Maserati Quattroporte GTS

Rammbock im Businessanzug: Maserati Quattroporte GTS

Seit jeher bin ich auf meinem Blog der Seele des Autos auf der Spur und noch nie bin ich von einem Auto derart getäuscht worden, wie vom neuen Maserati Quattroporte GTS. Er vermittelt meinem Auge Werte, die nicht so Recht mit den Werten harmonieren wollen, die ich während dem Fahren festgestellt habe. Er erinnert mich an die Hauskatze eines guten Kollegen. Sie blickt einem süss an, man denkt, sie erwarte eine Streicheleinheit und sobald man ihr zu nahe kommt, erntet man einen Faucher, als sei man ihr auf den Schwanz getreten. Den Quattroporte stuft man ebenfalls eher gutmütig ein. Doch auch seine Reaktion kommt überraschend…

Die Bekanntschaft mit dem Quattroporte habe ich aber zum Glück nicht in der kalten Schweiz gemacht, die derzeit zu versinken scheint. Nein, die Schönheit hat mich in Sizilien erwartet. Dort hat natürlich die Sonne geschienen, welche wir in der Schweiz derzeit so vermissen – doch ich bin von einem Extrem ins andere gereist. Die Hitze vom Himmel und der Scirocco (Wüstenwind) würden jedes Schweizer Thermometer vor Schock ohnmächtig werden lassen. Bereits um 8 Uhr morgens herrschen klebrige 30 Grad, weshalb ich liebend gerne ins Auto flüchte, zumal Siziliens Landschaft eher trocken und schroff als einladend wirkt.

Maserati Quattroporte GTS
Platz da! Von vorne verschafft sich der Quattroporte mit dem mächtigen Grill den nötigen Eindruck.

Im Quattroporte fühlt man sich auf Anhieb perfekt aufgenommen. Perfekte Verarbeitung, Carbon-Zierleisten, Leder, Alcantara, alles ist vom Feinsten. Qualität können die Deutschen zwar ebenfalls so perfekt, aber die Stilsicherheit, wie Lederfarben, Zierleisten und Kontrastnähte kombiniert werden, das können die Italiener um Welten besser. Dafür fehlt der letze Schliff zur Perfektion. So ist das Lenkrad zu gross geraten und die Mini-Knöpfchen für die Bedienung von Tempomat und Bordcomputer sind eine Zumutung. Aber was wäre ein Italiener ohne Macken?

Maserati Quattroporte GTS
Das grosse Lenkrad und die fummeligen Knöpfe passen nicht so recht ins Auto. Aber… Man beachte die Liebe zum Detail bei der Pedalerie…

Gestartet wird in Palermo zur besten Stosszeit. Die südländische Leichtigkeit überträgt sich in Sizilien auch auf den Strassenverkehr, wo Verkehrsregeln grosszügiger interpretiert werden als hierzulande. Gerade bei grossen Kreiseln scheint das Recht des Stärkeren zu gelten – oder jenes vom dem, der die grösseren Eier hat. Respekt zollt man dem Quattroporte nicht. Jede Rostlaube – im wahrsten Sinne des Wortes – drängt sich vor. Wenn man angehupt wird, darf man das nicht zu persönlich nehmen. Dafür zeigen die Italiener die Begeisterung viel offener. Dem Auto wird bewundernd hinterhergeschaut und manch einer hupt auf der Nachbarspur und reckt den Daumen. Da wird die Leidenschaft fürs Auto noch geteilt!

Maserati Quattroporte GTS
Das Heck ist eine perfekte Mischung aus Sportlichkeit und Eleganz. Die eckigen Endrohre verraten den GTS.

Währenddessen fühle ich mich im Quattroporte so wohl wie zu Hause. Die Sitze passen wie ein Massanzug und dank Sitzlüftung und Klimaanlage bekomme ich von der Wüstenluft draussen nichts mit. Selbstverständlich bin ich im Sport-Modus unterwegs, etwas anderes kommt gar nicht erst in Frage! Doch auch mit gestrafften Dämpfern federt die grosse Limousine immer noch sehr angenehm. Via Knopfdruck kann man die Dämpfer separat einstellen. Das Knöpfchen, welches mit I.C.E (steht für Increased Control and Efficiency) angeschrieben ist, würde ich im Leben nie drücken, denn ich kaufe mir doch keinen Maserati, damit der anschliessend pseudo-ökologisch durch die Gegend gondelt. Und sollte ich mal im Schnee feststecken, so verspricht der ESP-Off Knopf deutlich mehr Action. 😉

Maserati Quattroporte GTS
Der Quattroporte wirkt sowohl optisch, als auch beim Fahren viel kleiner, als er tatsächlich ist.

Es ist gut, hat Maserati endlich die in dieser Klasse üblichen Assistenzsysteme eingebaut. Klar, die Autos sind Fahrmaschinen, aber eben nicht reine Sportwagen, sodass diese Technik erwartet wird. An Bord sind ein Abstandstempomat, ein Tot-Winkel-Warner und ein Spurhalteassistent, der sich jedoch aufs reine Piepsen beschränkt. Auch ein Notbremsassistent ist an Bord. Aber ich empfehle dringend, dieses Teufelszeug zu deaktivieren. Maserati ist da mehr als nur übers Ziel hinausgeschossen. Das Ding piepst einen so dermassen aggressiv und aufdringlich an, dass die Gefahr eines Herzinfarkts besteht – und einen Notfall-Assistent, der das Auto bei einem medizinischen Notfall selbstständig am Strassenrand anhaltet, hat der Quattroporte nicht. Ebenfalls nicht an Bord sind ein automatischer Parkassistent (dafür hat man in diesem Auto wohl einen Chauffeur) und eine aktive Spurführung. Die fände ich ganz angenehm. Ah, und wenn ich schon mitten in meinem Tagtraum bin: Warum verfügen die Sitze eigentlich nicht auch noch über eine Massagefunktion…?

Maserati Quattroporte GTS
Auch ohne Massagefunktion ist das Interieur sehr edel. Noch einen Tick edler wäre die GranLusso Variante…

Doch ich komme nicht dazu, weiter darüber zu sinnieren. Offensichtlich steht eine Planänderung an, denn weiter vorne ist die Autobahn aufgrund eines brennenden Autos gesperrt. Wir verlassen daher die Autobahn und sind erstmal gestrandet, während die Leute von Maserati einen neuen Plan schmieden. Wohl oder übel müssen wir raus in den Wüstenwind. Der Asphalt scheint zu glühen, die Lust auf eine Zigarette ist angesichts der Hitze wie weggefegt. Das Thermometer ist mittlerweile auf erdrückende 41 Grad geklettert. Ein paar lange Minuten später heisst es, es gäbe einen Plan. So fahren wir brav Konvoi hinter einem Fiat 500X, der die aufgewühlte Quattroporte-Truppe bloss ausbremst. Nach einer kurzen Fahrt halten wir wieder und fragen uns, ob das jetzt Teil des Plans ist. Anschliessend werden wir informiert, dass viele Strassen aufgrund von Waldbränden gesperrt seien. Maserati hat es aufgegeben, weiter zu planen. Es heisst, zu dem Zeitpunkt müssen wir wieder im Hotel sein und bis dahin gilt: Feel free.

Maserati Quattroporte GTS
…dafür bietet der GranSport tolle Sitze, die auch dem Auge schmeicheln.

Ja dann. Die Strecke fängt an kurvig zu werden und meine Finger fahren zur Einstimmung langsam über die herrlich grossen, feststehenden Schaltpaddels. Als die Strasse frei wird, will ich Gas geben, den Motor röhren hören und die Gänge durchpeitschen! Aber, hoppla, noch ehe ich richtig beschleunigt habe, schwänzelt der Quattroporte wie ein aufgeregter Hund. Das nenne ich mal italienisches Temperament! Der ESP-Off Knopf würde nicht nur im Schnee, sondern auch im Trockenen ganz viel Action versprechen, jedoch muss man dann wirklich wissen, was man tut. Denn selbst als ich es bei der nächsten, lang gezogenen Kurve etwas gemächlicher angehe und lediglich im dritten Gang beschleunige, merke ich, wie das Heck erneut unruhig wird. Im dritten Gang! Der Quattroporte ist definitiv nicht zum Spielen aufgelegt. Das elegante, formvollendete Design suggeriert, dass es sich hier um eine Businesslimousine mit Manieren handelt. Aber wenn der V8 loslegt, wird der Maserati zum wilden Tier, das gebändigt werden will – wie die eingangs erwähnte Hauskatze meines Kollegen…

Maserati Quattroporte GTS
Der Quattroporte liegt hervorragend auf der Strasse, aber das Heck hat beim GTS einen starken, eigenen Willen.

Während wir uns den Berg hochschlängeln, passieren wir mehrere Dörfer. Der Quattroporte gleitet lässig durch die Gassen, lässt die Umwelt durch röchelnden Sound und blubbern im Schubbetrieb wissen, dass man ihm bitte Platz machen soll. Doch so einfach ist das nicht, denn in Sizilien scheinen Vortrittsregeln eher unverbindliche Empfehlungen zu sein. Die Strassen in den Dörfern sind eng und kreuzen ist oft nicht direkt möglich. Und obwohl sich niemand genau an die Regeln zu halten scheint, kommt man immer irgendwie aneinander vorbei und zwar ohne, dass eine aggressive Spannung in der Luft liegt. Trotzdem ist der Quattroporte für enge Strassen ungeeignet. Zwar hilft die 360-Grad-Kamera, doch 5,26 Meter Länge und 1,95 Meter Breite lassen sich auch durch eine Kamera nicht schrumpfen.

Maserati Quattroporte GTS
Der Quattroporte passt sowohl perfekt auf Landstrassen, als auch auf Autobahnen.

Als die Strasse wieder frei ist, lohnt es sich kaum, das Gas durchzudrücken, denn wir haben die Absperrung wegen der Waldbrände erreicht. Wir müssen umkehren und zurückfahren. Beim gemütlichen Zurückcruisen durch die Dörfer fällt mir auf, dass das Leben hier unten langsamer vonstatten zu gehen scheint. Die Leute laufen entspannt und gemütlich herum, viele sitzen im Schatten und mit dem Fruchtverkäufer am Strassenrand wird gerne mal ein Schwätzchen abgehalten. Würden die Sizilianer das hektische Leben in Zürich sehen, würden sie wahrscheinlich erschrecken. Im Süden pflegt man einen ganz anderen Rhythmus.

Maserati Quattroporte GTS
Der V8 Biturbo glüht vor Temperament und dreht sehr rassig hoch.

Ich für meinen Teil passe mich dem Rhythmus vom Quattroporte an, als wir die Dörfer hinter uns gelassen haben. Langsam habe ich ihn im Griff und zirkle ihn geschmeidiger durch die Kurven, auch wenn der PR-Chef von Maserati Schweiz auf der Rückbank diese Worte wahrscheinlich nicht unterschreiben würde. Aber ich kann nicht anders, denn das Handling vom Quattroporte ist atemberaubend. Wirklich krass, wie geil es sein kann, so ein riesiges Schiff durch Bergstrassen zu scheuchen, wenn die Balance und das Gefühl, welches das Auto einem vermittelt, stimmen. Wichtig ist bloss, das Gaspedal taktvoll zu behandeln und nicht einfach voll draufzulatschen.

Maserati Quattroporte GTS
Die optischen Unterschiede zwischen den beiden Ausstattungslinien sind sehr fein. Der GranSport wirkt etwas aggressiver.

Insofern erinnert mich der Maserati Quattroporte GTS an das Jaguar F-Type R Coupé. Beide faszinieren durch ihren Sound und ihre brachiale Beschleunigung, doch sie können teilweise vor lauter Kraft kaum noch gehen. Vollgas aus einer engen Kurve heraus? Unmöglich und zwar mit beiden. So lässig der GTS darum auch ist, ich persönlich würde den S wählen. Der kommt mit kleinerem V6-Motor, der jedoch immer noch mehr als genügend Kraft abdrückt. Ausserdem ist er deutlich günstiger als der GTS. Dem Fahrspass zuliebe würde ich auf den Allradantrieb, den es ausschliesslich für diese Motorisierung gibt (SQ4) verzichten, doch logischerweise ist es in der Schweiz der beliebteste Antrieb. Es gibt auch noch einen Diesel, aber warum es den geben muss, entzieht sich meinem Verständnis. Da kann man genauso gut Prius fahren…

Maserati Quattroporte GTS
Was Stil angeht, ist Maserati in der Autobranche eine Klasse für sich.

Maserati zu fahren hat sehr viel mit Stil, aber auch viel mit Lust und Leidenschaft zu tun. Das Fahrgefühl, welches sich im Quattroporte einstellt, wird man mit einem deutschen Auto niemals erreichen. Den italienischen Geschmack und die südländischen Emotionen gibt es nur bei Maserati. Neu darf man sich sogar zwischen den beiden Varianten GranSport (bin ich gefahren) und GranLusso entscheiden. Sie unterscheiden sich sanft im Design sowie im Innenraum. Der GranSport spricht die sportlichen Fahrer an, er bietet Sportsitze, feststehende Schaltpaddels sowie Carbon-Zierleisten. Der GranLusso ist mehr auf Luxus ausgelegt mit einer wirklich erstklassigen Lederausstattung und edlen Zierelementen. Technisch und preislich sind sie identisch, weshalb es eine reine Geschmacksfrage ist, welchen man wählt. Für mich dürfte es der Quattroporte S GranSport sein. Bin ich nicht bescheiden, dass ich auf den GTS und dessen feuriges Temperament sowie fordernden Rhythmus verzichten würde?

Steckbrief

Marke / ModellMaserati Quattroporte GTS
Preis ab168 400 CHF
AntriebBenzin, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder3799 ccm / V8
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Biturbomotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung390 kW bei 6800 r/min
Max. Drehmoment710 Nm bei 2250 - 3500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h4,7 s
Vmax310 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz10,7 l/100 km / 250 g/km / G
Länge / Breite / Höhe5,26 m / 1,95 m / 1,48 m
Leergewicht1900 kg
Koffer­raum­volumen530 l

(Bilder: Maserati)

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