Nissan Pulsar: Geiz ist nicht geil

Nissan Pulsar: Geiz ist nicht geil

Seit Anfangs 2011, als der Nissan Tiida eingestellt worden ist, ist Nissan in der Kompaktklasse nicht mehr vertreten. Jetzt melden sich die Japaner mit dem expressiven Pulsar zurück. Optisch überzeugt der japanische Neuling auf Anhieb, aber um in der hart umkämpften Kompaktklasse erfolgreich zu sein, reicht hübsch sein bei weitem nicht aus. Wie bereits im letzten Jahr beim Qashqai, werde ich auch beim Pulsar überprüfen, ob das Versprechen auf der Weihnachtskarte von Nissan eingehalten wird – und natürlich, was der Pulsar sonst noch so auf dem Kasten hat.

Nissan Pulsar
Das Versprechen von Nissan.

Schnittig und athletisch wirkt der Pulsar. Mit seiner gewölbten Motorhaube, den zackigen LED-Scheinwerfern, den Sicken in der Seitenlinie und dem Heck mit dem angedeuteten Diffusor in Carbon-Optik schürt er sogar hohe, sportliche Erwartungen. Optisch reiht er sich klar in die Nissan-Familie ein, sowohl von vorne, als auch von hinten erkennt man auf Anhieb die Zugehörigkeit.

Nissan Pulsar
Der V-Kühlergrill zeigt sofort die Zugehörigkeit zur Nissan-Familie.

Allerdings hat Nissan beim Licht gespart. Denn anstelle eines hübschen LED-Leuchtbands übernehmen zwei öde Halogen-Spots die Funktion des Tagfahrlichts. Auch hinten hat sich Nissan LEDs gespart und setzt auf altmodische Glühlampen. Weiter muss auch für das Fernlicht die altertümliche Halogen-Lösung herhalten, LED-Licht gibt es nur fürs Abblendlicht.

Nissan Pulsar
Anstelle eines hübschen LED-Tagfahrlichts, leuchten nur zwei hässliche Halogen-Spots im Stossfänger.

Der Innenraum ist leider bei weitem nicht so aufregend gestaltet, wie das Aussendesign. Nüchtern, aufgeräumt und funktional kommt das Interieur daher. Eine breite, geschwungene Linie verläuft der Breite nach durchs Cockpit, ansonsten fehlt aber der Pepp. Die Grösse des Touchscreens ist hart an der unteren Grenze, insbesondere, wenn die Rückfahrkamera und die Surround View gleichzeitig eingeblendet werden, sind die beiden Bilder arg klein.

Nissan Pulsar
Die Heckschürze wirkt sportlich, der Mini-Auspuff weniger.

Mit Hilfe der Smartphone-App Nissan Connect können verschiedene Apps über das Infotainmentsystem gesteuert werden. Es sind einige sinnvolle Apps dabei, aber auch völlig unnötige. Mehr zu diesem Thema findet sich hier. Die Instrumente sind dafür hervorragend ablesbar und das grosse Fahrerinformations-Display zwischen den Instrumenten klar gegliedert und hübsch aufgelöst. Die Vordersitze sind aber recht einfach gestaltet, da sie keinen ausgeprägten Seitenhalt geben und nach einer längeren Fahrt möchte man auch nicht unbedingt länger als nötig sitzen bleiben.

Nissan Pulsar
Der Touchscreen ist etwas zu kein geraten. Dennoch ist die Surround View eine grosse Hilfe, denn Parksensoren hat der Pulsar keine.

Dafür bietet der Pulsar in der Tat unglaublich viel Platz, Nissan hat ein veritables Raumwunder kreiert. Nicht nur die Beinfreiheit im Fond ist gigantisch, auch die Ellbogen haben vorne, wie auch hinten viel Platz zur Verfügung. Und trotz des geräumigen Fonds schluckt auch der Kofferraum beachtliche 385 – 1395 Liter, schade nur, dass beim Umklappen der Rücksitze eine grosse Kante entsteht.

Nissan Pulsar
Platz zum sich ausstrecken: Der Fond ist für einen Kompakten wahnsinnig geräumig.

Unter der Haube vom Pulsar werkelt derselbe Motor wie im Qashqai: ein 1,2-Liter Turbobenziner mit 85 kW, für diese Leistung verlangt das Motörchen auf dem Prüfstand rund 5,0 l/100 km. Klingt alles gut und vernünftig, bis auf die Tatsache, dass dies momentan der stärkste Motor ist! Was hat sich Nissan nur dabei gedacht, für die ersten paar Monate nebst dem erwähnten Benziner nur einen 82 kW Diesel anzubieten? Man muss ja nicht gleich von Anfang an eine Taschenrakete auf die Strasse bringen, aber ausschliesslich auf solch magere Motoren zu setzen, scheint mir ebenfalls nicht richtig. Noch im Frühling folgt glücklicherweise ein 1,6-Liter Turbobenziner mit 140 kW, der für den angemessenen Schub sorgt.

Nissan Pulsar
Gut ablesbare Instrumente, gut aufgelöstes Fahrer-Informationsdisplay dazwischen.

Der Mini-Benziner erfüllt die Erwartungen, die das progressive Design schürt, nämlich überhaupt nicht. Die Leistung ist zwar ausreichend, aber wenn es bergauf geht, muss man schon fleissig schalten, damit man noch einigermassen zügig vorankommt. Das manuelle 6-Gang Getriebe fühlt sich knorrig und knochig an, etwas schönere, auf gut Deutsch «flutschigere» Übergänge wären wünschenswert. Optional ist für den Benziner auch ein stufenloses Automatikgetriebe erhältlich, dann würde aber der Fahrer bei starker Beschleunigung vor lauter Verzweiflung mit dem Motor um die Wette heulen. Besser die Finger davon lassen.

Nissan Pulsar
Das Cockpit ist übersichtlich, aber emotionslos.

Ich war erstaunt darüber, dass der Benziner für seine mässige Leistung während dem Test 7,3 l/100 km zu verbrennen gedenkte – eindeutig zu viel, vor allem verglichen mit dem Testverbrauch von 7,0 l/100 km des rund 90 Kilo schwereren Qashqai. Dabei wurde der Pulsar ganz normal bewegt und überhaupt nicht gequält, denn Sportlichkeit liegt dem Japaner nicht so. Die Lenkung ist nur mässig präzise, das Fahrwerk eher auf der komfortablen Seite, ohne aber zu weich zu sein. Vielleicht kommt ja eine Nismo Variante vom Pulsar, dann kann über Sportlichkeit diskutiert werden, mit dem braven Pulsar geht es aber ganz klar mehr darum, gemütlich von A nach B zu kommen.

Nissan Pulsar
Der Pulsar sieht rundum schnittig aus.

Dabei hält der Pulsar für seine Klasse einige, sinnvolle Assistenzsysteme bereit: Autonomer Notbremsassistent, Tot-Winkel-Warner, passiver Spurhalteassistent und eine Surround View Kamera. Der Tot-Winkel-Warner ist allerdings nur bei schönem Wetter brauchbar, da er die kommenden Fahrzeuge über die Rückfahrkamera erkennt – und das funktioniert eben nur bei schönem Wetter einwandfrei. Zwar ist die Kamera selbstreinigend (keine Ahnung, wie sie gereinigt wird, aber ich glaube Nissan, dass es funktioniert), aber bei Regen nützt eben auch dieses Gimmick nichts, da die Linse permanent nass und verschmutzt ist.

Nissan Pulsar
Grobe Kante bei umgelegter Rückbank.

Mit dem Qashqai hat Nissan einen grossen Schritt voraus gemacht. Der Crossover setzt auf sparsame Motoren, ist mit Front- und Allradantrieb erhältlich und hochwertig ausgestattet.Der Pulsar ist in meinen Augen ein Rückschritt. Ich habe eigentlich einen anders gestalteten Qashqai, einfach eine Etage tiefer, erwartet. Mindestens, bei so einem verheissungsvollen Namen. Aber beim Pulsar wurde einfach zu oft der Rotstift angesetzt. Kein LED-Fernlicht, kein LED-Tagfahrlicht, keine LED-Rückleuchten kein Fernlichtassistent, kein automatischer Parkassistent, kein anständiger Tot-Winkel-Warner, keine gut ausgeformte Sitze, nur ein kleiner Touchscreen, dafür ein kräftiger Durst. So ist der Pulsar nie und nimmer ein Golf Gegner, dafür ist der deutsche Platzhirsch viel zu gut. Nissan spielt eher in derselben Liga wie etwa Hyundai und Renault.

Nissan Pulsar
Seitlich betrachtet fällt der lange Radstand von 2,70 Meter auf, der für den geräumigen Innenraum sorgt.

Einverstanden, in der Top-Linie Tekna ist alles, wirklich alles dabei, lediglich Metallic-Lack kostet extra. So betrachtet bietet der Pulsar für 30’880 Franken wiederum viel Auto fürs Geld, vor allem, wenn man das enorme Platzangebot und die durchgängig saubere Verarbeitung beachtet. Aber ich frage mich, ob dies nach dem gelungenen Qashqai der richtige Weg ist. In meinen Augen müsste es für den Pulsar nochmal eine Ausstattungslinie darüber geben, damit er wenigstens dem Qashqai auf Augenhöhe begegnen kann. So, wie er jetzt dasteht, ist er zwar für seinen Preis ausserordentlich gut ausgestattet, aber ich frage mich, ob das Comeback in die Kompaktklasse gelingen wird, wenn so gegeizt wird. Das Versprechen der Weihnachtskarte wird zwar erfüllt, aber andere Erwartungen dafür nicht.

Alltag 

Für einen Kompakten sind die Platzverhältnisse im Pulsar enorm. Ausserdem hilft die Surround View Kamera beim Rangieren auf engem Raum. Wenn nur der hohe Verbrauch nicht wäre.

Fahrdynamik 

Der Pulsar ist kein Sportler, die Optik verspricht da mehr Dynamik, als vorhanden ist. Das Fahrwerk ist auf der komfortablen Seite, die Lenkung eher weich und nicht allzu direkt. Der Motor zieht für seine Grösse zwar gut durch, aber bergauf ist fleissiges Schalten angesagt.

Umwelt 

Dass bei Mini-Motoren der Realverbrauch gerne deutlich über dem Normverbrauch liegt, kennt man mittlerweile, aber 7,3 l/100 km, was einem Plus von 46% entspricht, sind echt zu viel des Guten. Ich kann mir den hohen Verbrauch nicht erklären, da derselbe Motor im Qashqai einen akzeptablen Verbrauch aufwies. Der mit 3,6 l/100 km äusserst sparsame Diesel rettet dem Pulsar diese Wertung hier einigermassen.

Ausstrahlung 

Optisch sieht der Pulsar fantastisch aus und ist eine willkommene Bereicherung der Kompaktklasse. Die 17″-Felgen und der kleine, unscheinbare Auspuff offenbaren dann aber doch ganz dezent, dass der Pulsar eigentlich ein ganz Braver ist.

Fazit 

+ Raumwunder, enorme Platzverhältnisse
+ Ruhiges Fahrverhalten, wenig Störgeräusche während der Fahrt
+ Komfortables Fahrwerk
+ Gute Verarbeitungsqualität
+ Übersichtliches, aber etwas nüchternes Interieur
+ Surround View
+ Hübsches Design
+ Gutes Preis-/Leistungsverhältnis

– Nur Abblendlicht in LED-Technik
– Bei Regen unbrauchbarer Tot-Winkel-Warner
– Mässig bequeme Sitze mit wenig Seitenhalt
– Kleiner Touchscreen vom Nissan Connect
– Zu hoher Testverbrauch
– Knochiges Schaltgefühl
– Weiche Lenkung
– (Noch) eingeschränkte Motorenwahl

Steckbrief

Marke / ModellNissan Pulsar
Preis Basis­modell / Testwagen20'990 CHF / 30'880 CHF
AntriebBenzin, Front­antrieb
Hubraum / Zylinder1197 ccm / R4
Getriebe6-Gang manuell
Max. Leistung85 kW bei 4500 r/min
Max. Drehmoment190 Nm bei 2000 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h10,7 s
Vmax190 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz5,0 l/100 km / 117 g/km / B
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz7,3 l/100 km / 171 g/km / +46%
Länge / Breite / Höhe4,39 m / 1,77 m / 1,52 m
Leergewicht1320 kg
Koffer­raum­volumen385 - 1395 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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