertainment ist optional, Kopfhörer liegen bei. Ausserdem zu sehen: Die (ebenfalls optionalen) Leder-Aluminium-Haltegriffe an der B-Säule.

Sobald sich der grosse Wow-Effekt gelegt hat, fallen andere Dinge auf. Die extrem schlanke Fenstergrafik mag zwar von aussen todschick aussehen, hat aber zur Folge, dass der Rapide S die Hitliste der unübersichtlichsten Autos überhaupt anführen darf. Selbst die Sicht nach vorne ist knapp und man hat keine Ahnung, wo die mächtige Haube aufhört.

2017 Aston Martin Rapide S
Wunderschöne Silhouette, aber die Übersicht aus dem Auto ist ein Albtraum.

Apropos lange Haube: Die und der breite Mitteltunnel sorgen dafür, dass der eigentliche Innenraum für ein 5-Meter-Auto erstaunlich eng ist. Auf den vorderen Sitzen mit tiefer Sitzposition passt das noch zum sportlichen Charakter, das Auto sitzt wie ein Massanzug. Doch so edel die beiden Einzelsitze im Fond auch aussehen mögen, wer grösser als 1,75 Meter ist, hat Probleme eine bequeme Sitzposition zu finden. Zu steil fällt das Dach ab, was Kopffreiheit kostet.

2017 Aston Martin Rapide S
Der Fond ist eine luxuriöse Lounge – eine enge, luxuriöse Lounge.

Doch genug herumgemeckert, es wird Zeit, sämtliche «Aber-Argumente» im Keim zu ersticken! Das gelingt am besten, indem das V12-Triebwerk angelassen wird. Das passiert, indem der stylische (und teure) Glasschlüssel in den entsprechenden Schlitz reingedrückt wird. Wenn sich der Sechsliter-Sauger anschliessend mit einem Brüllen zum Dienst meldet, steht die Welt einen Augenblick still, das Herz setzt einen Schlag aus. Gleichzeitig fahren auf dem Armaturenbrett die Hochtöner des optionalen Bang & Olufsen Soundsystems nach oben. Doch so druckvoll und rein diese Audioanlage auch arbeitet, gegen diesen Traum von einem Motor hat sie keine Chance!

2017 Aston Martin Rapide S
Schade, muss der markante Grill durch das Kennzeichen verunstaltet werden.

Voller Ehrfurcht wird über die D-Taste der ersten Gang eingelegt und los geht’s. Sobald man sich an die wirklich schlechte Sicht nach aussen gewohnt hat, rollt der Rapide S ziemlich unspektakulär dahin – was nicht heisst, dass sein Auftritt unspektakulär ist. Passanten schauen teilweise, als wäre ein Ufo auf der Strasse unterwegs. Kein Wunder: Im Jahr 2017 wurden in der Schweiz zwölf Rapide S neu zugelassen, im ersten Halbjahr 2018 vier, entsprechend selten und auffällig ist das Auto. Ein Leisetreter ist der Brite ausserdem nicht, selbst mit geschlossenen Auspuffklappen hält sich der V12 nicht gerade zurück.

2017 Aston Martin Rapide S
Die gewaltigen Tonlagen, die der V12-Sauger beherrscht, lassen jeden Turbomotor vor Neid erblassen.

Überhaupt, dieser Motor. Er ist, zusammen mit dem Design und dem Interieur das, was das Auto auszeichnet. Zwölf Zylinder ohne Zwangsbeatmung, das sucht man heute auf dem Neuwagenmarkt sehr, sehr lange. Der mächtige Motor arbeitet ausgesprochen geschmeidig und setzt bereits bei tiefen Drehzahlen jeden Gasbefehl prompt um. Bei gemächlicher Gangart hält die 8-Gang-Automatik die Drehzahlen tief, dennoch grummelt der Motor stets hörbar vor sich hin. Jeder Gasstoss setzt eine Flut von Glückshormonen frei und dabei befinden wir uns noch nicht mal im Sport-Modus.

2017 Aston Martin Rapide S
Die Rücklichter wirken wie ein kleines Meer aus roten Kristallen.

Wird dieser aktiviert, fragt man sich zuweilen, ob man noch auf der Strasse oder bereits im siebten Himmel fährt. Dieser voluminöse Sound, dieses blitzartige Ansprechverhalten, diese lineare Kraftentfaltung! Dieser Motor ist eine Urgewalt, der mit dem 2065 Kilo schweren Rapide S spielt, als wäre er ein Tennisball. Nicht ganz so auf Zack ist die 8-Gang-Automatik. Wer die harte Gangart wählt, greift lieber zu den Paddels. Im Automatik-Modus bleibt zu häufig der höhere Gang drin, sodass wertvoller Schub verloren geht.

2017 Aston Martin Rapide S
Das ist noch ein Motor vom alten Schlag, keine moderne Luftpumpe! Ganz vorne zu sehen: Die Plakette mit dem Namen des Mechanikers, der die finale Inspektion zu Verantworten hatte.

Dabei hat der Aston absolut nichts dagegen einzuwenden, wenn der Pilot das Potenzial ausschöpfen möchte. Das willige Einlenkverhalten lässt einen schnell vergessen, dass man ein 5-Meter-Schiff um die Kurven wirft. Auch in sehr schnell gefahrenen Kurven wahrt der Wagen die Contenance und bewegt sich weitaus agiler, als man es ihm zutrauen würde. Einzig enge Kurven mag der Rapide nicht besonders, da er aufgrund des schweren Motors vorne zum Untersteuern neigt.

2017 Aston Martin Rapide S
Das absolut stilsichere Interieur wird in aufwendiger Handarbeit gefertigt.

Wer einen gezielten Heckschwung wünscht, muss das ESP in den Track-Modus schalten. In der Normal-Stellung lässt das elektronische Sicherheitsnetz keinerlei Experimente zu und greift ein, bevor die Situation nur ansatzweise aus dem Ruder gerät. Im Track-Modus wird der Rapide gleich noch eine Spur lebendiger, ohne zickig zu werden, denn: V12 hin oder her, die Kraft kommt gemässigt und nicht in Form dieser Drehmoment-Überfälle, wie man sie von grossvolumigen Turbomotoren kennt.

2017 Aston Martin Rapide S
Ist das der praktischste Kofferraum? Wahrscheinlich nicht. Ist das der schönste Kofferraum? Wahrscheinlich schon. Der Schirm ist optional.

Apropos Überfälle: Im noblen Briten läuft man nie Gefahr, unvermittelt von irgendeinem Assistenzsystem angepiepst zu werden, weil er schlicht über keine verfügt. Der einzige Assistent in diesem Auto ist das V12-Triebwerk, welches jederzeit und noch so gerne bereit ist, gewaltigen Schub zu erzeugen. Klar kann man sagen, dass heute jeder Kleinwagen über mehr Technik verfügt als dieser Luxus-GT, aber einfach in Ruhe gelassen zu werden, ist auch eine Form von Luxus. Wir können schliesslich alle Autofahren und semi-autonomes Fahren passt in meinen Augen nicht so recht zu Aston Martin.

2017 Aston Martin Rapide S
An diesem Auto sitzt jedes Detail perfekt.

Der Rapide S ist ein Gentleman, der trotz diversen Auffrischungen nicht mehr der Jüngste ist. Doch wer die Abwesenheit sämtlicher Assistenzsysteme sowie Online-Anbindung schätzt und sich nicht an der mässigen Auflösung von Infotainment und Bordcomputer stört, findet mit dem Briten einen Exoten mit unübertroffener Klasse. Wer auf der Strasse das letzte Quäntchen Sportlichkeit herausholen oder gar auf die Rennstrecke will, ist mit dem Porsche Panamera Turbo oder dem kommenden Mercedes-AMG GT 4-Türer besser bedient, da diese beiden auf den immensen Vorteil einer Allradlenkung zählen können.

2017 Aston Martin Rapide S
Gegenläufige Instrumente mit gefrästem Aluminium-Ring und Aston-Martin-Logo. Kein digitales Cockpit der Welt hat so viel Stil!

Allerdings können die beiden Deutschen einpacken, sobald der Aston vorfährt. Nur schon Details, wie die leicht nach oben öffnenden Türen oder der noble Regenschirm im Kofferraum zeigen, dass der Brite an Stil nicht zu überbieten ist – vom Motor ganz zu schweigen. Deshalb sollte man sich die automobile Zeitreise mit dem Rapide S nicht entgehen lassen, solange das noch möglich ist. Die Ära der Zwölfzylinder-Sauger neigt sich nämlich auch bei Aston Martin langsam, aber unaufhaltsam dem Ende zu.

2017 Aston Martin Rapide S
Mit dem exklusiven Rapide S sind einem neugierige und bewundernde Blicke gewiss.

Alltag 

Wirklich familientauglich ist der Rapide S nicht, dazu ist der Kofferraum zu klein und der Fond zu eng. Wer aber unbedingt Aston Martin fahren möchte und mehr als zwei Sitzplätze will, findet mit diesem Granturismo vielleicht genau das, was andere nicht bieten.

Fahrdynamik 

Wenn es diesem Auto an etwas nicht mangelt, dann Vorwärtsdrang. Lang gezogene Kurven absolviert der Brite mit einem Lächeln und selbst auf Passstrassen ist der grosse Aston viel agiler und stabiler, als man angesichts der Grösse denken würde. Nur enge Kurven mag er nicht.

Umwelt 

Von nichts kommt nichts und so schlürfte der V12 im sportlich gefahrenen Test mal eben 15,6 l/100 km weg. Doch diesen Preis zahlt man angesichts der Sauger-Vorteile gerne.

Ausstrahlung 

In dieser Wertung kann dem Rapide S niemand das Wasser reichen. Seine elegante Ausstrahlung füllt jeden Parkplatz. Die vielen Blicke der Passanten bestätigen dies.

Fazit 

+ Elegantes, zeitloses Design
+ Exklusiver Auftritt aufgrund sehr geringen Zulassungszahlen
+ Atemberaubendes Interieur-Design
+ Beste Verarbeitungsqualität
+ Riesige Konfigurationsvielfalt fürs Interieur
+ Unvergleichlicher Motorsound
+ Ultradirektes Ansprechverhalten
+ Williges und direktes Einlenkverhalten
+ Trotz fünf Meter Länge sehr agil
+ Adaptives Fahrwerk mit guter Spreizung
+ Sehr leises Fahrverhalten
+ ESP dreistufig deaktivierbar, erlaubt Powerslides
+ Keine nervenden Assistenzsysteme, keine störende Start-Stopp-Automatik
+ Erstklassiges Audio-System
+ Fürs Luxus-Segment akzeptabler Preis

– Hoher Verbrauch
– Kein Tagfahrlicht, keine LED-Scheinwerfer
– Im Verhältnis zur Grösse enge Platzverhältnisse
– Miserable Rundumsicht
– Automatikgetriebe reagiert im Sport-Modus zu verhalten

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellAston Martin Rapide S Shadow Edition
Preis Basismodell / Testwagen218 600 CHF / 236 410 CHF
AntriebBenzin, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder5935 ccm / V12
Motoranordnung / MotorkonzeptFront-Mittelmotor / Saugmotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung411 kW bei 6650 r/min
Max. Drehmoment630 Nm bei 5600 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h4,4 s
Vmax327 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz12,9 l/100 km / 300 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz15,6 l/100 km / 363 g/km / +21%
Länge / Breite / Höhe5,02 m / 1,93 m / 1,36 m
Leergewicht2065 kg
Kofferraumvolumen317 - 886 l

Bilder: Koray Adigüzel

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