Der Unbezwingbare: Ford Ranger Raptor

Normalerweise möchte ich nicht gleich am Anfang zu viel verraten, aber hier kann ich nicht anders. Der Ford Ranger Raptor ist einfach nur geil! Er ist der Beweis, dass Zahlen und das Erlebnis zwei völlig verschiedene Paar Schuhe sind. Der wahnwitzige Pick-Up ist das Ergebnis von einem äusserst seriösen, aber auch durchgeknallten Werktunig. Leider muss man sich den Fahrspass suchen, aber wer sucht, der findet bekanntlich…

Der Ranger Raptor ist der wahr gewordene Altptraum von Autogegnern. Er ist für europäische Verhältnisse absurd gross und hinterlässt einen monströsen Eindruck. Vom braven Arbeitstier des Basis-Ranger ist hier nicht mehr viel übrig geblieben. Ein riesiger Kühlergrill mit astronomisch grossem Ford-Schriftzug zelebriert die Eigenliebe. Das hochbeinige Fahrwerk verschafft dem Truck eine Bodenfreiheit, die sämtliche Hindernisse überwinden sollte – notfalls auch einen Sportwagen in der Innenstadt. Doch die grobstolligen Reifen machen klar, dass dieses Offroad-Vieh in der Stadt eigentlich nichts verloren hat.

2019 Ford Ranger Raptor
Je unwegsamer das Gelände, desto mehr blühlt der Raptor auf.

Fährt sich ganz normal

Das gut verarbeitete Cockpit mit blauen Kontrastnähten wird über das massive Trittbrett erklommen, Trucker-Feeling stellt sich angesichts der sehr hohen Sitzposition direkt ein. Man sitzt bequem auf gut gepolsterten Sportsitzen. Selbst auf grosse SUVs blickt man lächelnd herab. Startknopf gedrückt, der Vierzylinder-Biturbodiesel meldet sich laut ratternd zum Dienst. Ja, richtig gelesen, Dieselvierzylinder – die V6-Ecoboost-Biturbomaschine des legendären F-150 Raptor aus Amerika würde Ford Europa aus CO2-Gründen wohl Kopf und Kragen kosten. Fulminante Längsdynamik darf man vom Ranger Raptor folglich nicht erwarten.

2019 Ford Ranger Raptor
Seitlich wird deutlich, wie viel Federweg im Fahrwerk steckt.

Doch dank des satten Drehmoments und der unauffällig im Hintergrund arbeitenden 10-Gang-Automatik mit ihrer gigantischen Gangspreizung fährt man im Raptor ganz angenehm. Der Fahrkomfort ist PW-ähnlich, da die hintere Starrachse durch eine Einzelradaufhängung ersetzt wurde. Das verbessert das Onroad-Fahrfeeling erheblich, kostet den Raptor allerdings ein paar hundert Kilos an Zuladung sowie eine Tonne Anhängelast im Vergleich zu den normalen Ranger-Modellen.

2019 Ford Ranger Raptor
Nichts mit rustikal: Schickes Cockpit mit Ford Performance Finish.

Spass statt Arbeit

Doch der Ranger Raptor richtet sich ohnehin eher an Offroad-Enthusiasten, die einen abenteuerlustigen Lifestyle verfolgen. Der grossartige Pick-Up ist fast zu schade, um nur Lasten zu transportieren. Damit der Raptor seinem Namen gerecht wird, hat sich Ford Performance einiges einfallen lassen. So wurde das komplette Chassis verstärkt, damit harte Offroad-Passagen möglich sind. Das gesamte Fahrwerk wurde komplett überarbeitet und um Dämpfereinheiten des Offroad-Spezialisten Fox ergänzt. Des weiteren wurde die Spur massiv verbreitert und der Unterboden mit einer 2,3 Millimeter dicken Stahlplatte verkleidet, um Schäden am Antriebsstrang vorzubeugen.

2019 Ford Ranger Raptor
Mit den verschiedenen Fahrmodi ist der Ranger Raptor für alles gerüstet.

Bitte recht schnell!

Doch genug gelabert. Dass der Ranger Raptor kein Showmaster ist sondern ernsthafte Absichten verfolgt, wird deutlich, sobald man von der Strasse abbiegt. Das ist in der Schweiz angesichts der überall lauernden Fahrverbote zwar nicht so einfach, aber auf dem Land gibt es immer wieder Stellen. Egal wie grob der Untergrund ist, der Raptor klettert auch über fussballgrosse Steine hinweg. Löcher auf dem Weg muss man nicht umfahren, sondern kann direkt darüber – das Fahrwerk mit extra langen Federwegen steckt das ganze locker weg. Verschiedene Fahrmodi stellen den Raptor für jedes Terrain ein – Sand, Fels, Schlamm, Schnee – alles ist dabei. Jedes handelsübliche SUV mit Allradantrieb und Offroad-Modus wäre schon längstens stecken geblieben.

2019 Ford Ranger Raptor
Die Sitze sind sehr komfortabel und bieten für einen Pick-Up ordentlichen Seitenhalt.

Richtig spassig wird es auf einem matschigen Waldweg. Baja-Modus rein und los gehts. Ohne Asphalt unter den Rädern gelingt dem Raptor eine erstaunliche Fahrdynamik. Man rauscht über Unebenheiten, Äste, Pfützen und hat ein riesen Gaudi. Die Traktion ist bombastisch und das ganze Feeling viel verbindlicher als auf der Strasse! Ausserdem ist der Baja-Modus auch mit Heckantrieb einstellbar. Wilde und dreckige Offroad-Drifts werden so möglich! Zwar kann der Raptor auch über Stock und Stein kraxeln, doch eigentlich ist an diesem Truck ein Rallye-Auto vorbeigegangen. Zahlreiche Videos – auch von Ford selber – beweisen, dass selbst Sprünge den Raptor nicht in die Knie zwingen!

2019 Ford Ranger Raptor
Wahlmodusschalter für Heckantrieb, 4×4 sowie 4×4 mit Untersetzung.

Für diese beispiellose Offroad-Kompetenz verlangt Ford meiner Meinung nach moderate 58’000 Franken. Was dem Antrieb an Punch fehlt, macht das fantastische Fahrwerk mehr als nur wett. Ausserdem reicht die Leistung für massiven Fahrspass im Gelände meistens, nur auf der Strasse wäre etwas mehr Durchzug wünschenswert. Vergleichbare Offroad-Monster kosten deutlich mehr als der Ranger Raptor, ausserdem zieht er mit seinem brachialen Design alle Blicke auf sich. Ford Performance kann Sportwagen für auf und abseits der Strasse bauen!

2019 Ford Ranger Raptor
Der Raptor sieht nicht nur böse aus, er ist es auch, sobald kein Asphalt mehr unter den Rädern ist!

Alltag 3 out of 5 stars

Für sperrige Gegenstände ist der Ranger Raptor bestens zu gebrauchen, normales Gepäck wird besser hinter den Vordersitzen verstaut. Praktisch: Das serienmässige Laderaum-Rollo. Weniger praktisch: Die immense Grösse um einen Parkplatz zu ergattern.

Fahrdynamik (offroad) 5 out of 5 stars

Für einen Pick-Up mit sehr hohem Schwerpunkt fährt sich der Raptor auf der Strasse erstaunlich gut und «normal». Richtig lustig wird es aber abseits der Strasse. Riesige Pfützen? Löcher im Weg? Matsch? Nässe? Loser Kies? Egal, was es zu bezwingen gibt, der Ranger Raptor bezwingt es – und zwar am liebsten mit Karacho.

Umwelt 3.5 out of 5 stars

Klar sind 10,2 Liter Dieselverbrauch absolut gesehen nicht wenig. Aber wenn man das Gewicht, die Performance und die Aerodynamik berücksichtigt, liegt der Verbrauch des Ranger Raptors im Rahmen des akzeptablen. Immerhin liegt der Testverbauch unterhalb des Normverbrauchs.

Ausstrahlung 5 out of 5 stars

Mit seiner brachialen Optik wirkt der böse Ranger wie ein Endgegner. In urbanen Gegenden holt man sich mit diesem Gefährt keine Freunde, auf dem Land hingegen schon.

Fazit 4.5 out of 5 stars

+ Apokalyptisches Endzeit-Design
+ Bequeme Sportsitze mit gutem Seitenhalt
+ Vollwertige Doppelkabine
+ Hohe Verarbeitungsqualität
+ Intuitives Infotainmentsystem mit guter Sprachsteuerung
+ Gute Übersicht, Rückfahrkamera vorhanden
+ Akzeptabler Verbrauch
+ Gute Fahreigenschaften auf Asphalt
+ Sehr sportliche Offroad-Fahrdynamik
+ Vollwertiger 4×4-Antrieb mit Untersetzung
+ Grosse Spreizung der Fahrmodi
+ Unauffälliges 10-Gang-Getriebe mit grosser Gangspreizung
+ ESP deaktivierbar
+ Diverse Assistenzsysteme erhätlich
+ Faires Preis-Leistungs-Verhältnis

– Brummliger, recht lauter Dieselmotor
– Halogen-Fernlicht
– Sperriger Wendekreis
– Abstriche bei Zuladung und Anhängelast im Vergleich zum Basis-Ranger

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellFord Ranger Raptor
Preis Basismodell58 650 CHF / 58 650 CHF
AntriebDiesel, 4x4 mit Untersetzung und Sperrdifferential
Hubraum / Zylinder1996 ccm / R4
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Biturbomotor
Getriebe10-Gang-Automatikgetriebe
Max. Leistung156 kW bei 3750 r/min
Max. Drehmoment500 Nm bei 1500 bis 2500 r/min
Beschleunigung 0 - 100 km/hkeine Angabe des Herstellers
Vmax180 km/h
WLTP-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz10,8 l/100 km / 281 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz10,2 l/100 km / 265 g/km / -6%
Länge / Breite / Höhe5,36 m / 2,03 m / 1,87 m
Leergewicht2585 kg
Laderaum-Abmessungen1,58 x 1,56 m
Bodenfreiheit283 mm
Böschungswinkel vorne32,5°
Böschungswinkel hinten24°
Wattiefe85 cm

Bilder: Koray Adigüzel

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