Jeep Cherokee: Mister SUV

Jeep Cherokee: Mister SUV

Dass ein SUV grundsätzlich ein Verkaufsgarant ist, muss heute niemandem mehr erklärt werden. Jeep, eher bekannt als Hersteller von richtigen, hemdsärmeligen Geländewagen, möchte vom boomenden Segment ebenfalls profitieren. Als Kompakt-SUV soll der neue Renegade (Test folgt noch in diesem Jahr…) auf Kundenfang gehen, während der Grand Cherokee Fans der besonders dicken Dinger befriedigen soll. Dazwischen soll der neue Cherokee seine Anziehungskraft ausspielen. Und dessen Anziehungskraft kann sich sehen lassen. Jeep hat den Cherokee so designt, dass man unweigerlich einen zweiten Blick auf den seltsam gestalteten Offroader werfen muss. Ist der neue Cherokee ein weichgespültes SUV? Oder ein hartgesottener Geländewagen?

Ich bezeichne den Häuptling ironischerweise gerne als «Mister SUV» – in Anlehnung daran, dass er das schönste SUV sein soll. Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten und grundsätzlich mag ich alle Hersteller, die etwas Neues, frisches wagen. Aber der Cherokee würde nie im Leben einen Schönheitswettbewerb gewinnen. Er schaut von vorne nämlich drein, als habe ihm jemand in die imaginären Weichteile getreten und hinten hat er einen hängenden Arsch, weil das Verhältnis von Glas und Blech überhaupt nicht stimmt. Lediglich von der Seite betrachtet sieht er einigermassen hübsch aus. Die Proportionen stimmen wenigstens und die vorne leicht ansteigende Fensterlinie ist ein hübsches Detail.

Jeep Cherokee
Der Blick vom Cherokee scheint gequält zu sein.

Der Innenraum ist wesentlich konventioneller gestaltet. Die Bedienung ist einfach und übersichtlich, die Knöpfe sind dort, wo man sie erwartet. Auch das Uconnect Infotainmentsystem wirft keine Rätsel auf, im zentralen Fahrerinformationsdisplay lassen sich viele Informationen darstellen. Speziell: Der Cherokee bietet eine induktive Lademöglichkeit für Smartphones an. Dumm nur, dass es derzeit kaum Telefone gibt, die induktives Laden unterstützen. Für einmal ist ein Auto den Smartphones voraus.

Jeep Cherokee
Hier könnte man das Smartphone induktiv laden. Das iPhone 6 unterstützt dies jedoch nicht.

Die Sitze bieten besseren Seitenhalt als im grossen Bruder Grand Cherokee, können beheizt oder klimatisiert werden und sind insgesamt wirklich bequem. Auch hinten sitzt man ordentlich, die Rückbank ist ausserdem längs verschiebbar und in der Neigung verstellbar. Weniger schön ist die Materialanmutung. Für einen Testwagenpreis von über 60’000 Franken möchte ich kein Hartplastik mehr sehen, dennoch geht Jeep recht grosszügig mit dem wüsten Material um, so dass das Interieur keinen gehobenen Eindruck hinterlässt. Der Kofferraum fasst in der Normalstellung akzeptable 514 Liter, enttäuscht jedoch beim Maximalvolumen von nur 1267 Liter, was viele Kompaktwagen ebenfalls schaffen. Immerhin bietet Jeep intelligentes Zubehör für den Gepäckraum an.

Jeep Cherokee
Hängearsch: Zu wenig Glas und zu viel Blech, ausserdem sind die Rücklichter zu weit oben positioniert.

Als Antrieb dient dem Cherokee ein 2,0-Liter Diesel mit 125 kW und 350 Nm. Der Motor ist an das 9-Gang Automatikgetriebe von ZF gekoppelt und soll sich mit 5,8 l/100 km zufrieden geben. Wie es sich für einen Jeep gehört, werden natürlich beide Achsen angetrieben, allerdings ist der Cherokee auf Wunsch tatsächlich mit reinem Frontantrieb – dann allerdings nur mit manuellem Getriebe – erhältlich. Jeep möchte somit auch jene Kunden ansprechen, denen es wirklich nur um den Look geht. Ausserdem ist eine Variante mit reinem Frontantrieb natürlich gut für den Flottenverbrauch.

Jeep Cherokee
Schöner wäre es, wenn Jeep auf die unteren Scheinwerfer verzichten würde, dafür oben etwas grössere, schnittige LED-Scheinwerfer verbauen würde.

Aber Jeep kann auch ganz anders. Mein Testauto ist mit Active Drive 1 ausgerüstet, ein vollautomatisches Allradsystem mit speziellen Modi für Schnee und Schlamm. Damit dürfte der Cherokee selbst bei widrigstem Wetter alle alltäglichen Situationen meistern. Doch es gibt auch noch Active Drive 2, welches ein zweistufiges Transfergetriebe und eine Geländeuntersetzung enthält. In dieser Konfiguration dürfte der Cherokee im Gelände all seinen Konkurrenten überlegen sein. Aber es geht noch extremer. Für die Einsiedler und Nomaden sowie solche, die es gerne wären, hat Jeep schliesslich die Trailhawk Variante parat. Diese ist leider nur mit dem durstigen 3,2-Liter V6 Benziner erhältlich, bietet aber zusätzlich noch ein Sperrdifferential für die Hinterachse und erhöhte Bodenfreiheit, was grössere Böschungswinkel ermöglicht.

Jeep Cherokee
Damit man weiss, was man fährt. Ganz so umweltfreundlich, wie es das Signet verspricht, ist der Cherokee aber nicht.

Mein Test-Cherokee muss jedoch höchstens mit festgefahrenem Schnee klarkommen, was selbstverständlich kein Problem darstellt. Ohne jegliche Rutschgefahr stampft der Cherokee auch recht forsch durch schneebedeckte Kurven. Das Fahrverhalten ist nämlich deutlich weniger schaukelig als jenes vom Grand Cherokee, die Lenkung gar um Welten besser, da sie richtig direkt zupackt. Natürlich ist auch der Cherokee auf Komfort eingestellt, aber die Fahrdynamik hat Jeep trotzdem auf ein akzeptables Niveau gebracht. Das Automatikgetriebe sortiert seine neun Gänge sowohl bei sanfter, als auch bei forcierter Gangart treffend und sanft.

Jeep Cherokee
Übersichtliches und geräumiges Interieur. Die Materialien dürften aber hochwertiger sein.

Auf der Autobahn jedoch fängt das Getriebe an, zwischen den Gängen 6, 7, 8 und 9 hin und her zu springen. Bereits eine sanfte Steigung veranlasst das Getriebe zum Herunterschalten in den 8. Gang, wenn man dann noch ein bisschen mehr Gas gibt, ist schnell der 7. oder gar der 6. Gang drin. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Steuerungssoftware mehr auf das zur Verfügung stehende Drehmoment, als auf das Hochdrehen fokussieren würde. Leider schmälert dies den Fahrkomfort auf der Autobahn, wo doch der Cherokee mit guter Geräuschdämmung, aktivem Spurhalteassistenten, Abstandstempomat und Tot-Winkel-Warner den prädestinierten Kilometerfresser abgeben würde. Verbraucht hat der Cherokee im Test 7,7 l/100 km, ich habe jedoch insbesondere aufgrund des 9-Gang Getriebes einen etwas tieferen Verbrauch erwartet.

Jeep Cherokee
Bei den Sitzen hat Jeep Fortschritte gemacht. Sie sind bequem und bieten für ein SUV recht guten Halt.

Jeep bietet den Cherokee in verschiedensten Konfigurationen an, was in seiner Klasse einzigartig ist. Vom Möchtegern-Offroader mit Frontantrieb über den normalen Allradler – auf Wunsch mit Geländeuntersetzung – bis hin zum ultimativen Kraxler ist für jeden etwas dabei. Das Design ist ganz klar Geschmackssache, aber als massentauglich würde ich es nicht einstufen. Der Cherokee überzeugt mit einer guten Strassenlage und einer präzisen Lenkung. Weiter sind auch die zahlreichen Assistenzsysteme positiv aufgefallen, da sie alle zuverlässig agiert haben. Weniger schön sind das nicht gerade hochwertige Interieur und das übereifrige Automatikgetriebe auf der Autobahn. Den Titel «Mister SUV» verdient der Cherokee ob seiner Optik sicherlich nicht. Wenn man aber nur seine (Gelände-)Fähigkeiten betrachtet, dann ist er ein heisser Anwärter. Der Testwagen kostet 61’450 Franken und reiht sich somit preislich zwischen den Asiaten und den Deutschen ein.

Jeep Cherokee
So betrachtet wirkt der Cherokee unauffällig und «normal».

Alltag 

Der Jeep Cherokee hat genau die richtige Grösse: nicht zu kompakt und nicht ausufernd gross. Seine Assistenzsysteme helfen sowohl in der Stadt, als auch auf der Autobahn. Ausserdem bietet er bereits mit dem einfachen Allradantrieb spezielle Modi für Schnee, Schlamm oder eine sportliche Gangart. Platz bietet er grundsätzlich genügend, allerdings ist das maximale Kofferraumvolumen nicht überragend. Dafür bietet Jeep, resp. Mopar (Hersteller von Zubehörteilen der Fiat-Gruppe) nützliches und praktisches Zubehör, um den Kofferraum vom Cherokee bestmöglichst zu nutzen.

Fahrdynamik 

Ein Jeep wird nicht für Fahrspass oder Fahrdynamik gebaut. Trotzdem ist der Cherokee vernünftig motorisiert und nicht zu schwammig gefedert. Die Lenkung ist sogar äusserst direkt für ein SUV und vermittelt ein sehr gutes Gefühl.

Umwelt 

7,7 l/100 km sind für einen Zweitönner mit Allradantrieb und winterlichen Bedingungen grundsätzlich ein akzeptabler Wert. Dennoch habe ich angesichts der 9-Gang Automatik einen Verbrauch um 7,0 Liter erwartet.

Ausstrahlung 

Der Jeep Cherokee hat Ausstrahlung, das kann man nicht leugnen. Er sticht aus der Masse heraus und polarisiert mit ungewohnten Design. Jeeps waren bisher eher kantig und eckig und plötzlich kommt so etwas «Komisches» daher. Geschmackssache, aber Aufsehen erregt man damit garantiert.

Fazit 

+ Kräftiger Motor
+ Präzise und direkte Lenkung
+ Komfortables, nicht zu schwammiges Fahrwerk
+ Gutes Platzangebot
+ Bequeme Sitze mit Sitzventilation
+ Viele Assistenzsysteme verfügbar. Arbeiten zuverlässig.
+ Grosse Bandbreite: Von Frontantrieb bis Geländeuntersetzung und Sperrdiff. an der Hinterachse
+ Praktisches Zubehör erhältlich
+ Ausgefallenes Design (gefällt mir zwar nicht, ist aber originell: deshalb ein Pluspunkt)

– Kein sehr hochwertiges Interieur
– Erhöhter Testverbrauch
– Übereifriges Automatikgetriebe auf der Autobahn

Steckbrief

Marke / ModellJeep Cherokee Limited
Preis Basis­modell / Testwagen42'950 CHF / 61'450 CHF
AntriebDiesel, Allrad
Hubraum / Zylinder1956 ccm / R4
Getriebe9-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung125 kW
Max. Drehmoment350 Nm
Beschleu­nigung 0–100 km/h10,3 s
Vmax192 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz5,8 l/100 km / 154 g/km / C
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz7,7 l/100 km / 204 g/km / +33%
Länge / Breite / Höhe4,62 m / 1,86 m / 1,67 m
Leergewicht2071 kg
Kofferraum514 - 1267 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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