Alfa Romeo Giulietta: Die Schöne und das Biest

Alfa Romeo Giulietta: Die Schöne und das Biest

Italien ist eine sehr beliebte Feriendestination, auch ich als Italiener mag es, mein Heimatland zu besuchen und den mediterranen Charme, sowie die südliche Unbeschwertheit zu geniessen. Und man geniesst mehr, wenn man über gewisse Schwächen, oder nicht vorhandene Dinge hinwegsieht. Genauso verhält es sich mit der bezaubernden Giulietta von Alfa Romeo. Sie wirkt so anziehend wie verführerisch und versucht, potenzielle Fahrer mit ihrem Charme um den Finger zu wickeln, damit sie gar nicht erst auf ihre Schwächen aufmerksam werden.

Wäre Giulietta eine Frau, sie hätte Durchschnittsgrösse, einen unschuldigen Blick, grosse Augen, verführerische Lippen, sexy Kurven und einen knackigen Hintern mit einem Arschgeweih. So könnte man zumindest die fantastische Form von Giulietta interpretieren, denn kein einziger Konkurrent ist so gut gebaut wie sie. Somit ist Giulietta meine ganz persönliche Miss Kompaktklasse. Ihre Scheinwerfer mit den LED Tupfern wirken wie Augen mit langen Wimpern, der Scudetto repräsentiert die Lippen, die ausgestellten Radhäuser die Kurven, das Heck den Hintern und die LED-Rücklichter das Arschgeweih. Was für eine begehrenswerte Italienerin!
Lässt man sich auf sie ein, dann bemerkt man aber, wo Ihre Herkunft ist. Während nämlich die Deutschen Ihre Autos weitgehend sachlich und nüchtern, aber ergonomisch perfekt einrichten, nimmt es Giulietta mit der Ergonomie nicht so genau, was zur Folge hat, dass es eine Weile dauert, bis man eine bequeme Sitzposition gefunden hat. Wenn es dann aber soweit ist, blickt man dafür auf sportliche, sehr schön illuminierte Instrumente. Dass Englisch auch in der Automobilindustrie zum Standard geworden ist, interessiert Giulietta herzlich wenig. Stattdessen zeigt sie stolz ihre mit Benzina, Acqua und Giri x 1000 beschrifteten Instrumente. Es sind eben die kleinen, liebevollen Details, welche das Herz erobern… Leider schafft es Alfa Romeo nicht, Giulietta von innen zu anziehend zu gestalten, wie von aussen. Die Materialien und die Verarbeitung sind nicht auf dem gewünschten Premium-Niveau, da müssen die Italiener noch nachbessern. Auch die Sitze sind auf längeren Strecken nicht so bequem, wie man es von nördlicheren Autos gewohnt ist. Positiv überrascht war ich aber, als Giulietta ohne zu Zicken meine Spotify Playlist via USB abspielte.
Die Platzverhältnisse im gesamten Auto sind durchschnittlich, der Kofferraum fasst 350 Liter.

Meine Test-Giulietta wurde von einem 1.4 Liter MultiAir Benziner angetrieben, der mit einem Turbo beachtliche 125 kW leistet und 250 Nm Drehmoment entwickelt. Der kleine Motor ist sehr drehfreudig und beschleunigt Giulietta ordentlich. Im Testwagen war das 6-Gang Doppelkupplungsgetriebe TCT verbaut, welches jedoch im Modus Normal den Namen Doppelkupplung nur bedingt verdient, da die Schaltvorgänge sind recht deutlich wahrnehmbar sind. Zudem sind die Schaltpaddels etwas zu klein geraten (Stichwort Ergonomie). Nicht bedingt gut, sondern richtig schlecht ist das teigige Bremsgefühl. Das Pedal müsste deutlich mehr Gegendruck bieten, stattdessen tretet man in eine weiche Masse. Man gewöhnt sich zwar dran, sportlich ist das aber nicht. Die Lenkung arbeitet zwar mit einer guten Rückmeldung ist aber zu leichtgängig.
So, damit Giulietta ab so viel Kritik nicht bis Ende des Jahres beleidigt ist, wird es wieder Zeit für ein paar Streicheleinheiten. Wer die Furie in Giulietta wecken möchte, dem steht das Alfa D.N.A System zur Verfügung, welches die drei Fahrmodi Dynamic, Normal und All Weather beinhaltet. All Weather dämpft das Temperament der schönen Italienerin, um die Sicherheit bei widrigen Strassenverhältnissen zu erhöhen. Beim Wechsel auf Dynamic hingegen wird unmittelbar spürbar, dass Giulietta jetzt heiss ist: kleinste Gasbefehle werden ohne Zögern in Vortrieb umgesetzt, das Getriebe wechselt die Gänge jetzt flink und mit Nachdruck, zudem wird die Lenkung steifer, was das Kurvengefühl erheblich verbessert. Zusammen mit dem von Grund auf sportlich-straffen Fahrwerk wird Giulietta zur Freizeit-Rennsemmel, die Fahrbefehle willig und präzise umsetzt. Lediglich das Getriebe meint es etwas zu sportlich und verbleibt zu lange und oft in den niedrigen Gängen, so dass es sich empfiehlt, selber durch die Gänge zu schiessen. Bei so viel Sportlichkeit muss Giulietta natürlich genügend trinken, um durchzuhalten. Anstelle der vom Werk versprochenen 5.2 l/100 km flossen laut Bordcomputer, der zu meiner Überraschung den wahren Wert verriet, 7.2 l/100 km in die Brennkammern. Als kleine Wiedergutmachung verweist Giulietta auf ihre hohen Sicherheitsstandards: Mit 87 von 100 Punkten beim Euro-NCAP Crashtest zählt sie zu den sichersten Fahrzeugen ihrer Klasse. Nichtsdestotrotz fehlen ihr gängige Assistenzsysteme, was aber auch dadurch zu erklären ist, dass Giulietta mit einem Alter von drei Jahren eben nicht mehr die Jüngste ist. Aber da sie sich das nicht eingestehen möchte, lässt sie sich bald ein Facelift spendieren.

Ein Date mit Giulietta ist kostenlos bei jedem Händler möglich, wer eine längere Liaison plant, muss mindestens 26’750 CHF locker machen, für die getestete Version sind sogar 39’800 CHF fällig. Ganz offensichtlich ist Giulietta also nicht ganz billig und ob sich die Investition lohnt, zeigt sich vielleicht erst in ein paar Jahren. Aber ist das mit den Frauen nicht genau dasselbe Problem…? Zudem garantiert einem Giulietta bedingungslose Treue, was man von anderen Frauen… Nein, ich lasse es lieber, schliesslich möchte ich meine weiblichen Leserinnen nicht vergraulen. 😉

Alltag ★★★★☆

Obwohl nicht als Vernunftauto angepriesen, leistet sich Giulietta im Alltag keine grösseren Schwächen. Dass sie nicht perfekt ist, wissen wir ja mittlerweile.

Fahrdynamik ★★★★☆

Auch hier fehlt der letzte Schliff der an sich durchtrainierten Giulietta. Zu matschiges Bremsgefühl, übereifriges Getriebe im Dynamic Modus – das verhindert eine Top-Bewertung.

Umwelt ★★★☆☆

Die Werksangabe von 5.2 l/100 km ist erfreulich gering, die Realität sieht leider, wie so oft, anders aus. Zudem reagiert die Start-Stopp-Automatik zu träge.

Ausstrahlung ★★★★★

Gäbe es einen Laufsteg für Autos, dann würde Giulietta allen anderen die Schau stehlen. Prächtige Kurven und Proportionen machen aus ihr ein optisch sehr heisses Gerät.

Fazit ★★★★☆

+ Anziehendes Design mit viel Sex-Appeal
+ Sportliches Fahrverhalten, insbesondere im Dynamic Modus
+ Hohe Alltagstauglichkeit
+ Hohe Sicherheitsstandards
+ Einfache Bedienung

– Keine Assistenzsysteme erhältlich
– Deutlich höherer Verbrauch als angegeben
– Mangelnde Ergonomie
– Teilweise nachlässige Verarbeitung und Materialien

(Bilder: Alfa Romeo)

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