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Chevrolet Camaro: Das Kraftwerk

“Was soll denn ein Camaro sein?” fragte 1966 ein Journalist, als GM ein neues Modell namens Camaro ankündigte, aber nicht weiter präzisierte, was es damit auf sich hat. “Ein kleines, böses Tier, das Mustangs frisst”, lautete die Antwort. Als Konkurrent Ford mit dem Mustang das Segment der Pony-Cars gründete und riesige Erfolge verbuchen konnte, war für GM klar, dass ein mindestens so scharfes Gerät auf die Räder gestellt werden musste. In Europa hat Chevrolet heute den Vorteil, dass der Camaro offiziell bei den Händlern angeboten wird. Wer mit dem Mustang liebäugelt, muss bei einem freien Importeur anklopfen, was einen deutlichen Aufpreis mit sich bringt.
Zivilisiertes Fahren mit dem Camaro erfordert einiges an Disziplin, denn sein 6.2 Liter V8 Motor wartet ungeduldig auf den nächsten Marschbefehl.

Gewisse Dinge kann man ausblenden, wenn man sich beispielsweise auf etwas fokussieren möchte. Aber den Camaro auszublenden ist schlicht nicht möglich, ob er nun steht oder fährt. Der Camaro ruft Emotionen hervor, bei weitem nicht nur positive, aber er fällt auf. Bullig und protzig steht er auf seinen 20 Zöllern und guckt mit grimmigen LED-Ringen auf die Strasse. Die lange Motorhaube ist in der Mitte gewölbt, die Windschutzscheibe sehr flach, die hinteren Kotflügel stehen weit aussen und das kurze, knackige Heck mit LED-Schlusslichtern im Design zweier Sonnenbrillen bildet den Abschluss. Der Camaro beeindruckt mit seinen Massen von 4.84 Meter Länge und 1.92 Meter Breite, was in Zusammenhang mit seinem ohnehin schon auffallendem Design alle Blicke auf sich zieht. Dieser Wagen hat auf junge Männer dieselbe Wirkung wie eine aufreizend gekleidete Frau. Die schönen LED-Ringe vorne und die Sonnenbrillen hinten leuchten jedoch nur, wenn man das Standlicht oder die Xenon-Scheinwerfer einschaltet. Bei der Lichtstellung “Auto” leuchten bei Tageslicht stattdessen zwei öde Halogenlämpchen vorne. Wie unsexy!
Die Innenausstattung des Camaro ist leider nicht ganz so berauschend wie das Aussendesign. Bis auf das Head-Up-Display (HUD), die eisblaue Beleuchtung und die vier Zusatzinstrumente, die über Öldruck, Motoröltemperatur, Getriebeöltemperatur und Batteriespannung informieren, hat der Camaro nichts spektakuläres zu bieten. Vorbildlich ist allerdings die Anzeige des verbleibenden Motoröls und des Reifendrucks aller Reifen im Bordcomputer. Die Verarbeitung und die Materialien sind angesichts des niedrigen Grundpreises in Ordnung, aber es ist noch Luft nach oben. Die Sitze vorne sind bequem und verfügen über eine Sitzheizung, aber hinten wird es sehr eng, ausserdem fehlen Kopfstützen. Ein Navi ist für den Camaro leider nicht erhältlich, darüber hinaus unterstützt das Mediasystem kein Audio-Streaming via Bluetooth, lediglich das Telefonieren ist möglich. Immerhin bietet die Hi-Fi-Anlage hochwertigen Musikgenuss. Beim Rangieren helfen Parksensoren hinten und eine Rückfahrkamera.

Gestartet wird der Camaro nach alter Manier mit dem klassischen Zündschlüssel. Bereits beim Anlassen brüllt das V8 Ungetüm kurz auf, um anschliessend in einen unruhigen Leerlauf zu verfallen. Der Drehzahlmesser zuckt immer wieder mal, die Karosserie zittert sogar leicht. Der Camaro verhält sich wie ein ungeduldiges Tier, jederzeit angriffsbereit. Die Kupplung verlangt ziemlichen Druck, mit dem superkurzen Schaltknauf wird klackend der erste Gang eingelegt und los gehts. Obwohl die Kupplung bei jedem einkuppeln deutlich schnalzt und das knackige, präzise Getriebe mit einer harten Hand geführt werden will, lässt sich der Camaro mit einem sanften Gasfuss ganz lammfromm fahren. Beim manuellen Getriebe zügelt keine Zylinderabschaltung den Durst, trotzdem ist der Motorensound um 1500 Touren sehr zurückhaltend. Lediglich beim Ausrollen blubbert der Camaro zufrieden aus den beiden Endrohren.
Natürlich kann der Camaro auch ganz anders. Ein niedrigerer Gang oder etwas mehr Gas genügt schon, und plötzlich knurrt der Motor böse, während er anfängt, sich durch das Drehzahlband hochzuarbeiten. Die Drehzahl steigt nicht sehr schnell, aber kontinuierlich. Man hört und spürt förmlich, wie der V8 Small Block mit steigenden Umdrehungen lauter brüllt und stärker anschiebt. Ab etwa 4000 Umdrehungen ist dann definitiv fertig lustig. Mit zornigem V8 Getöse schiebt der Camaro seine 1.8 Tonnen Leergewicht an, als wäre er nur halb so schwer. 569 Newtonmeter fallen wie eine Naturgewalt über die Hinterachse her und kurz vor 6000 Umdrehungen leistet das V8 Triebwerk 432 PS. Das wütende Donnern, wenn der Camaro in einem Autobahntunnel hochdreht, bildet eine Klangkulisse, welche auch die anderen Verkehrsteilnehmer so schnell nicht vergessen werden. Es ist wirklich schade, dass der Drehzahlmesser zwar bis 9000 Umdrehungen geht, aber bei 6250 Schluss ist. Aber auch ohne höhere Drehzahlen hat der Camaro in jeder Situation genügend Leistung Überholen auf der Landstrasse wird zum Kinderspiel. Wer in Deutschland unterwegs ist, kann den Camaro bis auf 250 km/h pushen. Laut Werk säuft der handgeschaltete Camaro 14.1 l/100 km, mit Automatikgetriebe und Zylinderabschaltung sind es dann “nur” noch 13.1 l/100 km. Es erstaunt mich daher sehr, dass sich “mein” handgeschalteter Camaro trotz Winterreifen und knapp 1000 Kilometern auf der Uhr nur 12.3 l/100 km genehmigte. Trotz dem 72 Liter Tank beträgt die Reichweite nur ca. 550 Kilometer, was zur Folge hat, dass man häufig an der Zapfsäule steht. Ich habe den Camaro übrigens durchaus artgerecht bewegt, meinem damaligen Experten bei der Autoprüfung würden wahrscheinlich die Haare zu Berge stehen…
Das Fahrwerk wurde für den Verkauf in Europa extra neu abgestimmt. Ich kenne das US-Fahrwerk nicht, aber das EU-Fahrwerk ist gut gelungen. Der Camaro ist straff, aber nicht unkomfortabel gefedert. Trotzdem ist der Camaro kein Kurvenstar. Einerseits ist er zu schwer und anderseits ist die Lenkung nicht auf Sportwagenniveau, sie ist zu leichtgängig und nicht präzise genug. Somit ist der Camaro besser fürs Cruisen oder für schnelle Strecken ohne enge Kurven gedacht. Selbstverständlich kommt auch auf einer Passstrasse Freude auf, denn die Brembo Bremsen legen sich mindestens so kräftig ins Zeug wie der Motor. Wer aber möglichst schnell um Kurven fetzen will, ist mit einem kleineren und leichteren Sportwagen besser bedient.
Amüsant ist das Verhalten des Camaro auf Schnee. In den ersten beiden Gängen ist ein normales Vorwärtskommen praktisch unmöglich, das Heck zuckt ständig hin und her und die Traktionskontrolle ist dauerbeschäftigt. Aber auch in den höheren Gängen reicht eine Zuckung mit dem Gaspedal, um den Camaro auf einen heissen Tanz einzuladen. Bei eingeschaltetem ESP schiebt dieses auf Schnee Überstunden. Wer es lieber ohne ESP wagt, sollte wissen, auf was er sich einlässt, denn auf rutschigem Untergrund ist der Camaro so unberechenbar wie ein Raubtier. Assistenzsysteme jeglicher Art hat der Camaro nicht zu bieten.

Das wahre Ass im Ärmel vom Camaro ist sein Preis. Ab 48’490 CHF ist das Coupé zu haben, das Cabrio gibt es ab 54’490 CHF und das Automatikgetriebe kostet jeweils 2500 CHF Aufpreis. Im Grundpreis ist aber eine Komplettausstattung inbegriffen, lediglich die Zierstreifen, diverse Lackierungen, polierte Felgen und das Panoramadach kosten extra. Was allerdings Versicherung und Steuern kosten, mag ich mir lieber nicht vorstellen.
Ob sich der Camaro lohnt, muss jeder für sich selber entscheiden. Er ist ein Sportwagen mit Stärken und Schwächen, aber auf jeden Fall ist er ein Auto mit Charakter. Ob sein Charakter einem zusagt, das muss man selber herausfinden.

Alltag ★★☆☆☆

Nein, wirklich punkten kann der Camaro im Alltag nicht. Die hinteren Plätze taugen nur für kleine Personen, im Kofferraum finden Einkaufstaschen stehend keinen Platz, die Treibstoffkosten sind hoch und mit seinen Massen sollte man sich in gewissen Parkhäusern umsichtig bewegen.

Fahrdynamik ★★★★☆

Was der Camaro genügend hat, ist Kraft. Die Sprintwerte und der dazugehörige Sound machen süchtig. Das Fahrwerk ist sauber abgestimmt und die Bremsen beissen kräftig zu. Die Lenkung ist aber zu leichtgängig und das Leergewicht zu hoch.

Umwelt ★★☆☆☆

Der Camaro wird den Umweltaktivisten garantiert keine Freude bereiten. Den ersten Stern verdient er sich durch die Zylinderabschaltung in Verbindung mit dem Automatikgetriebe. Den Zweiten dadurch, dass im Test die Werksangabe unterboten wurde. Trotzdem ist ein Verbrauch von 12.3 Liter auf 100 Kilometer ein kleines bisschen zu viel.

Ausstrahlung ★★★★★

Was für eine Aura! Hier hätte der Camaro gar einen sechsten Stern verdient. Noch nie wurde ich so oft auf ein Auto angesprochen wie mit dem Camaro. Viele schauen hin, wenn der Camaro vorfährt, Männer von jung bis alt erfreuen sich seines Anblicks. Sogar Frauen gefällt er. Und die Verkäuferin an der Tankstelle meinte, ich dürfe ruhig Stammkunde werden…

Fazit ★★★★☆

+ Unvergesslicher V8 Motorsound bei hohen Drehzahlen
+ Vor Kraft strotzender Motor
+ Superknackige Schaltung mit sehr kurzen Schaltwegen
+ Ausgewogenes Sportfahrwerk
+ Head-Up-Display
+ Vorne bequeme Sitze
+ Anziehendes Design
+ Unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis

– Zu hoher Verbrauch
– Lenkung ist leichtgängig und nicht präzise genug
– Im Verhältnis zu den Aussenmassen schlechte Raumnutzung
– Kein Navi erhältlich, kein Bluetooth Audio Streaming möglich

(Bilder: GM)

3 thoughts on “Chevrolet Camaro: Das Kraftwerk

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