2017 Audi TT RS

Audi TT RS: Wellness für die Ohren

Sommerzeit, Ferienzeit. Dass für die Fahrt in den Süden gleich ein Audi TT RS zur Verfügung steht, macht die Sache natürlich perfekt. Das Ziel: Korsika, die Insel mit Strassen, die jedem Autofan direkt ins Herz führen. Letztes Mal wurden mit dem Nissan Juke Nismo RS die korsischen Kurven gekratzt, doch dieses Mal scheint das Gerät deutlich adäquater dafür. Das zeigt sich bereits bei der Hinreise. Ein Verkehrschaos vor Genova, wie es italienischer nicht sein könnte, sorgt jedoch dafür, dass ich am Hafen über eine Stunde zu spät für die Fähre einchecke. Jetzt aber schnell, heisst es am Schalter. Das lasse ich mir nicht zwei mal sagen und heize durch den Hafen. Der Fünfzylinder röhrt, der Sound hallt von den Containern wieder. Vor der Fähre werde ich erneut von einem Typ gerügt, ich sei spät dran. Dann scheint ihm bewusst zu werden, in was für einem Gefährt ich mich befinde. Okay, als Entschädigung müsse ich auf der Fähre halt eine Soundprobe abgeben. Nach vollendeter Einschiffung lasse ich den Fünfzylinder erneut aufröhren – die Schiffscrew nickt anerkennend! Meine Anerkennung kriegt der Fünfzylinder-Sportler ebenfalls, obwohl der TT RS die Audi-typische Perfektion nicht in allen Belangen auf die Reihe kriegt.

Geschmäcker sind verschieden und meinen Geschmack trifft die Farbe des Testwagens überhaupt nicht. Sie nennt sich «Nardograu» und ich finde sie unglaublich hässlich. Als würde man bei einem Foto im Bildbearbeitungsprogramm die Sättigung fast ganz entfernen, sodass nur noch Blässe übrig bleibt. Furchtbar, dass man bei einem so schönen und sportlichen Auto eine dermassen biedere Farbe anbietet.

2017 Audi TT RS
Der fixe Spoiler ist Serie, der schwarze Kontrast optional.

Glücklicherweise werde ich vom Sound entschädigt. Gott sei Dank haltet Audi (noch) am Fünfzylinder fest. Die Leistung von 294 kW könnte man heute nämlich durchaus auch aus einem Vierzylinder quetschen. Doch bereits beim Anlassen grollt der TT RS und macht unmissverständlich klar, dass hier etwas Spezielles am Werk ist. Sind die Auspuffklappen geöffnet, röhrt der TT aus tiefstem Herzen, vor allem die tiefen Drehzahlen haben dank des bassigen Tons ihren Reiz. Wird der Motor gefordert, wird der Klang nicht nur aggressiv, sondern auch richtig laut. Das Spektakel kostet aufgrund der optionalen Sportabgasanlage rund 1300 Franken zusätzlich, doch dieses Extra ist jeden Rappen wert. Es unterstreicht den Charakter des Autos.

2017 Audi TT RS
Unverkennbarer Sound: Der Fünfzylinder ist klar das Hauptargument für den TT RS.

Es ist mir immer wieder ein Vergnügen, mit sportlichen oder exklusiven Autos in südlichen Gefilden unterwegs zu sein. Dort wird die Freude noch viel stärker geteilt als bei uns. Jungs steigen von ihren Velos ab, um den TT RS in aller Ruhe betrachten zu können. Typen in Cafés heben den Daumen oder pfeifen hinterher und beim Überqueren des Fussgängerstreifens nickt mancher respektvoll. Dabei waren die Auspuffklappen stets geöffnet und mit manuellem Schalten wurde stets das Maximum an Sound generiert. Doch die Leute freuen sich und sind nicht gleich angepisst wie hierzulande. Wenn ich diese Freude über Motorsound live erlebe, kommt mir stets das Kotzen, wenn ich in irgendwelchen Schlagzeilen wieder lesen muss, dass Verbrennungmotoren ab Zweitausendirgendwas verboten werden sollen…

2017 Audi TT RS
Aus dieser Perspektive wird deutlich, wie klein der TT eigentlich ist.

Da müssen Autos wie der TT RS erst recht noch ausgefahren werden, solange es solch unvernünftige Autos noch gibt. Der TT ist nämlich nicht nur unvernünftig laut, sondern auch unvernünftig schnell. Die Fahrten und Aufgaben, die dem armen Auto auf der Insel gestellt wurden, kamen einem Härtetest eines Prototypen im finalen Stadium gleich.

2017 Audi TT RS
Viele Fahrer haben freiwillig Platz gemacht – kein Wunder, bei dieser bissigen Front!

Was musste der 2+2-Plätzer nicht alles über sich ergehen lassen: Launch Control, Fahren auf Schotter, ausloten des Grenzbereichs ohne ESP, Fahrten über holprige Strassen, sehr schnelle Fahrten über gut ausgebaute Strassen, Vollbremsungen, maximale Leistungsforderung mit 95 Oktan, runterkühlen des Innenraums aus gefühlt 80°C, einparkieren in die engste Lücke, hautnahe Begegnungen mit Wildschweinen.

2017 Audi TT RS
Dank der tiefen Sitzposition ist man gut ins Auto integriert.

Nach akribischer Auswertung aller Testresultate würde ich als Vorstand grünes Licht geben, weil: Dieses Auto lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Selbst ohne 98er Benzin und bei über 30 Grad bringt er die Leistung. Egal, wie schlecht die Strasse ist, das Fahrwerk schlägt nicht durch. Asphalt zu Ende? Egal, mit quattro kommt auch über Schotterpisten, die Bodenfreiheit reicht aus, solange Steigung und Gefälle normal bleiben. Vollgas aus der Kurve ohne ESP? Easy, das Heck rührt sich keinen Millimeter.

2017 Audi TT RS
Die komplette Bedienung läuft über das hübsche Virtual Cockpit. Das mittlere Display habe ich kein einziges Mal vermisst.

Der TT RS gibt dem Fahrer das Gefühl von absoluter Kontrolle, sodass man sich mittendrin im Geschehen wähnt. Sind die DSG-typische Trägheit beim Anfahren und das Turboloch unter 2000 Umdrehungen überwunden, gibt es kein Halten mehr. Dass er leider mit einer unvorteilhaften Balance kämpft und zu viel Gewicht auf der Vorderachse lastet, kaschiert er mit dem genialen Fahrwerk geschickt. Erst, wenn man wirklich am Limit fährt, spürt man das Gewicht vorne, das nach aussen drückt. Meinen Respekt über soviel Performance und gleichzeitig soviel Gelassenheit hat das Auto auf jeden Fall verdient.

2017 Audi TT RS
Der Knopf zum Glück.

Den Kopf schütteln muss ich aber wiedermal angesichts der Preispolitik bei Audi. Bei allem Respekt, aber 104’000 Franken Testwagen-Preis sehe ich in diesem Auto einfach nicht. Dafür hat es mir einfach zu viel Kunststoff im Innenraum. Darüber hinaus fehlen Zwei-Zonen Klimaanlage und ein klimatisiertes Handschuhfach. Ausserdem sind Technikfeatures wie Parkassistent, Notbremsassistent oder Abstandstempomat nicht für den TT RS zu haben. Dass man selbst beim Topmodell für Kleinigkeiten wie eine Rückfahrkamera, DAB-Empfang, oder eine Reifendruckkontrolle (!!!) noch extra bezahlen muss, erachte ich als eine Frechheit.

2017 Audi TT RS
Die Bremse ist sehr standfest, optional gibt es sogar noch eine Carbon-Keramik-Bremse.

Wie beim (sehr) grossen Bruder R8 begeistert der TT RS vor allem durch seinen Motor und dessen Sound, der einfach geiler klingt als ein ordinärer V6. Er ist zwar am Limit kopflastig, aber beim Fahren bekommt man das geballte Technik Know-How von Audi um die Ohren gehauen, inklusive dem tollen Sound. Mir gefällt das puristische und gleichzeitig moderne Innenraumdesign, doch beim Preis schlägt Audi wiedermal über die Stränge. Direkte Fünfzylinder-Konkurrenz gibt es zwar nicht, dennoch zeigt man sich in Ingolstadt mit dieser Positionierung sehr, sehr selbstbewusst.

2017 Audi TT RS
Die unvorteilhafte Gewichtsverteilung ist das Einzige, was den TT RS etwas einbremst. Der Vorwärtsdrang ist irre!

Alltag 

Die Rückbank darf man getrost als Ablage sehen. Für zwei Personen ist der TT geräumig und ausserdem sehr übersichtlich und dank den kompakten Aussenmassen auch voll stadttauglich.

Fahrdynamik 

Der Motor ist 1A und zieht bis an den Begrenzer kraftvoll durch. Das Getriebe schaltet schnell und haltet bei sportlicher Fahrt die richtigen Gänge bereit. Das Fahrwerk hält den Sportler auch bei forcierter Fahrt in der Spur. Wer zu schnell um eine Kurve will, merkt allerdings, dass zu viel Gewicht auf der Vorderachse lastet.

Umwelt 

Im Testverbrauch von 11,8 l/100 km sind sehr viele sportliche Fahrten in Korsika mit drin. Beim Fahren in der Schweiz lag ich bei unter neun Liter, was für diese Leistung vertretbar ist.

Ausstrahlung 

Ein Eyecatcher ist bereits der normale TT, als RS zieht er die Blicke erst Recht auf sich. Viele Leute in Korsika haben sich jedenfalls sehr gefreut, wenn sie ihn gesichtet haben.

Fazit 

+ Tolles Design
+ Bequeme Sportsitze, tiefe Sitzposition
+ Einwandfreie Ergonomie
+ Gute Übersicht
+ Hammer Motorsound
+ Zackiges Getriebe
+ Sehr stabiles Fahrverhalten
+ Sehr exakte Lenkung mit guter Rückmeldung
+ Gute Fahrwerkspreizung
+ Dreistufig deaktivierbares ESP
+ Matrix LED-Licht

– Hoher Preis, knausrige Serienausstattung
– Keine Zwei-Zonen-Klimaautomatik, kein klimatisiertes Handschuhfach
– Wird im Grenzbereich kopflastig und untersteuert
– Abstandstempomat und Notbremsassistent nicht verfügbar

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellAudi TT RS
Preis Basismodell / Testwagen86 750 CHF / 104 660 CHF
AntriebBenzin, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder2480 ccm / R5
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe7-Gang Doppelkupplungsgetriebe
Max. Leistung294 kW bei 5750 - 7000 r/min
Max. Drehmoment480 Nm bei 1700 - 5850 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h3,7 s
Vmax250 km/h, optional 280 km/h (jeweils elektronisch abgeregelt
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz8,4 l/100 km / 192 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz11,8 l/100 km / 270 g/km / +40%
Länge / Breite / Höhe4,19 m / 1,83 m / 1,34 m
Leergewicht1562 kg
Koffer­raum­volumen305 - 712 l

Bilder: Koray Adigüzel

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