Französische Revolution: Citroën C4 Cactus

Französische Revolution: Citroën C4 Cactus

Es muss ein lauer Sommerabend gewesen sein. Den Kopf voller Probleme, wie beispielsweise Leichtbau, CO2-Reduktionen, Kosteneinsparungen, etc. haben Citroëns Ingenieure beschlossen, für einen kurzen Moment abzuschalten, um miteinander ein kühles Bier zu geniessen und über Gott und die Welt zu sinnieren. Wie so oft wurde schnell aus einem Bier zwei, drei, vier und einer der guten Herren hatte zufälligerweise sicher auch noch ein paar Gramm Gras dabei. Die Ingenieure genossen den Moment des erweiterten Bewusstseins, als einem die glorreiche Idee kam, man könnte doch ein Auto bauen, das aufs Wesentliche reduziert ist, um Kosten und Gewicht und somit Treibstoff zu sparen. Ein zweiter Ingenieur meinte dann, dass man die Karosserie mittels Luftpolster schützen sollte. Der dritte im Bunde war der Meinung, dass dieses neuartige Auto eine Mischung aus Retro und Moderne sein soll. Sie amüsierten sich prächtig über ihre Einfälle und legten sich anschliessend zufrieden schlafen.

40 Monate später. Ich umrunde ein seltsames Fahrzeug, welches sich auf den ersten Blick nicht näher einordnen lässt. Es ist olivgrün, trägt sandfarbene Luftpolster rundherum, schwarze Felgen sowie weisse Aussenspiegel und eine weisse Dachreling. Das Auto ist klein und doch robust; es blickt mich mit seinem spacigen Tagfahrlicht neugierig an.

Citroën C4 Cactus
Der höchst eigenwillige Cactus lässt sich kaum einem eindeutigen Segment zuordnen.

Ich öffne die Türe. Was sich mir präsentiert, sind keine Autositze, sondern vielmehr ein Sofa, welches an die gute, alte Stube zu Kinderzeiten erinnert. Die Knöpfe im Innenraum lassen sich fast an einer Hand abzählen, dafür gibt es zwei hochauflösende Displays und unzählige Ablagemöglichkeiten. Was da gerade vor mir steht, nennt sich Citroën C4 Cactus und muss das Ergebnis der aufregenden Nacht der drei französischen Ingenieure sein.

Citroën C4 Cactus
Hübsches Tagfahricht, wüstes Abblendlicht.

Citroën möchte wissen, was die Kunden wirklich benötigen – und was nicht. Deshalb ist der Cactus aufs Wesentliche reduziert, jedoch nicht, ohne Innovationen zu zeigen. Alleine das Design ist in jeder Hinsicht speziell. Die farblich abgehobenen Airbumps sollen die Karosserie vor Türschlägen und Schrammen verschonen. Sie sollen das Auto schützen und gleichzeitig als Designmerkmal dienen – anolog einer Smartphonehülle.

Citroën C4 Cactus
Die Airbumps sind wirklich weich gepolstert. Auf die Idee muss man erst mal kommen!

Obwohl der Cactus klein ist, wirkt er kräftig und macht mit seinen dicken Radhäusern und der auffälligen Dachreeling gar einen auf SUV – dabei gibt es ihn aus Gewichtsgründen gar nicht mit Allradantrieb. Die Optik gefällt einerseits durch hübsche Details, wie die schmalen, futuristischen Tagfahrlichter, der grossen Dachreeling, der speziellen C-Säule oder den 3D-Rücklichtern. Andererseits stören trübe Halogen-Funzeln vorne und eine Oldschool-Antenne das Bild.

Citroën C4 Cactus
Die abstehende Antenne wirkt auf dem modernen Cactus altbacken.

Das Interieur wirkt nicht weniger revolutionell als das Aussendesign. Anstelle von stark konturierten Sportsitzen, wie sie derzeit gross in Mode sind, setzt Citroën auf eine Art Sofa (nur mit Automatikgetriebe). Der Look und der weiche Stoff erinnern wirklich an einen altgedienten Fernsehsessel. Entsprechend bequem sind die Sitze, sodass man äusserst entspannt reist. Die Mittelarmlehne kann hochgeklappt werden, sodass sich kein Hindernis mehr zwischen Fahrer und Beifahrer(in) befindet – ein Geheimtipp für frisch verliebte. 😉

Citroën C4 Cactus
Eine durchgehende Sitzbank bietet kein anderes Auto. Kuscheln erlaubt!

Auch im Innenraum finden sich viele schöne Details, wie etwa die Lederschlaufen, die als Türgriff dienen, oder das Handschuhfach, welches an eine Schmuckschatulle erinnert. Auch das supereinfache Bedienkonzept mittels dem zentralen Touchscreen und die simple, aber effektive LCD-Einheit, welche die Instrumente ersetzt, verdienen einen big Like. Dislikes hingegen kassiert der Cactus wegen dem nur höhenverstellbaren Lenkrad, den Ausstellfenstern hinten, fehlender Schnellsenkfunktion der Fenster vorne, fehlenden Griffen für die Passagiere, fehlendem Schminkspiegel auf der Beifahrerseite und der lieblosen Rückbank, die bei weitem nicht so bequem ist, wie die Sitze vorne. Gewicht sparen ist okay, aber wenn die Ergonomie oder grundlegende Komfortausstattung darunter leiden muss, dann ist man über das Ziel hinausgeschossen.

Citroën C4 Cactus
Weiter lassen sich die hinteren Fenster nicht öffnen.

Der Test mit dem Cactus hat mich wahrlich vor ein grosses Rätsel gestellt, das ich nicht lösen kann. Durch die Reduzierung aufs Wesentliche bringt der Cactus trotz Dieselmotor nur 1199 Kilo auf die Wage und so soll sich der 1,6-Liter Selbstzünder mit 68 kW Leistung nur mit 3,6 l/100 km zufrieden geben. In der Realität waren es jedoch 5,0 l/100 km. Aber der Clou – allerdings im negativen Sinne – kommt jetzt: Der Citroën C4 Picasso, eine fahrende Wohlfühloase, 300 Kilo schwerer und 17 kW stärker, hat in meinem Test nur sagenhafte 4,3 l/100 km verbraucht. Diese, aus Sicht vom Cactus traurige Tatsache, wirft bei mir die Frage auf, ob der Cactus da nicht seine Existenzberechtigung verliert? Klar, der Cactus spricht alleine aufgrund seiner Grösse eine ganz andere Kundschaft an als der Picasso. Aber wenn der feudal ausgestattete Picasso sparsamer fährt als der karge Cactus, wozu dann die ganzen Bemühungen…? Böse Fragen, aber Citroën hat mit dem Picasso die Messlatte bezüglich Sparsamkeit selber so hoch gelegt…Kein anderes Testauto – mit Ausnahme von Plug-In Hybriden – war seit Blog-Beginn sparsamer, als der Picasso.

Citroën C4 Cactus
Einfacher geht es wirklich nicht…

Lässt man den zu hohen Verbrauch mal aussen vor, reist es sich im Cactus äusserst angenehm und stressfrei. Das ganze Auto animiert zu einer ruhigen, gelassenen Fahrweise – angefangen beim automatisierten Schaltgetriebe, welches übrigens auch im Picasso seinen Dienst verrichtete und wegen den lahmen, zähen Schaltvorgängen harsche Kritik einstecken musste. Im deutlich leichteren Cactus fällt nur der Wechsel vom ersten in den zweiten Gang sehr negativ auf, alle anderen Gangwechsel sind ganz akzeptabel.

Citroën C4 Cactus
Das reduzierte und intuitive Bedienkonzept verdient ein dickes Lob. Sieht erst noch schick aus!

Natürlich immer vorausgesetzt, dass man es nicht eilig hat. Wer versucht, alles aus dem Cactus rauszuholen, wird vom Getriebe automatisch wieder eingebremst. Dies hat zur Folge, dass die Stecke für ein Überholmanöver seeeehr übersichtlich sein sollte. Sind allerdings keine Überholmanöver geplant – was für Nicht-Rennfahrer – eigentlich die Regel sein sollte, geniesst man den ausgewogenen Fahrkomfort vom Cactus. So ein Fahrwerk ist heute nur noch selten zu haben. Zwar arbeitet die Lenkung recht direkt und präzise, doch die Schaukelgefahr aufgrund des weichen Fahrwerks lässt etwaige Sportgefühle sofort im Keim ersticken.

Citroën C4 Cactus
Die Rückbank ist recht platt und bietet nicht den Komfort, wie die kuschligen Vordersitze.

Der Cactus scheint somit der perfekte Kilometerfresser auf der Autobahn zu sein, wo sein Motor angenehm im Hintergrund vor sich hin brummt und das Fahrwerk alle Wellen geschmeidig ausbügelt. Allerdings sind die Windgeräusche recht deutlich wahrnehmbar und um das Gewicht tief zu halten sind natürlich keinerlei Assistenzsysteme für die Langstrecke an Bord, lediglich ein automatischer Parkassistent greift dem Fahrer beim Rangieren unter die Arme. Ansonsten ist der Fahrer mit dem Cactus auf sich gestellt; aufs Wesentliche reduziert eben. Wer durch all die Assistenzsysteme schon fast das Fahren verlernt hat, sollte mal ein bisschen Cactus fahren.

Citroën C4 Cactus
Der Cactus bietet viele schöne Details, wie die Türschlaufen.

Citroën geniesst meinen vollen Respekt, dass sie dieses Auto in Grossserie bauen und jedem Interessent anbieten. Der Cactus ist so speziell und so anders, dass die ganze Welt zu Citroën schaut. Anderen Herstellern gelingt dieser Kunstgriff meist nur, indem sie abgedrehte Autos, wie beispielsweise den VW XL1 präsentieren, den sich aber praktisch niemand leisten kann. Der Cactus hingegen ist eine Revolution für alle. Jeder kann sich einen Cactus leisten, der (für Cactus-Verhältnisse) ordentlich ausgestattete Testwagen kostet 28’140 Franken.

Citroën C4 Cactus
Mehr Informationen braucht es nicht. Auch der Drehzahlmesser ist laut Citroën überflüssig.

Auf mich hat der Cactus aber einen zwiespältigen Eindruck hinterlassen. Der Ansatz, auf Überflüssiges zu verzichten und ein leichtes, handliches, originelles und bezahlbares Auto auf die Strasse zu bringen, gefällt mir sehr. Leider ist Citroën beim Verzicht auf Überflüssiges manchmal einen Schritt zu weit gegangen und – zumindest bei mir – ist die Rechnung mit geringerem Verbrauch dank weniger Ballast nicht aufgegangen. Ich könnte mir hingegen einen kleinen Picasso, kombiniert mit dem Cactus, so in der Grössenordnung Fiat 500L, ganz gut vorstellen. Nicht ganz so radikal aufgeräumt wie der Cactus, dafür mit maximaler Raumausnutzung. Die Airbumps dürfte er natürlich auch tragen. Vielleicht müssen die französischen Ingenieure wieder mal an einem Abend zusammensitzen, beispielsweise in einer Berghütte, mit einem Gläschen Rotwein…

Citroën C4 Cactus
Das ist ein Cactus. Garantiert unverwechselbar!

Alltag ★★★★★

Der Cactus ist der perfekte Alltagsbegleiter: Viele Ablageflächen, sparsam, handlich, komfortabel und natürlich der Schutz durch die Airbumps, welche sich übrigens einfach ersetzen lassen. Auch das Raumangebot ist für seine Grösse völlig in Ordnung. Die fehlende Schnellsenkfunktion der Fenster vorne ist aber wirklich ein übler Fauxpass.

Fahrdynamik ★★☆☆☆

Der Cactus wurde konzipiert, um möglichst entspannt und gelassen am Ziel anzukommen und nicht, um möglichst schnell am Ziel zu sein. Das Getriebe und das weiche Fahrwerk sind ganz klar für die gemächliche Fahrt ausgelegt und alle Motorisierungen sind eher zurückhaltend.

Umwelt ★★★★☆

Auch wenn 5,0 Liter pro 100 km absolut gesehen ein sehr guter Wert sind, so steht der Cactus eindeutig im Schatten vom Picasso. Und relativ gesehen liegt sein Testverbrauch satte 39 % über dem Normverbrauch…

Ausstrahlung ★★★★★

Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Ob der Cactus hübsch ist, muss jeder für sich entscheiden. Aber seine Ausstrahlung ist stark, weil er optisch nichts geringeres als eine Revolution ist.

Fazit ★★★★☆

+ Sanftes, komfortables Fahrverhalten
+ Präzise Lenkung
+ Kultivierter Diesel
+ Intuitives, aufgeräumtes Bedienkonzept
+ Ausgefallenes Design und Konzept
+ Fairer Preis
+ Viele Ablagemöglichkeiten
+ Gute Platzverhältnisse
+ Passende Materialien im Innenraum, hochwertige Verarbeitung

– Hoher Testverbrauch
– Komfort auf der Rückbank lässt zu wünschen übrig
– Teilweise zu viel gespart
– Träges Getriebe
– Starke Wank- und Schaukelbewegungen in schnellen Kurven

Steckbrief

Marke / ModellCitroën C4 Cactus
Preis Basis­modell / Testwagen18'150 CHF / 28'140 CHF
AntriebDiesel, Frontantrieb
Hubraum / Zylinder1560 ccm / R4
GetriebeAutomatisiertes 6-Gang Getriebe ETG-6
Max. Leistung68 kW bei 4000 r/min
Max. Drehmoment230 Nm bei 1750 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h11,4 s
Vmax176 km/h
Verbrauch NEFZ / CO2 Emissionen / Energieeffizienz3,6 l/100 km / 94 g/km / A
Verbrauch Test / CO2 Emissionen / Differenz5,0 l/100 km / 131 g/km / + 39%
Länge / Breite / Höhe4,16 m / 1,73 m / 1,48 m
Leergewicht1199 kg
Koffer­raum­volumen358 - 1170 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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