Ford Mustang Mach-E: Der Legende auf der Spur

Es hat bei Ford etwas gedauert, aber jetzt sind auch die Amerikaner im Elektrozeitalter angekommen. Als Porsche diesen Schritt begangen hat, rumorte es ab der Bezeichnung «Turbo» ziemlich im Internet. Doch Ford schiesst den Vogel diesbezüglich komplett ab: Das neue Elektro-SUV trägt tatsächlich den Namen Mustang Mach-E, eine Anlehnung an den Mustang Mach 1. Der Ford Mustang, Symbol für rohe V8-Kraft, soll tatsächlich diesen Evolutionsschritt gehen? Es ist nicht das erste Mal, dass ein Ford mich zu Beginn des Tests skeptisch stimmt und bislang ist es am Ende immer gut ausgekommen. Schafft das auch der Mustang Mach-E oder hat Ford hier eine unsichtbare Grenze überschritten?

Mustang-Check #1: Das Design

Natürlich immer eine subjektive Angelegenheit, aber in meinen Augen hat Ford hier ganze Arbeit geleistet. Die bullige Front mit angedeutetem Kühlergrill und mächtigen Powerdomes auf der Haube macht einen sehr sportlichen Eindruck. Die Seitenansicht zeigt sich ebenfalls in einer schnittigen Silhouette und gänzlich ohne Türgriffe. Hinten zitieren die drei vertikalen Lichtstreifen pro Seite unverkennbar den Mustang. Doch so gut das Auto in meinen Augen auch aussieht, so verwandeln Mustang-Lichter ein SUV noch lange nicht in einen richtigen Mustang.

2021 Ford Mustang Mach-E
De Facto ist das Auto ein SUV-Coupé mit Rücklichtern im Mustang-Stil.

Mustang-Check #2: Der Innenraum

Im Gegensatz zu manch anderen Elektro-SUVs nutzt Ford die Vorzüge einer Elektro-Plattform aus. Der Innenraum präsentiert sich sehr luftig, das riesige Panoramadach verstärkt das Gefühl von Weite noch mehr. Auf allen Plätzen geniesst man viel Bewegungsfreiheit und allen Orten bietet das Auto grosszügige Ablagefächer für Kleinkram. Der hintere Kofferraum ist geräumig und mit einem kleinen Zwischengeschoss ausgerüstet, der Frunk ist in diverse kleinere Fächer unterteilt. Er besteht komplett aus Kunststoff und ist somit auswaschbar.

2021 Ford Mustang Mach-E
Man sitzt bequem, gar nicht so hoch und mit viel Bewegungsfreiheit, aber wenig Seitenhalt.

Unnötig zu erwähnen, dass der Mustang-Sportwagen in dieser Disziplin nicht mal annähernd mithalten kann. Doch auch im Vergleich zur Konkurrenz hat Ford in dieser Kategorie die Nase vorne. Während die Materialanmutung ansehnlich ist, dürfte man sich ennet des Atlantiks bei der Verarbeitungsqualität mehr Mühe geben. Einige Verkleidungen wirken alles andere als niet- und nagelfest und die Rückenlehne des rechten Platzes im Fond gibt komische Geräusche von sich, wenn man sich anlehnt.

2021 Ford Mustang Mach-E
Auch im Fond kann sich das Raumangebot sehen lassen.

Mustang-Check #3: Die Digitalisierung

Diesbezüglich bringt der Mustang Mach-E frischen Wind bei Ford. Der vertikal montierte 15,5-Zoll-Touchscreen ist ein echter Blickfang. Dank grosszügig dimensionierten Touch-Flächen gelingt auch die Bedienung während der Fahrt einigermassen bequem, der Aufbau ist intuitiv, die Sprachsteuerung vorbildlich, die Echtzeit-Verkehrsdaten auf Google-Maps-Niveau. OTA-Updates und Smartphone-Integration sind da natürlich eine Selbstverständlichkeit. Die Reaktionszeiten dürften bei so einem topmodernen System noch etwas kürzer sein, aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

2021 Ford Mustang Mach-E
Der grosse Touchscreen dominiert das ansonsten fast leere Cockpit.

Mittels Smartphone-App und den Türcodes auf der Fahrerseite lässt sich das Auto auch ohne Schlüssel nutzen, was praktisch ist, wenn man das Auto vorübergehend weitergeben möchte. Natürlich bietet die Ford-App auch alle weiteren Annehmlichkeiten wie das Steuern der Ladung und der Klimaanlage aus der Ferne. Angesichts dieser ganzen Technik-Armada vergeht dem Benziner-Mustang das Wiehern.

2021 Ford Mustang Mach-E
Hightech ist ja schön und gut, doch leider entriegelt die Tür nicht, wenn man sich mit dem Schlüssel nähert. Somit ist jedes gängige Keyless-Go-System praktischer.

Mustang Check #4: Der Alltag

Immer mehr Elektroautos starten automatisch, doch Ford hält am Startknopf fest. Über den Drehregler wird die Fahrstufe eingelegt und über den Touchscreen stehen drei Fahrmodi zur Wahl: Aktiv, zahm und ungezähmt. Standardmässig ist der ausgewogene Aktiv-Modus drin, der E-Mustang rollt gelassen los. Das Fahrwerk ist nicht adaptiv, weshalb es einen Kompromiss eingehen muss. Für ein SUV ist es eher auf der sportlichen Seite, also härter als bei den Deutschen und vergleichbar mit einem Jaguar I-Pace.

2021 Ford Mustang Mach-E
Der Mach-E baut nicht sonderlich hoch und will mit Offroad nichts zu tun haben, er ist ein reines Strassenauto.

Nichtsdestotrotz ist es im Auto bei jedem Tempo angenehm ruhig und harte Schläge teilt das Fahrwerk nicht aus. Eine ganze Flut an Assistenzsystemen, darunter ein Autobahn-Assistent, ein vollautomatischer Parkassistent und Matrix-Scheinwerfer runden den technischen Auftritt ab. Der Notbremsassistent dürfte zwar etwas weniger heikel seinen Dienst verrichten, aber auch dieses Kapitel lässt den Original-Mustang wie von Vorgestern wirken.

2021 Ford Mustang Mach-E
Die Lautsprecher sind wie bei einer Soundbar designt und im Armaturenbrett integriert.

Mustang-Check #5: Die Fahrdynamik

Dazu bietet sich der Ungezähmt-Fahrmodus an. Er verhärtet die Lenkung und schärft die Gasannahme. Obwohl die Schubkraft nominell schwächer als bei einem V8-Mustang ist, fühlt es sich nicht danach an, da der Schub durch das hohe Drehmoment früh und kräftig einsetzt. Die Bremsen sind ausgezeichnet, da sie konstant verzögern und einen sauberen Druckpunkt bieten.

2021 Ford Mustang Mach-E
Eine kräftige Bremse und keine rollwiderstandsoptimierte Reifen schärfen das Handling.

Beim starken Rausbeschleunigen aus engen Kurven oder Abzweigungen blitzt das wilde Mustang-Wesen so stark durch wie sonst nirgends: Der Mach-E fährt sehr hecklastig und lässt sich oft zu einem schönen Slide bewegen! In längeren Kurven überzeugt er mit neutralem Handling, ehe er gewichtsbedingt anfängt nach aussen zu schieben. Seine grösste Schwäche ist die Lenkung, die trotz Verhärtung zu indirekt zupackt und zu wenig Feedback von der Strasse durchdringen lässt. Das eine oder andere Mustang-Gen ist im Mach-E definitiv vorhanden, aber mehr auch nicht.

2021 Ford Mustang Mach-E
Die Front ist sehr aggressiv gestaltet.

Mustang-Check #6: Die Kosten und die Effizienz

Der Mustang Mach-E Testwagen mit Komplettausstattung kostet rund 73’000 Franken. Ein ähnlich gut ausgestatteter Mustang GT würde auf 65’000 Franken kommen. Jedoch schenkt der Mustang GT puncto Treibstoff, Steuern und Versicherung heftig ein, weshalb unter dem Strich auf die gesamte Nutzungsdauer gesehen der Mach-E das günstigere Auto ist. Der Mach-E ist nämlich ziemlich sparsam, im Test verbrauchte das SUV 18,0 kWh/100 km und erreichte somit eine realistische Reichweite von 400 Kilometer. Für die Langstrecke kann mit bis zu 150 KW geladen werden.

2021 Ford Mustang Mach-E
Das Cockpit vor dem Fahrer ist nicht konfigurierbar und sehr minimalistisch. Im vorderen Balken sitzen zwei Infrarotkameras, welche die Aufmerksamkeit des Fahrers überwachen.

Man kann es drehen und wenden, wie man will, letztendlich sind der Mustang Mach-E und der Mustang GT soweit voneinander entfernt wie Licht und Schatten. Welcher von beiden das Licht und welcher der Schatten ist, liegt im Auge des Betrachters. Der Mustang Mach-E ist ein super aussehendes Elektro-SUV und angesichts des ersten Elektroautos von Ford ein gelungener Wurf. Noch mehr Fahrdynamik verspricht der demnächst kommende Mach-E GT, der ausstattungsbereinigt übrigens nur 6000 Franken mehr kostet als der Testwagen. Trotzdem trägt dieses Auto meiner Meinung einfach den falschen Namen. Er wird eine völlig neue Kundschaft zu Ford bringen, aber kein Mustang-Fan wird sich für dieses Auto interessieren.

2021 Ford Mustang Mach-E
Statt mit roher Kraft und intesivem Fahrverhalten begeistert der Mach-E mit Technik und hecklastigem Allradantrieb.

Alltag 5 out of 5 stars

Noch nie in der Mustang-Geschichte konnte das Pony so vielseitig genutzt werden wie jetzt mit dem Mach-E. Offroad-Fähigkeiten werden dem Elektro-Pony keine zugeschrieben, dafür viel Platz für die Insassen, haufenweise Ablageflächen und zwei Kofferräume. Ausserdem ist der Wendekreis für ein SUV beträchtlich kompakt.

Fahrdynamik 4 out of 5 stars

Die stärkste AWD-Version unterhalb des GT bietet Mustang-ähnlichen Schub. Für ein E-SUV ist der Mach-E sehr fahraktiv, deutlich hecklastig und mit einer starken und gut dosierbaren Bremse ausgerüstet. Das Fahrwerk lässt sich aber nicht verstellen und der Lenkung fehlt es an Feedback von der Strasse.

Umwelt 5 out of 5 stars

In diesem Punkt ist der Mach-E das pure Gegenteil von den benzinsaufenden V8-Mustangs. Der Mach-E geht nämlich haushälterisch mit dem Strom um, sodass locker Werte um 18,0 kWh/100 km erreicht werden. Für das erste Elektromodell von Ford ein vorbildlicher Wert!

Ausstrahlung 4.5 out of 5 stars

Der Mustang Mach-E ist ein schnittiges und sportliches E-SUV, welches designmässig aus der Masse heraussticht. Nichtsdestotrotz wird er den einen oder anderen wahren Mustang-Fans womöglich ein Dorn im Auge sein.

Fazit 4 out of 5 stars

+ Schnittiges, auffälliges Design
+ Optionaler, volldigitaler Zugang zum Auto
+ Sehr luftiger Innenraum mit haufenweise Platz für Passagiere, Gepäck und Kleinkram
+ Gigantischer Touchscreen mit intuitivem Infotainmentsystem, Online-Services und guter Sprachsteuerung
+ Leises Fahrverhalten
+ Ausgewogenes Fahrwerk
+ Top Bremse mit viel Feedback und kaum spürbarer Rekuperation
+ Konstanter, kräftiger Schub
+ Drei Fahrmodi mit grosser Spreizung
+ Grosses Angebot an Assistenzsystemen
+ Relativ geringer Stromverbrauch
+ Fairer Preis

– Sitze mit kaum Seitenhalt
– Verarbeitung dürfte an gewissen Stellen besser sein
– Leicht synthetisches Lenkgefühl mit wenig Feedback
– Keine Individualisierungs-Möglichkeiten
– Notbremsassistent zu sensibel
– Falscher Name

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellFord Mustang Mach-E AWD
Preis Basismodell / Testwagen58'090 CHF / 73 590 CHF
AntriebElektrisch, Allradantrieb
Akkukapazität99 kWh (brutto) / 88 kWh (netto)
Max. Leistung258 kW
Max. Drehmoment580 Nm
Beschleu­nigung 0–100 km/h5,1 s
Vmax180 km/h (elektronisch abgeregelt)
WLTP-Verbrauch / Energieeffizienz18,7 kWh/100 km / A
Test-Verbrauch / Differenz18,0 kWh/100 km / - 4%
WLTP-Reichweite540 km
Ø Test-Reichweite400 km
Länge / Breite / Höhe4,71 m / 1,88 m / 1,62 m
Leergewicht2270 kg
Kofferraumvolumen519 - 1420 l + 100 l Frunk

Bilder: Koray Adigüzel

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