Seat Ibiza FR: Vom Sportler zum Lifestyler

Seat Ibiza FR: Vom Sportler zum Lifestyler

Auf dem Schulparkplatz werden meine Testautos meistens erkannt und zwar ganz einfach deswegen, weil mein Testauto in der Regel das Neueste auf dem ganzen Platz ist. Doch beim Ibiza war sich ein Schulkollege nicht so sicher: «Ist das deiner? Der sieht gar nicht neu aus.» Hmm, ich lasse diese Aussage mal so im Raum stehen. Meinen besten Kollegen André freut es, dass der Ibiza nach wie vor gleich aussieht. So fühlt er sich mit seinem 2010er Modell – noch vor dem ersten Facelift – immer noch auf dem aktuellsten Stand. Mein Testwagen ist mittlerweile das zweite Facelift (einen ersten Eindruck hatte ich auf Ibiza selbst), aber wer nicht genau hinschaut, erkennt dennoch keine Unterschiede. Deshalb möchten wir, ich und André, die Frage klären, ob sich ein Ibiza Neuwagen überhaupt lohnt – oder ob man mit einer Occasion mit wenigen Kilometern besser bedient ist.

Wäre mein Testwagen schwarz wie Andrés 2010er Ibiza und hätten beide dieselben Felgen: Niemand würde glauben, dass zwischen diesen Autos fünf Jahre liegen. Es wären einfach zwei identische Autos. So identisch sind die beiden – zum Glück – dann doch nicht, aber dazu später mehr. Wir widmen uns erst mal dem Design. Ich betone nochmals: Ich fahre das zweite Facelift. Darum unterscheiden sich mein Test-Ibiza und Andrés Ibiza an den Lichtern. Gegenüber dem ersten Facelift ist das Zweite nicht zu unterscheiden. Neu sind höchstens Farbpakete, so dass beispielsweise Kühlergrill-Umrahmung und Spiegel rot sind. Ansonsten? Alles beim Alten. Seat hat anscheinend nicht das Gefühl, dass der seit 2008 gebaute Ibiza grosse, optische Veränderungen nötig hat.

Seat Ibiza FR
Die Front rechts gleicht dem Leon. Die Front links grinst frech.

Auch das Interieur ist weitgehend gleich geblieben, obschon hier einige Unterschiede auszumachen sind. So stammen das Infotainmentsystem mit Smartphone-Integration (dafür ohne CD-Player) und die Instrumente beim Facelift eindeutig aus dem VW-Regal, während Andrés Ibiza noch eigenständige Instrumente hatte. Zudem hat Andrés Ibiza Stoffsitze mit eingesticktem FR-Logo, während der neue die optionalen, Alcantara-Leder-Sitze an Bord hat. Zwar fühlt sich das Armaturenbrett beim Neuen hochwertiger an, allerdings gefällt beim Alten der Kontrast mit Klavierlack. Der Neue wirkt etwas gar eintönig. Optional wären farbige Lüftungsdüsen erhältlich. Weitere Unterschiede sind das überarbeitete Lenkrad und… der Haltebügel über dem Beifahrersitz. Warum Seat beim Neuen auf den Bügel verzichtet, wissen wohl nur die Spanier.

Seat Ibiza FR
Hinten sind die beiden – bis auf die Leuchtgrafik – absolut identisch.

Im Ibiza fühlt man sich gut aufgehoben. Die Sportsitze stützen optimal und auch wenn das arg Kunstoff-lastige Interieur kein Pulsbeschleuniger ist, ist es sauber verarbeitet. Die Ergonomie für den Fahrer stimmt und wenn vorne kein Riese sitzt, fährt man auch im Fond bequem mit. Aber das sind alles keine Neuerungen. Für das Facelift spricht höchstens das moderne Infotainmentsystem und das ist, fünf Jahre später, ziemlich mager. Deshalb prüfen wir jetzt, ob sich unter dem Blech mehr Fortschritt versteckt, als oberflächlich betrachtet ersichtlich ist.

Seat Ibiza FR
Felgen, Spiegel und Kühlergrill sind durch das «Black Pack» in Schwarz gehalten.

Zugegeben, der folgende Vergleich hinkt. Leider ist mein Testwagen mit einem 77 kW Diesel ausgerüstet. Ich hoffte, dass ich den 110 kW Benziner bekomme, den auch André hat. Aber sei’s drum. André mag seinen Ibiza FR vor allem deswegen, weil er bei Bedarf sehr zügig beschleunigen kann und das DSG auf eine sportliche Art und Weise die Gänge sortiert. Zwar ist der stärkste Benziner auch für den Neuen erhältlich (sogar mit Zylinderabschaltung), allerdings ausschliesslich mit manuellem Getriebe. Wir finden es beide schade, dass Seat die Top-Motorisierung nicht mehr in Kombination mit DSG anbietet.

Seat Ibiza FR
Das Infotainmentsystem ist super und unterstützt alle Smartphones – dafür keine CDs.

Mein Testwagen ist mit einem manuellen 5-Gang Getriebe ausgestattet und wir finden, heutzutage gehört einfach ein 6-Gang Getriebe zum Standard. Erst recht, da es sich um den stärksten Diesel handelt. Die Übergange zwischen den Gängen 1-2 sowie 3-4 sind zu gross, so dass man im ersten Gang stark beschleunigen muss und innerorts sofort in den Dritten schalten muss, sobald nicht mehr 50 km/h möglich sind. Der Diesel selber sorgt nur im einem kurzen Drehzahlbereich zwischen 2000 und 3000 Umdrehungen für zufriedenstellenden Schub. Darunter leidet der Motor unter einem grossen Turboloch und darüber fehlt es ihm an Drehfreude. Für ein zackiges Vorwärtskommen ist also fleissiges Schalten angesagt, um den Motor im richtigen Drehzahlbereich zu halten. Im direkten Vergleich hätte der Diesel keine Chance gegen den Benziner. Auf einer Passstrasse würde mir André spielend leicht davon sausen.

Seat Ibiza FR
Ansonsten ist das Interieur eher ein triste Angelegenheit.

Doch mein Testwagen hat Qualitäten, die Andrés Ibiza nicht hat. So ist meiner mit einem adaptiven Fahrwerk ausgerüstet. Selbst in der Sport-Stellung federt der neue Ibiza wesentlich geschmeidiger, bleibt aber in Kurven straff und schön in der Spur. Der alte FR kennt nur eine Stellung: rumpelig hart. Er ist zwar nicht übertrieben hart, aber er hoppelt eher über Unebenheiten, als dass er sie wegfedert. Das kann der Neue viel besser. Durch die Kompromisslosigkeit des Alten kann man dafür äusserst engagiert um Kurven brettern. Das Facelift lässt es softer angehen, auch in der Sport-Stellung. Deutlich besser ist dafür die Lenkung im Neuen. Sie ist inbesondere um die Mittellage direkter und gibt mehr Feedback. Ebenfalls neu ist der Müdigkeitswarner beim Facelift. Aber ich bezweifle, dass deswegen die Leute ums Verrecken den neuen Ibiza FR wollen.

Seat Ibiza FR
Pluspunkte vom Alten: Klavierlack und der Haltebügel über dem Beifahrersitz.

Wir reden hier vom Ibiza FR und immerhin bedeutet FR «Formula Racing», also erwartet man eine gewisse Sportlichkeit. Klar, der neue Ibiza hat ein gutes Handling, die Lenkung ist toll und das adaptive Sportfahrwerk macht einen guten Job. Aber ein «richtiger» FR ist der Ibiza nur mit dem Top-Benziner. Alle anderen Motoren verdienen diese Bezeichnung nicht. Ebenfalls schade finde ich, dass der FR optisch bis auf das Logo genau gleich aussieht, wie ein normaler Ibiza. Das 2010er Modell sieht insgesamt frecher und sportlicher aus als sein Nicht-FR Bruder. Ausserdem gab es damals das FR-Modell nur mit sportlichen Benzinmotoren. Heute dürfen auch Mini-Motörchen das FR-Logo tragen. Finde ich falsch. Unter dem Strich ist der Neue verweichlicht worden. Er darf sich optisch nicht mehr unterscheiden und legt dafür Wert auf Individualisierung durch Farb-Pakete.

Seat Ibiza FR
Der Platz hinten geht gerade noch in Ordnung.

Während der alte Ibiza FR quasi noch der GTI unter den Ibizas war, ist beim neuen Modell FR zur Ausstattungslinie mutiert. Einen echten FR muss man sich durch den stärksten Benziner selber besorgen (er kostet erst noch 1850 Franken weniger als der getestete Diesel, also worauf warten?). Und die letzte Frage: Lohnt sich überhaupt ein Neuwagen? Klare Sache: Nein. Am besten fährt man mit einem Ibiza FR vom ersten Facelift. Das einzige, grosse Plus vom zweiten Facelift ist das Infotainmentsystem, aber ab dem ersten Facelift hat man immerhin eine Bluetooth-Schnittstelle. Gebrauchte Seat Ibizas FR mit dem passenden Motor sind zwar rar, aber für die paar wenigen Neuerungen vom zweiten Facelift lohnt sich der Neuwagenpreis kaum, obwohl der Ibiza auch als Neuwagen für einen guten Preis zu haben ist.

Seat Ibiza FR
Alt oder neu? Für den Alten sprechen Preis, Sportlichkeit und DSG. Für den Neuen Lenkung, Fahrwerk, Individualisierung und Mediasystem.

Alltag 

Trotz seinen sportlichen Genen ist der Ibiza ein äusserst praktischer Kleinwagen mit grossem Kofferraum und guter Übersicht. Sein Cockpit wirkt erwachsener als das von vielen anderen Kleinwagen.

Fahrdynamik 

Sein Handling ist klasse, aber der Fahrspass wird vom Diesel eingebremst, der nur in einem schmalen Drehzahlband genügend Power liefert. Wer Fahrspass sucht, muss zum Top-Benziner greifen.

Umwelt 

Für einen leichten Kleinwagen dürfte der Verbrauch etwas tiefer als die im Test erzielten 5,9 l/100 km sein. Der Normverbrauch ist mit 3,9 l/100 km gar optimistisch.

Ausstrahlung 

Obwohl er eigentlich alt ist, sieht der Ibiza sportlich und aktuell aus. Schade finde ich, dass sich der FR optisch nicht mehr vom Rest abheben darf.

Fazit 

+ Sportliches Handling
+ Attraktives Design
+ Knackige Schaltung
+ Adaptives Fahrwerk
+ Bequeme Sportsitze
+ Einwandfreie Ergonomie
+ Grosser Kofferraum
+ Fairer Preis
+ Modernes Infotainmentsystem
+ Bi-Xenon Scheinwerfer mit Kurvenlicht
+ Farbpakete zur Individualisierung

– Dieselmotor mit ausgeprägtem Turboloch
– Getriebe mit nur fünf Gängen
– Keine eigenständige FR-Optik mehr
– Kein DSG mehr für den Top-Benziner

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellSeat Ibiza FR
Preis Basismodell / Testwagen20 350 CHF / 27 650 CHF
AntriebDiesel, Frontantrieb
Hubraum / Zylinder1422 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe5-Gang manuell
Max. Leistung77 kW bei 3500 r/min
Max. Drehmoment250 Nm bei 1750 - 2500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h9,9 s
Vmax192 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz3,9 l/100 km / 100 g/km / B
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz5,9 l/100 km / 151 g/km / +51%
Länge / Breite / Höhe4,05 m / 1,69 m / 1,44 m
Leergewicht1161 kg
Koffer­raum­volumen292 - 930 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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