Wer regelmässig ins Fitness geht, lässt sich auch von harten Workouts nicht gleich aus der Reserve locken. Wer jedoch erst frisch begonnen hat und voller Elan gleich mit viel Gewicht startet, merkt schnell, wie anstrengend das eigentlich ist! Damit wären wir direkt bei unserem Kandidaten, dem Jeep Compass. Der gestrafte Testwagen muss mit einem Mini-Benziner auskommen und steht permanent vor demselben Problem, das ein Fitness-Neuling hat, der sich übernimmt. Nur: Während der Fitness-Neuling einfach das Gewicht reduzieren kann, kann der Jeep keine Karosserieteile über Bord werfen.
Dabei sieht man ihm die mangelnde Kraft nicht an, im Gegenteil. Obwohl er mit 4,39 Meter Länge kompakt gebaut ist, wirkt er sehr stattlich. Typisch Jeep sind die ziemlich eckige Karosserieform sowie der Modellname auf der Vordertüre. Während gerade in seinem Segment mittlerweile viele SUVs nur noch für die Stadt gebaut sind, macht sich der Compass gerne die Räder schmutzig. Ende Jahr wird die Trailhawk-Variante nachgereicht für alle, die wirklich ins harte Gelände und nicht nur ein wenig in der Kiesgrube herumturnen wollen wie ich beim Fotoshooting.
Stichwort herumturnen. Damit sind wir gleich beim Kernthema angelangt. Im Bug des immerhin 1615 Kilo schweren SUVs steckt ein 1,4-Liter Turbobenziner, der ab dem ersten Meter überfordert ist und einfach gar nicht zum Auto passt. Seine Kraft leitet er an ein 9-Gang-Getriebe, welches vermeintlich ökologisch abgestuft ist. So sind der letzte Gang sehr lange und der erste sehr kurz übersetzt (für Vorteile im Gelände). Um spritschonender anzufahren, wird auf ebener Strasse daher der zweite Gang gewählt.
Das hat zur Folge, dass der Jeep aufgrund des spärlichen Drehmoments des Benziners mit einer massiven Anfahrschwäche zu kämpfen hat. Das merkt man spätestens dann, wenn man in eine knappe Lücke reinziehen möchte, kaum vom Fleck kommt und der Hintermann zu Recht lichthupt. Aber auch in Fahrt reagiert der Jeep sehr verhalten.
Da der Motor nicht mit Drehmoment, sondern mit Leistung Druck macht, schaltet das Getriebe stets runter, häufig unruhig und manchmal sogar zwei Gänge. Die Schaltvorgänge sind bei weitem nicht so weich, wie sie bei heutigen Wandlerautomaten sein können und wird der Motor gefordert, klingt er wie ein klagendes Baby. So eine männliche Optik, so ein männliches Auto und dann diese Heulsuse zu einem Motor? Geht gar nicht.
Den grössten Witz erlebt man jedoch auf der Autobahn, wo das Getriebe selbst bei Tempo 135 nicht in den dafür vorgesehenen neunten Gang schaltet. Der Grund: Zu wenig Drehmoment. Man muss also manuell über den Schalthebel (Schaltwippen gibt es keine) in den letzten Gang schalten, wenn man den Durst sowie den Geräuschpegel senken möchte. Zwar sinken die Drehzahlen dann auf tiefe 2000 Touren, aber beschleunigen liegt dann kaum noch drin – der Grund, warum der Gang im Automatik-Modus in der Schweiz nie eingelegt werden würde. Ich meine, ist das zu fassen? Man baut ein Auto, das aufgrund seiner technischen Gegebenheit (knappes Drehmoment) nie den höchsten Gang verwenden kann? Wäre ich Jeep-Verantwortlicher, hätte diese Motor-Getriebe-Kombination niemals grünes Licht bekommen.
Soviel Kritik und dabei ist die Lösung so einfach: Den Zweiliter-Diesel wählen, der zwar über dieselbe Leistung, aber ein deutlich höheres Drehmoment verfügt. Denn was bei meinem Kampf mit dem schwachen Benziner beinahe untergeht ist die Tatsache, dass der Compass ein cooles, komfortables und charakterstarkes Auto ist. Im Gegensatz zur Konkurrenz kann er wirklich etwas im Gelände, man hat verschiedene Fahrmodi sowie eine zentrale Differenzialsperre zur Verfügung.
Obwohl er im Gelände was kann, leidet die Strassenlage nicht darunter. Trotz hohem Schwerpunkt liegt der Compass stabil auf der Strasse, die Lenkung vermittelt mit ihrer Präzision ein gutes Gefühl, man muss nicht kurbeln wie ein Verrückter. Ebenfalls Pluspunkte heimst der Amerikaner für seinen Komfort ein. Der Geräuschpegel ist tief, das Fahrwerk nicht künstlich sportlich wie in diesem Segment üblich, sondern einfach gelassen. Das verhilft dem Jeep zu einem komfortablen und gemütlichen Fahrverhalten, ohne dass das alles schwammig wirkt.
Dank der ziemlich eckigen Karosserie gibt es auch im Fond ausreichend Platz und im Kofferraum hilft ein doppelter Boden beim Verstauen von kleineren Taschen. Nicht ganz über alle Zweifel erhaben ist die Verarbeitungsqualität, gerade die Hebel hinter dem Lenkrad und die Knöpfe am Dachhimmel fühlen sich billig an, ansonsten passt die Qualität aber. Was ebenfalls passt, ist der Preis. Der Testwagen ist komplett ausgestattet – das beinhaltet eine Fülle an Assistenzsystemen, Sitzmemory, Sitzlüftung und ein vielseitiges sowie sehr schnelles Infotainmentsystem. Dafür ist ein Preis von 50’325 Franken angemessen – wenn man den verkehrten Motor ignoriert. Mit dem stärkeren Dieselmotor wäre der Preis 3400 Franken höher und das sollte man unbedingt investieren, ansonsten wird man es bitter bereuen.
Alltag
Auf seiner kompakten Grösse bringt der Compass viel Platz unter. Man sitzt auch hinten sehr gut und der Kofferraum entpuppt sich dank Tiefgeschoss und kubischem Laderaum als praktisch. Die Übersicht ist recht gut und der Wendekreis akzeptabel.
Fahrdynamik
Ein Jeep ist per se kein Dynamikwunder und der schwache Benziner hemmt auch das letzte bisschen Lust, Gas zu geben. Dabei ist das Handling mit der angenehm präzisen Lenkung gar nicht schlecht, obwohl das Fahrwerk eher komfortabel ausgelegt ist. Für einen SUV mit Offroad-Ambitionen fährt er sich auf der Strasse insgesamt aber besser, als man es vielleicht erwartet.
Umwelt
Da der 1,4-Liter Motor chronisch überfordert ist, steigt auch sein Durst mit 9,6 l/100 km in Sphären, die so ziemlich das Gegenteil davon sind, was das Downsizing bezwecken sollte.
Ausstrahlung
Der Compass wirkt ziemlich knackig und dank seiner robusten Form auch männlich. Eine schöne Abwechslung zu all den ach so lifestyligen, rundgelutschten City-SUVs.
Fazit
+ Grosszügige Platzverhältnisse
+ Exzellente Ergonomie
+ Bequeme Sitze, hohe Sitzposition mit guter Übersicht
+ Schnelles und umfangreiches Infotainmentsystem
+ Angenehm präzise Lenkung
+ Hoher Fahrkomfort
+ Tiefer Geräuschpegel
+ Überdurchschnittliche Gelände-Fähigkeiten
+ Viele Assistenzsysteme verfügbar
+ Fairer Preis
– Hoher Verbrauch
– Völlig überforderter Benziner
– Unruhiges Automatikgetriebe
– Teilweise nachlässige Verarbeitungsqualität
– Keine LED-Scheinwerfer erhältlich
Mängel am Testwagen
– Keine Mängel
Steckbrief
Marke / Modell | Jeep Compass |
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Preis Basismodell / Motorisierung / Testwagen | 35 900 CHF / 35 900 CHF / 50 325 CHF |
Antrieb | Benzin, Allradantrieb |
Hubraum / Zylinder | 1368 ccm / R4 |
Motoranordnung / Motorkonzept | Frontmotor / Turbomotor |
Getriebe | 9-Gang Automatikgetriebe |
Max. Leistung | 125 kW bei 5500 r/min |
Max. Drehmoment | 250 Nm bei 2500 r/min |
Beschleunigung 0–100 km/h | 9,5 s |
Vmax | 200 km/h |
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz | 6,9 l/100 km / 160 g/km / G |
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz | 9,6 l/100 km / 223 g/km / +39% |
Länge / Breite / Höhe | 4,39 m / 1,82 m / 1,64 m |
Leergewicht | 1615 kg |
Kofferraumvolumen | 438 - 1269 l |
Bilder: Koray Adigüzel
Top bericht über den neuen Jeep Compass!
Ich fahre den Diesel und bin froh darum! 🙂
Überlege mir gerade den Compass zu kaufen, nach deinem Bericht bin ich mir sicher, dass ich den Diesel hole! Danke vielmals für den kompakten aber doch ausführlichen Bericht.