Infiniti Q70

Der Infiniti Q70 stellt sich einer hohen Messlatte

Der Infiniti Q70 hat es alles andere als leicht. Da wären zum einen die Präferenzen des Schweizer Markts. Eine Limousine mit Heckantrieb zu verkaufen, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Zum anderen ist da meine bisherige Erfahrung mit dem Infiniti Q50. Der Q50 ist eines der genialsten Testautos gewesen, die ich jemals gefahren bin. Die Erwartungen an den Q70 – vor allem, da er in der Hierarchie über dem Q50 steht – sind daher entsprechend hoch. Da ist es ein Glück für den Q70, dass er als Sportvariante in Midnight Blue zum Test antritt, denn so bin ich erst einmal von seiner sportlich-eleganten Optik geblendet. Ich hoffe doch wirklich, dass ich nicht enttäuscht werde.

Alle jammern ständig herum, dass die Autos der verschiedenen Hersteller sich immer ähnlicher sehen und überhaupt werde ständig kopiert. Dieses Heck schaut ähnlich aus wie jenes Heck, diesen Kühlergrill haben sie dort abgekupfert, usw. Solche Probleme hat der Q70 nicht. Kein einziger Q70 ist im laufenden Jahr bisher zugelassen worden, was bedeutet, dass sich die Leute neugierig nach der grossen Limousine umdrehen und sich fragen, was das für ein Auto ist. Schönheit liegt ja bekanntlich in den Augen des Betrachters, aber der Q70 verfügt schon über ein mehrheitsfähiges Design. Die grosse Limousine wirkt von vorne sehr entschlossen und sportlich, ohne, dass der Kühlergrill überdimensionale Grössen annimmt.

Infiniti Q70
Das Aussendesign wurde an den Q50 angenähert. Sieht sehr schön aus.

Obwohl der Q70 mit knapp fünf Meter Länge ein echtes Schiff ist, wirkt die Seitenlinie sehr elegant und überhaupt nicht gestreckt. Toll auch, dass das Heck nicht so bieder und langweilig wirkt, wie bei vielen anderen Autos. Das geschwungene Heck mit dem bösen Blick der Rücklichter sorgt für einen angemessenen Abgang. Nur eine Kleinigkeit stört: Die Abschleppöse. In einem so edlen Auto ist gefälligst darauf zu achten, dass dieses Bauteil nicht sichtbar ist.

Infiniti Q70
Auch ein schöner Rücken kann entzücken. Aber: Die Abschleppöse ist unten rechts sichtbar.

Nimmt man im Q70 Platz, fühlt man sich vom Auto umschlungen. Während viele Hersteller auf eine horizontale, geradlinige und cleane Gestaltung achten, scheint Infiniti einen ganz anderen Weg zu gehen. Das gesamte Interieur scheint aus geschwungenen und fliessenden Flächen zu bestehen. Ausserdem gibt es jede Menge zu entdecken, denn Infiniti hat die Knöpfe auf die Türe, links und rechts neben den Instrumenten, links unter dem Lenkrad, auf dem Lenkrad und besonders viele auf der Mittelkonsole platziert. Das macht die Bedienung zwar nicht zum Rätsel, aber intuitiv ist anders. Dafür muss man Infiniti dagegenhalten, dass sie an die Ergonomie gedacht haben. Die Wölbung in der Mittelkonsole sorgt nämlich dafür, dass man das Infotainmentsystem ganz easy und bequem bedienen kann, da der Arm und die Hand eine möglichst natürliche Position einnehmen können. Seiner Klasse würdig ist zudem das Bose Soundsystem, welches sogar auf den Sitzen über je zwei Lautsprecher verfügt. Eher unwürdig sind dafür die Knarzgeräusche der Mittelkonsole. Auch das pixelige Infodisplay und die rustikale Navikarte hätte Infiniti im Zuge des Facelifts überarbeiten sollen. Es reicht nicht, nur das Aussendesign an den Q50 anzupassen.

Infiniti Q70
Elegante, nicht zu lange wirkende Seitenlinie.

Die angeblichen Sportsitze sind ganz klar eher Komfortsitze. Der Seitenhalt ist nur schwach, dafür sind die massiven Sitze unglaublich bequem und verfügen über ein Ventilation. Auch im Fond sitzt es sich ausgesprochen bequem, auch wenn die Platzverhältnisse nicht so üppig sind, wie man es von fünf Meter Länge erwarten würde. Interessanterweise fasst der Kofferraum mit 450 Liter Volumen 50 Liter weniger als der Benziner.

Infiniti Q70
Fliessendes Interieurdesign.

Jedes Mal, wenn ich den Q70 gestartet habe, musste ich ein wenig schmunzeln. In unseren Breitengraden ist der Q70 ein sehr spezielles Auto, alleine aufgrund seines Seltenheitswerts. Und was steckt unter der Haube? Einer der am meist verbreiteten Motoren überhaupt! Es handelt sich um den 125 kW leistenden 2,2-Liter Diesel von Mercedes, in Fachkreisen auch als OM 651 bekannt. Der Motor kommt in allen Mercedes zum Einsatz, die mit dem Kürzel 220 CDI (neu: d) enden – und das sind eine ganze Menge. Aber wie zum Teufel schafft es dieses Aggregat in den Infiniti? Des Rätsels Lösung liegt in der Kooperation zwischen Renault-Nissan und Daimler. Da sich in Infinitis Hauptmärkten Japan und Amerika so gut wie niemand für einen Diesel interessiert, kauft ihn Infiniti lieber bei Mercedes ein, anstatt selber einen zu entwickeln. Der Diesel ist gleichzeitig die Basismotorisierung. Neben dem Selbstzünder sind noch ein durstiger V6 Benziner und ein kräftiger Hybridantrieb erhältlich. Ich finde, der Dieselmotor passt hervorragend zur grossen Limousine. Der Benziner verbraucht viel zu viel und der Hybridantrieb ist zu leistungsfähig für den gemütlichen Japaner.

Infiniti Q70
Die Ergonomie ist perfekt, aber insgesamt sind es arg viele Knöpfe.

Der Textwagen tritt in der Ausstattung Sport Tech zum Test an und ein neckisches, rotes S neben dem Modellschriftzug suggeriert nicht vorhandene Sportlichkeit. Optisch kommt das Sportpaket wunderbar zur Geltung, aber in der Praxis auf der Strasse wird schnell klar, was Sache ist. Dabei stelle ich mir das ESP im Q70 in etwa so vor: «Oh mein Gott, oh mein Gott, er rast mit 80 auf eine Haarnadelkurve zu, so brems doch endlich!» Am liebsten würde das ESP schon vor der Kurve das Tempo drosseln! Dann: «Oh je, wir stecken mitten in der Kurve, wir sind zu schnell und, oh mein Gott, er geht am Scheitelpunkt schon wieder aufs Gas! Den Anker werfen, sofort!»

Infiniti Q70
Sogar auf den Sitzen finden sich Lautsprecher.

Ehrlich, ich übertreibe nicht. Ein dermassen rigoroses ESP ist mir noch nie untergekommen, weshalb ich es vor jeder Strecke mit ein paar Kurven deaktiviert habe. Ohne ESP läuft es dann folgendermassen ab: Ich fahre mit 80 auf eine Haarnadelkurve zu (okay, vielleicht waren es auch ein paar Stundenkilometer mehr) und versuche mit der indirekten Lenkung die Fuhre in die Kurve zu werfen. Noch vor dem Scheitelpunkt quietschen die Reifen, aber der Kurs stimmt noch. Der Scheitelpunkt ist passiert, ich gehe aufs Gas und erwarte Untersteuern. Falsch gedacht, denn plötzlich macht das Heck einen gewaltigen Schwung und da die Lenkung wie gesagt kein Ausbund an Direktheit und Präzision ist, ist ein ausbrechender Q70 alles andere als ein Vergnügen. Das ESP ist anschliessend deaktiviert geblieben, aber um die Reifen und meine Nerven zu schonen, habe ich mich anschliessend gemässigt. Die grossen, feststehenden Leder-Magnesium Schaltwippen aus dem Nissan GT-R sehen und fühlen sich natürlich klasse an, aber sie sind wie das rote S am Heck: Sie gaukeln einem nur etwas vor…

Infiniti Q70
Er sieht sportlich aus, in Wahrheit ist er aber ein Gleiter.

Aus diesem Grund passt der Diesel so gut zum Auto. Am besten überlässt man die Automatik sich selber und fährt ganz gemütlich im Verkehr mit. Der Abstandsradar ist nämlich auch bei deaktiviertem Abstandstempomat aktiv und verhindert, dass man zu nahe an den Vordermann auffährt, indem das Gaspedal Gegendruck ausübt und das Auto selber bremst. Solange man nicht auf eine Kreuzung zufährt, kann man den Q70 prinzipiell nur mit dem Gaspedal fahren. Ungewöhnlich, aber herrlich entspannend. Ungewöhnlich auch das wunderbare Fahrwerk. Keine unnötige Härte, der Q70 federt schön und geschmeidig. Apropos geschmeidig. Wenn der Dieselmotor aus dem Mercedes-Regal für etwas bekannt ist, dann dafür, dass Laufruhe ein Fremdwort für ihn ist. Im Q70 ist von ihm jedoch wenig zu hören. Das liegt aber nicht an Modifikationen am Motor, denn von aussen rattert OM 651 seit eh und je wie ein Traktor. Innen herrscht Ruhe, weil ein Active Noise Cancelling System mit Gegenfrequenzen störende Geräusche minimiert.

Infiniti Q70
Edle, feststehende Schaltwippen aus dem Nissan GT-R.

Wortwörtlich erschüttert wird die Ruhe aber auf der Autobahn, denn ab Tempo 100 aufwärts sind Vibrationen spürbar gewesen. Das ganze Auto schien leicht zu zittern. Ein Infiniti Verkäufer hat mir aber versichert, dass womöglich die Reifen des Testwagens ausgewuchtet werden müssen. Eine Probefahrt mit einem Hybrid hat gezeigt, dass das Problem tatsächlich am Testwagen zu liegen scheint, denn im Hybrid herrschte wirklich Stille. Auf der Autobahn schwelgte ich ihn Erinnerungen zum Q50. Dessen Spurhalteassistent war nämlich in der Lage, das Auto alleine zu steuern und das Beste war: Er motzte nicht mal, wenn das Lenkrad losgelassen wurde. Hallo autonomes Fahren! Auch der Q70 verfügt über einen Spurhalteassistenten, der vor allem für eines da ist: Um ihn zu deaktivieren. Anstelle das Auto in der Spur zu halten oder wenigstens sanft Gegenzulenken, piepst der Assistent penetrant herum und bremst zu allem Übel auch noch ab. So… Es wird Zeit, Bilanz zu ziehen.

Infiniti Q70
Einfache, klassische Instrumente. Das zentrale Infodisplay ist völlig aus der Zeit gefallen.

Ich bin vom Q70 alles andere als enttäuscht. Aber, es gibt schon gewisse Punkte zu bemängeln. Allerdings habe ich damit gerechnet, da der Q70 im Gegensatz zum Q50 nicht ganz neu ist. So gerne ich die schöne Limousine abseits des Mainstreams bedingungslos empfehlen würde, so leicht macht es mir Infiniti leider nicht, weil: Ein Fernlichtassistent und ein anständiger Spurhalteassistent gehören mittlerweile einfach in diese Klasse. Beides fehlt. Auch die Verarbeitungsqualität muss im Detail hochwertiger sein, die deutsche Konkurrenz verzeiht da überhaupt keine Fehler. Und natürlich muss der Q70 kein Feger sein, aber eine direktere Lenkung und vor allem ein lockereres ESP sind ganz weit oben auf der Wunschliste.

Infiniti Q70
Der Infiniti ist nicht überall auf der Höhe der Zeit, dafür aber zeitlos schön.

Ansonsten? Ich kann nur zu einer Probefahrt raten. Mich hat der Q70 in seinen Bann gezogen, das berühmte «Klick» hat stattgefunden, so dass ich ihm seine Mängel verzeihen würde. Erstens ist der komplett ausgestattete Testwagen mit 73’900 Franken günstiger als vergleichbare Konkurrenz und zweitens ist er einfach speziell. Er ist anders und das muss man mögen. Fragende und interessierte Blicke sind einem Gewiss, wenn man mit ihm vorfährt.

Alltag 

Das Fahren nur mit dem Gaspedal ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber bald möchte man das System nicht mehr missen. Da drängeln vom Auto verhindert wird, fährt man tiefentspannt und geniesst das himmlische Fahrwerk. Der Kofferraum ist zwar nicht riesig, genügt aber, wenn man keine sperrigen Gegenstände transportieren muss.

Fahrdynamik 

Der Q70 ist ein absoluter Sportmuffel. Motor und Getriebe lassen zwar eine zackige Fahrt durchgehen, aber das sanfte Fahrwerk und die weiche, indirekte Lenkung vermiesen den Fahrspass schnell. Zudem wirft das rigorose ESP umgehend den Anker. Mit ausgeschaltetem ESP lässt sich beschränkter Fahrspass geniessen. Immerhin fühlt sich der Q70 ziemlich handlich an.

Umwelt 

Nur 4,9 l/100 km verspricht der Normverbrauch, ein sensationeller Wert für eine zwei Tonnen schwere Limousine. Aber auch mit dem Testverbrauch von 6,5 l/100 km bin ich zufrieden, denn der Infiniti musste viele Bergstrassen über sich ergehen lassen. Eine Reichweite von über 1000 km mit einem Tank ist kein Problem.

Ausstrahlung 

Der Q70 sieht unglaublich edel aus und wirkt teurer, als er ist. Den Spagat zwischen Eleganz und Sportlichkeit haben die Japaner meisterhaft hingekriegt. Das Auto ist eine absolute Augenweide.

Fazit 

+ Faires Preis-Leistungs-Verhältnis
+ Sehr schönes Design
+ Hält im fliessenden Verkehr automatisch den Abstand (Fahren nur mit Gaspedal bedingt möglich)
+ Himmlisches Fahrwerk
+ Sehr bequeme Sitze
+ Bombastisches Soundsystem
+ Effektive Geräuschdämmung
+ Tiefer Verbrauch
+ Umfangreiche Serienausstattung

– Knarzgeräusche
– Schlechte Fahrdynamik, rigoroses ESP
– Unnützer Spurhalteassistent, kein Fernlichtassistent
– Rustikales Navi
– Zu viele Knöpfe im Innenraum

Marke / ModellInfiniti Q70
Preis Basismodell / Testwagen58'000 CHF / 73'900 CHF
AntriebDiesel, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder2143 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe7-Gang Doppelkupplungsgetriebe
Max. Leistung125 kW bei 3200 - 4200 r/min
Max. Drehmoment400 Nm bei 1600 - 2800 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h8,9 s
Vmax220 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz4,9 l/100 km / 129 g/km / B
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz6,5 l/100 km / 171 g/km / +33%
Länge / Breite / Höhe4,98 m / 1,85 m / 1,49 m
Leergewicht1997 kg
Koffer­raum­volumen450 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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