Volvo V40 R-Design

Grenzwertig: Volvo V40 R-Design

Der Begriff des Facelifts ist dehnbar. Gewisse Hersteller verkaufen ein dezentes Facelift gleich als ein neues Auto. Als Kunde muss man schon genau schauen, dass man sich nicht veräppeln lässt. Für den gelifteten V40 hat Volvo allerdings nie die grosse Werbetrommel gerührt, er war aufs mal einfach da. Am Genfer Autosalon 2016 stand er völlig im Schatten seines grossen Bruders V90, der dort Weltpremiere feierte. Den bin ich zwar noch nicht gefahren (kommt noch), doch wenn ich den XC90 als Referenz heranziehen will, dann liegt eine kleine Welt zwischen den beiden Autos und zwar nicht nur optisch. Als R-Design hegt der V40, der vor rund vier Jahren wirklich eine grosse Weltpremiere war, zusätzliche Erwartungen an die Fahrdynamik. An sich ein gutes Auto, lässt mich der V40 am Ende dennoch etwas ratlos zurück – und zwingt mich fast zu einer Empfehlung, die Volvo kaum gefallen dürfte.

Erstaunlich, was Augen ausmachen können. Sie sind beim Menschen der Spiegel für Empfindungen, doch auch Autos werden optisch stark durch die Lichter wahrgenommen. Der aufgefrischte V40 leuchtet die Strasse nun mit LED-Scheinwerfern aus, deren Tagfahrlicht Thor’s Hammer darstellt. Somit reiht sich der Kompakte optisch in das neue Familiengesicht ein. Ausserdem wurde der Kühlergrill überarbeitet und mit dem schwarzen Logo geschmückt. Tja, das wars dann auch schon. Sollte sich tatsächlich noch etwas geändert haben, so bitte ich die designverliebten Schweden um Entschuldigung, aber die Neuerung ist mir nicht aufgefallen.

Volvo V40 R-Design
Das neue Logo wurde mit dem XC90 eingeführt.

Nichts für Ungut, der V40 schaut nach wie vor gut aus und sein teilweise schwarz eingefärbtes Heck verleiht ihm in Kombination mit den geschwungenen, vertikalen Rücklichtern eine willkommene Andersartigkeit im Segment der Kompaktautos. Im Innenraum schaut es dann leider nicht mehr so gut aus. Dort hat sich nämlich absolut gar nichts geändert. Zwar wirkt die frei schwebende Mittelkonsole immer noch cool, aber die Knöpfchenflut und das kleine Display sind einfach nicht mehr zeitgemäss. Umso bitterer ist es, wenn man weiss, was für ein sensationelles Infotainmentsystem Volvo für die 90er Reihe und alle künftigen Modelle entwickelt hat. Als V40-Fahrer muss man jedoch mit dem Mäusekino und umständlicher Bedienung leben.

Volvo V40 R-Design
Beim Heck ist immer noch alle beim Alten.

Konzentriert man sich auf das Wesentliche, ist zumindest in der vordersten Reihe alles in Ordnung. Obwohl auch Volvo Kunststoff verwendet, wirkt er dennoch anders als der Übliche. Auch die tollen Alcantara-Leder Sitze mit ihren für Volvo typischen Kopfstützen verströmen diesen schwedischen Charme. Zwar ist die Sitzposition etwas zu hoch, aber angesichts des Designs und der tollen Verarbeitung kann man über dieses Manko hinwegsehen. Schwieriger wird es ab der zweiten Reihe. Der V40 ist alles andere als ein Raumwunder. Bereits durchschnittlich grosse Personen stossen mit ihren Knien an die Vordersitze und mit den Haaren an das Dach. Der Kofferraum ist ebenfalls unterdurchschnittlich klein.

Volvo V40 R-Design
Thor’s Hammer muss beim V40 leider ohne adaptives Fernlicht auskommen.

Vielleicht muss man den Blick nochmals fokussieren und sich auf das Fahrverhalten konzentrieren, um das Potenzial vom V40 zu erkennen. Bis auf einen Punkt macht der Schwede seinem Beinamen R-Design nämlich alle Ehre. Das knackige Sportfahrwerk ist für Volvo Verhältnisse erstaunlich straff und lässt sportlich gefahren kaum Seitenneigung zu. Im Alltag muss man dafür damit leben, dass das Auto ständig in Bewegung ist. Die Lenkung packt dafür direkt zu, die Lenkunterstützung lässt sich optional in drei Stufen einstellen. Ich mag ja Lenkungen mit Widerstand, aber hart ist bei Volvo fast schon zu viel des Guten. Der Mittelweg ist ganz okay. Puncto Handling ist der Schwede durch und durch ein kleiner Sportler, auch ohne das tolle Öhlins-Fahrwerk der Polestar Modelle.

Volvo V40 R-Design
Der V40 wirkt optisch grösser, als er tatsächlich ist.

Die Wurzel allen Übels ist der Vierzylinder Motor, obwohl er mit 180 kW über ordentlich Druck verfügt und sauber ausdreht. Das Aggregat harmoniert zudem gut mit der neuen 8-Gang Automatik, die je nach Fahrstil sanft oder rasant die Gänge wechselt. Technisch ist beim V40 alles in Ordnung, aber die Emotionen bleiben vollkommen auf der Strecke. Die neuen Benzin-Motoren von Volvo (auch im XC90) klingen nicht nur nicht sportlich, sondern wirklich schlecht. Sie laufen rau und erinnern beim Hochdrehen an einen Dreizylinder. Diese Tatsache hat nicht einmal direkt mit dem V40 Facelift zu tun, sondern mit der Philosophie der “Vierzylindrisierung” bei Volvo.

Volvo V40 R-Design
Nichts Neues, aber immer noch cool: Das digitale Cockpit mit drei Modi.

Bereits im April 2014 wurde der Fünfzylinder-Benziner, mit dem ich leider nie das Vergnügen hatte, aus dem Programm geworfen und stattdessen durch diesen charakterlosen Vierzylinder ersetzt. Dass er auch noch ein bisschen weniger leistet, darüber schaue ich einfach mal hinweg. Klar, auf dem Papier verbraucht der Neue mit 5,9 l/100 km zwei Liter weniger als der Alte und selbst in der Praxis liegt der Vierzylinder mit 7,6 l/100 km immer noch unter dem Normverbrauch des Fünfzylinders.

Volvo V40 R-Design
Designtechnisch völlig in Ordnung, aber Anzahl Knöpfe, Bedienung und Displaygrösse sind nicht mehr zeitgemäss.

Die unschöne Situation ist beim V40 folgende: In Sachen Emotionen hat er aufgrund der nicht mehr vorhandenen Fünfzylinder Triebwerke (übrigens auch bei den Dieselmotoren, die herrlich kernig klangen) einen Rückschritt gemacht. Dafür ist der Verbrauch deutlich gesunken, diesbezüglich hat immerhin ein Fortschritt stattgefunden. Doch ansonsten lässt der Fortschritt leider stark zu wünschen übrig.

Volvo V40 R-Design
Bequeme Sitze mit leider recht hoher Sitzposition.

In meinem ersten Test war der V40 toll. Extrem umfangreiche Sicherheitsausstattung mit vielen zuverlässigen Assistenzsystemen, dem Fussgängerairbag und netten Details wie die sehr schnell wärmende Sitzheizung – Schweden lässt grüssen. Kleine Notiz am Rande: Dass die 90er Modelle nicht über einen Fussgängerairbag verfügen, begründet Volvo damit, dass sie alleine durch die längere Motorhaube genügend Schutz bei einem Aufprall bieten.

Volvo V40 R-Design
In der zweiten Reihe zwickt’s schnell mal.

Aber zurück zum V40. Mir fehlt schlicht der Fortschritt. Das Auto war bei seiner Einführung genial, doch jetzt ist er einfach nur noch normal. Schade finde ich auch, dass die LED-Scheinwerfer zwar über Kurvenlicht verfügen, aber nicht über adaptives Fernlicht. Auch der bloss piepsende Spurhalteasisstent zeigt, dass dieses Auto nicht mehr ganz taufrisch ist. Ausserdem sind nur die starken Motorisierungen mit der neuen 8-Gang Automatik erhältlich, die schwächeren müssen weiterhin mit der älteren 6-Gang Automatik auskommen.

Volvo V40 R-Design
Das kühle Design sieht nach wie vor gut aus.

Problematisch wird das alles, wenn es um den Preis geht, denn mit 59’175 Franken ist der Testwagen ziemlich teuer. Für mich geht da die Rechnung nicht auf, denn eine Occasion mit weniger als 50’000 Kilometer ist geschätzt rund 15’000 – 20’000 Franken günstiger und man muss – abgesehen vom LED-Licht – auf nichts verzichten. Ausserdem hat man beim Occasionsmarkt die Wahl, ob man ein älteres Modell bis Modelljahr 2014 mit Fünfzylinder oder ein neueres Modell mit Vierzylinder möchte. Das dürftige Facelift ist meiner Meinung nach zu teuer für das, was es bietet. Ich hoffe, dass Volvo mich bei der Neuauflage des V40 wieder so begeistern kann wie damals, als der V40 neu war. Jedoch muss noch angefügt werden, dass der V40 nach wie vor eine coole Alternative im Segment der Kompakten ist. Er ist als R-Design sportlich unterwegs, ohne auf dicke Hose zu machen. Es bleibt einfach der schale Beigeschmack, dass man trotz Neuwagenkauf nicht aktuell ist, wenn man sich anschaut, was die 90er Reihe technisch und optisch zu bieten hat.

Volvo V40 R-Design
Vor allem Freunde des Fahrspass und Motorsounds sind mit dem alten Fünfzylinder wahrscheinlich besser bedient.

Alltag 3.5 Stars

Der V40 wirkt zwar handlich, ist es aufgrund seines grossen Wendekreises (auch so eine Volvo Eigenheit) aber nicht. Viel Raum bietet er ebenfalls nicht, dafür viel Assistenz.

Fahrdynamik 4.5 Stars

Druck hat der V40 mit Topmotorisierung allemal, auch das Handling kann sich dank direkter Lenkung und straffem Sportfahrwerk sehen lassen. Dafür kann sich der Motor alles andere als hören lassen.

Umwelt 4.0 Stars

Für einen recht starken Kompakten geht der Verbrauch von 7,6 l/100 km in Ordnung, zumal derzeit Winter ist. Die Start-Stopp-Automatik ist ausserdem trotz Kälte sehr ausdauernd – Schweden lässt wohl erneut grüssen.

Ausstrahlung 4.0 Stars

Veraltet wirkt der V40 noch lange nicht, sein typisches Volvo-Design kann sich noch sehen lassen.

Fazit 4.0 Stars

+ Kühles, andersartiges Design
+ Bequeme Sportsitze
+ Hochwertige Verarbeitung und gute Ergonomie
+ Viele Assistenzsysteme erhältlich
+ Nach wie vor einzigartiger Fussgängerairbag
+ Treffsichere 8-Gang Automatik
+ Direkte Lenkung
+ Tolles Handling dank straffem Sportfahrwerk
+ Akzeptabler Verbrauch

– Ziemlich hoher Preis
– Veraltetes Infotainmentsystem mit umständlicher Bedienung
– Unsportlicher, rauer Motorsound
– Knappe Platzverhältnisse im Fond
– Zu hohe Sitzposition
– Grosser Wendekreis

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellVolvo V40 R-Design
Preis Basismodell / Testwagen33 150 CHF / 59 175 CHF
AntriebBenzin, Frontantrieb
Hubraum / Zylinder1969 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Turbomotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung180 kW bei 5500 r/min
Max. Drehmoment350 Nm bei 1500 - 4800 r/min
Beschleunigung 0 - 100 km/h6,3 s
Vmax240 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz5,9 l/100 km / 137 g/km / F
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz7,6 l/100 km / 196 g/km / +29%
Länge / Breite / Höhe4,37 m / 1,86 m / 1,42 m
Leergewicht1460 kg
Kofferraumvolumen335 - 1032 l

Bilder: Koray Adigüzel

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