VW Passat

VW Passat: Die Suche nach dem Haar in der Suppe

Noch ohne das Auto richtig gesehen zu haben, ahne ich bereits, dass ich es mit dem VW Passat nicht einfach haben werde. Ein 176 kW starker Biturbo Diesel mit einem sagenhaft tiefen Verbrauch, Technik und Elektronik bis unters Dach sowie eine ganze Reihe weiterer Annehmlichkeiten. Ich lege das Datenblatt von meinem Testwagen weg und schüttle den Kopf. Was soll ich nur tun, damit mein Post am Ende nicht wie ein Werbetext von Volkswagen erscheint? Der Passat ist – die notwendige Sonderausstattung vorausgesetzt – eine Machtdemonstration vom Volkswagen Konzern. Ob ich das Haar in der Suppe finden werde?

Ich weiss, es klingt böse, aber letztendlich suche ich den Testautos in erster Linie das Schlechte. Was geht gar nicht, wo wurde versucht zu sparen, wo besteht noch Luft nach oben? Das Gute ergibt sich dann meistens von alleine im Laufe der Zeit. Deshalb erstaunt es mich, dass ich so schnell etwas entdeckt habe, das mir nicht passt. Es ist nicht das Design an sich. Von vorne gefällt mir der Passat sogar, denn er wirkt bullig und breit ohne aufdringlich zu sein.

VW Passat
Der Passat wirkt durch den Grill und die flachen Scheinwerfer breiter, als er ist.

Die Seitenlinie sieht dank den scharfen Kanten noch einigermassen schnittig aus, aber das Heck wirkt ziemlich bieder. Immerhin ist er nicht so kastig. Die Auspuffblenden sind sehr schön ins Design integriert und verleihen dem Passat einen sportlichen Touch, aber es sind wortwörtlich AuspuffBLENDEN. Die wahren Endrohre sind klein und gekrümmt. Tss, also wirklich VW. Wenn schon solche dicken Blenden, dann bitte mit Funktion dahinter und nicht nur zum Schein. Wobei, auch Skoda und Mercedes gaukeln einem gerne etwas vor…

VW Passat
Auch hinten wird das Auto durch die Auspuffblenden optisch in die Breite gezogen.

Im Innenraum gibt’s die volle Dröhnung VW. Superbequeme Sitze mit Heizung, Lüftung und Massage, perfekte Ergonomie, Infotainmentsystem mit MirrorLink Technologie, digitale Instrumentierung (Analog dem Virtual Cockpit vom Audi TT, bei VW heisst’s halt Active Info Display…), intuitive Bedienung, hochwertige Materialien. Besonderes Designmerkmal sind die optisch durchgehenden Lüftungsdüsen. Sieht schick aus, nur leider ist es ein Staubfänger und je nach Sonneneinstrahlung spiegelt sich das helle Material in der Seitenscheibe genau dort, wo sich der Aussenspiegel befindet. Das ist dann ein bisschen doof, aber hier wurde ganz offensichtlich das Design höher priorisiert als die Funktionalität… Dennoch, der Passat Innenraum ist die Wohlfühloase schlechthin. Raum kombiniert mit Luxus.

VW Passat
Wobei man das mit den Auspuffblenden durchaus wörtlich nehmen kann…

Natürlich ist bei weitem nicht alles, was hier aufgezählt ist, Serie, doch das dürfte jedem klar sein. Aber: VW preist den Passat ganz deutlich als Premium an, der nach höherem strebt. Sonnenblenden, die sich wie Karton anfühlen, ein Rad für die Klimabedienung, das rattert wie eine alte Backuhr und ein dauernd knatterndes Gepäckraumrollo, das nicht einmal zugezogen bleibt, gehen einfach gar nicht. Nicht in dieser Klasse. Nicht zu diesem Preis.

VW Passat
Nichts deutet auf das Kraftpaket unter der Haube hin. VW schenkt sich einen Biturbo Schriftzug.

Was unter der Haube vom neuen Passat steckt, darf man wohl getrost als die nächste Generation Dieselmotor betrachten. Ein 2,0-Liter Biturbo Diesel mit läppischen 500 Nm Drehmoment und 176 kW Leistung sorgt für einen Schub, der mit jenem eines Kompaktsportlers vergleichbar ist. Trotzdem soll sich das Kraftwerk lediglich mit 5,4 l/100 km begnügen. Kann das sein? Mal sehen…
Der Passat versucht ausserdem mit seinen diversen Fahrmodi (Comfort, Eco, Sport, Normal und Individual) es jedem Recht zu machen. Klappt das? Erstaunlicherweise ja. Lange Autobahnfahrt? Comfort Modus rein und das sanfte Fahrwerk geniessen. Passstrasse? Sport Modus rein und das angespannte Auto wirkt plötzlich viel agiler, als man es einem 4,80 Meter Schiff zutrauen würde. Lust zum Spritsparen? Eco Modus rein und beim Segeln den Schub nicht verlieren. Der normale Modus passt nicht ganz? Dann kann man im Individual Modus alles einzeln einstellen. Der einzige Kritikpunkt ist, dass das Fahrwerk nicht so schön federt. Auch im Comfort Modus ist es teils recht bockig und federt nicht besonders geschmeidig.

VW Passat
Feine Kanten zieren die Seitenlinie.

Gar nichts zu meckern gibt es beim Motor. Der Passat ist pures Understatement. Nichts, gar nichts scheint von aussen darauf hinzudeuten, dass ein Biturbo Aggregat unter der Haube schlummert. Nach einer leichten Anfahrschwäche (DSG) schiebt das Aggregat den Passat scheinbar mühelos nach vorne. Innen klingt der Passat durch einen Sound Symposer (keine Sorge, er ist sehr dezent) recht kernig, aussen nagelt das Auto aber wie jeder andere Diesel auch. Dass das DSG absolut fehlerfrei und blitzschnell schaltet, ist bei VW mittlerweile selbstverständlich. Auch die Lenkung ist mit Deutscher Präzision gesegnet, so dass der Passat durchaus sportlich bewegt werden kann.

VW Passat
Auch im Innenraum wird voll auf die Horizontale gesetzt. Die Lüftungsdüsen erscheinen durchgehend. Schick, aber ein Staubfänger.

Der Passat ist auf Wunsch ein wahrer Hightech Kasten und eine Machtdemonstration von VW. Wie auch bei Mercedes (Intelligent Drive) ist der Passat theoretisch in der Lage, auf der Autobahn selbstständig zu fahren, die Hände müssen allerdings am Lenkrad bleiben. Dass andere Kleinigkeiten wie adaptives LED-Licht, Notbremsassistent, 360°-Kamera, Tot-Winkel-Warner, Müdigkeitswarner und automatischer Parkassistent an Bord sind, versteht sich fast von selbst. Natürlich lässt sich das ganze Zeugs auch deaktivieren, was mir aber fehlt, ist eine Einstellung der Intensität. Der Passat ist nämlich übervorsichtig. Mehrmals schlug der Notbremsassistent viel zu früh Alarm, einmal ging er sogar in die Eisen, obwohl es nicht dringend nötig gewesen wäre. Auch der Tot-Winkel-Warner lässt erst nach, wenn das überholte Auto gefühlt einen halben Kilometer zurück liegt. Assistenzsysteme sind schön und gut, aber warum lassen sie sich nicht personalisieren wie die Fahrmodi? Schliesslich hat jeder ein anderes Verständnis von Sicherheit – diesem Aspekt sollte Rechnung getragen werden.

VW Passat
Die Bedienung ist absolut intuitiv, die Ergonomie perfekt. Willkommen bei VW.

Am Ende habe ich innerlich gejubelt. Schliesslich habe ich nicht nur ein Haar, sondern gleich mehrere Haare in der VW Suppe gefunden. 😉 Spass bei Seite. Abgesehen vom knarzenden Rollo (möglicherweise lag’s auch am Testwagen) sind die Schwächen und Kritikpunkte vom Passat bloss Kleinigkeiten, oder, um beim Haar zu bleiben: Haarspalterei. Dieses Auto ist nahe an der Perfektion, einfach, weil es versucht, alles richtig und es jedem Recht zu machen. Einzig die übervorsichtigen Assistenzsysteme sollten einstellbar sein.

VW Passat
Das TFT-Instrumentenpanel ist dasselbe wie bei Audi.

Reden wir zum Schluss noch ein wenig übers Geld. Der Testwagen kostet mit 73’440 Franken wirklich viel, aber: Wer auf diverse Assistenzsysteme und Luxusausstattungen sowie auf den Top-Diesel verzichten mag, spart schnell eine ganze Menge Geld. Ein Schnäppchen ist der Passat freilich nicht, aber angesichts des sehr stimmigen Gesamtpakets und des sehr hohen Wiederverkaufswert ist er seinen Preis wert.

Alltag 

Welches Auto, wenn nicht der Passat, ist der Meister im Alltag? Gute Übersicht, viel Platz und Ablagemöglichkeiten, zahlreiche Assistenzsysteme, perfekte Ergonomie. Hier gibt’s absolut gar nichts zu beanstanden.

Fahrdynamik 

Für einen grossen Kombi lässt sich der Passat auch schnell um Kurven werfen, ohne dass er untersteuert. Geradeaus geht’s mit dem Diesel-Kraftwerk sowieso immer zügig.

Umwelt 

Ah ja, die 5,4 l/100 km Normverbrauch sind ja irgendwann zur Sprache gekommen. Natürlich ist dieser Angabe Wunschdenken, im Test waren es 7,3 l/100 km. Angesichts des Gewichts und der Leistung ein Wert, der in Ordnung ist, aber eben meilenweit vom sagenhaften Normverbrauch entfernt.

Ausstrahlung 

Was soll man sagen, es ist ein Volkswagen und abgesehen vom Scirocco haben die Wolfsburger wahrlich keine Autos, nach denen man sich vielleicht umdreht. Die bullige Front gefällt, ansonsten ist das Auto schon gar unauffällig und zurückhaltend, um nicht zu sagen langweilig, gestaltet.

Fazit 

+ Unglaublich bulliger Diesel
+ Perfekt schaltendes DSG
+ Diverse Fahrprofile mit grossen Unterschieden zur Wahl
+ Sehr viele Assistenzsysteme erhältlich
+ Sehr bequeme Sitze
+ Perfekte Ergonomie
+ Effektive Geräuschdämmung
+ Akzeptabler Verbrauch
+ Sehr grosszügige Platzverhältnisse
+ Gute Übersicht
+ Fortschrittliches Infotainment mit MirrorLink Technologie
+ Intuitive Bedienung

– Knarzgeräusche vom Rollo, Rollo bleibt nicht in Position
– Teils übervorsichtige Assistenzsysteme
– Lüftungsstreifen im Innenraum spiegelt je nach Sonneneinstrahlung ungünstig

Marke / ModellVW Passat Variant
Preis Basismodell / Testwagen31'900 CHF / 73'440 CHF
AntriebDiesel, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder1968 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Biturbomotor
Getriebe7-Gang Doppelkupplungsgetriebe DSG
Max. Leistung176 kW bei 4000 r/min
Max. Drehmoment500 Nm 1750 - 2500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h6,3 s
Vmax238 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz5,4 l/100 km / 140 g/km / C
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz7,3 l/100 km / 189 g/km / +35%
Länge / Breite / Höhe4,77 m / 1,83 m / 1,48 m
Leergewicht1852 kg
Koffer­raum­volumen650 - 1780 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

2 thoughts on “VW Passat: Die Suche nach dem Haar in der Suppe

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