Hyundai Genesis: Der Mittelstand strebt nach Höherem

Hyundai Genesis: Der Mittelstand strebt nach Höherem

Man mag es kaum glauben, aber es ist tatsächlich ein Hyundai Logo, was am Heck dieses 5-Meter-Schiffes prangt. Der Grund, warum ihr diesen koreanischen Luxusliner wahrscheinlich noch nie gesehen habt, ist simpel: Er ist in der Schweiz nicht erhältlich – zumindest nicht auf dem offiziellen Weg. Meiner Meinung nach sehr bedauerlich. Ich mag sportliche Autos wirklich sehr und Hyundai kann noch so oft betonen, dass der Genesis eine Sportlimousine sei: er ist es nicht, er ist ungefähr so handlich, agil und präzise wie ein Frachtkahn. Trotzdem habe ich dieses Auto ins Herz geschlossen. Aber ich habe ohnehin einen Hang zu Exoten.

Der Genesis ist ein typischer Designmix. Vorne ein bisschen BWM, hinten ein bisschen Infiniti. Aber das Ergebnis kann sich sehen lassen. Flach und schnittig steht der Genesis auf der Strasse und wirkt trotz seiner Grösse nicht protzig oder behäbig. Einzig der Grill ist ganz klar auf den amerikanischen Markt zugeschnitten. Man sieht es dem Genesis nicht an, aber mit einem cW-Wert von nur 0,26 ist er viel windschnittiger als mancher Sportwagen.

Hyundai Genesis
Der grosse, verchromte Kühlergrill ist auf den amerikanischen Geschmack getrimmt.

Nähere ich mich dem Genesis, klappt er zur Begrüssung die Aussenspiegel aus und illuminiert die Türgriffe. Möchte ich den Kofferraum beladen und habe keine Hände frei, muss ich nicht wie ein Behinderter unter das Auto «treten», sondern warte einfach drei Sekunden mit dem Schlüssel in der Tasche hinter dem Auto. Anschliessend öffnet sich der Kofferraumdeckel ganz alleine. It’s magic. Soweit, so dezent, aber der Genesis hat soviel Selbstvertrauen, dass beim Öffnen der Türe das Genesis Logo auf den Boden projiziert wird.

Hyundai Genesis
Damit man weiss, was vor einem steht.

Der Innenraum ist beleuchtet wie ein Fussballstadion, während ich mich auf den weichen Sitz fallen lasse. Ein leichter Zug an der Türe, damit sie sanft schliesst, doch dummerweise rastet sie nicht vollständig ein. Kein Problem, denn der Genesis zieht die Türe selber ganz zu. Ich weiss innen gar nicht, was ich zuerst berühren soll. Den Velours-Dachhimmel? Die Verkleidung aus Esche? Die Zierleiste aus Aluminium? Das feine Leder der Sitze? Das Armaturenbrett besteht zwar «nur» aus geschäumten Kunststoff, aber ansonsten ist das Ambiente im Genesis hochklassig. Dass alles piekfein verarbeitet ist, versteht sich von selbst. Selbstverständlich lässt sich mein Sitz in alle nur erdenkliche Positionen einstellen und abspeichern.

Hyundai Genesis
Erstklassige Sitze, riesiges Panoramadach.

Ich geniesse als Fahrer Sitzheizung oder -Belüftung, aber dieses Privileg haben alle Passagiere, auch jene im Fond. Von dort kann man übrigens das gesamte Mediasystem steuern, welches durch seine intuitive Bedienung und die Möglichkeit, via Touchscreen oder Knöpfe zu interagieren, gefällt. Dank dem riesigen Panoramaschiebedach scheint der Mond ins Wageninnere und ich könnte glatt einschlafen, aber der Genesis ist zum Fahren da. Darum erwecke ich mit einem Druck auf den Startknopf den Motor zum leben.

Hyundai Genesis
Feudale Sitze auch hinten. Die Neigung der Rückbank lässt sich verstellen.

Der 3,8-Liter V6 säuselt im Leerlauf dahin. Es ist ein Motor alter Schule. Keine Aufladung, reiner Hubraum. Dies hat seine Vor- und Nachteile, wobei die Vorteile vorerst klar überwiegen. Der V6 verrichtet seinen Dienst äusserst leise und ist an Geschmeidigkeit kaum zu überbieten. Wer gemächlich dahinrollt, hört weder vom Motor etwas, noch spürt man die Gangwechsel der 8-Gang Automatik. Dass das ganze Auto auf Ruhe getrimmt ist, zeigt auch ein kleines Detail: Beim Öffnen oder schliessen der Fenster verlangsamt die Mechanik, damit das ganze möglichst leise vonstatten geht. Im Genesis fährt man nicht, man schwebt. Da er vor allem für den amerikanischen und asiatischen Markt gedacht ist, ist der Genesis nie im Fitness-Studio gewesen. Bodenwellen und sonstige Unebenheiten federt er gekonnt weg.

Hyundai Genesis
Kommandozentrale im Fond.

Wer sich auf eine Passstrecke wagt, sollte sich insbesondere vor sehr engen Kurven in Acht nehmen. Der V6 hat zwar mit 232 kW ordentlich Power, doch bei einem stolzen Leergewicht von 2150 Kilo ist der Genesis nicht übermotorisiert. Ein Genuss ist dafür der ehrliche, schöne V6 Sound, den man ohne irgendwelche Verstärker oder künstliches Gedröhne geniessen kann. Längsagilität ist dem Genesis also gegeben, aber mit der Querdynamik ist es nicht weit her. Während das Bremspedal noch ein recht gutes Gefühl vermittelt, sind Lenkung und Fahrwerk einfach nicht für sportliche Eskapaden gedacht. Selbst wenn im Sportmodus alles ein wenig gestrafft wird, so bleibt die Lenkung zu unpräzise und indirekt, ausserdem beginnt der Genesis bei engen Kehren über alle Viere zu rutschen und strafft die Sicherheitsgurte, da er eine mögliche Kollision befürchtet. Trotz Allradantrieb ist dieses Auto komplett auf Komfort und Sicherheit getrimmt. Geschwungene, breite Landstrassen hingegen liegen dem Genesis gut.

Hyundai Genesis
Viele werden den edlen Genesis wahrscheinlich nicht einmal als Hyundai identifizieren.

In seinem Element ist die grosse Limousine auf der Autobahn. Nebst der Ruhe an Bord und dem sehr hohen Fahrkomfort nimmt es auch der Motor sehr gemütlich. Bei Tempo 130 stehen lediglich 2250 Umdrehungen an, was sich positiv auf den Verbrauch auswirkt. Aber zu diesem Thema kommen wir noch. Das Tolle am Genesis ist, dass er alles an Bord hat, was auf der Autobahn von Vorteil ist. Adaptiver Tempomat, aktiver Spurhalteassistent und Tot-Winkel-Warner. Aber das ist noch nicht alles. Weiter an Bord sind ein HUD, ein Parkassistent, ein Notbremsassistent, 360° Surround View, Kurvenlicht und automatisches Fernlicht.

Hyundai Genesis
Design, Ausstattung, Fahrkomfort, Luxus im Fond und der Preis sind seine ganz grossen Stärken.

Besonders positiv aufgefallen ist mir der Tot-Winkel-Warner. Einerseits hat er auf italienischen Autobahnen schon sehr früh reagiert, wenn jemand mit deutlich höherem Tempo an mir vorbeigeschossen ist und zweitens wird die optische Warnung nicht nur im Aussenspiegel, sondern auch im HUD dargestellt. Tolle Sache! Des Weiteren hat der Genesis einen CO2-Sensor an Bord, der dafür sorgt, dass richtig viel Frischluft in den Innenraum gelangt, wenn die CO2-Konzentration an Bord steigt und die Konzentration des Fahrers nachlassen könnte. Somit wären wir wieder beim Thema Sicherheit, was dem Auto sehr am Herzen liegt und leider auch die Freude am adaptiven Tempomat etwas trübt. Der bremst nämlich schon sehr früh, wenn er ein Auto im Voraus erkennt. Ausserdem reagiert er bei engeren Kurven auch mal auf das Auto auf der Spur nebenan, was natürlich nicht passieren sollte.

Hyundai Genesis
Der Genesis braucht sich vor niemandem zu verstecken.

Doch ihr kennt alle bestimmt das Gefühl, dass man jemanden oder etwas so sehr mag, dass man gerne über die Schwächen hinwegsieht? So ist es bei mir mit dem Genesis. Ja, der adaptive Tempomat ist übervorsichtig. Ja, 10,6 Liter auf 100 Kilometer zu verbrennen, ist nicht vorbildlich. Ja, die Agilität lässt deutlich zu wünschen übrig. Und ja, ich werde ein bisschen überheblich, aber warum wurde auf eine Massagefunktion verzichtet?

Hyundai Genesis
Die kommenden Genesis Modelle tragen überhaupt kein Hyundai Logo mehr.

Aber diese Kritikpunkte verblassen, wenn ich mich wieder in die weichen Sitze fallen lassen, dem kultivierten V6 lausche und den unschlagbaren Fahrkomfort sowie die vollständige Ausstattung geniesse. Gemäss Hyundai würden die Lancierungs- und Kommunikationskosten für den Genesis in keinem Verhältnis zu den Absatzzahlen stehen. Da auch Lexus und Infiniti mit ihren Premium-Limousinen nicht vom Fleck kommen und die deutsche Konkurrenz sowieso unantastbar ist, bleibt der Genesis in der Schweiz Wunschdenken. Schade, ist die Mehrheit so ein Gewohnheitstier. Dabei ist der Genesis nicht nur eine sehr gute Luxuslimousine, sondern, typisch Hyundai, preislich extrem attraktiv. In Deutschland ist er – zwar auch nur sehr limitiert, aber immerhin – für 65’500 € erhältlich. Und zwar mit allem drum und dran, nicht einmal Metallic-Lack kostet extra. Damit ist er massiv günstiger als vergleichbare Konkurrenz.

Hyundai Genesis
Vielleicht schafft es Genesis eines Tages, aus dem Schatten zu treten.

Doch die Hoffnung stirbt zuletzt. Hyundai hat Genesis kürzlich als eigenständige Luxusmarke positioniert, sowie jüngst Citroën DS als eigenständige Premium-Marke definiert hat. Ob und wann Genesis-Modelle nach Europa und in die Schweiz importiert werden, ist noch offen. Ich persönlich hoffe wirklich sehr, dass man sich bei Hyundai einen Ruck gibt. Denn wäre der getestete Genesis mit einem moderneren Motor ausgerüstet und weniger schwammig abgestimmt… Er wäre das erste Auto auf meinem Blog, das keine Minuspunkte kassieren würde.

Alltag 

Trotz seiner Grösse ist er nicht unhandlich. Platz und Komfort ist reichlich vorhanden, jedes verfügbare Assistenzsystem ist im Genesis eingebaut. Einzig der hohe Verbrauch trübt die Alltagstauglichkeit.

Fahrdynamik 

Sind wir Europäer eigentlich die einzigen, die Fahrdynamik zu schätzen wissen? Der Genesis ist zu soft, zu schwammig, zu wenig verbindlich.

Umwelt 

Einerseits ist der Verbrauch von 10,6 l/100 km natürlich hoch. Andererseits er ist auch ein riesiges, schweres Schiff. Und da der Normverbrauch sogar 11,6 l/100 km beträgt, finde ich, ist der Genesis gar nicht so ein Schluckspecht.

Ausstrahlung 

Alleine die Tatsache, dass es ihn in der Schweiz nicht gibt, lässt ihn auffallen. Aber er sieht auch sehr gut aus. Schnittig und elegant, wie man es von einer Limousine seines Formats erwartet.

Fazit 

+ Unschlagbarer Fahrkomfort
+ Sehr viel Platz
+ Magische Heckklappe
+ Verstellbare Rückbank
+ Multimedia-Bedienung vom Fond aus
+ Sehr bequeme Sitze
+ Alle Assistenzsysteme erhältlich
+ Schickes Design
+ Edle Materialien, top Verarbeitung
+ Komplette Sicherheitsausstattung
+ Schöner Motorsound
+ Intuitives Mediasystem
+ Preislich extrem attraktiv (in Deutschland)

– Unpräzises, schwammiges Handling
– Hoher Verbrauch
– Übervorsichtiger adaptiver Tempomat

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellHyundai Genesis
Preis Basismodell / Testwagen65 500 € / 65 500 € (ca. 71 500 CHF)
AntriebBenzin, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder3778 ccm / V6
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Saugmotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung232 kW bei 6000 r/min
Max. Drehmoment397 Nm bei 5000 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h6,8 s
Vmax240 km/h (elektronisch abgeregelt)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz11,6 l/100 km / 270 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz10,6 l/100 km / 247 g/km / -8%
Länge / Breite / Höhe4,99 m / 1,89 m / 1,48 m
Leergewicht2150 kg
Kofferraumvolumen493 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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