Nissan Leaf: Die japanische Elektromobilität

Nissan Leaf: Die japanische Elektromobilität

Immer mehr Hersteller bieten einen Stromer an, seit dem letzten Jahr ist auch Nissan dabei. Obwohl grundsätzlich alle Elektrofahrzeuge Gemeinsamkeiten beim Antrieb haben, so nutzen ihre Hersteller unterschiedliche Konzepte, was den Verkauf anbelangt. Während Volvo beispielsweise den C30 Electric nur übers Leasing anbietet, geht Renault einen eigenen Weg mit dem Zoe. Man kauft das Auto ab 22’800 CHF und zahlt eine monatliche Leasingrate à 95 CHF für die Akkus. Bei Nissan geht man den konventionellen Weg: Ab 49’950 CHF gibt es den Leaf zu kaufen – ohne weitere laufende Kosten, abgesehen vom üblichen Unterhalt.

Der Leaf fällt mit seinen Dimensionen und Formen in die Kategorie der Kompaktlimousinen. Über Geschmack und Design lässt sich nicht streiten, deshalb möchte ich das Auto optisch beschreiben, und nicht beurteilen. Das Auto ist allgemein eine freundliche Erscheinung, es guckt aufgestellt in die Welt und hat keine Anzeichen eines bösen Blicks. Die Dachlinie ist relativ hoch, was mit den Akkus im Unterboden und der daher erhöhten Sitzposition zusammenhängt. Das Heck hat eine etwas ungewöhnliche Erscheinung, da es sich unter der Heckscheibe zusätzlich in die Länge zieht und nicht schön abfällt, ähnlich dem ersten Renault Mégane. Diese Optik gefällt oder gefällt eben nicht. Einheitlich betrachtet lässt sich aber sagen, dass die Proportionen stimmen. Obwohl der Leaf keine bösen oder sportlichen Akzente setzt, würde ich ihn nicht als weibliches Auto abstempeln. Der Leaf definiert sich nebst seinem ökologischen Konzept auch mit seinem eigenwilligen Äusseren, ähnlich dem Juke.

Das Interieur ist hell, freundlich und übersichtlich gestaltet. Nicht nur unter der Haube ist beim Leaf alles im grünen Bereich, sondern auch im Innenraum. Die Textilsitze und diverse Verkleidungen sind recyclebar und/oder bestehen aus recycleten Materialien, ohne dabei minderwertig zu wirken. Die Akkus im Unterboden schränken das Platzangebot überhaupt nicht ein, auch im Fond lässt es sich ganz passabel reisen. Zudem ermöglicht die etwas erhöhte Sitzposition einen bequemen Ein- und Ausstieg. Auch das Kofferraumvolumen ist mit 330 Litern geräumig für eine Kompaktlimousine.
Der Leaf wirkt von innen schön übersichtlich, trotzdem hilft eine serienmässige Rückfahrkamera beim Rangieren aus Parklücken. Das Bild auf dem grosszügig bemessenen Touchscreen des Infotainment System ist scharf und gut ablesbar. Mit dem Touchscreen lassen sich diverse Funktionen bedienen, was dafür sorgt, dass nur wenige Knöpfe die Mittelkonsole prägen. Navi, Radio, Bluetooth und allgemeine Einstellungen lassen sich über das Infotainment System am Touchscreen ohne Probleme bedienen.
Die Sitze sind bequem, dürften aber etwas mehr Seitenhalt bieten. Als Gesamtes betrachtet präsentiert sich das Interieur als ansprechend und funktional.

Der Leaf wird via Startknopf aufgeweckt – da man vom E-Motor nichts hört, erklingt eine konfigurierbare Startmelodie als Zeichen, dass es losgehen kann. Mit einem runden Gangwahlhebel wird ins D geschaltet und die Bremse gelöst, damit der Leaf lautlos ins Rollen kommt. Um die schwächeren Verkehrsteilnehmer zu schützen, verfügt der Leaf über das von Nissan selbst entwickelte System Approaching Vehicle Sound for Pedestrians (AVSP), welches beim Rückwärtsfahren piepst und bei einer Geschwindigkeit bis zu 25 km/h ein künstliches Motorengeräusch mittels einem im Motorraum eingebauten Lautsprecher erzeugt. Der Fahrer kann dieses Geräusch zwar ausschalten, doch beim nächsten Neustart des Motors ist das System wieder aktiv.
Wie alle jetzigen Elektrofahrzeuge ist der Leaf ein urbanes Auto, welches auf eine Reichweite von 175 km beschränkt ist. Um den Fahrer zu animieren, möglichst effizient zu fahren, werden neben dem Tacho bei schonender Fahrweise bis zu drei virtuelle Bäume gepflanzt. Um diese Reichweite zu erreichen ist neben einer schonenden Fahrweise auch das Rekuperieren unabdingbar, was automatisch passiert, sobald man nicht mehr beschleunigt. Wenn man nur leicht auf die Bremse tritt, wird ebenfalls nur der Motor als Bremse genutzt, um die Akkus zu laden, erst bei erhöhtem Bremsdruck kommen die konventionellen Scheibenbremsen zum Zug. Doch das äusserst spontan reagierende Beschleunigungspedal, mit welchem sich ein stolzes Drehmoment von 280 Nm mobilisieren lässt, verleitet hin und wieder dazu, einen rasanten Start hinzulegen, was der Leaf mit dem Absterben eines Baums quittiert. Auf der Autobahn erreicht der Leaf 145 km/h, was in der Schweiz bereits zu einer saftigen Busse führen würde. Doch obwohl der Leaf einen beeindruckenden Start hinlegen kann, ist er eher der gemütliche Gleiter, denn das Fahrwerk ist spürbar auf Komfort ausgelegt, was den Wagen bei schneller Kurvenfahrt etwas ins Wanken bringt. Ausserdem wirkt die Lenkung zu synthetisch, wodurch sie sich zwar leicht bewegen lässt, jedoch wenig Rückmeldung gibt. Wer dem Drang, das Beschleunigungspedal voll durchzutreten, nicht widerstehen kann, dem kann der Eco-Mode helfen. In diesem Modus legt die Fahrzeugelektronik besonderen Wert auf die Reichweite, indem die Nebenverbraucher, insbesondere die Klimaanlage, in den Energiesparmodus versetzt und der Motor gedrosselt wird. Zusätzlich reagiert das Beschleunigungspedal zunehmend mit grösserem Widerstand, je stärker man es durchdrückt, so als ob das Auto einem daran erinnern möchte, dass man sich im Eco-Mode befindet und nicht zu rasant fahren sollte. Dieser Modus ist somit praktisch, wenn der Verkehr sich nicht so flüssig bewegt oder die Akkuladung langsam zur Neige geht. Ansonsten fährt sich der Leaf wie ein normales Auto mit Automatikgetriebe und durch die Ruhe im Innenraum ist der Fahrkomfort sehr hoch. Da durch den lautlosen Antrieb Reifen- und Windgeräusche rasch störend wirken, haben die Ingenieure von Nissan die Scheiben aus stärkerem Glas eingebaut und die Front so konstruiert, dass der Wind möglichst schön um das Fahrzeug umgeleitet werden kann.

Nissan will mit dem Leaf zeigen, wo die Zukunft des Autos liegt. Ausserdem ist der Leaf für 49’950 CHF käuflich und zwar mit der gesamten Ausstattung, lediglich die Ladestation und, falls gewünscht, ein Solarpanel auf dem Heckspoiler zur Stromerzeugung, Metallic-Lackierung und das Winter Pack (Sitzheizung und beheizbares Lenkrad) kosten extra. Bei der Sicherheit gibt es keine Kompromisse. In der grosszügigen Serienausstattung sind sechs Airbags, ABS mit Notbremsassistent und ESP inklusive, was zu fünf Sternen im Crash-Test führte. Natürlich ist es damit immer noch ein hoher Preis, aber durch die geringeren Betriebskosten und den Steuervorteil in einigen Kantonen ist der Gedanke an einen Kauf gar nicht so absurd. Ausserdem setzt sich Nissan für den Ausbau der CHAdeMO Infrastruktur ein, einer Ladevorrichtung, mit welcher sich innert 30 Minuten die Akkus um 80% laden lassen. Der Strom wird dann an Ort und Stelle bezahlt, analog zur klassischen Tankstelle. Der Leaf besitzt über einen CHAdeMO- als auch über einen herkömmlichen, dreipoligen Anschluss für das Laden an der Ladestation oder einer Steckdose. An der Ladestation dauert das Laden bis zu acht Stunden. Die Akkus wurden für 1000 Ladezyklen ausgelegt, was einem Autoleben (ca. acht Jahren) entspricht. Auf den Elektroantrieb inklusive den Akkus gewährt Nissan eine erweiterte Garantie für fünf Jahre.
Darüber hinaus gibt es eine iPhone App für den Leaf, mit welcher sich die Position, der Ladezustand und die Innenraumtemperatur kontrollieren lässt. Auch die Standheizung ist über die App programmierbar.
Es zeigt sich, dass die Japaner uns Europäern wieder einmal voraus sind.

(Bilder: Koray Adigüzel)

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