Wie neugeboren: Suzuki Vitara Boosterjet

Wie neugeboren: Suzuki Vitara Boosterjet

In der Regel teste ich Autos genau einmal, in einer Variante. Es müssen schon sehr spezielle Gefährte sein, damit ich sie mit einem anderen Motor nochmals teste. Meistens, das gebe ich zu, sind es Garanten für Fahrspass. Besonderer Fahrspass wird beim Vitara kaum der Grund sein. Im Gegenteil. Wenn ich ans erste Mal mit dem Vitara zurückdenke, läuft es mir noch heute kalt den Rücken runter. Es war furchtbar und darum finde ich, bin ich nicht nur meiner Leserschaft, sondern auch Suzuki einen zweiten Test schuldig. Schliesslich verdient jeder eine zweite Chance. Und ich bin selber gespannt, wie die neue Motor-Getriebe-Kombination im Vitara Boosterjet mein Urteil verändern wird.

Ich habe zwar eine ganze Woche Zeit, um mir ein Urteil zu bilden, aber eigentlich ist der Fall bereits nach einer halben Stunde glasklar. Was ich hier fahre, fühlt sich an wie ein neues Auto. Buchstäblich wie neugeboren. Alle schlechten Erinnerungen sind auf einmal wie weggefegt. Suzuki kann also doch ein anständiges Auto bauen. Man mag sich denken, dass ein neuer Antrieb keine Revolution mit sich bringt, aber da täuscht man sich gewaltig. Der müde Saugmotor, der an ein antiquiertes 6-Gang Automatikgetriebe gekoppelt war, könnte ich höchstens klapprigen 80+ jährigen empfehlen, die gerade ihr letztes Jahr auf der Strasse verbringen (damit meine ich übrigens die endgültige Abgabe des Führerscheins und nicht das Dahinscheiden, so makaber bin ich also nicht).

Suzuki Vitara Boosterjet
Der fünfteilige Kühlergrill unterscheidet den Boosterjet.

Nominell leistet der Turbobenziner bloss 15 kW mehr als der Sauger, aber es fühlt sich an, als wäre der neue Motor doppelt so stark. Der Sauger fühlt sich nämlich viel schwächer an als er auf dem Papier ist und der Turbo fühlt sich dafür stärker an als er auf dem Papier ist. Es ist vielleicht etwas gar euphorisch, von grossem Fahrspass zu sprechen, aber es ist doch lässig, den Boosterjet zu fahren. Ich muss es wissen, denn ich habe den Armen gleich zweimal über den Klausen geprügelt. Nicht, weil ich ihn auseinandernehmen wollte, sondern, weil ich das Vergnügen habe, über den Klausen zu pendeln. Zwar hat der Vitara einen Sport-Modus, aber die Veränderungen von der härteren Lenkung und der schärferen Gasannahme sind kaum zu spüren.

Suzuki Vitara Boosterjet
Damit wirklich jedem klar ist, womit man es hier zu tun hat.

Trotzdem entwickelt der Vitara eine Lebendigkeit, wie ich sie ihm nie zugetraut hätte. Die Lenkung ist eher schwammig und das Fahrwerk trotz strafferer Dämpfer vorne beim Boosterjet immer noch klar auf Komfort ausgelegt. Aber dieser Motor. Bereits unten heraus zieht der Boosterjet gut durch und dreht munter hoch. Da er ziemlich leicht ist, fühlt sich das ganze Auto trotz softem Set-Up flink und flott an. Das Schaltgetriebe ist zwar teilweise knorrig zu schalten, doch die Wege sind präzise. Besonders erstaunt war ich ab der laschen ESP-Einstellung. Ich habe den Vitara wirklich hart rangenommen und habe das ESP trotz nasser Strecke kaum gespürt. Das finde ich deshalb bemerkenswert, weil üblicherweise vor allem die Japaner sehr rigide ESP-Eingriffe ausüben. Andererseits spricht das lockere ESP im Vitara für einen gelungenen Allradantrieb, denn der Vitara ist trotz sportlicher Fahrweise und nassem Asphalt stets sehr stabil geblieben.

Suzuki Vitara Boosterjet
Optional ist eine Bicolor-Lackierung erhältlich.

Ich kann es selber kaum glauben, aber ich bin tatsächlich hochzufrieden mit dem Vitara. Ich hätte nie gedacht, dass ein neuer Motor meine Meinung über ein Auto dermassen auf den Kopf stellen kann. Wenn ich mich nicht mehr dermassen über die krüpplige Antriebskombination aufregen muss, steht das gesamte Auto in einem ganz anderen Licht da. Einen grossen Unterschied macht auch die Aufmachung des Testwagens. Weil der alte Türkis-Weiss lackiert war, mussten alle glauben, ich hätte mir Opa’s Auto geborgt. Der jetzige Testwagen in Pearl White und schwarzen Felgen wirkt gleich viel frischer. Den Boosterjet erkennt man am fünfteiligen Kühlergrill und diversen roten Akzenten am Auto. Cooles Detail: Während die Linse der Scheinwerfer beim normalen Vitara türkis schimmert, schimmert sie beim Vitara rot. Allgemein finde ich, sieht der Vitara von vorne kräftig und modern aus, während er mir hinten nicht gefällt. Er wirkt einfach, als hätte er bereits fünf Jahre auf dem Buckel, das moderne Design von vorne wurde nicht bis zum Schluss durchgezogen.

Suzuki Vitara Boosterjet
Hinten wirkt das Design irgendwie veraltet. Es liegt vor allem an den eckigen Rücklichtern.

Innen ist der Boosterjet ebenfalls aufgewertet worden. Vor allem die Alcantara Applikationen sehen schick aus, doch leider dominiert viel Plastik, welches nicht besonders hübsch aussieht. Klar ist der Vitara eher ein günstiges Auto, aber vor allem Armaturenbrett und Türen wirken gar billig. Auch die Verarbeitung ist an manchen Orten nicht so toll, wie beispielsweise der Übergang von A-Säule zum Dachhimmel oder die Ränder der Alcantara Applikationen. Da hat Suzuki noch etwas Nachholbedarf. Gut sind dafür die bequemen Sitze, die geräumigen Platzverhältnisse und die tolle Übersicht. Richtig lässig ist das moderne Infotainmentsystem, welches simpel zu bedienen ist, über einen sehr sensiblen Touchscreen verfügt und sehr schnell auf Eingaben reagiert. Ein weiterer Pluspunkt ist die Spiegelung von Smartphones.

Suzuki Vitara Boosterjet
Übersichtliches Interieur mit schönem Alcantara und weniger schönem Plastik.

Am Ende war ich gespannt, welchen Aufpreis Suzuki für den Boosterjet verlangt – und ich bin aus dem Staunen nicht mehr rausgekommen. Der Boosterjet kostet genau gleich viel wie das Geschwür vom letzten Mal! Da frage ich mich doch ernsthaft, wer sich den anderen Mist kauft, respektive, warum der Sauger überhaupt noch im Angebot ist? Der Boosterjet und der Diesel würden meiner Meinung nach völlig reichen. Der Boosterjet Testwagen kostet 31’400 Franken, was ein sehr faires Angebot ist. Nach dem Test vom furchtbaren Sauger war dieses Auto für mich im übertragenen Sinne «gestorben». Aber der Boosterjet hat nicht nur gezeigt, dass der Vitara eigentlich ein sehr gutes Auto ist, sondern durchaus auch für jüngere Leute attraktiv sein kann. Well done, Suzuki. Und nehmt bitte diesen elenden Sauger aus dem Programm, wenn ihr nicht einmal als Preisköder verwendet…

Alltag 

Der Vitara ist geräumig und übersichtlich. Da er nicht so gross ist, ist er auch in der Stadt sehr handlich.

Fahrdynamik 

Auch wenn er Boosterjet heisst, ist der Vitara immer noch ein komfortables und kein sportliches SUV. Aber der Motor ist flott und dank dem geringen Gewicht ist der Vitara ziemlich agil unterwegs.

Umwelt 

Dafür, dass der Vitara teilweise ungewöhnlich hart rangenommen wurde, sind 6,8 Liter Testverbrauch völlig in Ordnung. Bei gemächlicher Fahrweise ist es sicher ein halber Liter weniger. Trotzdem ist die Werksangabe mit 5,4 l/100 km ziemlich optimistisch.

Ausstrahlung 

Besonders schön ist der Vitara halt nicht wirklich, obwohl er vorne frech und modern aussieht.

Fazit 

+ Geräumiger Innenraum
+ Gute Übersicht
+ Flotter Turbomotor
+ Präzises Getriebe
+ Gemütliches Fahrverhalten
+ Super funktionierender Abstandstempomat
+ Bequeme Sitze
+ Modernes, intuitives Mediasystem
+ Fairer Preis
+ Passabler Verbrauch

– Schwammige Lenkung
– Halogen-Fernlicht übertrifft kaum das LED-Abblendlicht
– Teils lasche Verarbeitung
– Viel Plastik im Innenraum
– Wenig attraktiver Hintern

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellSuzuki Vitara Boosterjet
Preis Basismodell / Testwagen29 990 CHF / 31 400 CHF
AntriebBenzin, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder1373 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe6-Gang manuell
Max. Leistung103 kW bei 5500 r/min
Max. Drehmoment220 Nm bei 1500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h10,2 s
Vmax200 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz5,4 l/100 km / 127 g/km / D
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz6,8 l/100 km / 160 g/km / +26%
Länge / Breite / Höhe4,18 m / 1,78 m / 1,61 m
Leergewicht1355 kg
Koffer­raum­volumen375 - 1120 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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