Jaguar F-Pace

Mädchen für alles: Jaguar F-Pace

Ich begegne den Informationen in Prospekten und Pressemeldungen immer mit einer gewissen Vorsicht und Skepsis. Schliesslich wird das eigene Auto vom Hersteller auf eine Art und Weise beschrieben, respektive beworben, als ob gerade das Rad neu erfunden worden wäre. Auch der neue F-Pace von Jaguar soll irgendwie alles unter einen Hut bringen: Er sei extrem praktisch und alltagstauglich, trotzdem sportlich und fahraktiv und etwas offroad könne er auch noch. Phu. Bei solchen Ankündigungen gehe ich in der Regel besonders akribisch auf Fehlersuche. Meine Ausbeute an Kritik ist am Ende des Tests jedoch ausgesprochen mager…

Grundsätzlich bin ich ziemlich fies zu den Testautos und lege besonderes Augenmerk auf das Aufspüren von Sachen, die mir nicht so recht in den Kram passen. Was nicht negativ auffällt, ist schon mal gut gemacht, wobei gut für mich eigentlich der Standard oder die Mindestanforderungen sind. Je mehr Dinge mir bei einem Auto besonders negativ auffallen, desto schlechter beurteile ich es und umgekehrt. In der Regel fallen mir aber die negativen Eigenschaften ziemlich schnell auf, während die positiven sich erst langsam im Verlauf des Tests herauskristallisieren. Nun, beim Jaguar F-Pace ist es genau umgekehrt, was bedeutet, dass Jaguar mit seinem ersten SUV vieles richtig gemacht haben muss.

Jaguar F-Pace
Die schlanke Fenstergrafik wirkt sportlich.

Ich muss zugeben, die meisten SUVs gefallen mir nicht besonders. Vor allem bei Marken, die mir durch besonders gutes Design gefallen, sorgt es mich, wenn sie auf den SUV-Zug aufspringen. Maserati zum Beispiel. Baut wunderschöne Autos, aber der Levante ist wirklich wüst. Oder Alfa Romeo. Wahre Schönheiten auf vier Rädern. Ich habe fast schon Angst vom Alfa SUV. So hatte ich auch bei Jaguar ein schlechtes Gefühl. Doch ich kann mittlerweile aufatmen. Mit seiner entschlossenen Front, der gewölbten Motorhaube, den verhältnismässig schmalen Fenstern und natürlich den F-Type Rücklichtern sieht der F-Pace richtig knackig aus. Einzig die 19″-Felgen sind beim Testwagen deutlich zu klein ausgefallen. Aber Jaguar hat Grössen bis zu 22″ im Angebot, von daher alles kein Problem.

Jaguar F-Pace
Zeigen, was man hat.

Die scharfe Optik weckt natürlich Erwartungen ans Fahrverhalten und da sind wir gleich beim nächsten Problem. In meinen Augen ist Jaguar ein Hersteller von sportlichen Autos und so ein SUV ist höher, hat mehr Masse – alles Faktoren, die einem sportlichen Handling nicht gerade förderlich sind. In Österreich hatte ich kurz das Vergnügen mit dem stärksten F-Type S, der hat mich schon ausgesprochen fröhlich gestimmt. Hier in der Schweiz steckt der bullige V6-Biturbodiesel unter der Haube und abermals werden meine Befürchtungen vom Tisch gefegt.

Jaguar F-Pace
Das R-Sport Design sieht rassig aus. Ohne das ist der F-Pace etwas braver.

Allgemein bin ich kein grosser Freund von Dieselmotoren, selbst wenn ich finde, dass sie recht gut zu SUVs passen. Mir gefällt halt dieser nagelnde Lärm nicht und gerade bei sportlichem Fahren ist bei einem Diesel meist häufig Feierabend. Da ist der V6-Diesel vom F-Pace aber ganz und gar nicht meiner Meinung. Dass es sich um einen Diesel handelt, lässt sich einzig dadurch feststellen, dass bereits bei 4500 Umdrehungen der nächste Gang ansteht. Wenn man mit offenem Fenster fährt, hört man ziemlich deutlich, dass unter der Haube ein Selbstzünder werkelt. Aber mit geschlossenen Fenster wabert ein echt guter Motorsound durch den Innenraum; da müssen die Jaguar Jungs ziemlich tief in die Trickkiste gegriffen haben. Doch das Tolle daran ist, dass der Sound echt ist. Irgendwie hat Jaguar es geschafft, dass nur die angenehmen Frequenzen direkt in den Innenraum geleitet werden, das doofe Nageln bleibt draussen. Well done!

Jaguar F-Pace
Klasse Sportsitze.

Auch beim Fahrverhalten bin ich absolut begeistert. Der F-Pace zieht nicht nur äusserst kräftig davon, er lenkt auch sehr spontan und direkt ein. Das adaptive Fahrwerk weiss den Spagat zwischen Komfort und Sportlichkeit souverän zu meistern, sodass der F-Pace sehr stabil und erstaunlich schnell durch Kurven zieht. Einzig das ESP ist von den Briten etwas vorsichtig abgestimmt, aber selbst in ihrem SUV kann man es zweistufig deaktivieren. Während das komplette Deaktivieren eher etwas fürs Offroad fahren ist, eignet sich vor allem das Trac-DSC (das ESP heisst bei Jaguar DSC) fürs Heizen auf den Strassen. Dann wird der F-Pace in Kurven sogar ziemlich biestig und beginnt hinten auszubrechen. Ich kann sagen, ganz so scharf wie ein Macan Turbo ist der F-Pace nicht. Aber ansonsten kenne ich kein SUV, in dem ich soviel Fahrspass hatte wie im F-Pace.

Jaguar F-Pace
Klar strukturiertes, hochwertiges Interieur. Das Mediasystem erfordert Eingewöhnung.

Dazu kommt, dass gerade beim F-Pace der Lifestyle Aspekt nicht zu kurz kommt. Das Auto ist cool, es ist zwar ein SUV, aber aufgrund seines progressiven Designs und auch wegen seiner Marke anders als die anderen SUVs. Clever gelöst ist der Activity Key. Gerade bei Outdoor Aktivitäten ist ein Autoschlüssel teils suboptimal, da er irgendwo deponiert werden muss oder das Risiko besteht, dass er verloren geht. Da kommt der Activity Key, ein Gummi-Armband mit einem RFID-Chip, ins Spiel. Einfach wie ein Schrittzähler ums Handgelenk binden, den Schlüssel im Auto lassen und losziehen. Einzig der Aufpreis von 400 Franken ist echt dreist, schliesslich ist der RFID-Empfänger im Auto eh schon dabei und 400 Franken für ein Gummiband mit RFID-Chip sind ziemlich grenzwertig. Doch die Preispolitik von Sonderausstattungen ist ohnehin DIE Geldmacherei schlechthin.

Jaguar F-Pace
Der Activity Key. Der Sensor am Auto steckt hinter dem J von Jaguar.

Überhaupt der Preis. Ich bin beim XF Test schon ziemlich erschrocken, aber ein Jaguar ist ein richtig teures Auto. Jaguar ködert zwar mit einem Preis ab 49’500 Franken, aber der Testwagen mit einem Preis von 107’420 Franken offenbart da schon eher das wahre Gesicht. Während ich beim XF eher skeptisch gewesen bin, finde ich, verdient der F-Pace diesen stolzen Preis eher. Denn der schicke SUV fährt sich nicht nur sehr sportlich, er ist viel praktischer, als man es seiner Silhouette zutrauen würde. Die Platzverhältnisse sind überall sehr gut, der Kofferraum ist riesig. Somit schafft es der F-Pace tatsächlich, verschiedene Gegensätze unter einen Hut zu bringen. So ganz nebenbei verfügt er auch noch über zahlreiche Assistenzsysteme und über ein sehr vielseitiges Multimedia-System. Dies ist zwar aufgrund seiner Fülle an Funktionen nicht von Anfang an sehr intuitiv zu bedienen, aber man findet sich mit der Zeit zu Recht. Schwach finde ich einzig, dass mit einem solch modernen System die Smartphone-Integration via Apple CarPlay nicht möglich ist.

Jaguar F-Pace
Nicht nur der Knackarsch vom F-Pace ist gelungen.

Ja und wenn ich mich nicht täusche, dann war das der erste deutliche Kritikpunkt am F-Pace. So viel zum Thema Schwächen entdecken… Am Ende vom Test wird dann leider noch deutlich, dass der tolle Motor ziemlich trinkfest ist. Der Verbrauch von 9,2 l/100 km liegt sehr deutlich über dem Normverbrauch. Das ist deswegen so schade, weil der F-Pace ansonsten beinahe als Musterknabe durchgegangen wäre. Er sieht gut aus, er ist praktisch, er kann einigermassen offroad und er ist sportlich. Mit dem sechsstelligen Preis zementiert Jaguar seinen Anspruch, eine Premium-Marke zu sein, nur zu deutlich. Aber was Begehrlichkeiten weckt, war halt noch selten günstig…

Jaguar F-Pace
Der F-Pace hebt sich vom SUV-Einerlei ab.

Alltag 

Das Raumangebot vom F-Pace ist fantastisch und übertrifft auch jenes vieler Kombis. Mit seiner Grösse liegt er noch im Rahmen, man braucht also auch vor Parkhäusern keine Angst zu haben. Diverse Assistenzsysteme unterstützen die Fahrt.

Fahrdynamik 

Für ein SUV ist der F-Pace äusserst sportlich. Vor allem der Motor dreht für einen Diesel leichtfüssig hoch und die Lenkung ist sehr direkt.

Umwelt 

Der Normverbrauch von 6,0 l/100 km klingt fantastisch, jedoch ist der Testverbrauch von 9,2 l/100 enttäuschend. Klar habe ich einen höheren Wert erwartet, aber gleich so viel?

Ausstrahlung 

Jaguar hat es geschafft, dass auch der F-Pace sportlich und anmutig erscheint. Er wirkt entschlossen, aber nicht protzig.

Fazit 

+ Sehr geräumiger Innenraum
+ Top Sportsitze
+ Ausgewogenes, adaptives Fahrwerk
+ Kerniger, drehfreudiger Diesel
+ Diverse Assistenzsysteme erhältlich
+ Direkte Lenkung
+ Schickes Design
+ Activity Key
+ ESP zweistufig deaktivierbar

– Hoher Verbrauch
– Hoher Preis
– Mediasystem nicht besonders intuitiv, keine Smartphone-Integration

Mängel am Testwagen

– Deutliches Knarzen aus dem Heckbereich. Grund dafür sind die Stossdämpfer. Das Problem ist bei Jaguar bekannt, mehrere Autos sind betroffen. Die Behebung dauert ca. 30 Minuten und erfolgt auf Garantie.

Steckbrief

Marke / ModellJaguar F-Pace
Preis Basismodell / Testwagen49 500 CHF / 107 420 CHF
AntriebDiesel, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder2993 ccm / V6
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Biturbomotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung221 kW bei 4000 r/min
Max. Drehmoment700 Nm bei 2000 r/min
Beschleunigung 0-100 km/h6,2 s
Vmax241 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz6,0 l/100 km / 159 g/km / D
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz9,2 l/100 km / 244 g/km / +53%
Länge / Breite / Höhe4,73 m / 1,94 m / 1,65 m
Leergewicht1884 kg
Kofferraumvolumen650 - 1740 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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