2019 Audi e-tron

Magischer Touch: Audi e-tron

Mit dem vollelektrischen e-tron will Audi zurück an die Spitze, den viel zitierten «Vorsprung durch Technik» wieder zelebrieren. In diesem Zusammenhang finde ich vor allem eine Zahl bemerkenswert: 2699. Das ist nicht etwa die Reichweite des Elektro-SUVs, sondern das Leergewicht. Bei allem Respekt, aber so fortschrittlich ist es nicht, einen derart schweren Koloss auf die Räder zu stellen. Aber es musste wohl hinsichtlich der Absatzzahlen ein SUV werden und wenn ich über das viel zu hohe Gewicht hinwegschaue, muss ich eingestehen, dass der e-tron ein richtig gutes Auto geworden ist – aus einem überraschend trivialen Grund.

Mir ist der e-tron vom Design her sehr sympathisch. Er posaunt seinen Elektroantrieb nicht wie andere in die weite Welt hinaus, sondern tritt sehr dezent auf. Sogar den Single-Frame-Grill hat Audi als Designmerkmal – einfach in geschlossener Form – beibehalten. Mit den grossen Rädern, den markanten Kotflügeln und der abfallenden Dachlinie macht das SUV sogar eine sportliche Figur und sieht alles andere als Eco-mässig aus. Sehr schön! Weniger schön ist dafür, dass sich der e-tron so sehr der Audi-Designsprache bedient, dass er das generelle Problem bei Audi verschärft: Wer sich nicht ein Stück weit für Autos interessiert, kann den e-tron kaum von den Verbrenner-Brüdern Q5 und Q8 unterscheiden.

2019 Audi e-tron
Der «Kühlergrill» sticht optisch hervor, ist aber ein reines Designelement.

Konventioneller Innenraum

Auch im Innenraum verzichtet Audi auf Experimente. Stattdessen erwartet einen eine vertraute Welt: Virtual Cockpit mit überarbeiteter Anzeige sowie Infotainmentsystem mit zwei Touchscreens. Schick, aber nach wie vor mit einer gewissen Ablenkung verbunden. Einzig der Getriebe-Wählhebel ist wirklich neu. Den Platzvorteil, den der Elektroantrieb bieten könnte, nutzt Audi einzig mit einem Fach für die Ladekabel im Motorraum sowie einer gigantischen Mittelkonsole. Ist okay, aber man könnte mehr daraus machen.

2019 Audi e-tron
Bis auf den Getriebewahlhebel und die OLED-Displays ein Cockpit wie in jedem anderen Audi auch.

Die Vollleder-Ausstattung ohne neumodische vegane Alternative zeigt einmal mehr, was der e-tron sein möchte. Ein elektrischer Audi. Nicht mehr und nicht weniger. Er erfindet das (Elektro-)Auto nicht neu, sondern macht es so gut wie möglich: Mit einer Material- und Verarbeitungsqualität auf Highend-Niveau, massig Platz für Passagiere und Gepäck (allerdings ohne nennenswerte Variabilität) sowie einer cleveren Vernetzung von Fahrerassistenz und Antrieb.

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Die Anzeige des Virtual Cockpits wurde für den E-Antrieb umgestaltet. Ein Powermeter dominiert, es lässt sich aber auch ein konventioneller Tacho einblenden.

Innovativ, aber unpraktisch

Doch bevor es ums eigentliche Fahren geht, muss ich von den optionalen, 2010 Franken teuren Kamera-Aussenspiegeln abraten. Zwar ist der e-tron das erste Grossserienmodell mit dieser Technologie, Vorsprung durch Technik hat der e-tron also. Nichtsdestotrotz ist der Mensch ein Gewohnheitstier und der Blick auf das (zu) niedrig angesetzte OLED-Display in der Tür wirkt selbst nach Tagen immer noch komisch. Ausserdem fällt das Einschätzen der Distanzen mangels natürlicher Tiefe auf dem Display extrem schwer. Auf der Autobahn gewöhnt man sich allmählich daran, doch im Parkhaus mit Bordsteinkanten, Säulen sowie anderen Autos ist man mit den Kameras aufgeschmissen und wünscht sich nichts sehnlicher als normale Aussenspiegel.

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Wie weit ist der Container noch entfernt? 30 cm, 50 cm? Falsch, etwa 1,5 Meter.

Natürlich bietet die Technik auch ihre Vorteile. Überraschenderweise liefert die Kamera ausgerechnet bei ungünstigen Lichtverhältnissen, also beispielsweise direkter Sonneneinstrahlung oder schwachem Licht, das bessere Bild als ein normaler Spiegel. Auch existiert durch das grössere Sichtfeld der Kamera kein toter Winkel mehr. Die aerodynamische Verbesserung, die bei voller Ladung rund zwei Kilometer zusätzliche Reichweite ermöglicht, ist meiner Meinung nach vernachlässigbar. Trotz geringeren Windgeräuschen überwiegen meiner Ansicht nach die Nachteile.

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Die Kamera verringert den cW-Wert um 0,5, dadurch erhöht sich die Reichweite im Idealfall um zwei Kilometer.

Abkapselung auf nächstem Level

Das eigentliche Highlight sind also nicht die Spiegel, sondern wie der e-tron im Alltag fährt. Der schwere Audi treibt die Geräuschlosigkeit mit umfangreicher Dämmung aufs nächste Level. Der e-tron ist so leise, dass man sich auf der Autobahn im Flüsterton mit den Fond-Insassen unterhalten könnte. Nur in der absoluten Luxusklasse ist der Geräuschpegel vergleichbar tief. Apropos Geräusch: Im langsamen Fahrbetrieb verzichtet der e-tron auf ein künstliches Fahrgeräusch, was ihm gleich noch mehr Sympathiepunkte meinerseits beschert. Fussgänger haben schliesslich Augen im Kopf.

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Fondpassagiere reisen mit fürstlichen Platzverhältnissen und ohne störenden Mitteltunnel.

Vorausschauender Antrieb

Die Art und Weise, wie sich der e-tron im Verkehr bewegt, hat fast schon etwas magisches an sich. Im Gegensatz zu anderen Elektroautos rekuperiert der Audi nämlich nicht stur zwischen zwei Stufen, sondern stufenlos und vollautomatisch je nach Verkehrsaufkommen (mittels Abstandsradar) und Strecke (mittels GPS). So erlebt man eine ganz neue Form des sogenannten One-Pedal-Drivings ohne Bremspedal, denn unabhängig von der Verkehrsdichte und aktiver GPS-Navigation rekuperiert das Auto immer mit der richtigen Stärke, was für ein sehr geschmeidiges und angenehmes Fahren praktisch ohne Bremse sorgt.

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Mittels CCS-Schnellladeanschluss saugt der e-tron mit bis zu 150 kW. Noch sind solche Ladeplätze aber sehr selten. Die Ladeklappe arbeitet übrigens elektrisch. Nur, falls man sich wundert, wie das Gewicht zustande kommt…

Nur bei starken Bremsmanövern oder wenn bei einer Kreuzung ein komplettes Anhalten erforderlich ist, reicht die Rekuperation nicht aus. Natürlich bietet der e-tron auch Schaltpaddels, die jederzeit ein manuelles Eingreifen ermöglichen. Das kann insbesondere bei einem längeren Gefälle durchaus Spass machen, sich durch die verschiedenen Rekuperationsstufen zu zappen.

2019 Audi e-tron
Abgesehen vom Antrieb versucht Audi, mit dem e-tron ein ganz normales Auto anzubieten.

Sportlich? Wenn es unbedingt sein muss

Während der e-tron das alltägliche Fahren besonders angenehm macht, genoss die Sportlichkeit keine allzu grosse Priorität bei der Entwicklung. Dass der schwere Brocken dennoch sehr neutral um Kurven fährt, liegt daran, dass seine 700 Kilo schwere Batterie im Boden sitzt und so ausgeprägte Wankbewegungen verhindert. Der elektrische quattro-Antrieb verteilt seine Kraft ausserdem so blitzschnell, dass der Grip und die Traktion enorm hoch sind. Dennoch kommt nicht wirklich grosser Fahrspass auf, denn die Lenkung ist viel zu gefühlslos, ihr fehlt es nahezu komplett an authentischer Rückmeldung.

2019 Audi e-tron
Die Vorderachse wird nur bei grösserer Leistungsanforderung oder Traktionsverlust zugeschaltet. Beim Cruisen wird nur die Hinterachse angetrieben, das spart Strom.

Ausserdem verstehe ich nicht, warum Audi ausgerechnet bei einem technologisch hochstehenden Modell wie dem e-tron keine Hinterachslenkung verbaut. Auf die paar Kilos mehr würde es bei dem monströsen Gewicht nämlich echt nicht mehr ankommen. Und apropos Gewicht: Bei 2,7 Tonnen leer fühlen sich selbst die 664 Nm des Kickdowns alles andere als brachial an. Der Elektro-Punch, wie ihn etwa die Tesla-Modelle oder der Jaguar I-Pace bieten, bleibt beim Audi aus. Überhaupt ist das Ansprechverhalten im Normal-Modus sehr träge, nur im S-Modus fühlt sich der e-tron wie ein Elektroauto an. Da hätte etwas weniger Gemütlichkeit in der Abstimmung des Antriebs nicht geschadet.

2019 Audi e-tron
Auch der e-tron bietet das animierte Lichtspektakel beim Ent- und Verriegeln.

Effiziente Stromnutzung

Positiv ist wiederum, dass der Audi einigermassen haushälterisch mit dem Strom umgeht – so haushälterisch, wie es bei der schieren Masse halt möglich ist. Den WLTP-Normverbrauch habe ich jedenfalls gemäss Bordcomputer nur knapp verfehlt, obwohl ich viel Autobahn gefahren bin. Trotz meines für E-Autos ungünstigen Fahrprofils bin ich immer sicher 300 Kilometer weit gekommen, ohne übermässigen Autobahnanteil sind mit dem e-tron auch 350 Kilometer ohne Probleme machbar. Die WLTP-Reichweite beträgt 417 Kilometer, so gross ist die Differenz folglich nicht, was keine Selbstverständlichkeit ist. Fortschrittlich ist auch die hohe Ladeleistung von bis zu 150 kW, wobei solche Ladestationen derzeit noch rar sind.

2019 Audi e-tron
Ladekabel können im Fach unter der Fronthaube verstaut werden.

Vollwertig, aber teuer

Audi ist die Entwicklung des Elektroautos nicht aus der ökologischen Sicht, sondern aus der technischen Sicht angegangen: Die Kamera-Aussenspiegel, die automatische Rekuperierung sowie der extrem tiefe Geräuschpegel zeigen, dass viel Hirnschmalz eingesetzt wurde, um die Vorzüge des Elektroautos zu nutzen. Vielleicht überwiegen nach längerem Zeitraum die Vorteile der Kamera-Spiegel, aber dazu muss man das Auto und das Kamera-System sehr gut kennenlernen.

2019 Audi e-tron
Die Sportsitze kosten extra, vereinen dafür perfekt Komfort und Seitenhalt.

Der e-tron ist trotz Elektroantrieb ganz klar ein Audi, wodurch keinerlei Berührungsängste auftreten. Das ist gleichzeitig sein grosser Vorteil. Er ist ein vollwertiges Auto, dass genügend Platz und auch Reichweite bietet, um als Familie unterwegs zu sein. Wer ohnehin keinen grossen Wert auf Sportlichkeit legt, wird die überaus angenehme Fahrweise im Alltag schnell zu schätzen wissen. Im Test sind keine nennenswerten Schwächen aufgefallen, die gegen den e-tron als Elektroauto als Erstwagen sprechen. Wie bei Audi allerdings üblich, kostet das Meiste, was schön und angenehm ist, nochmals extra. Der Testwagen ist mit rund 128’000 Franken angeschrieben. Ob da der Funke rüberspringt?

2019 Audi e-tron
Der e-tron will einem den Umstieg auf die E-Mobilität so einfach wie möglich machen.

Alltag 4.5 out of 5 stars

Der e-tron bietet naturgemäss als grosses SUV viel Platz. Allerdings werden die Vorteile des Elektroantriebs nur sehr eingeschränkt genutzt. Spezielle Variabilität sucht man im Stromer-SUV vergebens. Dafür sind die Offroad-Fähigkeiten laut Hersteller sehr ausgeprägt.

Fahrdynamik 3.5 out of 5 stars

Gewiss, der e-tron hat viel Kraft, aber er hat so viel zu bewegen, dass es einem nicht nach übermässig viel Kraft vorkommt. Kurven nimmt der Stromer dank des tiefen Schwerpunktes und des wortwörtlich blitzschnellen quattro-Antriebs sehr neutral, doch die Lenkung ist zu gefühllos.

Umwelt 4.5 out of 5 stars

Angesichts der Bauweise und des Gewichts ist der Energieverbrauch des e-tron relativ gut.

Ausstrahlung 4 out of 5 stars

Im Gegensatz zu anderen Konkurrenten trägt der e-tron seinen Antrieb nicht zur Schau, sondern ist elegant, dezent gezeichnet, wie andere Modelle von Audi ebenfalls.

Fazit 4.5 out of 5 stars

+ Markenspezifisches, unauffälliges Design
+ Sehr geräumiger Innenraum, viele und grosse Ablagen
+ Exzellente Verarbeitungsqualität, edle Materialien
+ Navigation berechnet Ladestopps auf der Route mit ein
+ Diverse Fahrmodi mit deutlicher Spreizung
+ Sehr hoher Fahrkomfort
+ Sehr tiefes Geräuschniveau
+ Neutrales Handling dank tiefem Schwerpunkt
+ Ausreichende Reichweite
+ Hohe Ladeleistungen möglich
+ Sehr schnell reagierendes Matrix-LED-Licht
+ Grosse Auswahl an Assistenzsystemen, arbeiten zuverlässig

– Grotesk hohes Gewicht
– Hoher Preis
– Keine Allradlenkung erhältlich
– Gefühllose Lenkung

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellAudi e-tron
Preis Basismodell / Testwagen91 100 CHF / 127 980 CHF
AntriebElektrisch, Allradantrieb
Akkukapazität95 kWh
Max. Leistung265 kW Dauerleistung, 300 kW Boost
Max. Drehmoment 561 Nm / 664 Nm Boost
Beschleu­nigung 0–100 km/h5,7 s
Vmax200 km/h (elektronisch abgeregelt)
WLTP-Verbrauch / Energieeffizienz26,2 kWh/100 km / A (mit 21"-Rädern)
Test-Verbrauch / Differenz27,0 kWh/100 km / + 3 %
WLTP-Reichweite417 km
Ø Test-Reichweite310 km
Länge / Breite / Höhe4,90 m / 1,94 m / 1,63 m
Leergewicht2699 kg
Kofferraumvolumen600 - 1725 l

Bilder: Koray Adigüzel

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