Ford Focus ST

Ford Focus ST: Im Stand mau, in Fahrt wow

Meinem geschulten Auge fallen bezüglich Autodesign sofort alle Eigenschaften auf. Ob ein Modell zur sportlichen Sorte gehört, erkennt man in der Regel an mehr oder weniger Details. Im Falle des Ford Focus ST sind es aber ganz klar weniger Details. Ohne die ST-Logos vorne und hinten und dem speziell geformten Endrohr hätte selbst ich grosse Mühe, den Focus als ST zu erkennen. Insbesondere in weiss sieht er extrem brav aus und wer den ST mit einem normalen Focus vergleicht, fragt sich zu recht, wo denn da die Unterschiede liegen. Doch fahrdynamisch sind die Unterschiede frappant. Der Focus ST gehört selbst unter den Hot Hatches zur wilderen Sorte.

Der Focus ST ist pures Understatement. Das Endrohr in Form einer liegenden Acht ist wohl das markanteste Designmerkmal. Wer den ST etwas genauer anschaut, entdeckt zusätzlich die ST-Logos sowie rote Bremssättel (optional). Ansonsten ist der Focus ST optisch sehr ruhig, keine Spoiler oder sonstige Spielereien. Welche Kraft im ST steckt, sieht man ihm äusserlich gar nicht an.

Ford Focus ST
Das prägnante Endrohr sieht aus wie eine liegende Acht.

Das Interieur ist ebenfalls nahezu identisch mit dem normalen Focus. Lediglich die schraubstockmässigen Recaro Sportsitze, das unten abgeflachte Lenkrad und rote Zeiger sowie Ambientebeleuchtung machen den Unterschied. Die Recaro Sitze nehmen in der Breite viel Platz ein, sodass bei der Sitzverstellung unschöne Geräusche entstehen. Puncto Verarbeitungsqualität sollte Ford schon nochmals hinter die Bücher, immerhin kostet so ein Focus ST je nach Anzahl Kreuzchen in der Aufpreisliste bis zu 50’000 Franken, da steigen auch die Erwartungen. Sitzen kann man im Focus ST dank gut ausgeformter Rückbank auch hinten ganz passabel, fürs Gepäck steht ein klassenüblicher Kofferraum zur Verfügung.

Ford Focus ST
Sogar die Front ist erstaunlich zurückhaltend.

Aber viel wichtiger ist doch die Frage: Ist der Focus ST leistungsmässig sein Geld wert? Der Kracher unter den Hot Hatches, der Renault Mégane R.S., kostet nämlich bei höherer Leistung nicht mehr als der Ford. Da braucht der ST schon schlagkräftige Argumente. Schnell fällt auf, dass die Lenkung nichts für zimperliche Zeitgenossen ist. Ganz easy am Lenkrad drehen? Nichts da, die Lenkung im ST ist schwergängig und steif abgestimmt, was dafür ein hervorragendes Gefühl für die Strasse vermittelt. Für den entsprechenden Schub sorgt im Focus ST ein 2,0 Liter Turbobenziner, der wie im Fiesta ST sein böses Ansauggeräusch via Resonanzrohr in den Innenraum überträgt. Einfach um sicher zu gehen, dass der Fahrer nicht schon viel zu früh vom Gas geht, denn das Ansauggeräusch ermuntert zum fröhlichen Beschleunigen.

Ford Focus ST
Gegen Aufpreis (200.-) gibt es einen grösseren Spoiler. Unbedingt wählen! Das abgebildete Exemplar ist ja lächerlich…

Erfreulich: Der Focus ST macht nicht nur innen auf dicke Hose, sondern klingt auch aussen ziemlich aggressiv. Beim starken Beschleunigen faucht der ST wütend aus seinem acht-förmigen Auspuff. Wie es sich für ein Sportmodell gehört, ist der ST ausschliesslich mit manuellem Getriebe erhältlich. Dessen Führung ist zwar knackig und präzise, die Schaltwege dürften allerdings kürzer sein. Witzig finde ich, dass selbst in einem Sportmodell der Motor EcoBoost heissen muss, denn gerade der Focus ST ist trotz Start-Stopp-Automatik nicht besonders Eco. Im Rahmen des Facelifts konnte der Verbrauch auf dem Papier zwar von 7,2 l/100 km auf 6,8 l/100 km gesenkt werden, aber bei entsprechender Fahrweise werden es schnell über zehn Liter. Im Testschnitt waren es schliesslich 8,5 l/100 km.

Ford Focus ST
Solch klobige Parksensoren sind ziemlich hässlich.

Mir gefällt, dass die Anordnung der Knöpfe in einem Sportmodell überdacht wurden. Auf der Mittelkonsole, wo im normalen Focus der Knopf zur Deaktivierung der Parksensoren sitzt, befindet sich im ST stattdessen der Knopf für die Deaktivierung vom ESP. Dieses lässt sich entweder in den Sport Modus versetzen oder auch ganz deaktivieren, wobei der Sport Modus ausreichend ist, da die Traktionskontrolle deaktiviert und das ESP wirklich erst spät eingreift. Das ohnehin schon knackige Focus Fahrwerk ist im ST nochmals deutlich nachgeschärft worden – natürlich zu Lasten des Komforts, aber die Härte vom ST hält sich in gesunden Grenzen.

Ford Focus ST
Für 100 Franken gibt es den mechanischen Türkantenschutz, der bei geöffneter Türe aufklappt. Sehr sinnvoll!

Seit dem Facelift lässt sich jede Menge Technik in den Focus packen. In meinen Augen ist die Kernaufgabe des Focus ST allerdings, dem Fahrer durch sein dynamisches Fahrverhalten jede Menge Freude zu bereiten. Der ganze technische Krimskrams summiert sich zusammen nicht nur finanziell zu einem ansehnlichen Sümmchen, sondern bringt auch zusätzliches Gewicht ins Auto. Deshalb mein Tipp: Auf Luxus wie Assistenzsysteme und elektrisch verstellbare Sitze weitgehend verzichten und dafür den grossen Dachspoiler, der gegen Aufpreis erhältlich ist, montieren lassen. Der bringt zwar noch weniger als die Technik, aber zu einem ST-Modell gehört einfach ein anständiger Flügel. Punkt.

Ford Focus ST
Die Sportsitze bieten enormen Seitenhalt.

Zurück zur ursprünglichen Frage: Ist der Ford Focus ST leistungsmässig sein Geld wert? Ja, er ist. Ab 37’050 Franken ist der ST erhältlich, der Testwagen kostet 46’630 Franken. Einen hübsch ausgestatteten Focus ST ohne überflüssigen Schnickschnack bekommt man für ungefähr 45’000 Franken. Damit ist er günstiger als ein etwas schwächerer Golf GTI, dem etwa gleich teuren Mégane R.S. kann er jedoch nicht ganz das Wasser reichen. So gnadenlos hart und kompromisslos wie der Franzose ist der Focus ST dann auch wieder nicht, aber schliesslich hat Ford noch den Focus RS (2016) in der Pipeline. Wer über eine mittelmässige Verarbeitungsqualität hinwegsehen kann und nicht jeden Morgen zum Frühstück einen Pass hochjagt, ist mit dem Focus ST bestens bedient. Und was ist eigentlich mit jenen, die Fahrspass suchen, sich aber am hohen Verbrauch stören? Für all jene hat Ford den Focus ST neuerdings auch als Diesel mit 136 kW zum selben Preis im Angebot. Sein Verbrauch beträgt nur 4,2 l/100 km, da kann der Benziner natürlich bei weitem nicht mithalten. Aber Hot Hatch und Dieselnageln? Ich weiss nicht so recht…

Ford Focus ST
Der Focus ST sieht harmlos aus, ist aber ein sehr sportliches Auto.

Alltag 4.5 Stars

Der Focus ST bietet genau dieselben Platzverhältnisse wie der zivile Focus, ausserdem sind sämtliche Assistenzsysteme auch für den ST erhältlich. Das Sportfahrwerk ist auch auf längeren Strecken erträglich. An heissen Sommertagen hat der ST aber einen grossen Nachteil: Die Sportsitze sind so eng anliegend, dass man im Focus ST immer am schwitzen ist – auch wenn die Klimaanlage den Innenraum längst abgekühlt hat.

Fahrdynamik 5.0 Stars

Starker Schub ohne Turboloch, schwergängige und präzise Lenkung, hervorragendes Sportfahrwerk: Der Focus ST fährt sich viel dynamischer und verbindlicher, als es von aussen den Anschein hat. Der gut klingende Sound Symposer animiert zum Gas geben. Lediglich die Schaltwege dürften kürzer sein.

Umwelt 3.5 Stars

Für ein sportliches Kompaktmodell ist der Testverbrauch von 8,5 l/100 km an der oberen Grenze, wobei das auch auf den beherzten Fahrstil zurückzuführen ist. Es würde auch mit weniger gehen.

Ausstrahlung 4.0 Stars

Für einen ST wirkt er schon sehr brav. Ansonsten kommen natürlich auch dem ST die zahlreichen optischen Optimierungen des Facelifts zu Gute. Dass aber in einem 2015er Modell noch derart klobige Parksensoren verbaut werden, ist mir ein Rätsel.

Fazit 4.5 Stars

+ Sportlicher Sound, innen wie aussen
+ Schwergängige, präzise Lenkung
+ Hartes, aber nicht unerbittliches Sportfahrwerk
+ Dreistufiges ESP
+ Kaum wahrzunehmendes Turboloch
+ Modernes und intuitives Infotainmentsystem
+ Zahlreiche Assistenzsysteme erhältlich (wer’s denn unbedingt will)
+ Exzellent ausgeformte Sportsitze mit brutalem Halt
+ Faires Preis-Leistungs-Verhältnis
+ Auch als Diesel erhältlich

– Recht hoher Verbrauch
– Etwas lange Schaltwege
– Dezente Optik
– Mittelmässige Verarbeitungsqualität

Steckbrief

Marke / ModellFord Focus ST
Preis Basis­modell / Testwagen37'050 CHF / 46'630 CHF
AntriebBenzin, Frontantrieb
Hubraum / Zylinder1999 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe6-Gang manuell
Max. Leistung184 kW bei 5500 r/min
Max. Drehmoment345 Nm bei 2000 - 4500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h6,8 s
Vmax248 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz6,8 l/100 km / 159 g/km / F
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz8,5 l/100 km / 199 g/km / +25%
Länge / Breite / Höhe4,36 m / 1,82 m / 1,47 m
Leergewicht1497 kg
Koffer­raum­volumen363 - 1148 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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