Porsche Cayman GTS

Kurven zum Frühstück – Porsche Midengine Power

Nichts gegen die dicken Dinger von Porsche, aber nach Panamera, Macan und einem kurzen Ausflug mit dem Cayenne wird es langsam Zeit, die Essenz von Porsche kennenzulernen: Einen waschechten Sportwagen. An was denkt man da? Klar, an den Elfer, das Nonplusultra. Den bin ich zwar nicht gefahren, wage aber trotzdem zu behaupten, dass es für maximalen Fahr- und Kurvenspass keinen Elfer braucht. Die «kleinen» Porsches in den schärfsten Ausführungen (GTS, Spyder und GT4) sind nämlich Fahrmaschinen erster Güte. Ein Fest für die Sinne.

Boxer-Sinfonie vom GTS

Das Frühstück vom Hotel haben ich und Andreas von Onemorelap beide verschmäht und zogen es vor, länger zu dösen. Warum feste Nahrung zu sich nehmen, wenn Kurvenspass vom feinsten auf uns wartet? Unser Frühstück ist der Boxster GTS, die offene Variante vom Cayman GTS. Ich bin zwar nur Beifahrer gewesen, dennoch ist der Spass auch bei mir nicht zu kurz gekommen. Erstens röhrt der GTS wie ein brünstiger Hirsch sein Boxer Gescheppere in Umwelt heraus, zweitens dreht er bis auf 7000 Umdrehungen und drittens knallt und bollert er im Schubbetrieb wie ein F-Type. Ausserdem meinte ich selbst auf der Beifahrerseite zu spüren, wie extrem präzise und neutral der GTS ist. Andreas bestätigte dies.

Porsche Cayman GTS
Die beiden roten GTS produzieren am meisten Lärm.

Allerdings fand er es schade, dass sich die Traktionskontrolle nicht deaktivieren lässt. Mich würde das nicht stören. 243 kW und 370 Nm sorgen für genügend Schub, die aktive Sport Abgasanlage für genügend Lärm, das geringe Gewicht von 1345 Kilo für ein sensationelles Handling und der Saugmotor für ein Ansprechverhalten, das nicht zu toppen ist. Zudem ist der GTS nicht ganz so puristisch, das Dach läst sich vollautomatisch öffnen und schliessen. Geschaltet wird ausschliesslich über das PDK-Doppelkupplungsgetriebe, was mir ebenfalls entgegen kommt. Ich gehöre halt zur bequemen Sorte…

Porsche Boxster Spyder
Der Boxster Spyder zieht am Boxster GTS vorbei. Dennoch mag ich den GTS lieber…

Boxster Spyder: Ohne Dach, mit Scharf

Andreas ist vom Boxster GTS ziemlich geflasht. Kein Wunder, denn nach gefühlten 500 Kurven und einem Ausflug auf den Wanderweg (ja, ihr habt richtig gelesen!), sind wir auf dem grossen St. Bernhard, der Grenze zwischen der Schweiz und Italien, angekommen. Zeit für einen Fahrzeug- und Fahrerwechsel. Ich mache mit dem Boxster Spyder die Bekanntschaft, der schärfsten Version des Boxster und quasi ein offener Cayman GT4. Dachte ich. Dass ich mich täuscht, konnte ich dort noch nicht ahnen, aber dazu später mehr. Die Sitze im Boxster Spyder stammen aus dem 918 Spyder und sind nicht so brutal eng, wie sie scheinen. Im Gegenteil, sie sind herrlich bequem und langstreckentauglich, sie dürften im Schulterbereich gar noch mehr Halt geben. Das Verdeck muss allerdings aus Gewichtsgründen von Hand bedient werden, auch die Türgriffe mussten einfachen Schlaufen weichen. Doch sobald man einmal gesehen hat, wie es funktioniert, ist es eine einfache Sache. Innert einer Minute kann das Verdeck geöffnet, oder geschlossen werden.

Porsche Boxster Spyder
Türschlaufe anstatt Türgriff.

Zeit, loszudüsen. Im Gegensatz zum GTS ist im Spyder Handarbeit gefragt, es steht ausschliesslich ein manuelles 6-Gang Getriebe zur Wahl. Die harte Kupplung mit langem Pedalweg bereitet mir im Stand noch Sorgen, doch das Anfahren funktioniert erstaunlich geschmeidig. Der Spyder ist 33 kW stärker als der GTS (276 kW) und 30 Kilo leichter (1315 Kilo). Ich gewöhne mich ans Auto, spüre schnell, wie extrem direkt und präzise das Handling ist. Die Porsche Lenkungen sind ein Traum, an Präzision und Rückmeldung nicht zu überbieten. Ich steigere das Tempo und prompt zuckt das Heck, obwohl alle Systeme an sind. Der Spyder lässt sich leicht korrigieren, trotzdem dachte ich, dass er stabiler sei. Aber wahrscheinlich waren die Reifen noch nicht ganz auf Temperatur.

Porsche Boxster Spyder
Sitze aus dem 918 Spyder.

Die Route führt über irgendwelche, nicht enden wollende, verwinkelte Bergstrassen. Glücklicherweise befinde ich mich in Italien – die meiste Zeit war mir das Tempolimit nicht bekannt und selbst wenn, es wäre mir egal. Währenddessen verschmelze ich mit dem Spyder. Das manuelle Getriebe, die wichtigste Mensch-Maschinen-Schnittstelle in einem Auto, ist das beste Rührwerk, das ich jemals geführt habe. Die Wege kurz und knackig, so präzise wie die Lenkung, kurz: ein Traum. Dank automatischem Zwischengas klingt das Runterschalten nicht nur gut, der Gangwechsel ist auch blitzschnell vollzogen.

Porsche Midengine
Wortwörtlich auf Abwegen. Offensichtlich haben Boxster und Cayman die Gene vom Cayenne im Herzen…

Einziger Wermutstropfen ist die lange Getriebeübersetzung. Insbesondere in engen Kurven fehlt im zweiten Gang der Schub, um schnell wieder auf Touren zu kommen. Aber damit kann ich leben, sehr gut sogar. Das Handling ist messerscharf, der Spyder ist ein wahres Präzisionsinstrument. Das Heck hat nie mehr gezickt, der Spyder fährt wie auf Schienen, bliebt schön neutral, ist einfach beherrschbar. Der Sound ist unverfälscht echt, er röhrt hinten heraus, dass ich beinahe eine Gänsehaut bekommen habe. Es ist ein intensives Fahrerlebnis gewesen und ich dachte, es kann gar nicht mehr besser werden, weil offenes Fahren immer mehr Spass macht, als geschlossen. Warum also sollte der geschlossene Cayman GT4 den Spyder in den Schatten stellen?

Porsche Boxster Spyder
Der Boxster Spyder bietet ein messerscharfes Handling.

Knochentrocken: Cayman GT4

Der Cayman GT4 macht mit seinem riesigen, feststehenden Spoiler und der aggressiven Front unmissverständlich klar, dass er sehr viel Motorsporttechnik unter dem Blech spazieren fährt. Komisch finde ich, dass der geschlossene Cayman GT4 trotz dem identischen Motor 25 Kilo schwerer ist als der Boxster Spyder. Aber ich komme gar nicht gross dazu, darüber nachzugrübeln. Der GT4 ist durchwegs extrem, der Spyder wirkt fast wie ein Weichling dagegen. Das Fahrwerk ist im Gegensatz zum Spyder verstellbar, doch es kennt nur zwei Modi: Hart und bretthart.Bereits im normalen Modus hoppelt man wie ein Kaninchen über die Strasse, im Sport-Modus wird die Federung weitgehend eingestellt. Jede klitzekleine Unebenheit wird 1:1 wiedergegeben, man wird regelrecht durchgerüttelt.

Porsche Cayman GT4
Extremist: Der Cayman GT4 macht auch optisch unmissverständlich klar, wozu er gebaut wurde.

Das Getriebe ist genauso knackig wie im Spyder, doch die optionalen Keramikbremsen stellen die Bremsen vom Spyder deutlich in den Schatten. Das Pedal ist zwar ungewohnt hart, aber die Bremsen verzögern so vehement, dass man Kurven extrem spät anbremsen kann. In Verbindung mit dem Fahrwerk ist das Handling noch schärfer, noch intensiver als im Spyder. Der Motor dreht zudem höher als im Spyder, gipfelt wirklich erst ganz oben in seinem Leistungsmaximum. Kein Bollern im Schubbetrieb, nur echtes, unverfälschtes Röhren beim Beschleunigen. Im Gegensatz zum GTS kann hier die Traktionskontrolle ebenfalls komplett deaktiviert werden. Die 7 zusätzlichen kW im Gegensatz zum Spyder sind geschenkt, es ist das Setup, das den Unterschied macht. Der Cayman GT4 ist eine kompromisslose Rennmaschine, was auf der Autobahn ganz deutlich wird: Er ist hart und laut.

Porsche Cayman GT4
Der riesige Spoiler ist geil.

Welcher darf’s denn sein?

Ich dachte, der GTS sei bereits unglaublich scharf, auch, weil er am meisten Lärm produziert. Dann bin ich im Spyder gefahren und habe gemerkt, es geht noch extremer. Der GT4 hat mir dann gezeigt, was möglich ist, wenn man die Alltagstauglichkeit über Bord wirft. Der Spyder ist keinesfalls ein offener GT4, er ist lediglich ein besonders scharfer Boxster. Dass der GT4 für die Rennstrecke gemacht ist, spürt man jederzeit. Somit taugt der GT4 für Hobbyrennfahrer, die ein scharfes Track-Tool suchen oder als Zweitwagen, um zur Rennstrecke, auf die Rennstrecke und wieder nach Hause zu fahren. Der Spyder bedient jene Fraktion, die gerne ein messerscharfes Handling, aber doch Restkomfort wünschen. Und dann gibt es noch die Waschlappen wie mich. Ich würde mir nämlich den GTS besorgen. Der, der am «wenigsten» auf dem Kasten hat, aber am meisten Lärm produziert. Da haben wir nämlich etwas gemeinsam. Wie das Auto, so der Halter. Oder umgekehrt. Spass beiseite. 😀

Porsche Midengine
Geprüft und für gut befunden: Waldwege haben Boxster und Cayman mit Bravour gemeistert.

Mir würde der GTS ganz klar genügen, ausserdem geniesse ich den Sound, das Gebollere und das Automatikgetriebe. So genial die Handschaltung von Porsche auch ist, ich persönlich würde zum PDK greifen. Unter dem Strich bekommt man beim GTS nämlich mehr Auto für weniger Geld, einfach durch die Tatsache, weil er ein sehr sportliches Gesamtpaket bietet. Spyder und GT4 sind mir da schon zu extrem.

Porsche Boxster GTS
Mein Favorit: Der Boxster GTS. Laut, wild, mit perfekter Automatik und ausgewogenem Fahrwerk.

Kommen wir zur Kritik. Ähm, ja. Es sind Porsches. Da gibt’s naturgemäss wenig zu motzen. Gestört haben mich das veraltete und lahme Multimediasystem sowie die sichtbare Beifahrerairbag-Abdeckung. Das ist alles andere als Premium. Aber das war’s dann schon. Sie sind nicht einmal so teuer. Verglichen mit einem 911er sind die scharfen Mittelmotor-Sportler sogar ein richtiges Schnäppchen. Die Basispreise für Boxster GTS, Cayman GTS, Boxster Spyder und Cayman GT4 lauten wie folgt: 87’100 CHF, 90’100 CHF, 97’600 CHF, 104’700 CHF. Zum Vergleich: Der billigste 911er kostet 110’400 CHF. Also ich hätte mich da schnell entschieden.

(Bilder: Frank Ratering, Andreas Ringli, Koray Adigüzel)

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