Laues Lüftchen: Kia Niro Hybrid

Laues Lüftchen: Kia Niro Hybrid

Mich würde es interessieren, wie hoch das Durchschnittsalter des Hybrid-Käufers ist. Nichts gegen Hybrid-Autos an und für sich, die Fahrzeuge sind technisch einwandfrei und Bemühungen, den Spritverbrauch zu senken, sind immer willkommen. Es ist nur so, dass diese Vehikel mehr oder weniger kompromisslos auf Sparsamkeit getrimmt sind und bekanntlich sind es eher Rentner, die gemächlich über die Strasse zuckeln und so auch tiefe Verbräuche mit ihren Hybrid-Antrieben erzielen können. In Sachen Ausstattung ist der Niro zwar das Gegenteil eines Verzicht-Autos, anders sieht es jedoch mit dem Fahrverhalten aus. Ausserdem kann er – zumindest unter Verwendungen meines Gasfusses – sein Verbrauchsversprechen nicht einhalten.

Allgemein hinterlässt der Niro bei mir eher einen zwiespältigen Eindruck und das fängt schon beim Design an. Klarer Pluspunkt: Der Niro ist unauffällig gezeichnet und eckt nicht an. Das macht ihn auch für Leute interessant, die nicht mit ihrem fahrbaren Untersatz allen mitteilen müssen, dass sie Hybrid fahren – wie beispielsweise Kunden der aktuellen Prius-Generation. Da lobe ich mir die Koreaner, dass sie nicht so ein furchtbar verzogenes Design für ihre Hybrid-Modelle verwenden.

Kia Niro Hybrid
Die Tigernase ist bei anderen Modellen schöner integriert.

Andererseits: Da schaue ich mir einen Sportage an, ein wirklich schickes, modernes SUV und frage mich, warum Kia beim Niro so zurückhaltend ist. Ein bisschen mehr Mut hätte dem Niro vielleicht nicht geschadet, denn so wie er jetzt dasteht, ist er schon eine ziemlich graue Maus, auch wenn er farbig lackiert ist. Aber mit dem Design kann man es sowieso nie allen recht machen, deshalb widme ich mich jetzt den tatsächlichen Qualitäten vom Niro.

Kia Niro Hybrid
Der Niro wirkt eher wie ein höherer Kompakter als wie ein SUV – ein typischer Crossover eben.

Seine Qualitäten beginnen beim aufgeräumten und geräumigen Innenraum. Die Bedienung ist dank der Kombination von Tasten und Touchscreen quasi selbsterklärend und die Instrumente sind bis auf das obligatorische Powermeter ganz konventionell. Keine Experimente oder Überraschungen im Interieur also. Die Platzverhältnisse sind ebenfalls ganz anständig für ein Crossover seiner Grösse, auch hinten sitzen grosse Personen angenehm. Kurz gesagt: Abgesehen vom Powermeter oder dem Eco Hybrid Schriftzug innen und aussen sieht dieses Auto so gar nicht wie ein Hybrid aus.

Kia Niro Hybrid
Powermeter mit grosser Reichweitenanzeige. Diese macht allerdings keine Angst wie in einem Elektroauto.

Beim Start erklingt nichts – zumindest in der Theorie. Da mein Testwagen sich beim morgendlichen Start allerdings stets mit Minustemperaturen herumschlagen musste, ist der Benziner immer mit angesprungen. Die stete Nutzung von Scheiben-, Sitz- und Lenkradheizung sind ebenfalls keine Faktoren, die sich positiv auf den Verbrauch auswirken. Weiter fahre ich viel Autobahn und ausserdem habe ich den Niro – sehr zum Missfallen des Autos – zu einer sportlichen Ausfahrt gezwungen. Ich muss schliesslich wissen, was er kann, da ist ein Hybrid nicht davon verschont.

Kia Niro Hybrid
Das Cockpit ist konventionell, die Verarbeitung hochwertig.

Am Ende des Tests lag der Verbrauch bei 6,0 l/100 km. Damit kann sich der Niro angesichts des Normverbrauchs von 3,8 l/100 km nicht wirklich rühmen. Aber: Wenn aus dem Winter Sommer wird und jemand fährt, der eher Hybrid-kompatibel ist als ich (sprich: weniger Autobahn und leichterer Gasfuss), dann sind bestimmt fünf Liter oder weniger möglich. Eine Drei vor dem Komma sollte man allerdings nicht erwarten, vorher wird man von einem wütenden Hintermann von der Strasse geschoben, weil man zum Verkehrshindernis ausgeartet ist.

Kia Niro Hybrid
Schade, bietet Kia kein grosses Panoramadach an. Das passt gut zu SUVs und Crossovern.

Um Klartext zu sprechen: Ich und der Niro sind nicht besonders gut miteinander ausgekommen. Das liegt aber nicht daran, weil er ein schlechtes Auto ist, sondern wir unterschiedliche Ansichten pflegen, was den optimalen Fahrstil angeht. Es gibt im Niro keine Fahrmodi wie Eco, Normal oder Electric – der Niro ist immer im Eco-Modus. Der Baum, den man sich im Hybrid Menü einblenden lassen kann und der beim heftigen Gasgeben die Blätter verliert, ist eine Sache. Die andere ist, dass der Niro sich gegen das Gasgeben sträubt.

Kia Niro Hybrid
Auch hinten reist man sehr angenehm. Sitzheizung ist vorhanden.

Das Gaspedal verfügt nämlich über zwei (!) Widerstände. Der Erste soll “verhindern”, dass man den Eco-Bereich des Powermeters verlässt. Der zweite hingegen soll den Kickdown “verhindern”. Um den Niro dennoch zum Kickdown zu bewegen, ist ein grösserer Kraftaufwand als bei einer Porsche-Kupplung erforderlich. Der daraus resultierende Schub haut dann allerdings wahrlich niemanden vom Hocker, ausserdem protestiert der dröge Sauger mit dröhnendem Motorengeräusch gegen den Marschbefehl.

Kia Niro Hybrid
Das Design ist insgesamt schlicht und überhaupt nicht typisch Hybrid.

Der Niro ist durch und durch aufs Spritsparen ausgelegt. Wenn man das persönlich auch ist, dann go for it! Wer jedoch gerne rassig unterwegs ist, fühlt sich vom Auto bevormundet. Entsprechend unmotiviert nimmt der Niro auch sportliche Fahrwünsche entgegen. Trotz Doppelkupplungsgetriebe ähnelt das Fahrverhalten dem eines stufenlosen Getriebes. Das komfortabel ausgerichtete Fahrwerk lässt das Auto stark neigen und die Lenkung kapselt einen zu stark vom Geschehen ab.

Kia Niro Hybrid
Das Doppelkupplungsgetriebe erinnert aufgrund der zähen Beschleunigung und des dröhnenden Motors an ein stufenloses Getriebe.

Grundsätzlich ist der Niro ein gemütliches Auto, der bei entsprechendem Einsatz sein Sparpotenzial bestimmt entfalten kann. Allerdings ist der Niro ein ziemlich lautes Auto. Insbesondere auf der Autobahn werden Wind- und Abrollgeräusche ziemlich präsent. Über mangelnde Fahrdynamik sehe ich beim Niro gerne hinweg, dafür ist er nicht gemacht. Aber für einen niedrigeren Geräuschpegel hätte sich Kia gerne noch etwas mehr bemühen können.

Kia Niro Hybrid
Die Sitzposition ist nur leicht erhöht, denn so gross ist der Niro gar nicht.

Apropos Geräusch: Beim Rückwärtsfahren erzeugt der Niro ein künstliches Geräusch, das einem sanften Singsang ähnelt. Dies dient der Warnung von Passanten, doch ich finde solche Geräusche einfach nur lächerlich. Gott hat schliesslich jedem von uns Augen gegeben und mittlerweile wissen alle, dass auf unseren Strassen und Parkplätzen auch Hybrid- und Elektroautos unterwegs sind und man sich deswegen nicht mehr nur auf sein Gehör verlassen sollte.

Kia Niro Hybrid
Der Dachkantenspoiler und der kleine Diffusor dienen der Aerodynamik.

Sehr positiv überrascht bin ich von der Assistenzarmada. Vom Abstandstempomat bis hin zum Parkassistenten ist fast alles dabei, was man sich wünschen kann. Einzig ein Fernlichtassistent fehlt. Dem aktiven Spurhalteassistent fehlt es allerdings noch ein wenig an Feinschliff, die Eingriffe am Lenkrad sind noch etwas zu harsch. Doch es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, Porsche kann es auch nicht besser.

Kia Niro Hybrid
Felgen und Farbe sind das Einzige, was am Niro extra kostet.

Jedoch kostet ein Kia auch nur ein Bruchteil eines Porsche und ich muss zugeben, dass man für 36’400 Franken sehr viel Auto fürs Geld bekommt. Kia bietet den Niro ausschliesslich mit Komplettausstattung an, nur 18″-Felgen und Metallic-Lack kosten extra. Wer sowieso defensiv und sparsam fährt, hat mit dem Niro einen geräumigen und sparsamen Crossover mit einem simplen, aber tollen Infotainmentsystem. Wer sich für Hybrid interessiert, interessiert sich ohnehin nicht für Fahrdynamik. Der Komfort kann sich dafür sehen lassen, auch wenn er auf der Autobahn durch den hohen Geräuschpegel im Innenraum etwas leidet. Nichtsdestotrotz befinden sich unüberbrückbare Differenzen zwischen mir und dem Niro. Soweit meine persönliche Ansicht. Als Tester jedoch bin ich mir sicher, dass er seine Freunde finden wird.

Alltag 

Der Niro ist mit seiner Grösse angenehm geräumig, aber dennoch handlich. Der Alltag wird zudem durch zahlreiche Assistenzsysteme erleichtert. Auf der Autobahn dürfte er allerdings leiser sein.

Fahrdynamik 

Da der Niro auf Sparsamkeit getrimmt und das Fahrwerk komfortabel abgestimmt ist, ist sportliches Fahren kaum möglich, die Leistungsreserven sind zudem sehr beschränkt.

Umwelt 

Im Test ist das Sparpotenzial vom Niro nicht voll zur Geltung gekommen, was allerdings meinem Fahrverhalten, dem Streckenprofil und dem Winter zuzuschreiben ist. Fünf Liter oder weniger sind bestimmt machbar.

Ausstrahlung 

Einerseits ist das Design vom Niro unauffällig, andererseits aber auch ziemlich langweilig. Er fällt – im Gegensatz zu seinem technischen Geschwister Hyundai Ioniq – kaum auf. Das kann man mögen oder nicht.

Fazit 

+ Geräumiger Innenraum
+ Intuitives Mediasystem mit Smartphone-Integration
+ Gute Verarbeitung und Ergonomie
+ Gemütliches Fahrverhalten
+ Grosses Verbrauchspotenzial
+ Fairer Preis
+ Diverse Assistenzsysteme verfügbar
+ Umfangreiche Ausstattung

– Hoher Geräuschpegel auf der Autobahn
– Schlechtes Handling, kaum Fahrdynamik
– Dröhnendener Motor bei starker Beschleunigung
– Zähe Beschleunigung, wenig Leistungsreserven

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellKia Niro
Preis Basismodell / Testwagen36 400 CHF / 37 440 CHF
AntriebBenzin-Hybrid, Frontantrieb
Hubraum / Zylinder1580 ccm / R4
Motoranordnung / Motorkonzept Frontmotor / Saugmotor
Getriebe6-Gang Doppelkupplungsgetriebe
Systemleistung104 kW bei 5700 r/min
Systemdrehmoment265 Nm bei 1000 r/min
Beschleunigung 0 - 100 km/h11,5 s
Vmax162 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz3,8 l/100 km / 88 g/km / A
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz6,0 l/100 km / 139 g/km / +58%
Länge / Breite / Höhe4,36 m / 1,81 m / 1,55 m
Leergewicht1566 kg
Kofferraumvolumen427 - 1425 l

Bilder: Koray Adigüzel

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