Jaguar XF

Jaguar XF: Business fürs Herz

Kennt ihr das Gefühl, dass ihr etwas (oder natürlich auch jemanden) so sehr mögt, dass ihr bereitwillig über die Schwächen hinwegschaut? Ich persönlich beispielsweise mag den XF so sehr, dass ich, das entsprechende Kleingeld vorausgesetzt, bereit wäre, ihn zu kaufen und über seine Schwächen hinwegzusehen. Es liegt im Ermessen jedermanns, zu beurteilen, wie einschneidend besagte Schwächen sind. Fakt ist, dass ein Jaguar immer Fahrfreude und auch ein Gefühl von Individualität und Exklusivität vermittelt. Fakt ist aber auch, dass sich der XF Patzer leistet, die in dieser Preisklasse eigentlich nicht mehr zu tolerieren sind.

Ich hatte vor kurzem aufgrund einer Arbeit etwas mit Zahlen zu tun, genauer gesagt, Zulassungszahlen. Die deutschen Premium-Marken Audi, BMW und Mercedes verkaufen in einem Jahr über 20’000 Autos, während Jaguar es auf ca. 1000 Autos bringt. Zugegeben, der Vergleich hinkt. Erstens haben die Deutschen ein viel breiteres Portfolio und zweitens liegt Jaguars Einstiegsmodell, der XE, schon eine Klasse höher als die entsprechenden Einstiegsmodelle der Deutschen. Trotzdem, die Aussage ist klar. Ein Jaguar ist deutlich seltener und somit exklusiver. Wobei das Design vom XF gar nicht so exklusiv daherkommt. Die sportliche Limousine wirkt von vorne schick und angriffslustig, während die Seitenlinie und das Heck sehr dezent wirken. Wie schon beim XE, versuchen die Designer durch die Rücklichter den Geist vom F-Type hinaufzubeschwören.

Jaguar XF
Der XF sieht dem XE von hinten zum Verwechseln ähnlich.

Der Innenraum wirkt durch und durch edel. Strukturiertes Aluminium, feines Leder über dem Armaturenbrett und noch viel feineres Alcantara am Dachhimmel schmeicheln dem Tastsinn. Wenig Knöpfe, intuitive Bedienung, tolle Sitze und eine schöne, auf Wunsch konfigurierbare Ambientebeleuchtung sorgen für ein behagliches Gefühl an Bord. Ebenfalls behaglich ist die Situation im Fond. Dank fast fünf Meter Länge bietet der XF viel Platz für die hinteren Passagiere, dank einer Ausbuchtung im Dachhimmel genügt auch die Kopffreiheit. Ungemütlich wird es dafür fürs Gepäck. Obwohl der Kofferraum nominell 540 Liter fasst, ist er sehr flach und tief, was äusserst unpraktisch ist. Ausserdem ist der gesamte obere Teil nackt, also ohne Verkleidung, was nun wirklich nicht dem Niveau eines Jaguars entspricht. Ebenfalls unerwünscht in dieser Preisklasse sind eine leicht knarzende Tür beim Öffnen sowie ein Navi, welches träger auf Eingaben reagiert, als ich nach fünf Bier.

Jaguar XF
Schöne Linienführung, eher elegantes als sportliches Design.

Glücklicherweise verfügt mein Testwagen über den herrlichen 3,0-Liter V6 mit Kompressoraufladung. Warum glücklicherweise? Klar, ich kann nicht leugnen, dass ich mich über die Leistung von 250 kW freue. Doch die Perfektion der deutschen Premiumkonkurrenz hat in diesem Segment ein derart hohes Niveau erreicht, dass dem Jaguar XF bloss noch die Argumente Charme und Motor übrig bleiben. Und die beiden Argumente hängen erst noch eng zusammen, denn wieviel Charme ein Vierzylinder-Diesel bietet, das möchte ich nicht kommentieren. Klar, Jaguar bietet den Motor an, um konkurrenzfähig zu sein, doch ohne Kombivariante wird Jaguar bei den Flottenkunden wohl chancenlos bleiben. Ob es einen XF Sportbrake gegen wird, möchte man bei Jaguar derzeit nicht kommentieren. Ich persönlich halte keinen Kommentar aber für eine recht gute Antwort, denn das bedeutet, dass das Thema intern noch nicht vom Tisch ist und man weiterhin auf einen schnittigen Kombi hoffen darf.

Jaguar XF
Sehr edle Materialien, top Sitze und Ergonomie, aber ein lahmes Media-System.

Zurück zum XF und seinen Chancen. Ich möchte an dieser Stelle nicht missverstanden werden, denn ich mag die Autos von Jaguar sehr gut und es gibt am Fahrverhalten auch absolut nichts auszusetzen. Der XF fährt geschmeidig und ruhig, wenn man als Fahrer entspannt ist, doch er fährt sich auch präzise und sehr sportlich, wenn es darauf angelegt wird. Der V6-Sound schmeichelt dabei den Ohren. Auch technisch ist der XF mit adaptivem LED-Licht, adaptivem Tempomat und Stau-Assistent, Tot-Winkel-Warner, Spurhalteassistent und Park-Assistent grösstenteils auf der Höhe der Zeit.

Jaguar XF
Typisch Jaguar: Die sich drehenden Lüftungsöffnungen.

Doch es ist dieses Wort. Grösstenteils. Der XF ist grösstenteils sehr gut; was Fahrverhalten, Fahrdynamik und Sound betrifft ist er sogar perfekt. Doch wenn ich jetzt einen auf «Tüpflischiesser» machen darf, dann muss ich einfach sagen, so leid es mir auch tut: Die Deutschen sind besser. Es sind häufig Kleinigkeiten, wie ein flinkeres Navi, schöneres Head-Up-Display, LED-Licht, welches den Verkehr gezielt ausblenden kann, oder ein schön ausgekleideter Kofferraum. Doch diese Details summieren sich und sie wären verzeihlich, wenn der XF preislich attraktiv wäre. Doch er ist es nicht. Mit 104’340 Franken ist der Testwagen ein teurer, wenngleich ein schöner Spass, der keinerlei preisliche Vorteile bietet. Wer auf die Perfektion verzichten kann und ein schönes Auto abseits des Mainstreams sucht, für den könnte der XF genau das Richtige sein.

Jaguar XF
Ein schickes Auto etwas abseits vom Mainstream. Gut, aber nicht perfekt.

Alltag 4.0 Stars

Der XF ist komfortabel und bietet aufgrund seiner Grösse grosszügige Platzverhältnisse für die Passagiere. Jedoch ist der Kofferraum sehr unpraktisch geformt und die Ablagen im Auto sind eher knapp bemessen.

Fahrdynamik 4.5 Stars

Für eine grosse Limousine ist der XF kräftig, direkt und präzise zu fahren. Vor allem der Motor und das Fahrwerk machen ihre Sache bei zügiger Fahrt sehr gut. Trotzdem spürt man den langen Radstand und das hohe Gewicht.

Umwelt 3.0 Stars

So ein V6-Benziner ist nicht unbedingt der grünste Antrieb. Der Normverbrauch liegt bei 8,6 l/100 km, doch unter neun Liter ging bei mir gar nichts. Im Schnitt inkl. deutscher Autobahn genehmigte sich der XF 10,7 l/100 km.

Ausstrahlung 4.5 Stars

Trotz sportlicher Front und rassiger Farbe ist der Auftritt vom XF eher dezent und elegant.

Fazit 4.0 Stars

+ Schönes Design
+ Grosszügige Platzverhältnisse
+ Sehr edle Materialien
+ Kräftiger Motor mit tollem Sound
+ Fein ausgewogenes, adaptives Fahrwerk
+ Präzise Lenkung
+ Viele Assistenzsysteme erhältlich
+ Ruhiges Fahrverhalten
+ Viele Möglichkeiten zur Innenraum-Gestaltung
+ Ausgefeilte Aerodynamik

– Hoher Verbrauch
– Hoher Preis
– Lahmes Multimedia-System
– Unpraktisch geformter Kofferraum mit nachlässiger Verkleidung
– Technologisch nicht 100% up to date

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellJaguar XF
Preis Basismodell / Testwagen49 100 CHF / 104 340 CHF
AntriebBenzin, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder2995 ccm / V6
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Kompressormotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung250 kW bei 6500 r/min
Max. Drehmoment450 Nm bei 4500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h 5,4 s
Vmax250 km/h (elektronisch abgeregelt)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz8,6 l/100 km / 204 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz10,7 l/100 km / 254 g/km / +24% (inkl. DE-Autobahn)
Länge / Breite / Höhe4,95 m / 1,88 m / 1,46 m
Leergewicht1760 kg
Kofferraumvolumen540 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

1 thought on “Jaguar XF: Business fürs Herz

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