BMW 3er GT: Goldene Mitte oder fünftes Rad am Wagen?

BMW 3er GT: Goldene Mitte oder fünftes Rad am Wagen?

Der 3er, das Zugpferd von BMW. Es gibt Modelle, die muss man einfach mal gefahren sein, auch, um Vergleiche zu anderen Herstellern ziehen zu können. Zur Verfügung für den Test stand allerdings nur der GT. Nun, technisch erst mal egal, da auch der Grand Turismo technisch identisch ist mit dem Rest der 3er Familie. Schon im Vorfeld des Tests war mir klar, dass ein astreines Fahrverhalten zu erwarten gewesen ist. Dennoch hat mir dir dieses Auto zum einen nicht ganz alle Fragen beantwortet, zum anderen jedoch klar gemacht, dass motorenseitig nicht immer geklotzt werden muss.

Doch zuerst: Das Design. Es ist kein Unfall wie der bisherige 5er GT, doch auch beim 3er ist der GT in meinen Augen nicht unbedingt die begehrenswerteste Karosserieform. Die Front ist schick und sportlich, doch das Heck liegt irgendwie zu hoch. Dazu kommt, dass die Dachlinie leicht buckelig wirkt. Schöner als der alte Panamera ist der 3er allemal, doch der neue Panamera zeigt, wie schön so ein Gran Turismo aussehen kann. Wir werden beim kommenden 5er GT sehen, ob BMW was schönes zaubert, oder grundsätzlich am bisherigen Design festhält.

2017 BMW 3er GT
Man sieht dem GT das Plus an Grösse kaum an. Er wirkt nicht gestreckt und bis auf das massige Heck stimmen die Proportionen.

Jetzt aber fertig subjektiv, denn mit rund 20 Zentimeter mehr Aussenlänge im Vergleich Touring und dem leicht höheren Aufbau ergeben sich innen ganz andere Ausmasse. Die Platzverhältnisse sind fürstlich, der Kofferraum glänzt nicht nur mit grosser Tiefe, sondern auch einem Tiefgeschoss mit praktischen Fächern. Da die ganze Heckklappe aufschwingt, geht das Beladen leicht von der Hand. Unterm Strich ein echt geräumiges Auto – nicht gerade das, was man sonst als erstes hört im Zusammenhang mit dem 3er. Von daher hat der GT schon seine Daseinsberechtigung.

2017 BMW 3er GT
Sportlich-Chic: Die rahmenlosen Fenster.

Ausserdem hat der Testwagen richtig Stil, als hätte sich ein italienischer Designer ausgetobt. Ein wunderschönes Blau als Farbe, innen Braune Ledersitze, Schwarzes Leder übers Armaturenbrett, Schwarzer Dachhimmel, dunkles Holz und schmale Alu-Zierblenden. Das ganze natürlich einwandfrei verarbeitet, das wirkt wie aus einem Guss. Chic! All diese Möglichkeiten, sich sein Wunschauto zusammenzustellen, ist es unter anderem, was Premium ausmacht.

2017 BMW 3er GT
Lange Schnauze und strenger Blick. Mit dem M-Paket wird der Auftritt etwas aggressiver.

Lustigerweise ist in der Schweiz der nicht gerade schwächliche 320d mit 140 kW Diesel der Einstieg in die Dieselwelt. Für den stärksten Diesel, den 335d, werden 13’000 Franken mehr fällig – Geld, das man sich sparen und stattdessen in hübsche Extras stecken kann, wie in meinem Testwagen. Schönes Infotainmentsystem mit Live Traffic? Ja gerne. Head-up-Display? Unbedingt. Adaptiver Tempomat? Was für eine Frage!

2017 BMW 3er GT
Der GT ist eigentlich primär für US-Kunden konstruiert worden, um ihnen eine Alternative zur Limousine anzubieten.

Ich vertrete zwar auch die Ansicht, dass man nie genügend Leistung haben kann, aber der 3er GT animiert eben gar nicht zum rasen, sondern zum gediegenen fahren. Es ist eine wunderbare Mischung aus Komfort und Verbindlichkeit, die BMW da gefunden hat. Langes Gleiten beherrscht der GT genauso gut wie sportliches Fahren, notabene auch ohne das optionale Sportfahrwerk. Wer es richtig krachen lässt, kommt zwar bald an die Grenzen des Autos, aber ist das die Kundschaft eines GTs? Wohl kaum. Und wer dennoch noch mehr Sportlichkeit wünscht, für den gibt es das M Sport Modell.

2017 BMW 3er GT
Leder, Holz, Alu: Das Interieur präsentiert sich schick und ergonomisch perfektioniert.

Auch wenn es Jammern auf hohem Niveau ist, habe ich in meiner Luxusoase einen mitlenkenden Spurassistenten oder klimatisierte Sitze vermisst. Beides wird nicht angeboten, aber offenbar trennt BMW die Klasse zwischen 3er und 5er stärker als etwa andere Hersteller, bei denen das Meiste gegen Aufpreis bereits in der Mittelklasse angeboten wird. Dabei sind es gerade solche Features, vor allem der aktive Spurassistent, die zum Langstreckenauto GT passen würden.

2017 BMW 3er GT
Fürstliche Platzverhältnisse im Fond. Da können Touring und Limousine nicht mithalten.

Noch selten bin ich mit der Basismotorisierung so zufrieden gewesen, zumal der Wagen angesichts Gewicht und Leistung auch noch sparsam ist. Es war richtig entschleunigend mit dem 3er. Dennoch spürt man, dass die sportliche Auslegung von BMW vorhanden ist. Also alles richtig gemacht?

2017 BMW 3er GT
Top: Flinkes Getriebe, acht personalisierbare Knöpfe und ein modernes Infotainment.

Naja, fast. Ich habe es zwar schon betont, doch ich finde, es gibt schönere GTs als den 3er. Doch technisch bietet der 3er GT keine Angriffsfläche. Ausserdem haltet sich der Aufpreis zum Touring mit 2000 Franken in Grenzen. Immerhin bekommt man dafür rund 20 Zentimeter mehr Auto! Mit vielen, aber nicht allen Extras vollgestopft landet der Testwagen dennoch bei 78’560 Franken. Teuer, aber angesichts der gebotenen Qualität nicht überrissen.

2017 BMW 3er GT
Die Sitzposition ist erfreulich tief. Optionale Sportsitze würden den Seitenhalt noch verstärken.

Man kann sich über das Konzept oder das Design des Autos streiten, doch die Verbindung von Komfort, Sportlichkeit und deutlichem Zugewinn an Platz ist alles andere als Dumm. Unterm Strich ist der GT darum weder fünftes Rad am Wagen, noch die goldene Mitte. Er ist eher eine kluge Ergänzung der 3er Familie, wenn man das Mehr an Platz ohne andere Einbussen betrachtet. Bleibt nur noch die Frage, warum der GT bloss 6,6% (Touring 71,8%, Limousine 21,6%) der Schweizer Verkäufe ausmacht?

2017 BMW 3er GT
Der GT ist ein Auto, zu dem auch vernünftige Motoren passen. Er animiert eher zum cruisen, denn zum rasen.

Alltag 

Der GT ist klar der geräumigste 3er. Wer nicht ständig sperrige Sachen transportieren muss, ist mit ihm besser bedient als mit dem Touring. Ausserdem ist er ausschliesslich mit Allradantrieb erhältlich, ein Plus im Winter.

Fahrdynamik 

Die ganz grosse Sportskanone ist der GT nicht, aber ohne Sportfahrwerk und dem «kleinen» 140 kW Diesel braucht man auch keine Wunder zu erwarten. Ich war sogar positiv überrascht, wie flott es auch mit dem Einstiegsdiesel voran geht und wie präzise sich das grosse Auto auch ohne M-Zutaten dirigieren lässt.

Umwelt 

Einen langen Pass als möglichen Arbeitsweg zu haben, schlägt sich eben auch im Verbrauch nieder. Angesichts der Fahrweise sind 6,8 l/100 km aber ein sehr guter Wert. Dieser Diesel hat Potenzial; er ist ein echter Sparfuchs und liefert dennoch ausreichend Leistung. Ohne regelmässige Passfahrten sind unter sechs Liter locker drin.

Ausstrahlung 

Er mag der praktischste 3er sein, ist dafür auch der am wenig attraktivsten. Der kleine Spoiler, der ab Tempo 110 automatisch ausfährt, rettet die Linie auch nicht mehr. Für den GT sprechen optisch nur die rahmenlosen Scheiben.

Fazit 

+ Sehr grosszügiges Platzangebot
+ Bequeme Sitze, sportlich tiefe Sitzposition
+ Sehr hochwertiges Interieur
+ Grosse Freiheiten bei der Innenraumgestaltung
+ Vier Fahrmodi zwischen ökologisch und sehr sportlich
+ Flinkes und zugleich sanftes Getriebe
+ Variable Sportlenkung mit wenig Lenkumdrehungen
+ Ausgewogenes Fahrwerk
+ ESP komplett deaktivierbar
+ Ausgezeichnetes, adaptives LED-Licht
+ Umfangreiches Infotainmentsystem
+ Viele Assistenzsysteme verfügbar
+ Leises Fahrverhalten
+ Tiefer Verbrauch

– Wenig attraktive Linienführung
– Keine aktive Spurführung oder Stauassistent verfügbar
– Viele und teure Extras

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellBMW 3er GT (320d Xdrive)
Preis Basismodell / Motorisierung / Testwagen51 700 CHF / 52 900 CHF / 78 560 CHF
AntriebDiesel, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder1995 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung140 kW bei 4000 r/min
Max. Drehmoment400 Nm bei 1750 - 2500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h7,7 s
Vmax225 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz4,8 l/100 km / 126 g/km / C
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz6,8 l/100 km / 179 g/km / +42%
Länge / Breite / Höhe4,82 m / 1,83 m / 1,51 m
Leergewicht1735 kg
Koffer­raum­volumen520 - 1600 l

Bilder: Koray Adigüzel

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