Audi S1

Keiner zu klein, ein Biest zu sein: Audi S1

Wie allgemein bekannt ist, gehört Audi zum Volkswagen-Konzern und der baut zwar ganz gute Autos, aber eher nach einem pragmatischen, oder, böse gesagt, humorlosen Ansatz. Aber Audi muss irgendwie auf die Idee gekommen sein, ein gewaltiges Erdbeben in der Kleinwagenklasse auszulösen. Anders würde ich 370 (!) Nm Drehmoment und Allradantrieb in einem kaum vier Meter langen Auto nicht bezeichnen. Wie fühlt es sich im Epizentrum an? Ein Stelldichein mit dem schönen Biest unter den Kleinwagen.

Kleine, aber feine optische Unterschiede zum A1 machen den Audi S1 aus. Ein grauer Single-Frame Kühlergrill, spezielle Felgen, neue Lichter vorne und hinten sowie die vier markanten Endrohre vermitteln dem Betrachter, dass dieser Kleinwagen nicht nur spielen will. Optional ist noch ein quattro Optikpaket erhältlich, welches das Design zusätzlich schärft, unter anderem mit einem grösseren Heckspoiler und schwarzer Blende zwischen den Rücklichtern, der Testwagen trat allerdings ganz brav und dezent auf… Wie beim normalen A1 können das Dach und die Säulen in einer Kontrastfarbe geordert werden. Typische Kleinwagen-Individualisierung eben.

Audi S1
Das Aussendesign ist angesichts der krassen Fahrleistungen eher dezent. Der Blick ist aber sehr böse.

Ich bin zwar noch nie in einem A1 gesessen, aber abgesehen von den Sitzen, der Pedalerie, dem Lenkrad und der Instrumentierung dürfte im S1 alles beim Alten geblieben sein. Die Bedienung ist sofort klar, das Interieur übersichtlich und erstklassig verarbeitet, wie es sich für einen Audi gehört. Die Integralsitze sehen super aus und sind sehr bequem, allerdings ist die Sitzposition einen Tick zu hoch. Klar, jammern auf hohem Niveau.

Audi S1
Hochwertiges und übersichtliches Interieur mit einigen sportlichen Akzenten.

Ein richtiges, ergonomisches Missgeschick ist allerdings die optionale, hochklappbare Mittelarmlehne. Sie ist viel zu hoch platziert, wodurch der Griff zum Schalthebel behindert wird. Das Geld für die Mittelarmlehne kann man sich deshalb genauso sparen, wie der Aufpreis der Fondtüren, wodurch der kleine Audi zum Sportback wird. Der Begriff «Beinfreiheit» scheint mir angesichts der Enge in der zweiten Reihe nicht wirklich angebracht, «Beinpresse» würde es schon eher treffen. Als Dreitürer sieht der S1 sowieso sportlicher aus. Auch «Kofferraum» wird dem zur Verfügung stehenden Raum nicht gerecht, «Handtaschenraum» passt viel besser. Last but not Least ist auch «Motorraum» keine sehr glückliche Bezeichnung, vielmehr ist es die Höhle des Löwen, oder, um bei der eingangs erwähnten Naturkatastrophe zu bleiben, das Epizentrum.

Audi S1
Stylische und bequeme Integralsitze. Die Mittelarmlehne (im Bild hochgeklappt) kann man sich schenken, sie stört nur.

Downsizing hier, Downsizing da, Downsizing überall. Es führt wohl oder übel auf lange Sicht kein Weg daran vorbei. Kleine, mächtig aufgeladene Motoren sind zwar schnell und gleichzeitig sparsam – zumindest auf dem Papier. In der Realität muss dann aber doch ein Turboloch überwunden werden und weil die kleinen Motoren voll ausgedreht werden (müssen), schnellt der Verbrauch im echten Leben meist drastisch in die Höhe. Aber was philosophiere ich da überhaupt übers Downsizing, der Audi S1 lächelt mich angesichts dieses Themas höchstens müde an. In ihm schlummert schliesslich ein kräftiges Herz in Form des 2,0-Liter Turbobenziners, der auch im Audi S3 seinen Dienst verrichtet.

Audi S1
Gestatten, das Epizentrum. Der 2,0-Liter Turbobenziner passt gerade noch so in den S1.

Zwar verkneift sich der S1 beim Start ein böses Grollen, aber es wird dennoch auf den ersten Metern klar, dass dieses kleine Biest ungeheuer kräftig ist. Bereits bei 1600 Umdrehungen stürmt der Audi mit dem Feingefühl einer Abrissbirne los, dann werden nämlich fast schon perverse 370 Nm (es ist ein Kleinwagen…) über alle vier Räder auf die Strasse gebracht. Die Folge: Ohne auch nur einen Wimpernschlag mit Traktionsproblemen zu vergeuden oder mühsam an der Lenkung zu zerren, rast der kleine Audi davon und lässt alles und jeden in seiner Gewichtsklasse stehen.

Audi S1
Die vier Endrohre sind keinesfalls übertrieben, man soll schliesslich zeigen, was man hat.

Klack-Klack, die Gänge werden über kurze, präzise Wege gewechselt und rasten spürbar ein – ganz ehrlich, das ist wohl das beste Getriebe, das derzeit in einem Kleinwagen vorzufinden ist. Doppelkupplung? Gibt es für den S1 nicht und das ist auch verdammt gut so. Denn so hat man die Sache buchstäblich selber in der Hand, nervt sich nicht über eine Anfahrschwäche und ist froh drum, wenn man bei (sehr) schneller Fahrt nicht x-mal am Paddel ziehen muss, sondern einfach hart bremst, die Kupplung drückt, vom 6. mal schnell in den 2. Gang wechselt und ab dem Scheitelpunkt einfach wieder die Abrissbirne kommen lässt. Völlig neutral zieht der S1 auf und davon, im Sport-Modus vom ESP darf das Heck sogar leicht mitdrehen.

Audi S1
Die hintere Türe kann man sich schenken. Platz hat es eh fast keinen und als Dreitürer ist die Silhouette einiges sportlicher.

Und er brüllt, der S1, er klingt tatsächlich wütend! Natürlich wird der Sound künstlich in den Innenraum geleitet und verstärkt, aber es klingt richtig gut und nicht so zum Kotzen wie im Seat Leon Cupra. Erstaunlich ist auch, welche Kräfte der Knirps selbst im sechsten Gang noch zu mobilisieren vermag, es ist schlichtweg Leistung im Überfluss vorhanden. Man vergisst vollkommen, dass man sich in einem Kleinwagen befindet, deshalb bezeichne ich den S1 als Vollblutsportler. Das ganze Package stimmt nämlich, die Bremsen sind perfekt zu dosieren, die Lenkung beispielhaft präzise und wie es sich für einen Hot Hatch gehört, wird man im Dynamic Modus, wenn sich die adaptiven Dämpfer anspannen, ordentlich durchgerüttelt; aber dafür ist man unglaublich schnell unterwegs.

Audi S1
Von «Beinfreiheit» kann hier keine Rede sein.

Das Allerwichtigste ist jedoch, dass der S1 dem Fahrer grosses Vertrauen vermittelt. Er ist präzise, berechenbar, man spürt ganz genau, wo die Grenze liegt. Er lässt sich spielend leicht einfangen, nicht zuletzt deswegen, weil das ESP schnell und diskret regelt und sofort wieder die Zügel aus der Hand gibt. Diese totale Kontrolle, die man dadurch erhält, macht einen viel schneller, als wenn man überbordende Kraft freisetzen kann, sich aber stets darauf konzentrieren muss, dass einem das Heck nicht plötzlich selber einholt. Man ist mit dem Audi S1 nicht gehemmt, man weiss einfach, dass er auf trockener Strasse wie auf den sprichwörtlichen Schienen fährt.

Audi S1
Ready for Take-Off…
Das S1-Logo dürfte gerne beleuchtet sein.

Sollte man es ausnahmsweise mal ruhiger angehen (das ist wirklich schwierig), so erfreut man sich an den adaptiven Dämpfern, die im Automatikmodus zwar straff, aber nicht unnötig hart federn. Aber so zeitgemäss seine Antriebskomponenten auch sein mögen, im Grunde hat die A1-Baureihe mittlerweile eben schon ein paar Jahre auf dem Fahrgestell und basiert noch nicht auf Volkswagens Allzweckwaffe MQB. Das spürt man daran, dass das Display zwischen den Instrumenten grobkörnig aufgelöst ist, bis auf einen Fernlichtassistenten keine Assistenzsysteme erhältlich sind und dass der S1 satte 1415 Kilo wiegt.

Audi S1
Unschönes Detail: Die abstehende Antenne.
Der Dachspoiler ist mit dem quattro Optikpaket deutlich grösser.

Zugegeben, man spürt beim Fahren nichts davon und der 2,0-Liter Brocken wiegt halt auch etwas, aber über 1400 Kilo ist schon viel Eigengewicht für einen Zwerg wie den S1. Ach ja, verbrauchen tut der S1 natürlich auch etwas. Gemäss Norm sollen es 7,1 l/100 km (Sportback mit 17-Zöllern) sein, im Test waren es 8,5 l/100 km. Viel für einen Kleinwagen, aber der S1 appelliert auch ständig an den Gasfuss, was soll man da machen? Die 2012 auf 333 Exemplare limitierte Sonderserie A1 Quattro, die ebenfalls vom 2,0-Liter Turbobenziner befeuert wurde, verbraucht gemäss Norm übrigens 8,6 l/100 km. Soll also niemand behaupten, es gäbe keinen Fortschritt bei der Effizienz.

Audi S1
Ein paar Handtaschen vermag der S1 zu schlucken.

Dass die kleine Krawallbüchse ein echter Audi ist, merkt man vor allem an der Preisetikette. Deftige 51’400 Franken ruft Audi für den Testwagen auf und ich wage zu behaupten, dass man für dieses Geld nächstes Jahr einen brandneuen Ford Mustang erwerben kann. Mit V8-Motor, versteht sich. Ja, der S1 ist schneller und edler als seine Konkurrenten, aber dass er anderthalbmal soviel kostet, kann er einfach nicht rechtfertigen. Wenn es aber trotzdem ein Audi sein soll, dann empfehle ich den S1 noch vor dem S3 – vorausgesetzt, man ist nicht auf das zusätzliche Raumangebot angewiesen. Der grosse Bruder kostet nämlich nochmals eine Stange mehr Geld und bietet kaum bessere Fahrleistungen. Da der S1 so klein und agil ist, fühlt es sich noch viel extremer an, als in einem grösseren Auto.
Das vom Audi S1 verursachte Erdbeben hat mich gehörig mitgenommen und wird mir auch in Erinnerung bleiben. Von dieser Taschenrakete geht ein immenses Suchtpotential aus. Der S1 ist der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz, der nicht davon zurückschreckt, auch deutlich grössere Beute anzugreifen und zur Strecke zu bringen.

Alltag ★★★☆☆

Die Alltagstauglichkeit eines Autos hängt ganz offensichtlich stark von Alter und Funktion der Testperson ab. Für mich als Single und Student reicht der Platz locker aus, aber für alle anderen dürfte es im kleinen S1 schnell zu eng werden. Fond und Kofferraum sind alles andere als geräumig. Als City-Flitzer taugt der S1 auch nur bedingt. Zu gross sind dann sein Durst und die Verlockung, zu schnell unterwegs zu sein.

Fahrdynamik ★★★★★

Ganz klar mehr Sport- als Kleinwagen. Grosses Kino, wie vehement der Kleine abdrückt und mit welcher Präzision er sich steuern lässt. Suchtgefahr!

Umwelt ★★★☆☆

Von nichts kommt nichts und so genehmigt sich der S1 mit 8,5 Liter einen ordentlichen Schluck pro 100 Kilometer. Viel für einen Kleinwagen, wenig für einen Sportwagen mit derart viel Fahrspass.

Ausstrahlung ★★★★☆

Der S1 zeigt die Sportlichkeit, aber ohne quattro Optikpaket nur dezent. Somit fällt der S1 weder gross auf, noch strahlt er eine besondere Aura aus. Erst in Bewegung, kommt die volle Entfaltung.

Fazit ★★★★☆

+ Kraft ohne Ende. Überholmanöver auch im 6. Gang möglich.
+ Straffes, adaptives Fahrwerk, ohne unnötige Härte im Alltagsbetrieb
+ Direkte und präzise Lenkung
+ Kein Untersteuern, kein Lenkradzerren
+ Niemals Traktionsprobleme
+ Kräftige, gut dosierbare Bremsen
+ Bequeme Sportsitze
+ Sehr hohe Verarbeitungsqualität
+ Übersichtliches Interieur, einfache Bedienung
+ Wütender, bissiger Sound

– Enge Platzverhältnisse
– Hohes Leergewicht
– Kaum Assistenzsysteme erhältlich
– Exorbitanter Preis

Steckbrief

Marke / ModellAudi S1 Sportback
Preis Basis­modell / Testwagen39'950 CHF (Dreitürer) / 51'400 CHF
AntriebBenzin, Allrad
Hubraum / Zylinder1984 ccm / R4
Getriebe6-Gang manuell
Max. Leistung170 kW bei 6000 r/min
Max. Drehmoment370 Nm bei 1600 - 3000 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h5,9 s
Vmax250 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz7,1 l/100 km / 166 g/km / E
Testverbrauch / CO2 Emissionen / Differenz8,5 l/100 km / 199 g/km / +20 %
Länge / Breite / Höhe3,98 m / 1,75 m / 1,42 m
Leergewicht1415 kg
Koffer­raum­volumen210 - 860 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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