Renault Megane R.S.: Und wie hart bist du?

Renault Megane R.S.: Und wie hart bist du?

Da haben die Franzosen ihre Fangemeinde aber lange warten lassen! Über zwei Jahre seit dem Launch des aktuellen Megane hat es gedauert, bis der von Renault Sport scharf gemacht Hot Hatch der Konkurrenz in den Hintern treten darf. Diese Zeit hat sich jedoch definitiv gelohnt. Die zentrale Frage lautet nämlich nicht, ob es ein Megane R.S. sein soll, sondern welcher! Eine beeindruckende Konfigurationsvielfalt holt sowohl den sportlichen Alltagsfahrer, als auch den Hardcore-Fan ab. Zwei unterschiedliche Testwagen stellen sich – Am Ende bleibt die Qual der Wahl sowie der Wunsch, dass sich Renault von Volvo inspirieren lässt…

Einfach profan die Schürzen austauschen, damit ist es bei Renault nicht getan. Vor allem, wer sich ein paar Schritte vom Auto entfernt, stellt fest, wie breit und muskulös der Megane R.S. auf der Strasse steht! Grund ist die Verbreiterung von fast acht Zentimetern im Vergleich zum braven Megane. Trotz breiten Backen und grossem Zentralauspuff schaut der Franzose aber nicht prollig aus. Im Gegenteil: Viele haben während des Tests das gelungene Design gelobt. Besonders hervorzuheben ist das wunderschöne Rot (Rouge Flamme), womit das Auto unter der Sonne förmlich zu glühen scheint.

2018 Renault Megane R.S.
Die breiten Backen sind dem Megane R.S. sofort anzusehen.

Im Interieur empfängt einen dezente Sportlichkeit. Die Alcantara-Schalensitze sind der perfekte Mix aus Komfort und Seitenhalt. Carbon-Zierelemente am Armaturenbrett sowie Türverkleidungen im Carbon-Look runden das Erscheinungsbild ab. Positiv aufgefallen sind die durchwegs hohe Materialgüte und auch die Verarbeitungsqualität, da gebe sich die Franzosen sichtlich Mühe.

2018 Renault Megane R.S.
Erstklassige Sportsitze, allerdings ohne Alternative zu den roten Kontrastnähten.

Schade finde ich, dass man mit dem Glasdach auf den passenden schwarzen Dachhimmel verzichten muss und wenig sportliches Beige über sich hat. Ausserdem sollte gerade den stilbewussten Franzosen bewusst sein, dass rote Nähte nicht zu allen Aussenfarben passen. Wenigstens neutrale weisse Nähte sollten zusätzlich im Angebot sein. Aber ich schweife ab, denn der Megane R.S. wurde nicht gebaut, um Schönheitspreise zu gewinnen.

2018 Renault Megane R.S.
Die R.S.-Vision genannte LED-Leuchttechnik und Lichtsignatur strahlt vor allem mit Fernlicht besonders hell.

Los geht’s mit der zahmeren Variante, sofern bei einem Megane R.S. überhaupt von zahm die Rede sein kann: Sport-Chassis, Brembo-Bremsen und 6-Gang-Doppelkupplungsgetriebe – das klingt schon sehr sportlich. Jedoch wird die Alltagstauglichkeit trotz sportlichem Charakter gross geschrieben. Wer im Neutral-Modus losfährt, spürt noch wenig vom Potenzial und Temperament, welches im Auto schlummert.

2018 Renault Megane R.S.
Kim Kardashian lässt grüssen, mehr kann man angesichts des breiten Hecks nicht sagen.

Die Allradlenkung (einzigartig im Segment) lässt den Wagen erstaunlich handlich wirken, doch das ändert nichts daran, dass er furchtbar unübersichtlich ist. Dazu kommt, dass man sich den höchst unzuverlässigen Tot-Winkel-Warner schenken kann. Ausserdem kann ausgerechnet das Doppelkupplungsgetriebe beim anständigen Fahren nicht ganz überzeugen: Gelegentliche Ruckler beim langsamen Fahren sollten eigentlich nicht vorkommen.

2018 Renault Megane R.S.
Das Doppelkupplungsgetriebe blüht erst beim sportlichen Fahren auf.

Gut, Message verstanden, der Megane R.S. mag es vielleicht lieber, wenn man es nicht ganz so anständig angeht. Eskalationsstufe 1 wird aktiviert, ab in den Sport-Modus. Sofort ist alles anders, das Auto will nicht mehr nur noch von A nach B bewegt, sondern gescheucht werden. Selbst sanfte Bremsmanöver quittiert das Getriebe mit animiertem Runterschalten, untermalt von einem feinen Zwischengasstoss.

2018 Renault Megane R.S.
Der Schaltknauf wirkt auf der ersten Blick etwas unförmig, liegt aber perfekt in der Hand. Die Schaltwege sind kurz und knackig.

Was wirklich für Begeisterung sorgt, ist das sehr spitze Einlenkverhalten dank der Allradlenkung. Ausserdem liegt das Auto danach schön neutral in der Kurve und beschleunigt kräftig wieder davon, ohne störende Einflüsse in der Lenkung. Dabei knurrt der Vierzylinder nicht sonderlich laut, aber in schöner Tonlage. Beim Hochschalten kracht es frech aus dem Auspuff und beim Anbremsen auf die nächste Kurve wird durch das Ziehen und Halten des linken Paddels automatisch der bestmöglichste Gang für maximale Beschleunigung ausgewählt, fröhliches Bollern inklusive!

2018 Renault Megane R.S.
Aufgeräumtes, hochwertiges Cockpit mit tabletartigem Infotainmentsystem. Die Bedienung ist intuitiv, die Reaktionsszeit dürfte kürzer sein.

Dabei fährt sich der Franzose erst warm. Eskalationsstufe 2 wartet: Race-Modus. Damit wird das ESP komplett deaktiviert und die Kalibrierung der Allradlenkung geändert. Statt schon ab 60 km/h, lenken die Hinterräder erst ab 100 km/h parallel zu den Vorderrädern. Auf der Strasse heisst das: Selbst lang gezogene Kurven werden mit einem ultradirekten Einlenkverhalten in Angriff genommen, starkes Beschleunigen in den Kurven bringt das Auto nicht aus der Ruhe. Und während das Getriebe im Alltag hin und wieder nicht den optimalsten Gang bereit hält, ist es nun total fokussiert, hält stets den Gang bereit, den es für die nächste Beschleunigungsorgie braucht. Das Hochschalten selber wird nur noch durch den Auspuffkracher vernommen, der Schaltvorgang selber geschieht so blitzartig, dass nicht einmal mehr ein kleiner Ruck durchs Auto geht!

2018 Renault Megane R.S.
Konventionelle Ansicht im normalen Fahrmodus…

Zeit für eine Lobeshymne? Von wegen, Zeit für Eskalationsstufe 3: Umstieg in den Handschalter! Der ist mit sämtlichem Performance-Zubehör ausgestattet: Cup-Fahrwerk, Sperrdifferential sowie leichteren Bremsscheiben. Der Unterschied ist deutlich spürbar, die Vorderachse verbeisst sich in Kurven so sehr mit dem Asphalt, dass vor allem in engen Kurven im Vergleich zur EDC-Variante nochmal eine Schippe draufgelegt werden kann. Im Race-Modus mit deaktiviertem ESP geht es gar so weit, dass das dank der Allradlenkung eindrehende Heck sanft wegrutscht. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Übersteuern statt Untersteuern im Grenzbereich. In einem Kompaktwagen.

2018 Renault Megane R.S.
…sowie reduzierte Ansicht in den sportlichen Modi. Ein kurzer Piepser warnt bei beiden Getriebesorten vor dem Erreichen des Begrenzers.

Zweifellos ist die Cup-Variante die deutlich brachialere Ausführung, die sich einzig dem Zweck verschreibt, möglichst schnell um Kurven zu brettern. Komfort ist mit dem sehr straffen Fahrwerk nicht mehr viel vorhanden, ausserdem zieht der Cup-Megane bei Bodenwellen und Spurrillen dauernd in eine bestimmte Richtung, sodass man auf der Autobahn eigentlich permanent leicht am Gegensteuern ist. Das muss man mögen und wer es nicht ganz so hart braucht, kann die knackige Handschaltung auch mit dem erträglicheren Sport-Chassis kombinieren. Wer hingegen das beim sportlichen Fahren astreine Doppelkupplungsgetriebe mit dem Cup-Chassis kombinieren will, muss sich noch etwas gedulden.

2018 Renault Megane R.S.
Grosse, feststehende Schaltpaddels laden zum selber schalten ein.

Ebenfalls gedulden muss sich, wer auf Eskalationsstufe 4 warten möchte: Der Megane R.S. Trophy! Ich kann mir zwar kaum vorstellen, dass da noch viel Luft nach oben ist, aber ich lasse mich gerne positiv überraschen. Darüber hinaus bin ich bestimmt nicht der Einzige, der am liebsten die ganze Mégane R.S. Palette durchprügeln will – und für einen gediegenen Wochenendausflug vielleicht den braven Diesel-Kombi bevorzugen möchte.

2018 Renault Megane R.S.
Klang und Durchzug des 1,8-Liter Turbobenziners sind top, doch von Sparsamkeit kann keine Rede sein.

Das bringt mich zu den eingangs erwähnten Schweden, die in bestimmten Märken eine Volvo-Flatrate anbieten. Gegen eine monatliche Gebühr kann man so viele Volvos fahren, wie man möchte. Egal wohin, egal wann, egal mit welchem Modell. Vielleicht sollte sich Renault Sport so etwas auch überlegen! Schliesslich kann man sich kaum entscheiden, welchen man nehmen soll. Es empfiehlt sich auf jeden Fall, beide Fahrwerks-Varianten und beide Getriebesorten auszuprobieren. Ganz günstig ist der Spass nämlich nicht, der komplett auf Sport getrimmte Handschalter-Testwagen knackt knapp die 50’000-Franken-Grenze. Doch spätestens, wenn die Vorderachse in der Kurve hält und das Heck leicht wegdreht, weiss man, in was man das Geld investiert hat.

2018 Renault Megane R.S.
Vor allem mit dem Cup-Paket wandert der Grenzbereich in illegale Temposphären.

Alltag 

Eine Frage des Fahrwerks. Das Sport-Chassis geht als alltagstauglich durch, die Cup-Variante teilt schon deutlich mehr aus. Platzverhältnisse und Geräuschpegel sind aber auf hohem Niveau, ebenso der Wendekreis dank der Allradlenkung. Ganz schlecht ist dafür die Rundumsicht.

Fahrdynamik 

Wer den Race-Modus aktiviert, spürt auf jedem Meter, wozu der Megane R.S gebaut wurde. Während es im Segment der scharfen Kompakten längsdynamisch ein paar stärkeren Kandidaten gibt, sind Grip und Einlenkverhalten des Franzosen auf einem verdammt hohen Level.

Umwelt 

Der Megane R.S. ist ein weiteres Downsizing-Opfer, was glücklicherweise keinen Einfluss auf die Fahrdynamik hat. Die versprochene Effizienz kann man aber gleich vergessen, denn wenn der Handschalter 9,8 l/100 km und somit mehr als der alte 2014er R.S. (9,4 l/100 km) verbraucht, stimmt etwas einfach nicht. Die Automatikversion steht mit 9,0 l/100 km auch nicht viel besser da.

Ausstrahlung 

Stimmige Karosserieverbreiterungen, einzigartiges LED-Licht vorne und ein muskulöses Heck machen ordentlich was her, wirken in Summe aber dennoch nicht zu aufdringlich. Nochmals hervorzuheben ist das heisse Rot.

Fazit 

+ Auffällige R.S.-Optik
+ Exzellente Alcantara-Sportsitze, tiefe Sitzposition
+ Hochwertige Materialien, sehr gute Verarbeitung, schöne Ambientebeleuchtung
+ Gute Platzverhältnisse
+ Kleiner Wendekreis
+ Kräftiges LED-Licht mit diversen Funktionen
+ Knackiges Getriebe
+ Rauer, angenehmer Motorsound
+ Sehr direktes Einlenkverhalten
+ Irrer Grip an der Vorderachse
+ Grosse Auswahl und Spreizung der Fahrmodi
+ ESP dreistufig deaktivierbar
+ Grosse Vielfalt (Getriebe, Fahrwerk, Bremsen, Sperrdifferential)

– Hoher Verbrauch
– Schlechte Übersicht
– Doppelkupplungsgetriebe ruckelt teilweise bei langsamer Fahrt
– Unbrauchbarer Tot-Winkel-Warner

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellRenault Megane R.S.
Preis Basismodell / Testwagen38 200 CHF / 48 600 (EDC) 50 050 CHF (manuell)
AntriebBenzin, Frontantrieb
Hubraum / Zylinder1798 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe6-Gang manuell oder 6-Gang Doppelkupplungsgetriebe EDC
Max. Leistung205 kW bei 6000 r/min
Max Drehmoment390 Nm bei 2400 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h5,9 s
Vmax250 km/h (EDC), 255 km/h (manuell)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz7,0 l/100 km / 158 g/km / G (EDC) – 7,2 l/100 km / 163 g/km / G (manuell)
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz9,0 l/100 km / 203 g/km / +29% (EDC) – 9,8 l/100 km / 222 g/km / +36% (manuell)
Länge / Breite / Höhe4,37 m / 1,87 m / 1,44 m
Leergewicht1532 kg (EDC), 1508 kg (manuell)
Kofferraumvolumen384 - 1247 l

Bilder: Koray Adigüzel

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