Honda Civic Type R

Honda Civic Type R: Der letzte Samurai

Der Honda Civic Type R wurde konstruiert, um zu gewinnen. Es scheint, als wäre jede Fahrt, die er unternimmt, eine Schlacht, die er für sich entscheiden muss. Das Ganze ist gar nicht so abwegig. Immer und überall wird vom automatisierten Fahren gesprochen. Und ja, man wird natürlich auf Wunsch selber wieder das Steuer übernehmen können und blah, blah. ABER: Kein automatisiertes Auto wird je ein manuelles Getriebe haben. Selbstständig fahren und Handschaltung, das funktioniert einfach nicht. Obwohl auch der Type R über ein paar Assistenten verfügt, ist er eine fahrende Antithese zur Automation. Es gibt vieles, was für ihn spricht, doch auch einiges, was gegen ihn spricht – das geht allerdings im Rausch der Sinne völlig unter. Denn dieser kleine, griffige und kühle Alu-Schaltknauf… Es war Liebe beim ersten Schaltmanöver.

Der Honda Civic Type R lässt sich ganz einfach beschrieben: «Fast & Furious» – mit dem Unterschied, dass beim Honda alles Serie ist. Ja, die Ü30er und Öko-Tunten werden ihn als prollig empfinden. Für mich ist er einfach nur geil. Wer etwas auf dem Kasten hat, soll dies schliesslich auch zeigen dürfen. Wirklich schade finde ich, dass es die Diablo-Rücklichter vom Concept Car nicht in die Serie geschafft haben. Doch die martialische Karosserie und die dicken Spoiler sind nicht bloss Zierde.

Honda Civic Type R
Dat Ass.

Sie verhelfen dem Type R zu einer ausgeklügelten Aerodynamik, was in einer Vmax von 270 km/h resultiert. Dieser Wert macht den Honda zum König der Kompakten, da kann keiner mithalten. Selbst böse Buben wie der Ford Focus RS wirken im Vergleich zum Type R geradezu zahm. Ein Golf R sollte vor Scham im Boden versinken. Mit ist gerade noch eine weitere, simple Beschreibung für den Honda eingefallen…

Honda Civic Type R
… Like a Boss!

Es sind viele kleine Details, welche summiert ein geniales Ganzes ergeben. Der Type R macht keinen Hehl daraus, dass er ein Rekordträger ist (7:50 auf der Nordschleife = schnellster Fronttriebler). Er hat zwar eine mehr oder weniger kompakte Form, aber im Grunde seiner Herzens ist er ein Sportwagen. Und er gibt herrliche Geräusche vor sich: Erst schnalzt die straffe Kupplung leise, sobald sie durchgedrückt wird. Der aufgeladene 2,0-Liter Turbo erwacht mit einem sonoren Brummeln zum Leben und mit einem Klacken wird der erste Gang eingerastet. Los geht’s.

Honda Civic Type R
Der Flügel alleine ist ein Kaufgrund.

Der Honda kann zahm gefahren werden. Einmal kurz beschleunigen, klack-klack, und schon cruist man im 6. Gang mit 50 km/h durchs Dorf. Erstaunlicherweise erträgt der Turbomotor tiefste Drehzahlen ohne Murren. Trotzdem ist er nicht fürs Cruisen gemacht. Das Fahrwerk federt herb über alles hinweg und bereits bei niedrigem Tempo werden die Abrollgeräusche laut. Auf der Autobahn hört man zwar dank der tollen Aerodynamik kaum Windgeräusche, aber der Motor brummt laut vor sich hin und die Reifen machen einen Riesen-Krach. Ich kann aus Erfahrung sagen, dass man es dennoch stundenlang aushält. Die Federung ist gerade noch erträglich und die strammen Schalensitze sind dank Velours-Bezug erstaunlich bequem. Doch nun erkläre ich euch, wie und warum man sich mit diesem Auto in Ekstase fahren kann.

Honda Civic Type R
Ein Detail…

Es ist dieser kleine, griffige, kühle Alu-Schaltknauf, der keck aus der Mittelkonsole ragt. Glaubt mir, ein dermassen knackiges, präzises und intensives Schaltgefühl erlebt man heutzutage nur noch höchst selten – und wenn, dann in reinrassigen, hochpreisigen Sportwagen. Sein Getriebe ist wahrlich ein Alleinstellungsmerkmal in seiner Klasse. Für das ultimative Fahrerlebnis muss man noch den hinter dem Lenkrad versteckten «+R» Knopf drücken. Dann werden Lenkung und Fahrwerk versteift, die Gasannahme wird noch giftiger. Zeit, den Type R losstürmen zu lassen.

Honda Civic Type R
… ist schöner als das andere.

Was dann passiert, lässt einen daran zweifeln, dass man in einem Kompaktwagen sitzt. Im ersten Gang sind aufgrund Frontantrieb Traktionsprobleme vorprogrammiert, ausserdem zerrt er gewaltig an der Lenkung. Besser, man schaltet früh genug in den zweiten Gang. Der Type R lechzt nach Drehzahlen, er dreht unglaublich gierig und rasend schnell hoch. Schaltdioden blitzen bei hohen Drehzahlen auf, damit man nicht bei 7000 Umdrehungen in den Begrenzer rasselt. Der Vierzylinder brüllt, was er kann, der Sound ist vollkommen echt und ehrlich. Aber noch viel geiler ist der Turbo. Der zischt, faucht und schnaubt bei der Gaswegnahme, dass einem fast schon Angst und Bange wird. Doch der Type R kann nicht nur rasen, brüllen und schnauben. Er kann auch Kurven fahren. Und wie er das kann.

Honda Civic Type R
Ein weiterer Kaufgrund – der wohl beste Kaufgrund.

Man hat im Type R bei vollem Einsatz alle Hände voll zu tun. Zweiter Gang, Vollgas. Eine Hand hält das Lenkrad unter Kontrolle, die andere umfasst den külen Schaltgriff und bereitet sich auf das Schaltmanöver vor. Das wütende Motorgeräusch und die Schaltdioden weisen auf den richtigen Zeitpunkt hin. Zack, nächster Gang reingeworfen, noch ein bisschen beschleunigen, noch ein bisschen, noch ein bisschen und dann in die Eisen. Die Brembo Bremsanlage gehört zum bissigsten, was jemals in einen Kompaktwagen verbaut wurde.

Honda Civic Type R
Bitte Platz nehmen. Und ja, die Sitze müssen Rot sein.

Gnadenlos verzögert der Type R, das Bremspedal drückt kräftig dagegen – perfekt! Ab in die Kurve und ab dem Scheitelpunkt wieder aufs Gas, den Rest erledigt das mechanische Sperrdifferential. Der Type R wird wie von Geisterhand in die Kurve geschoben und trotz Vollgas ist von Untersteuern keine Spur. Das Fahrwerk ist im R-Modus so bretthart, dass keinerlei Seitenneigung oder Wankbewegungen auftreten. Dieses Spiel aus Beschleunigen, Hochschalten, Beschleunigen, Bremsen, Runterschalten, Einlenken und Beschleunigen – ich könnte es ewig lange wiederholen. Warum?

Honda Civic Type R
Innen leider nicht ganz so schön wie aussen.

Es ist diese Harmonie. Diese perfekte Abstimmung. Die Kompromisslosigkeit. Der Honda mag es hart und dreckig, er will von einer wissenden, führenden Hand gelenkt werden. Alles an diesem Auto ist hart und unbarmherzig, doch in Summe entsteht daraus die heisseste Fahrmaschine mit Frontantrieb. Er ist wild und rau, priorisiert die Fahrdynamik höher als den Komfort und die Alltagsauglichkeit. Er macht… süchtig.

Honda Civic Type R
Sobald der Zeiger auf die rechte Seite gelangt, wird es lustig.

Wenn die Sucht zugeschlagen hat, werden all die schlechten Eigenschaften vom Type R plötzlich belanglos. Wen interessiert’s, dass der Type R einen so dermassen grossen Wendekreis hat, dass er so unhandlich wie ein Riesen-SUV ist? Dann die geringe Zuladung von nur 300 Kilo. Als ob es nichts Wichtigeres gäbe. Das billige Halogen-Fernlicht, welches kaum weiter strahlt, als das LED-Abblendlicht; ganz schlimm. Oder der optische Fauxpas, dass die Räder nicht bündig mit der Karosserie abschliessen. Last but not least das altbackene Navi, welches hin und wieder mit Orientierungsproblemen zu kämpfen hat. Weltuntergang!

Honda Civic Type R
Und noch ein schönes Detail: Die Seriennummer des eigenen Type R.

Selbst wenn ich die Liste mit den Kritikpunkten noch weiter ausführen müsste – ich würde mir so einen Type R anschaffen, wenn meine finanzielle Situation es zulassen würde. Denn als Type R GT mit hochwertigerer Ausstattung kostet er unglaubliche 39’900 Franken und bis auf die Metallic-Lackierung ist alles inklusive. Ein wahrer Kampfpreis. Ah Moment, ein weiterer Schwachpunkt ist mir gerade eingefallen! Man sieht den prächtigen Heckflügel im Innenspiegel leider nicht. Das ist wirklich schade…

Honda Civic Type R
Der Type R ist kompromisslos. Das macht ihn zum heissesten und besten Hot Hatch mit Frontantrieb.

Alltag 3.5 Stars

Die geringe Zuladung und der riesige Wendekreis sind sicherlich Punkte, die der normale Civic besser beherrscht. Ausserdem ist der Type R hart und laut. Man muss es mögen. Die Platzverhältnisse sind jedoch okay und der Kofferraum ist überraschend gross.

Fahrdynamik 5.0 Stars

Was für eine Kanonenkugel! Der Type R ist definitiv die heisseste Kiste mit Frontantrieb! Er fährt sich nicht nur enorm schnell und präzise, sondern sprüht im Gegensatz zu gewissen Produkten aus dem Volkswagen-Konzern an Emotionen. Und dieses Getriebe erst…

Umwelt 3.5 Stars

Der Testverbrauch von 8,7 l/100 km ist kein besonderer Wert, aber angesichts der Leistung akzeptabel.

Ausstrahlung 5.0 Stars

Mit seinem Design wie ein Krieger polarisiert der Civic Type R enorm. Wahrscheinlich sieht man ihn deswegen nie auf der Strasse. Aber glaubt mir, er fährt sich so, wie er aussieht: Brachial.

Fazit 4.5 Stars

+ Scharfes Design
+ Grosser Kofferraum
+ Magic Seats (Rücksitze zum hochklappen)
+ Sehr bequeme, ganz fest zupackende Schalensitze
+ Geiler Sound
+ Fantastisches Getriebe
+ Ultra-direktes Handling
+ Tolle Fahrleistungen
+ Mechanisches Sperrdifferential
+ Extrem bissige Bremsanlage
+ Beste Vmax aller Kompakten
+ Sehr fairer Preis
+ Umfangreiche Ausstattung

– Übereifriger Kollisionswarner (deaktivierbar)
– Riesiger Wendekreis
– Laute Fahrgeräusche auf der Autobahn
– Geringe Zuladung
– Zickiges Navi
– Kein LED-Fernlicht

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellHonda Civic Type R
Preis Basismodell / Testwagen36 900 CHF / 40 650 CHF
AntriebBenzin, Frontantrieb
Hubraum / Zylinder1996 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe6-Gang manuell
Max. Leistung228 kW bei 6500 r/min
Max. Drehmoment400 Nm bei 2500 - 4500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h5,7 s
Vmax270 km/h (elektronisch abgeregelt)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz7,3 l/100 km / 170 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz8,7 l/100 km / 203 g/km / +19%
Länge / Breite / Höhe4,39 m / 1,88 m / 1,46 m
Leergewicht1397 kg
Kofferraumvolumen475 - 1404 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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