Mercedes GLA: Die bessere A-Klasse?

Mercedes GLA: Die bessere A-Klasse?

Der Mercedes GLA – eine sonderbare Erscheinung. “Weder Fisch, noch Vogel” hätte man früher wohl gesagt; heute nennt man es einfach Crossover. Da dieser Begriff nicht klar definiert ist, wird er gerne für Modelle verwendet, die anders sein und aus der Masse herausstechen wollen. Besonders eigenwillig am GLA finde ich, dass er per Definition zwar ein Crossover/SUV ist, aber nur vier Zentimeter höher als ein VW Golf und gar zwei Zentimeter niedriger als ein Opel Astra ist. Trotz der geringen Höhe unterscheidet er sich in einigen Punkten deutlich von der A-Klasse. Ist das nun besser oder schlechter?

Wie alle SUVs trägt natürlich auch der GLA eine sanfte Plastikbeplankung rundum, die ihn robuster wirken lässt. Ohne die wäre er ein ganz normaler Kompaktwagen, denn im Gegensatz zu den hoch bauenden SUVs ist der GLA mit seinen 1,49 Meter Höhe richtig klein. Überhaupt sind die Unterschiede zur A-Klasse nicht gross, man erkennt die Verwandtschaft sofort: Leicht veränderte Lichter, andere Schweller, etwas grössere Fensterflächen, leichter Offroad-Look – fertig ist der GLA. Wie die A-Klasse wirkt er von vorne sportlich und schnittig, wobei diese Eigenschaften auf dem Weg nach hinten verloren gehen. Nur der CLA schafft es, den schnittig-aggressiven Look bis zum Ende durchzuziehen.

Mercedes GLA
Für ein SUV ist der GLA sehr niedrig gebaut.

Das Interieur ist 1:1 von der A-Klasse übernommen. Die Bedienung ist intuitiv, die Verarbeitung extrem hoch, die Materialien richtig edel. Mühsam finde ich, dass die Instrumente tagsüber nicht beleuchtet und somit nicht immer gut ablesbar sind – das gilt aber für alle A-Klasse Derivate.

Mercedes GLA
Hübsche Instrumente, die allerdings tagsüber mangels Beleuchtung nicht immer gut ablesbar sind.

Durch die leicht diverse Karosserieform ist die Übersicht viel besser, die Sitzposition etwas höher, die Kopffreiheit im Fond ausreichend und der Kofferraum um einiges praktischer geschnitten. Das ganze Auto wirkt innen luftiger, aber ein Raumwunder ist er deswegen noch lange nicht, er ist immer noch ein Auto mit Lifestyle Charakter und weit von einem Arbeitstier entfernt.

Mercedes GLA
Integralsitze in einem SUV sagen auch etwas über dessen Positionierung aus.

Lifestyle, also ein Auto, das urbane Leute anziehen soll. Beim Start des 2,2-Liter Diesels wähnt man sich allerdings eher wie auf dem Lande. Laut und rumpelig meldet sich der Selbstzünder zum Dienst, das ganze Auto vibriert und überhaupt – ein moderner Traktor würde wahrscheinlich nicht viel leiser sein. Den rauen Ton behält er auch bei, wenn sich der Motor aufgewärmt hat. Nur bei sehr gleichmässiger Fahrt ist er ruhig, sobald kräftiger beschleunigt wird, nagelt und scheppert es heftig unter der Haube. Mercedes würde gut daran tun, bei PSA ein paar Nachhilfe-Stunden zu buchen, um zu lernen, wie man kultivierte Dieselmotoren baut.

Mercedes GLA
Auch hinten gibt es integrierte Kopfstützen. Die Kopffreiheit ist gut, die Beinfreiheit beschränkt.

Das 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe ist ebenfalls dasselbe, wie bei A- und CLA-Klasse – was nicht nur Gutes bedeutet. Das Getriebe hat nämlich eine ausgeprägte Anfahrschwäche, ausserdem vergehen beim Kickdown gefühlte zwei Sekunden, bis es sich für den passenden Gang entschieden hat. Einmal in Fahrt, macht es einen guten Job, sofern nicht die volle Leistung verlangt wird. Während die A-Klasse eher das wilde und dynamische Auto ist, geht es der GLA gemütlicher an.

Mercedes GLA
Es gäbe auch noch ein AMG-Line Paket, das die Optik schärft.

Vor allem mit 18″-Felgen und dem Komfortfahrwerk ist er weit von der Härte seiner kleinen Schwester entfernt. Das Fahrverhalten ist zwar präzise und der GLA schaukelt bei sportlicher Fahrt auch nicht, aber insbesondere mit Dieselmotor ist er mehr der ruhige und nicht der aufbrausende Typ. In Kombination mit den zahlreichen, erhältlichen Assistenzsystemen ist der GLA auch ein hervorragender Kilometerfresser auf der Autobahn, nicht zuletzt auch deswegen, weil der Testverbrauch mit 6,0 l/100 km nicht weit vom Normverbrauch mit 5,1 l/100 km abweicht.

Mercedes GLA
Der GLA ist geschickt im Mercedes-Portfolio platziert. Er braucht sich vor der Konkurrenz nicht zu verstecken, da er sehr stylisch ist.

Der Testwagen ist somit eher gemütlich abgestimmt, wobei auch der GLA mit einem 155 kW Benziner und Sportfahrwerk ausgerüstet werden kann. Noch eine Bemerkung zur SUV-Positionierung: Mercedes verspricht für den GLA ausserordentlich gute Offroad-Fähigkeiten. Via Comand Online kann die Fahrt abseits befestigter Strassen sogar digital verfolgt werden. Auf dem Display werden Neigung, Steigung und Radeinschlag visuell dargestellt. Wahrscheinlich sollen so Digital Natives ins Gelände gelockt werden…

Mercedes GLA
Die Fahrdynamik ist allerdings nicht so hoch wie bei der A- und CLA-Klasse.

Fassen wir also zusammen: Luftigeres Interieur, bessere Übersicht, mehr Platz im Fond, grösserer Kofferraum, sanfteres Fahrverhalten, Offroad-Fähigkeiten. Alles Eigenschaften, bei denen die A-Klasse klar den Kürzeren zieht. Um die Titelfrage zu beantworten: Ist der GLA die bessere A-Klasse? Ja und nein, denn es ist alles eine Frage der Perspektive. Ich als junger Heisssporn würde die turbulente A-Klasse klar dem gemächlicheren GLA vorziehen. Wem der Alltag bereits genügend turbulent ist, der wird sich wahrscheinlich eher für den GLA entscheiden – allerdings ist ein ordentlich gefülltes Portemonnaie eine gute Voraussetzung, wenn man sich für einen hochwertig ausgestatteten GLA interessiert.

Mercedes GLA
Mercedes gestaltet die Frontscheinwerfer wie menschliche Augen – der LED-Schweif soll die Augenbraue darstellen.

Der Testwagen schlägt nämlich mit 76’699 Franken zu buche – viel, viel Geld für ein Kompakt-SUV, aber Mercedes kostet eben. Ich bin davon überzeugt, dass der GLA das Portfolio von Mercedes perfekt ergänzt. Noch die kleinere Nische bedient die AMG Variante: Wer es wild und hart mag, aber trotzdem etwas mehr Platz wünscht, zieht den GLA AMG dem A45 AMG vor. Aber die ultimative Nische wird von Mercedes nicht bedient: Ein GLA Coupé. Das wäre mal ein Auto für Individualisten!

Alltag ★★★★★

Alle Mankos, welche die A-Klasse im alltäglichen Leben so hat, werden vom GLA ausgemerzt. Dank dem komfortablen Fahrverhalten, den grosszügigeren Platzverhältnissen, den verfügbaren Assistenzsystemen und dem wirtschaftlichen Antrieb ist der GLA perfekt für kleine Familien geeignet.

Fahrdynamik ★★★☆☆

Der GLA fährt sich zwar präzise, aber das Fahrwerk und der Antrieb sind im Testwagen nicht auf schnelle Fahrten über kurvige Strassen ausgelegt. Vor allem die Anfahrschwäche und die lange Bedenkzeit beim Kickdown vom Getriebe fallen negativ auf.

Umwelt ★★★★★

Für 1,6 Tonnen Leergewicht und Allradantrieb ist der Verbrauch von 6,0 l/100 km absolut gerechtfertigt, zudem wird die Euro-6-Norm erfüllt. Allerdings reagiert die Start-Stopp-Automatik nicht sehr schnell.

Ausstrahlung ★★★★☆

Der GLA wirkt weniger sexy und knackig als A- und CLA-Klasse, da die kleineren Modelle viel sportlicher gezeichnet sind. Unter den Kompakt-SUV sieht der GLA aber richtig stylisch aus.

Fazit ★★★★☆

+ Komfortables Fahrwerk
+ Präzises Fahrverhalten, direkte Lenkung
+ Bequeme und stylische Sportsitze mit viel Seitenhalt
+ Für ein SUV progressives Design
+ Sehr hochwertige Materialien, top Verarbeitung
+ Tiefer Verbrauch
+ Weitaus praktischer als die A-Klasse
+ Viele Assistenzsysteme erhältlich

– Sehr hoher Preis
– Rauer Motor
– Dem Doppelkupplungsgetriebe fehlt der Feinschliff
– Nicht sehr spritzig zu fahren

Steckbrief

Marke / ModellMercede GLA 220 4Matic
Preis Basis­modell / Testwagen37'900 CHF / 76'699 CHF
AntriebDiesel, Allrad
Hubraum / Zylinder2143 ccm / R4
Getriebe7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Max. Leistung125 kW bei 3400 - 4000 r/min
Max. Drehmoment350 Nm bei 1400 - 3400 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h8,3 s
Vmax215 km/h
Verbrauch Werk / CO2 Emissionen / Energieeffizienz5,1 l/100 km / 132 g/km / C
Verbrauch Test / CO2 Emissionen / Differenz6,0 l/100 km / 155 g/km / +18 %
Länge / Breite / Höhe4,42 m / 1,80 m / 1,49 m
Leergewicht1595 kg
Koffer­raum­volumen420 - 1235 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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