VW Golf GTE

VW Golf GTE: So gut wie unauffällig

Es ist schon witzig: Seit vier Jahren blogge ich, aber das meistverkaufte Auto der Schweiz, den VW Golf, bin ich noch nie gefahren. Bis jetzt. Ich würde mir persönlich ja nie einen VW kaufen. Zu trocken, zu emotionslos, zu nüchtern. Dass der Golf GTE in erster Linie ein stinknormaler Golf ist, ist sicher nicht verkehrt. Aber dadurch, dass er Elektroauto und GTI vereint, wirkt er doch um einiges interessanter und auch schärfer als der Normalo-Golf. Und wenn ich mit dem GTE unterwegs bin, muss ich mir eingestehen, dass er gar nicht so trocken, emotionslos und nüchtern ist…

Der GTE ist optisch viel näher am GTI als am normalen Golf. Wäre das markante, C-förmige Tagfahrlicht nicht, welches alle Elektromodelle von VW ziert, könnte man glatt meinen, ein GTI steht vor einem. Erst auf den zweiten Blick fallen der versiegelte Kühlergrill und die blaue Zierleiste auf. Auch das Heck mit den abgedunkelten LED-Rücklichtern erinnert an den GTI. Letztendlich finde ich es einen klugen Schachzug von VW, den Plug-in Hybrid als Vertreter der sportlichen Kompakten zu vermarkten. Allerdings weckt das dezente, sportliche Design auch entsprechende Erwartungen.

VW Golf GTE
Die blaue Zierleiste verrät den GTE. Der Ladeanschluss steckt unter dem VW-Logo.

Das grösste Erfolgsgeheimnis vom Golf ist, dass er nirgends aneckt. Kein Wunder also, dass VW auch beim GTE keine Experimente wagt und stattdessen auch im Interieur weiter auf GTI macht. Die serienmässigen Stoff-Sportsitze mit dem legendären Karomuster etwa würden dem GTE hervorragend stehen, doch leider wurden sie im Testwagen durch ausdrucksloses Ledergestühl ersetzt. Die Sitze passen perfekt, aber optisch machen sie nicht viel her. Einziger Unterschied zum normalen Golf ist das Powermeter, dem sich der Drehzahlmesser unterzuordnen hat. Ansonsten sitzt man auf allen Plätzen komfortabel und geniesst als Fahrer eine vorbildliche Ergonomie. Dass der Kofferraum aufgrund der Batterie etwas kleiner ausfällt, dürfte ohnehin nur diejenigen stören, die zu einem Kombi greifen würden.

VW Golf GTE
Das Tagfahrlicht ist charakteristisch für alle VW-Elektromodelle. Schade, haben die LED-Scheinwerfer keine Lichtsignatur.

Obwohl das Aussendesign zum sportlichen Fahren verleitet, bin ich jedesmal, wenn ich mit dem GTE gestartet bin, behutsam und vorausschauend gefahren. Das elektrische Dahingleiten macht einen ganz anderen Fahrer aus mir. Obwohl mir jederzeit bewusst ist, dass ein leerer Akku überhaupt kein Problem darstellt, möchte ich den Strom nicht verschwenden. Ob’s daran liegt, dass er für mich eine gratis Energiequelle ist? Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch die Ruhe an Bord, die mir den Wind aus den Segeln nimmt. Ich möchte den Golf GTE solange wie möglich im elektrischen Modus halten und nutze die Rekuperation wann immer möglich.

VW Golf GTE
Von hinten sehen sich GTI und GTE wirklich zum Verwechseln ähnlich.

Das DSG verfügt nämlich nicht über eine S-Stellung, sondern eine B-Stellung, in welcher der E-Motor als Generator wirkt und die Bewegungsenergie nicht einfach verpufft. Leider nimmt das DSG dem GTE etwas von diesem himmlischen Gleiten reiner Elektroautos, die keine Gänge haben. Interessanterweise arbeitet das DSG nämlich auch im E-Modus und obwohl es weitgehend unauffällig die Gänge sortiert, spürt man insbesondere beim stärkeren Beschleunigen oder beim Anfahren die Schaltvorgänge – aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Ich kann jetzt schon vorneweg nehmen: Als lautloser Gleiter mag ich den GTE am liebsten.

VW Golf GTE
D steht für segeln, B für rekuperieren. Leichte Ruckler kann das DSG nicht verhindern. GTE heisst: Volle Kraft voraus!

Alles andere als lautlos ist er nämlich im GTE-Modus, wenn das Antriebsduo auf Attacke eingestellt ist. Da der Elektromotor als Boost wirkt, springt der GTE ansatzlos voran, sobald das Gaspedal durchgedrückt wird. Als Fahrer kriegt man künstlich generierten, sportlichen Motorsound um die Ohren gehauen, wobei ich zugeben muss, dass es nicht schlecht tönt. Das sportliche Fahren macht insbesondere darum Spass, weil unabhängig von der Drehzahl stets genügend Schub produziert wird und die E-Maschine die ohnehin nur leichten Ruckler beim Schalten gekonnt überspielen kann. Obwohl fast 1700 Kilo schwer, fährt sich der GTE agil und leichtfüssig, das recht frühe Untersteuern dürfte auf die Winterreifen zurückzuführen sein.

VW Golf GTE
VW hat den GTE sportlich designt. Zu recht, wie ich finde.

Ausserdem muss man sich keine Sorgen machen, dass nach der GTE-Fahrt der Akku leergesaugt ist: Der Benziner sorgt nämlich dafür, dass der Akkustand auf demselben Niveau bleibt, womit bereits die nächste Eigenschaft präsentiert wird. Auf Wunsch wird der Golf zum Kraftwerk und lädt mit dem Benziner den Akku. Ökologisch sinnvoll ist dies zwar nicht, denn der Verbrauch erhöht sich dadurch um rund zwei bis drei Liter. Dafür ist das Laden erstaunlich schnell, in weniger als einer Stunde Autobahnfahrt kann man somit den Akku komplett laden. Für mich persönlich nur dann sinnvoll, wenn man eine sportliche Passage in Angriff nehmen will und merkt, dass der Akku leer ist. Was passiert nämlich, wenn der GTE-Modus bei leerem Akku eingestellt wird? Leider nicht besonders viel. Der Benziner kann nicht genügend Strom produzieren, wie der E-Motor zum Boosten benötigen würde, was zur Folge hat, dass der Benziner weitgehend auf sich alleine gestellt ist und sich mit dem hohen Gewicht ziemlich abmüht.

VW Golf GTE
Die aufpreispflichtigen Ledersitze kann man sich schenken.

Trotz sportlichem Fahrverhalten habe ich den reinen E-Modus immer noch am Liebsten. Bis zu 50 Kilometer schafft der GTE theoretisch rein elektrisch und wer sich einigermassen bemüht, schafft 40 Kilometer. Somit ist er das ideale Auto für Leute, die wenig Autobahn fahren, denn auf der Autobahn wird der Akku im Nu leergesaugt. Die Tatsache, dass auf der Autobahn im Hybrid-Modus die Elektronik den E-Motor stilllegt sagt schon genug über dessen Effizienz bei hohem Tempo aus. Rein konstruktiv betrachtet ist ein Plug-in Hybrid nämlich ein ziemlicher Mist. Im E-Modus schleppt der E-Motor den schlafenden Benziner mit und bei leerem Akku schleppt der Benziner den E-Motor samt Akku.

VW Golf GTE
Wer findet den Drehzahlmesser?

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass die Plug-in Hybride bloss eine mittelfristige Lösung sind, um den Leuten die Reichweitenangst zu nehmen. Finanziell lohnt sich ein GTE auf alle Fälle, denn ausstattungsbereinigt kostet mein Testwagen bloss ca. 2500 Franken mehr als ein Golf Highline, allerdings profitiert man vom GTE gleich doppelt: Einerseits schafft man kürzere Strecken enorm sparsam, andererseits geniesst man die zusätzliche Power vom E-Motor, denn beim normalen Golf arbeitet derselbe Motor wie im GTE, einfach ohne Unterstützung. Auf die Wallbox zum Laden kann man übrigens getrost verzichten, denn auch an einer normalen Steckdose ist das Laden innert vier Stunden beendet.
Einen normalen Golf müsste ich nach wie vor nicht mal geschenkt bekommen. Aber ein GTE? Da könnte ich schwach werden…

VW Golf GTE
Fürs gute/grüne Gewissen…

Alltag 

Das leicht kleinere Kofferraumvolumen stört überhaupt nicht, da lediglich der Ladeboden erhöht ist, die Form des Kofferraums aber unverändert blieb. Der Golf ist ein wunderbarer Alltagsbegleiter: Leise, komfortabel, übersichtlich, wendig, agil.

Fahrdynamik 

Trotz hohem Gewicht steuert sich der GTE sehr leichtfüssig und präzise. Für genügend Schub ist zumindest solange gesorgt, wie der Akku Saft hat. Für ein Überholmanöver ist der E-Motor immer zu haben, aber am Berg wirds mit leerem Akku dann doch zäh. Für Petrolheads kommt deshalb nach wie vor nur der echte GTI (der in etwa gleich viel kostet, wie der GTE) in Frage.

Umwelt 

Auf über 1000 Kilometer habe ich sooft wie möglich geladen und im Schnitt 4,8 l + 4,2 kWh/100 km verbraucht, umgerechnet auf das Benzinäquivalent ergibt das 5,3 l/100 km (eine kWh entspricht dem Energiegehalt von 0,11 Liter Benzin). Der tiefste Wert im Test lag bei 4,0 l/100 km, der Höchste bei 7,2 l/100 km (Werte in Benzinäquivalent umgerechnet). Für seine Leistung und sein Gewicht ist der GTE also sehr sparsam, denn ein normaler (leichterer und schwächerer) Golf würde diese Werte im Alltag niemals erreichen.

Ausstrahlung 

Ich finde den Golf ja todlangweilig. Aber der GTE im GTI-Design, mit den blauen Akzenten, den abgedunkelten Rücklichtern und Scheiben sowie im mystischen Schwarz gehalten – doch, das hat was. Es dürfen einfach auf keinen Fall die serienmässigen 16″ Öko-Felgen drauf bleiben…

Fazit 

+ Komfortables, leises Fahrverhalten
+ Hoher Fahrkomfort
+ Hochwertige Materialien und schöne Verarbeitung
+ Geräumiger Innenraum
+ Bequeme Sportsitze, perfekte Ergonomie
+ Starker Schub dank Elektroboost
+ Neutrales, agiles Handling
+ Preislich attraktiv
+ Schickes Design im GTI-Stil

– Leichte Ruckler im E-Modus beim Schalten
– Hohes Gewicht
– Benziner am Berg ohne Elektro-Hilfe überfordert
– Übervorsichtiger Notbremsassistent

Steckbrief

Marke / ModellVW Golf GTE
Preis Basis­modell / Testwagen42 300 CHF / 50 660 CHF
AntriebBenzin, Plug-in Hybrid / Frontantrieb
Akkukapazität8,8 kWh
Hubraum / Zylinder1395 ccm/ R4
Motoranordnung / MotorkonzeptBeide Motoren vorne / Turbo- und Elektromotor
Getriebe6-Gang Doppelkupplungsgetriebe DSG
Max. Leistung E-Motor / Benziner / Systemleistung105 kW / 110 kW / 150 kW
Systemdrehmoment350 Nm
Beschleu­nigung 0–100 km/h7,6 s
Vmax222 km/h
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz1,7 l + 12,4 kWh/100 km / 39 g/km / A
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz4,8 l + 4,2 kWh/100 km / 116 g/km / +74%
NEFZ-Reichweite im E-Modus50 km
Test-Reichweite im E-ModusØ 35 km, max. 45 km
Länge / Breite / Höhe4,27 m / 1,80 m / 1,46 m
Leergewicht1689 kg
Koffer­raum­volumen272 - 1162 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

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