Renault Espace Initiale Paris

Renault Espace: Die Lehre der Entschleunigung

Was treiben die Entwickler von Renault in Ihrer Freizeit? Offenbar schlendern sie nächtens durch die finsteren Gassen von Paris, an deren Ecken zwielichtige Gestalten ihr Unwesen treiben. Anders kann ich mir nicht erklären, dass die Funktion zur Türverriegelung während der Fahrt im neuen Espace «Ghetto-Schaltung» heisst. Die Kreativität der Franzosen hört bei der Funktionsbenennung aber noch lange nicht auf. Der neue Espace ist ein Crossover wie aus dem Bilderbuch, weder Van, noch SUV. Ein neuartiges Design, innen wie aussen, machen den Espace aus. Ob er noch weitere Überraschungen auf Lager hat?

Sie sind die grossen Verlierer unter den Autos: Die Vans. SUVs, hochgelegte Kombis und nicht einzuordnende Crossover graben ihnen das Wasser ab. Der Renault Espace gehörte bis vor kurzem ebenfalls zu den Vans. Ein Kasten auf Rädern, fernab von jeglichem französischen Chic, dafür hätte eine ganze Studenten-WG zur Not ein paar Tage einziehen können. Da dies allerdings ein eher unrealistisches Szenario ist, kannten die Verkaufszahlen nur eine Richtung: nach unten.

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Das neue Markengesicht steht dem Espace gut, verleiht ihm eine gewisse Entschlossenheit.

Aber den Espace einstellen? Unmöglich, schliesslich hat das seit 1984 gebaute Raumwunder eine nicht zu verachtende Historie. Was also tun? Rein optisch ein klarer Fall: Man springt auf den Crossover-Zug auf. Der Espace ist eine Mischung aus Van, Cross-Kombi und SUV. Jetzt sieht der Espace ganz schön chic und kräftig aus. Man kann nämlich auch einem überaus praktischen Auto ein ansehnliches Blechkleid schneidern.

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Der Cross-Look rundherum lässt den Espace kräftig und präsent wirken.

Und innen? Okay, für eine mobile Studenten-WG taugt der Espace nicht mehr, denn es dürfte selbst der grössten Mathe-Niete einleuchten, dass eine im Vergleich zum Vorgänger höhere Bodenfreiheit zusammen mit einer niedrigeren Dachlinie in der Folge Raum kostet. Aber was soll’s? Wenn alle fünf Rücksitze umgelegt sind und ich ein «Hallo, ist da jemand?» in den Espace rufe, wundere ich mich, dass kein Echo zurückkommt. Wer wirklich noch mehr Platz benötigt, macht am Besten ein Führerausweis-Upgrade und kauft sich einen ausrangierten Linienbus, um seine selbstgezüchtete Fussball-Mannschaft durch die Gegend zu chauffieren.

Renault Espace Initiale Paris
Der flache Abgang muss zu Gunsten der Raumausnutzung leider sein.

Der neue Espace ist zwar nicht mehr das ultimative Raumwunder wie einst, dafür ist er eine rollende First-Class Lounge. Ja, Renault und First-Class, das klingt wahrscheinlich für viele etwas befremdlich, aber ich meine es ernst. Zwar bietet der Franzose keine Hot-Stone-Massage an, aber in Puncto Atmosphäre, Behaglichkeit und Raumgefühl kann die Mercedes S-Klasse einpacken. Mit seinen exzellenten Sesseln vorne, den drei einzeln verschiebbaren Sitze hinten, dem gigantischen Panorama-Schiebedach und vor allem der edlen Ambientebeleuchtung sieht der Espace mehr wie ein nobles Hotelzimmer denn ein Auto aus.

Renault Espace Initiale Paris
Ist das noch ein Schalthebel oder schon ein Designerstück?

Dass man auf den Plätzen vorne bis ans Ende der Welt fahren könnte, dürfte in diesem Auto selbstverständlich sein. Aber auch die zweite Reihe ist sehr bequem und die Beinfreiheit gigantisch. Allerdings ist die Kopffreiheit durch das Panoramadach für sehr grosse Menschen (> 1,85 m) eingeschränkt. Die letzte Reihe taugt wie üblich nur für Kinder, ausserdem sehen die hintersten Passagiere kaum aus dem Fenster, weil Renault die Fensterlinie zu Gunsten des Designs hinten stark anhebt.

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So bequem wie der Fernsehsessel zu Hause – aber mit diversen Massagefunktionen!

Dafür trumpft der Espace mit weiteren Highlights auf. Alle fünf hinteren Sitze können sowohl vom Touchscreen, als auch vom Kofferraum aus flachgelegt werden – mit nur einem einzigen Knopfdruck. Sogar die Kopfstützen werden heruntergefahren. Besonders clever: Der Mechanismus ist rein mechanisch. Auch das neue Infotainmentsystem weiss zu begeistern: Es orientiert sich von der Bedienung her an ein Tablet und ist demzufolge Multi-Touch fähig. Die Menüs sind hübsch und übersichtlich gestaltet, die Bedienung sehr intuitiv, zudem können ganze vier Startseiten nach persönlichem Gusto eingerichtet werden. Dass die Dame der Navigation fröhlich und freundlich vor sich hin lispelt, ist nur ein weiterer Beweis dafür, dass der Espace einfach ein etwas anderes Auto ist. Aber ganz ehrlich: Lieber eine lispelnde, fröhliche Stimme als eine monotone Computerstimme!

Renault Espace Initiale Paris
Raum ohne Ende.

Es gibt im automobilen Alltag gewisse Situationen, welche die Entstehung von Glückshormonen fördern. Dazu gehört beispielsweise der Moment, wenn man in einem übermotorisierten Gerät am Fusse einer Passstrecke steht, alle Systeme auf scharf gestellt sind und man feststellt, dass man freie Fahrt hat. Aber der Espace hat mich eines gelehrt: Entschleunigung ist mindestens so schön wie Beschleunigung. Wenn ich seit sechs Uhr morgens auf Achse bin, einen Arbeitstag (notabene am Samstag), eine Wohnung-Einweihungsparty sowie total 250 Kilometer hinter mir habe, dann steht mir nicht der Sinn nach Pferdestärken.

Renault Espace Initiale Paris
«Initiale Paris» heisst die höchste Ausstattungslinie. Im Hintergrund: Die nobel wirkende Ambientebeleuchtung.

Mittlerweile ist es Mitternacht und ich rolle mit 130 km/h der menschenleeren Autobahn entlang. Vom Tempo spüre ich beinahe nichts, denn der Espace kapselt mich von der Aussenwelt ab. Wind- und Abrollgeräusche scheinen weit, weit weg, über etwaige Unebenheiten schaukelt der Espace sanft hinweg. Die Voll-LED-Scheinwerfer weisen mir den Weg, der Mond scheint durch das gigantische Panoramadach und die Ambientebeleuchtung taucht den Wagen in ein wohliges, blaues Licht. Die Bose Soundanlage berieselt mich mit meinen Lieblingssongs, während ich mir von den Sitzen den Rücken durchkneten lasse. Das ist Espace fahren in seiner besten Form!

Renault Espace Initiale Paris
Das Infotainmentsystem lässt sich wie ein Tablet bedienen.

Leider rüttelt die Kopfstütze vom Beifahrersitz hin und wieder geräuschvoll vor sich hin, dies ist aber (hoffentlich) ein Mangel vom Testwagen und kein generelles Problem. Geniessen kann ich die Fahrt ausserdem nur, weil ich den Spurhalteassistenten deaktiviert habe. Nur schon beim Annähern einer Fahrbahnlinie würde mich der Assistent mit der Intensität eines Schiffhorns warnen. Danke, aber darauf kann ich verzichten. Da ich aber bei mir zu Hause den Espace in eine enge Lücke würgen muss und ich langsam, aber sicher die Müdigkeit spüre, übergebe ich gerne dem Espace das Kommando, der sich selber ruck-zuck innert zwei Zügen perfekt in die Lücke bugsiert. In Gedanken bin ich schon in meinem Bett und glücklicherweise muss ich auch nicht daran denken, das Auto zu verriegeln, denn sobald ich mich mit dem Schlüssel in der Tasche entferne, verriegelt sich der Espace automatisch. Na dann, gute Nacht!

Renault Espace Initiale Paris
Je nach Fahrmodus ändert sich die digitale Instrumentierung.

Zugegeben, das waren jetzt perfekte Bedingungen für den Espace und damit niemand auf die Idee kommt, Renault hätte mich für diesen Beitrag bezahlt, sollten jetzt wohl ein paar kritische Bemerkungen zum neuen Renault Flaggschiff folgen. Fangen wir an.
1.) Die Heckklappe müsste etwas weiter aufschwingen.
2.) Die Ablageflächen unter der Mittelkonsole sind gut gemeint, aber man kommt kaum an sie heran, ohne sich den Arm übelst zu verrenken.
3.) Den Spurhalteassistenten und die rüttelnde Kopfstütze hatten wir schon.
4.) Die Tempolimit-Auflösungszeichen erkennt die Kamera nicht. (Ob’s an den Schweizer Schildern liegt?)
5.) Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass der Espace ein richtig gutes Auto ist?

Renault Espace Initiale Paris
Die hinterste Sitzreihe ist vor allem für Kinder gedacht.

Spass bei Seite, man merkt, ich kann dem Espace beim besten Willen bloss Kleinigkeiten ankreiden. Der Franzose ist von den Abmessungen her ein richtig dickes Schiff, aber abgesehen davon, dass beim Blick in den Rückspiegel die Heckscheibe extrem weit weg scheint, merkt man vom Fahren nichts von seiner Grösse. Seine 1800 Kilo Leergewicht sind voll okay – vor allem, wenn man bedenkt, dass ein deutlich kleinerer, britischer Sportwagen mit obszönen Lautäusserungen, ebenso viel wiegt.

Renault Espace Initiale Paris
Der Innenraum ist übersichtlich und modern gestaltet.

Kann man eigentlich das Thema Fahrdynamik – immerhin verfügt der Espace über einen Sportmodus – überhaupt wagen zu beschreiben? Man kann! Für ein solches Schiff fährt sich der Espace nämlich agiler als man meint und der verhältnismässig kleine 1,6-Liter Turbodiesel hat ordentlich Schub. Das Geheimnis der Agilität liegt in der Allradlenkung, genannt «4Control». Bei Tempi unter 60 km/h lenken die Hinterräder gegenläufig, dies erhöht Agilität und Wendigkeit spürbar. Bei höheren Geschwindikeiten lenken die Hinterräder paralell zu den Vorderen, dies erhöht die Stabilität. Dennoch ist das Heizen über Pässe nicht gerade das, was das tägliche Brot vom Espace sein sollte. Mit seinem noblen Ambiente ist er perfekt dafür geeignet, einem stressigen Tag den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Renault Espace Initiale Paris
Die Allradlenkung lässt den Espace viel handlicher wirken, als seine Länge es vermuten lässt.

Mir gefällt der Ansatz von Renault extrem gut. Das ganze Auto ist auf maximalen Komfort ausgerichtet: Die effektive Schallisolierung, die Ambientebeleuchtung, die Massagefunktionen, das Umklappen der Sitze. Ausserdem haben die Franzosen es geschafft, so ein grosses Auto weder kastig, noch hässlich aussehen zu lassen – im Gegenteil, die Linien wirken stimmig. Für das grosszügige Package verlangt Renault nicht einmal so viel. Für 58’600 Franken bekommt man das Rundum-Sorglos-Paket – ein Paket, das dafür sorgt, dass garantiert jeder tiefentspannt aus diesem Auto aussteigt. Und ist es nicht das, wonach wir in der stressigen Zeit heutzutage suchen? Einen Ruhepol?

Alltag 5.0 Stars

Was will man mehr: Platz ohne Ende, Komfort ohne Ende, Personalisierung ohne Ende. Die Allradlenkung nimmt zudem den Schrecken vor engen Parkhäusern.

Fahrdynamik 3.0 Stars

Für einen, ähem, Van fährt sich der Espace ganz gut. Man ist nicht komplett vom Geschehen abgekapselt, die Lenkung vermittelt durchaus etwas von der Strasse und seekrank wird man auch nicht.

Umwelt 3.0 Stars

Der Normverbrauch von 4,6 l/100 km ist natürlich ein sensationeller Wert, wenn man bedenkt, dass über 1800 Kilo bewegt werden müssen. Doch die Realität ist ernüchternd: Im Test schluckte der Espace volle 7,0 l/100 km – ein Plus von 52%.

Ausstrahlung 4.0 Stars

Wenn man den Espace mit dem Vorgänger vergleicht, ist der Neue ein wahrer Schönling. Renault hat es geschafft, einen rustikalen und eleganten Look zu kombinieren.

Fazit 4.5 Stars

+ Höchster Fahrkomfort
+ Gefälliges Design
+ Intuitives und fortschrittliches Infotainmentsystem
+ Tiefer Geräuschpegel
+ Hohe Personalisierung mit Memory-Funktion
+ Platz ohne Ende
+ Unauffälliges Getriebe
+ Diverse Assistenzsysteme verfügbar
+ Sehr noble und gemütliche Atmosphäre
+ Top Verarbeitung
+ Allradlenkung «4Control»

– Verbrauch deutlich über Norm-Angabe
– Vibrierende Kopfstütze
– Schwächelnde Verkehrszeichenerkennung
– Heckklappe öffnet nicht hoch genug

Marke / ModellRenault Espace
Preis Basis­modell / Testwagen37 500 CHF / 58 600 CHF
AntriebDiesel, Frontantrieb
Hubraum / Zylinder1598 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe6-Gang Doppelkupplungsgetriebe EDC
Max. Leistung118 kW bei 4000 r/min
Max. Drehmoment380 Nm bei 1750 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h9,9 s
Vmax202 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz4,6 l/100 km / 120 g/km / A
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz7,0 l/100 km / 183 g/km / +52%
Länge / Breite / Höhe4,86 m / 1,89 m / 1,68 m
Leergewicht1812 kg
Koffer­raum­volumen (7-, 5-, 2-Plätzer)247 l / 680 l / 2035 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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