Ein Auto wie dieses ist konkurrenzlos. Das mag auf den ersten Blick sehr überraschen. Ein SUV? Konkurrenzlos? Ein Blick in die technischen Daten verrät den Grund: Der GLE 350 de genannte Plug-in-Hybrid ist ein Diesel-Hybrid. Vor ein paar Jahren war diese Antriebskombination noch hier und da erhältlich, heute ist Mercedes der einzige (!) Hersteller, der diese Technik im Angebot hat. Der Nachteil ist in diesem Segment vernachlässigbar, dafür passen die Vorteile zum GLE wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge. Darüber hinaus ist der Wagen für die recht pompöse Optik erstaunlich vernünftig motorisiert. Ein wahres Auto für die Praxis und nicht nur für den errechneten Flottenverbrauch!
Vom Antriebskonzept ist so gut wie nichts zu sehen. Lediglich das «EQ-Power»-Signet auf den Kotflügeln sowie die beiden Tankklappen weisen dezent auf den Hybridantrieb hin. Ansonsten ist alles wie gehabt. Der Mercedes GLE ist insbesondere mit dem AMG-Paket eine stattliche Erscheinung. Bullige Front, Diamant-Grill, Trittbrett, markante D-Säule, immense Abmessungen. Umso überraschter sind die Passanten, wenn so ein Koloss lautlos an ihnen vorbei gleitet!
Wohlfühl-Oase
Beim Entern des GLE wird man augenblicklich entschleunigt. Man thront hoch über dem Asphalt, verfügt über zahlreiche Massageprogramme, bedient eine bomastische Sound-Anlage und blickt auf eine gestochen scharfe Wide-Screen-Landschaft. Das MBUX-System erfüllt einem im Auto fast jeden Wunsch, allerdings sind für einige Dienste zusätzliche Online-Abos fällig, damit das System permanent online ist. Die gesamte Qualität im Auto ist über alle Zweifel erhaben.
Auch den Fond-Passagieren geht es blendend. Im Falle des Testwagens verfügen sie nicht nur über geradezu verschwenderische Platzverhältnisse, sondern haben auch noch ein Fond-Entertainment-System zur Verfügung. Das kleine Tablet, welches in der hinteren Mittelkonsole zur Steuerung dient, ist sogar portabel, da es sich um ein Samsung Android Tablet handelt.
Bereit für einen Marathon
Motorstart, die Batterie verfügt über eine Energiekapazität von 31,2 kWh, genug für 80 Kilometer rein elektrische Reichweite. Damit hebt sich das Luxus-SUV weitgehend von der Konkurrenz ab, nur sehr wenige Hybride kommen auf eine so hohe elektrische Reichweite. Allerdings sind mit dem Elektromotor alleine keine spritzigen Manöver zu erwarten. Zwar beschleunigt die E-Maschine den über 2,6 Tonnen schweren GLE mit Allradantrieb bis auf 160 km/h, das jedoch ohne Eile.
Angemessener ist die Beschleunigung im Hybrid-Modus. Durch das höhere Drehmoment eines Dieselmotors harmoniert das Antriebsduo auch bergauf oder bei Überholmanövern. Bei Benzinhybriden mit einem Vierzylinder ist das in dieser Gewichtsklasse oft nicht der Fall. Diese Souveränität passt hervorragend zum gediegenen Charakter des GLE.
Keine falsche Sportlichkeit
Im Comfort-Modus wirkt der Antrieb eher zugeknöpft und fühlt sich nicht 700 Nm stark an. Erst bei einem Kickdown kommt Leben in die Bude. Im Sport-Modus ist die Gasannahme erfreulich direkt und das Zusammenspiel der Motoren wird deutlich spürbar. Anstatt mehrere Gänge runterzuschalten, wird das Drehmoment des Diesels und der Boost des Elektromotors genutzt. Das Ergebnis: Starker Vortrieb ohne angestrengt klingender Motor.
Die Stärke des Mercedes GLE ist eindeutig sein formidabler Fahrkomfort in Verbindung mit gigantischem Raumangebot und feudaler Ausstattung. Sportlichkeit ist nicht so sein Ding und ich finde es gut, dass er das nicht fälschlicherweise andeutet. Man kann überraschend schnell um Kurven fahren, die Seitenneigung ist zwar beträchtlich, doch der Grip ist vorhanden und die Fuhre bleibt neutral.
Sparsam in allen Fällen
Seine hohe elektrische Reichweite ermöglicht es dem Mercedes GLE, auch etwas längere Pendelstrecken emissionsfrei zurückzulegen. Auf einer längeren Fahrt, bei der sich die beiden Motoren die Arbeit teilen, kommt der grosse Vorteil des Diesel-Hybrids zum Zug. Trotz anständiger Motorleistung und einem immensen Gewicht hat sich der Testverbrauch bei 6,6 l/100 km eingependelt. Werte, die bei einem Benzin-Hybrid bei regelmässiger Autobahnnutzung völlig illusorisch wären.
Aber warum bietet niemand sonst Diesel-Hybride an? In der Kompaktklasse liegt der Grund beim Preis. Die Herstellungskosten sind höher, die Aufpreise zu konventionellen Verbrennern ebenfalls – sprich, es lohnt sich für die meisten Käufer nicht, einen teuren Diesel-Hybrid zu kaufen. In der Klasse des GLE sieht es meiner Meinung nach allerdings anders aus und warum die Konkurrenz bei den Benzinern bleibt, ist mir ein Rätsel.
Der Testwagen ist mit 128’879 Franken angeschrieben, das Basismodell kostet 91’900 Franken. Ein leistungsmässig vergleichbarer 400 d 6-Zylinder Diesel kostet ab 93’700 Franken. Dass der Hybrid günstiger ist, liegt wohl am Vierzylinder, dennoch ist es eine kleine Sensation, dass der Plug-in-Hybrid im Kostenvergleich so günstig abschneidet. Übrigens: Mercedes bietet den GLE auch als Benzin Plug-in-Hybrid an, doch der kostet sogar mehr. Mein Fazit steht deshalb fest: Wer auf eine Ladeinfrastruktur zugreifen kann, sollte sich den GLE 350 de ganz genau anschauen. Diese Rarität ist nämlich ein echter Geheimtipp ohne Nachteile!
Alltag
Aufgrund der grossen Batterie ist der Kofferraum beim Plug-in-Hybrid etwas kleiner als bei den reinen Verbrennern. Dennoch bleibt genügend Platz. Geradezu luxuriös ist der im Fond. In der Stadt ist die Grösse des Autos aufgrund der fehlenden Allradlenkung allerdings manchmal herausfordernd.
Fahrdynamik
Obwohl das Drehmoment auf dem Papier hoch ist und das AMG-Paket aggressiv wirkt: Dieser Hybrid ist definitiv kein Sportler. Nur beim Kickdown oder im Sportmodus ist die Motorleistung spürbar, ansonsten wirkt der GLE sehr gemütlich. Dass hier kein Kurvenräuber vor uns steht, ist selbsterklärend. Dennoch: Wer das Auto ambitioniert in die Kurve schmeisst, stellt fest, dass die Haftung trotz hoher Seitenneigung überraschend gut ist.
Umwelt
Verbrauchsvorteil Diesel-Hybrid: Dank der grossen Batterie kann der GLE auch längere Strecken rein elektrisch zurücklegen. Oder er kann auf langen Strecken häufig und intensiv vom Elektroschub profitieren. Am Ende waren es im Test 6,6 l/100 km. Hat natürlich nichts mit dem Normverbrauch zu tun, aber für ein Auto von diesem Schlag ein vorbildlicher Praxiswert.
Ausstrahlung
Dass der GLE eine Nobel-Karosse ist, sieht man ihm an. Obwohl er auch im Gelände tauglich wäre, macht er sich vor allem als Strassenkreuzer schick.
Fazit
+ Stattliches, auffälliges Design
+ Hervorragende Verarbeitungsqualität und Haptik
+ Top Platzverhältnisse für die Passagiere
+ Top Infotainmentsystem mit vielen Online-Diensten
+ Zahlreiche Ablageflächen
+ Exzellente Sitze mit diversen Massageprogrammen
+ Hohe elektrische Reichweite
+ Sehr leises Fahrverhalten
+ Formidabler Fahrkomfort
+ Niedriger Mix-Verbrauch, auch auf der Langstrecke
+ Riesige Auswahl an zuverlässigen Assistenzsystemen
+ Ausgezeichnetes Matrix-Licht
+ Preislich interessant
– Spurhalte-Assistent nach jedem Motorstart erneut aktiv, muss im Untermenü deaktiviert werden
– Sehr hohes Gewicht
– Antriebsleistung wird nur im Sport-Modus oder beim Kickdown deutlich
Mängel am Testwagen
– Keine Mängel
Steckbrief
Marke / Modell | Mercedes-Benz GLE 350 de 4Matic |
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Preis Basismodell / Testwagen | 91 900 CHF / 128 879 CHF |
Antrieb | Diesel Plug-in-Hybrid / Allradantrieb |
Hubraum / Zylinder | 1950 ccm / R4 |
Motoranordnung / Motorkonzept | Frontmotor / Turbomotor + Elektromotor |
Getriebe | 9-Gang Automatikgetriebe |
Max. Systemleistung | 235 kW |
Max. Systemdrehmoment | 700 Nm |
Beschleunigung 0 - 100 km/h | 6,8 s |
Vmax | 210 km/h / 160 km/h im E-Modus |
Elektrische Reichweite nach WLTP | 90 km |
Batteriekapazität | 31,2 kWh |
WLTP-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz | 1,1 l + 31,4 kWh/100 km (Benzinäquivalent 4,7 l/100 km) / 46 g/km / C |
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz | 6,6 l/100 km / 151 g/km / +500% |
Länge / Breite / Höhe | 4,92 m / 1,95 m / 1,78 m |
Leergewicht | 2655 kg |
Kofferraumvolumen | 490 - 1915 l |
Bilder: Koray Adigüzel