Renault Kadjar: Ausdrucksstarker Spätzünder

Renault Kadjar: Ausdrucksstarker Spätzünder

Da haben sich die Franzosen ganz schön viel Zeit gelassen. Während andere Hersteller bereits seit einiger Zeit ein Kompakt-SUV in zweiter Generation im Portfolio haben, bringt Renault mittlerweile den Kadjar in Position. Um sich gegen die zahlreiche Konkurrenz durchzusetzen, wird er es nicht leicht haben. Einerseits spricht die eigenwillige Optik für ihn – oder eben nicht, je nach Geschmack. Ob der technische Zwilling vom Nissan Qashqai weitere Alleinstellungsmerkmale hat, die ihn von der Konkurrenz abheben? Und gibt es wesentliche Unterschiede zum Qashqai?

«Wenn wir schon nicht die Schnellsten waren, müssen wir wenigstens die Schönsten sein», meint Renaults Design-Chef Laurens van den Acker. Er meint damit das expressive Erscheinungsbild. Mit der geschwungenen Haube, der gedrungenen Silhouette, der ansteigenden Fensterlinie und den ausladenden Kotflügeln übt sich der Kadjar nicht in Zurückhaltung. Im leuchtenden Rot kommt sein Design noch viel stärker zur Geltung.

Renault Kadjar
Der Kadjar ist ein durchgestylter Crossover.

Während der Zwilling Qashqai eher den Einheitsbrei pflegt und auf Understatement setzt, will Renault mit dem Kadjar auffallen. Das müssen sie auch, denn die Konkurrenz lauert überall. Aber auch ganz losgelöst vom Kadjar gefällt mir die Richtung, die Renault eingeschlagen hat. Kadjar, Espace, Mégane, Talisman – die Autos machen optisch alle was her.

Renault Kadjar
Die Haube ist stark gewölbt.

Man sieht allerdings im Innenraum, dass Renault nicht ganz freie Hand hatte, ansonsten hätten sie bestimmt einen grossen, vertikalen Touchscreen eingebaut. Es ist zwar das bekannte, sehr gute System von Renault, aber es wirkt auf dem kleineren Display gedrungen und nicht so schön, wie auf den vertikalen Screens. Dafür ist das restliche Interieur schön. Renault setzt durchgehend auf ausgesprochen hochwertige Materialien und sehr bequeme Sitze. Das Tüpfchen auf dem i wäre eine Ambientebeleuchtung, aber dafür hat es wohl nicht mehr gereicht.

Renault Kadjar
Die hinteren Kotflügel und die Fensterlinie sind markant.

Auffallend ist der grosse Haltegriff für den Beifahrer, der an den Jaguar F-Type erinnert. Der Griff wird im Kadjar freilich nicht so oft verwendet werden, da er nicht für fahrdynamische Höchstleistungen konstruiert wurde. Beeindruckend ist dafür die Variabilität. Der Kofferraum kann entweder unterteilt werden, damit Einkaufstaschen nicht kippen, oder man nutzt die Fächer als Untergeschoss. Des Weiteren kann sogar der Beifahrersitz umgeklappt werden, wenn das berühmte Surfboard transportiert werden muss, wie es die Werbung gerne demonstriert. Ich denke, der im Testwagen verfügbare Allradantrieb dürfte für die Schweiz das wichtigere Verkaufsargument sein.

Renault Kadjar
Liebe zum Detail…

Allerdings muss ich das gleich revidieren. Der Kadjar ist ganz klar ein neumodischer Crossover, wie viele anderen seiner Konkurrenten. Dass er nicht einmal über eine Bergabfahrhilfe verfügt, zeigt deutlich, wo Renault ihn platzieren möchte. Zwar stehen in den technischen Daten irgendwo irgendwelche Angaben zum Böschungswinkel, aber viel lieber betont Renault, wie sportlich der Kadjar mit seinen 19-Zöller doch wirkt. Letztere verursachen einen Mehrverbrauch von 0,1 Liter und diese 0,1 Liter sorgen dafür, dass der Kadjar in der Effizienzkategorie eine Stufe runter fällt. Zudem sind die grossen Felgen in der höchsten Ausstattungslinie serienmässig – doch Öko-Freaks und Veganer kaufen sich eh keinen SUV.

Renault Kadjar
…und weniger Liebe zum Detail.

Aber zurück zum Allradantrieb. Dieser ist bloss in Verbindung mit dem stärkeren Diesel erhältlich, die anderen Motorisierungen gibt es bloss mit Frontantrieb. Unabhängig davon würde ich dennoch den gefahrenen 96 kW Diesel empfehlen. Das klingt auf dem Papier für ein 1600-Kilo-SUV eher schwach, aber der Motor ist klasse. Er fühlt sich deutlich stärker an, weil er zwischen 1800 und 3500 Umdrehungen kräftig durchzieht –überdies ist er auch ziemlich leise. Schade, gibt es diesem Motor nicht in Verbindung mit einem Automatikgetriebe, denn ich finde, zu einem gemütlichen SUV passt ein Automat besser als ein manuelles Getriebe. Zwar lässt sich der Kadjar mühelos schalten, aber meiner Meinung nach ist der unförmige Schalthebel alles andere als ein optisches Meisterwerk im durchdesignten Kadjar.

Renault Kadjar
Hinten erinnert er an den Clio.

Richtig fein ist dafür das komfortbetonte Fahrwerk. Der Kadjar steckt alles weg und vermittelt einem trotzdem ein gutes Gefühl. Das ESP ist in Kurven zwar ziemlich rigoros, aber eigentlich könnte das Fahrwerk mehr, wenn die Elektronik es zulassen würde. Während viele SUVs ausserdem über eine weiche Lenkung verfügen, ist jene im Kadjar ziemlich streng. Leider vermittelt sie dennoch wenig Rückmeldung. Es scheint, als ob das Lenkrad irgendwie gedämpft wäre. Das wird den potentiellen Kunden wohl wenig stören, denn eine solch forcierte Fahrt auf einer Passstrasse wird das gute Presseauto für den Rest seines Daseins wahrscheinlich nicht mehr erleben. 😉

Renault Kadjar
Das Interieur ist sehr hochwertig und attraktiv – bis auf den unförmigen Schalthebel.

Weitere Stärken sind neben dem hohen Fahrkomfort das LED-Licht, der Tot-Winkel-Warner, der automatische Parkassistent und der Notbremsassistent. Anstelle des piepsenden Spurhalteassistenten würde ein adaptiver Tempomat den Kadjar ungemein aufwerten, doch leider bieten den die Franzosen nicht an.

Renault Kadjar
Falls mal ein Umzug ansteht.

Wer auf extravagantes Design steht, dürfte sich mit dem Kadjar anfreunden. Schön finde ich, dass Renault es bei der sportlichen Erscheinung belässt, dem Kadjar aber nicht versucht, durch ein unnötig straffes Sportfahrwerk eine Pseudo-Sportlichkeit aufzudrängen. Er ist eine fahrende Sänfte und das ist gut so. Die Materialanmutung im Innenraum ist erstaunlich hoch und wahrscheinlich auch der Grund dafür, warum er voll ausgestattet 2000 Franken mehr kostet als der Qashqai, nämlich 41’800 Franken. Technisch kann er sich nämlich weder vom Qashqai, noch von anderen SUVs besonders abheben.

Renault Kadjar
Aussergewöhnlich, dass eine Ausstattungslinie nach der installierten Soundanlage benannt ist.

Alltag 

Für seine Grösse ist er sehr handlich. Der hohe Fahrkomfort und die Variabilität machen ihn zu einem gemütlichen und praktischen Begleiter.

Fahrdynamik 

Sein Handling ist okay. Er schwankt nicht, aber besonders direkt und präzise ist er auch nicht. Der Motor fühlt sich dafür kräftiger an, als er auf dem Papier ist. Die Handschaltung ist angenehm.

Umwelt 

7,8 Liter Verbrauch sind ziemlich hoch und vor allem massiv über dem Normverbrauch von 4,9 l/100 km.

Ausstrahlung 

Mit seinen auffälligen Formen möchte sich der Kadjar optisch von der massiven Konkurrenz abheben.  Abgesehen von der hässlichen Auspuffanlage ist der Kadjar durchaus eine stimmige Erscheinung.

Fazit 

+ Sehr hoher Fahrkomfort
+ Gute Variabilität
+ Kräftiger Motor
+ Hochwertiges Interieur
+ Sehr bequeme Sitze
+ Diverse Assistenzsysteme erhältlich
+ Mutiges Design
+ Fairer Preis

– Komprimiert wirkendes Mediasystem
– Lenkung mit schwacher Rückmeldung
– Hoher Verbrauch

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellRenault Kadjar
Preis Basismodell / Testwagen22 900 CHF / 41 900 CHF
AntriebDiesel, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder1598 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe6-Gang manuell
Max. Leistung96 kW bei 4000 r/min
Max. Drehmoment320 Nm bei 1750 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h10,5 s
Vmax190 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz4,9 l/100 km / 129 g/km / C
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz7,8 l/100 km / 205 g/km / +59%
Länge / Breite / Höhe4,45 m / 1,84 m / 1,61 m
Leergewicht1611 kg
Koffer­raum­volumen472 - 1478 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

Deine Meinung hinterlassen

%d bloggers like this: