Lexus RC F

Lexus RC F: Diabolischer Gentleman

Ganz ehrlich, wäre ich ein Fiat 500 oder ein ähnlich untermotorisiertes Gefährt und der Lexus RC F würde hinter mir auftauchen, ich würde Todesangst bekommen! Mit seinem riesigen Diabolo-Kühlerschlund, den scharfen LED-Scheinwerfern und dem leuchtenden Rot sieht er wie der Leibhaftige aus, der höchstpersönlich aus der Unterwelt gekommen ist, um ein Opfer mit in die Tiefe zu ziehen. Moment, das soll ein Lexus sein?! Völlig irritiert laufe ich einmal um das Auto, auf der Suche nach dem unheilvollen «Hybrid» Signet, schliesslich hat Lexus für jedes Modell einen Hybridantrieb parat. Doch stattdessen prangt das F-Signet an den Flanken und der RC F ist derzeit wohl der einzige Lexus, der dieses Signet zu Recht trägt. Denn hinter dem Diablo-Kühlergrill steckt Maschinenbau erster Güte: Ein 5,0-Liter V8. Frei saugend.

Eleganz ist für den RC F ein Fremdwort. Der Riesenschlund und die gezackten Scheinwerfer dürften so manches Kleinkind, dass dem RC F wortwörtlich auf Augenhöhe begegnet, in Angst und Schrecken versetzen. Das Heck ist ebenfalls so zerklüftet wie die Front und die schräg angeordneten Endrohre signalisieren jedem, dass sich die Schärfe bei diesem Auto nicht bloss auf die Optik bezieht. Ein teuflisch böser Blick von hinten ist da Ehrensache. Es wird Zeit herauszufinden, wie böse der RC F tatsächlich ist.

Lexus RC F
Der Lexus RC F scheint direkt aus der Unterwelt gekommen zu sein.

Ich rolle gemächlich los, um mich an das Biest heranzutasten. Ziemlich schnell wird klar, dass der RC F nicht der kompromisslose Racer sein will, sondern der perfekte Alltagssportler. Ich gondle im Normal Modus dahin und lausche dem zufriedenen Grummeln des Achtzylinders. Das Fahrwerk ist zwar straff, doch es teilt keine Schläge aus, sondern federt einigermassen geschmeidig. Überhaupt war es den Japanern wichtig, einen zivilisierten Sportwagen und keinen ungestümen Hengst zu entwickeln. So kommt es, dass der RC F über feine Manieren verfügt. Die 8-Gang Automatik wechselt weich ihre Gänge und der Motor klingt im unteren Drehzahlbereich dezent. Fröhliches Sprotzeln beim Hochschalten oder obszönes Geballere im Schubbetrieb: Fehlanzeige. Der RC F bleibt leise.

Lexus RC F
Das F steht für den Fuji Speedway am Fusse des gleichnamigen Berges.

Alles andere als leise ist es dafür im Innenraum. Die Hi-Fi Edelmarke Mark Levinson kennt kaum jemand, aber ihr Klang ist bombastisch. Überhaupt umsorgt der RC F seine Passagiere sehr fürsorglich. Die Integralsitze sind nicht nur ein Augenschmaus, sie sind super bequem und doch sehr haltintensiv. Zusätzlich verfügen sie nicht nur über eine Sitzheizung, sondern sogar über eine Sitzkühlung. Auch das Lenkrad ist beheizbar und elektrisch verstellbar. Doch das ist noch längst nicht alles. Ein Notbremsassistent soll Auffahrunfälle verhindern, adaptiver Tempomat, Tot-Winkel-Warner und Fernlichtassistent die Reise erleichtern. Das alles unterstreicht den Luxus-Anspruch vom RC F. Doch auch der Spieltrieb der Japaner blieb nicht auf der Strecke: Startbildschirm des Infotainmentsystem, das Infodisplay und sogar die digitalen Instrumente lassen sich (teilweise) frei konfigurieren. Wer jetzt stirnrunzelnd ans Gewicht denkt, liegt vollkommen richtig, denn mit 1935 Kilo ist der Japaner ein echter Brocken.

Lexus RC F
Die Sitze gehören zum Besten, was ich jemals unter dem Allerwertesten hatte.

Diese Tatsache lässt den RC F völlig unbeeindruckt. Trotz mächtigem V8 ohne Start-Stopp-Automatik leuchtet ein grünes Eco-Symbol im Drehzahlmesser, wenn das Gaspedal sorgfältig behandelt wird. Ob dieses Symbol das eigene Gewissen von Lexus beruhigen soll? Ich weiss es nicht. Das Ganze lässt sich noch weiter treiben, denn wer den Fahrmodusschalter nach links dreht, landet im Eco Modus. Auf einmal reagiert das Gaspedal sehr zäh und das Getriebe lässt den Motor gefühlt knapp über Leerlaufdrehzahl arbeiten. Ich sage bewusst «gefühlt», denn für Lexus ist im Eco Modus ein Drehzahlmesser offenbar obsolet. Stattdessen wird ein blaues Muster angezeigt, welches bei unökologischer Fahrweise verschwindet und ein klaffend schwarzes Loch in den Instrumenten hinterlässt. Sofort macht sich in mir das schlechte Gewissen breit. Um dieses loszuwerden, wird der Fahrmodusschalter diesmal in die andere Richtung nach rechts gedreht.

Lexus RC F
Das Interieur ist recht unübersichtlich und trotz hochwertiger Verarbeitung stört der Materialmix.

Somit lande ich im Sport S Modus, sozusagen Stufe eins. Im Vergleich zum lethargischen Eco Modus wirkt das Auto plötzlich hellwach. Das Getriebe schaltet nun deutlich sportlicher, nämlich beim harten anbremsen runter in den zweiten Gang, der brav drin bleibt, damit beim Herausbeschleunigen die maximale Kraft bereitsteht. Also raus aus der Kurve und volle Kraft voraus! Moment, wie war das mit den guten Manieren? Es scheint, als lege der RC F seinen Anzug samt den guten Manieren ab. Ab 4000 Umdrehungen nehmen nämlich Sound und Schub progressiv zu. Unter wütendem Getöse stürmt der Lexus die Drehzahlleiter empor, wobei bei 6000 Umdrehungen das Brüllen einem Kreischen weicht und sich der Japaner nochmals selber einen Tritt in den Allerwertesten verpasst.

Lexus RC F
Das Kraftwerk.

Explosionsartig rast die Drehzahl weiter nach oben, wo sie bei 7100 Umdrehungen im Leistungsmaximum gipfelt und glaubt mir, noch nie habe ich einen Leistungsgipfel so intensiv wahrgenommen wie beim Lexus. Kein Wunder, dass bei diesen Höllenkräften auch das Getriebe die Contenance verliert und wütend den nächsten Gang reinknallt, wobei ein heftiger Ruck durchs Auto geht. Der Ruck soll allerdings nur die Brutalität unterstreichen, keineswegs geht Zugkraft verloren. Im Gegenteil, es scheint, als ob das Auto beim Hochschalten einen Sprung nach vorne macht. Ich glaube, ich habe ein neues Hobby entdeckt: Gänge ausdrehen im RC F! Da gibt es allerdings ein kleines Problem…

Lexus RC F
Das Zentralinstrument ändert je nach Fahrmodus die Ansicht.

Alleine der zweite Gang geht bis 115 km/h. Nochmals: 115 km/h. Damit bin ich ausserorts bereits 35 km/h zu schnell und mein Führerschein in akuter Gefahr. Ich mache euch natürlich nichts vor, sogar der dritte Gang wurde von mir ausgedreht. Sicherheitshalber möchte ich über die Zahl, die dann auf dem Tacho prangte, lieber den Mantel des Schweigens hüllen. Was ich damit sagen möchte: Dann, wenn man mit dem RC F Spass hat, ist man in der Schweiz bereits ein Raser und somit Schwerstkrimineller. Aber das nenne ich Berufsrisiko (ich habe natürlich meine Tricks, um dieses Risiko möglichst klein zu halten 😉 ) und für meine werte Leserschaft gehe ich dieses Risiko gerne ein. Deshalb wird der Fahrmodusschalter nochmals nach rechts gedreht und Stufe 2 aktiviert.

Lexus RC F
Das Design vom RC F ist sehr aufreizend und alles andere als zurückhaltend.

Willkommen im Sport S+ Modus, in welchem die Mutation vom Gentleman zum wilden Tier vollendet ist. Der RC F lärmt jetzt immer: Je nach Drehzahl, grollt, grummelt, brüllt oder kreischt der V8 in die Umwelt, damit jeder das vorhandene Aggressionspotential mitbekommt. Das Getriebe schaltet nun noch aggressiver, ausserdem wird die Lenkung versteift für ein noch intensiveres Fahrgefühl. Am intensivsten wird das Fahrgefühl sowieso, wenn die Gänge via Schaltwippen von Hand sortiert werden. Im Sport S+ Modus lockert zudem das ESP die Leine, sodass beim starken Herausbeschleunigen das Heck durchaus mitschwenkt. Bevor’s kritisch wird, schreitet das ESP allerdings nach wie vor ein, wobei der Eingriff der Performance zu Gute kommt und das Auto nicht unnötig eingebremst wird. Im Sport S+ Modus ist der RC F ein messerscharfer Sportler, aber wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange angelangt. Der Japaner hat tatsächlich noch einen weiteren Trumpf im Ärmel.

Lexus RC F
Optisch ein Hingucker, akustisch eine Sinfonie: Die auffällige Auspuffanlage.

Es handelt sich beim Trumpf um ein elektronisch gesteuertes Torque Vectoring an der Hinterachse, welches das Drehmoment stufenlos zwischen rechtem und linkem Rad verteilen kann. Das funktioniert bereits im Normal Modus hervorragend, allerdings lässt sich auch das sogenannte TVD zweistufig verschärfem. Den Unterschied zwischen Slalom (Stufe 1) und Track (Stufe 2) konnte ich nicht wirklich spüren, aber im Vergleich zum Normalmodus merkt man sehr deutlich, wie das Auto von hinten regelrecht um die Kurve geschoben wird.

Lexus RC F
Lichtdesign können auch die Japaner.

Ein weiterer Vorteil: Bei einem leicht ausbrechenden Heck muss nicht per Bremseingriff (ESP) geregelt werden, im Gegenteil. Bricht das Heck nach rechts aus, wird einfach das Drehmoment auf das linke Hinterrad umgeleitet, wodurch das Auto ebenfalls wieder in die Spur gebracht oder ein kontrollierter Drift vereinfacht wird. Der RC F fährt nämlich durchwegs gerne quer, vorausgesetzt, man lässt es zu. Für alle, die den ultimativen Kick suchen, kann nämlich im Sport S+ Modus zusätzlich der Expert Modus aktiviert werden. Wer sich darauf einlässt muss allerdings wissen, was er da tut, denn dann greift der RC F nur noch in allerletzter Sekunde ein, bevor sich das Auto dreht – auf einer öffentlichen Strasse kann dieser Eingriff bereits zu spät sein. Wer maximale Kontrolle wünscht, kann das ESP auch komplett deaktivieren.

Lexus RC F
Der Spoiler fährt ab 80 km/h automatisch aus.

Die fahrdynamischen Qualitäten vom RC F sind enorm. Vor allem aber merkt man ihm sein Übergewicht kaum an. Lediglich in schnell gefahrenen, engen Haarnadelkurven untersteuert er – aber obacht, das Untersteuern kann plötzlich in Übersteuern ausarten, dann sind wache Reflexe gefordert. Ansonsten fährt sich der RC F, nicht zuletzt durch das TVD, extrem stabil und direkt. Besonders gefährlich: Man ist brutal schnell unterwegs, aber es fühlt sich weder besonders schnell, noch besonders spektakulär an. Erst beim Blick auf den Tacho realisiert man, was wirklich Sache ist.

Lexus RC F
Brembo Hochleistungsbremsen und Michelin Pilot Super Sport Reifen fördern das sportliche Fahren.

In meinen Augen steht der RC F irgendwo zwischen dem F-Type R und dem GT-R. Der F-Type R hat ungefähr das Feingefühl einer Abrissbirne. Kraft im Überfluss und ein Krawall, dass man meine, ein Gewitter ziehe auf. Selbst auf trockener Strasse bricht das Heck gerne aus, die Hinterräder sind mit der brachialen Gewalt schlicht überfordert. Der RC F ist da durch den Saugmotor viel besser kontrollier- und dosierbar, ausserdem ist er präziser zu fahren und kaschiert das Gewicht besser. An das atemberaubende Handling des GT-R kommt der RC F aber niemals heran, nur schon deswegen, weil der GT-R über Allradantrieb und ein kompromisslos hartes Fahrwerk verfügt.

Lexus RC F
Volle Breitseite: Auch von hinten macht der RC F keinen Hehl aus seiner Kraft.

Ein Ausdauersportler ist der RC F jedoch nicht. Im Test schreite der Lexus spätestens nach 450 Kilometer nach einer Zapfsäule, eine Folge des hohen Verbrauchs (12,0 l/100 km) und des eher kleinen Tanks (ca. 60 Liter). Wer meinen Text aufmerksam gelesen hat, ahnt natürlich, dass der RC F schonungslos über etliche Bergstrassen und Pässe geprügelt worden ist, was den Appetit ungemein erhöht. Beim gemächlichen Cruisen sinkt der Verbrauch auf unter zehn Liter, was angesichts des Normverbrauchs von 10,8 l/100 km voll okay ist. Apropos Verbrauch: Während diese Absätze entstanden habe ich herausgefunden, dass es tatsächlich eine Hybridvariante vom RC (dann aber ohne F) gibt. Auch ein V6 hat Lexus im Angebot, aber bei Lexus Schweiz hat man offenbar beschlossen, dass nur der RC F für die Schweiz relevant ist. Gut so! Wenn schon, denn schon. Ab 91’500 Franken ist man dabei und das ist ein vergleichsweise fairer Preis, da die Serienausstattung schon sehr umfangreich ist, typisch Japaner eben. Wem die diabolische Optik nicht genug ist, der kann den RC F mit Carbonhaube, -dach und -spoiler ordern. Das Carbonpaket spart zudem neun Kilo Gewicht aber ganz ehrlich: Das kann man sich schenken. Die Kombination aus brachialer Optik, V8-Sauger und Heckantrieb machen den RC F im Premium-Segment fast einzigartig, lediglich die Corvette bringt dieselben Zutaten mit. Alle AMG, M und RS Fans täten gut daran, mal ihren Horizont zu erweitern.

Lexus RC F
Der Lexus RC F ist sowohl Luxus Coupé, als auch scharfer Sportler.

Alltag 

Bei gemächlicher Fahrt sinkt der Verbrauch auf ein erträgliches Mass, Komfort ist trotz straffem Fahrwerk da und ein paar Assistenzsysteme erleichtern das Leben des Fahrers. Der Kofferraum trägt seinen Namen zu Recht und sogar im Fond sitzt man unglaublich bequem, sofern vorne kein Riese sitzt und man selber keiner ist. Für den Winter drosselt und regelt ein Snow Modus die Kraft.

Fahrdynamik 

Der Japaner ist ein reinrassiger Sportwagen. Linearer Schub, höchst präzises Handling und ein Heckantrieb mit Torque Vectoring. Das hohe Gewicht spürt man fast nie, da hat Lexus sehr gute Arbeit geleistet. Wer dem RC F die Sporen gibt wird staunen, welches Potential in diesem Auto steckt. Ich gebe es offen und ehrlich zu: Nicht irgendeine Komponente vom Lexus, sondern ich selber bin da das schwächste Glied in der Kette.

Umwelt 

Ein V8 rettet nun mal nicht die Welt mit irgendwelchen fabelhaften CO2-Werten, das ist einfach so. Der Testverbrauch von 12,0 l/100 km ist ein Mix aus gemütlichen und sehr forcierten Fahrten.

Ausstrahlung 

Das brachiale Design ist insbesondere vorne an Brutalität kaum zu überbieten. Der Lexus RC F ist ein unglaublich aufreizendes Gefährt. Es ist wie bei einer Prostituierten am Strassenrand: Man muss sie nicht sexy finden, trotzdem zieht sie die Blicke auf sich. Dasselbe beim Lexus RC F.

Fazit 

+ Sexy, rassiges Design
+ Hoher Fahrkomfort im Normal Modus
+ Extrem präzises und direktes Handling
+ Prägnanter Sound bei hohen Drehzahlen
+ Ansprechverhalten
+ Drehgeiler Motor mit immensem Schub
+ TVD
+ ESP in verschiedenen Stufen einstellbar
+ Exzellente Sitze
+ Perfekte Ergonomie
+ Diverse Assistenzsysteme verfügbar
+ Hochwertige Verarbeitungsqualität
+ Viele Konfigurationsmöglichkeiten
+ Fairer Preis

– Hoher Verbrauch
– Hohes Gewicht (aber gut kaschiert)
– Materialmix im Innenraum
– Ziemlich unübersichtliches Interieur

Marke / ModellLexus RC F
Preis Basismodell / Testwagen91'500 CHF / 108'290 CHF
AntriebBenzin, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder4969 ccm / V8
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Saugmotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung351 kW bei 7100 r/min
Max. Drehmoment530 Nm bei 4800 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h4,5 s
Vmax270 km/h (elektronisch abgeregelt)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz10,8 l/100 km / 251 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz12,0 l/100 km / 279 g/km / +11%
Länge / Breite / Höhe4,71 m / 1,85 m / 1,39 m
Leergewicht1935 kg
Koffer­raum­volumen366 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

Deine Meinung hinterlassen

%d bloggers like this: