Abarth 600e Scorpionissima: Freude und Trauer so nah

Es kommt nicht oft vor, dass mich ein Elektroauto auf mehreren Ebenen dermassen überrascht. Beim Abarth 600e Scorpionissima, also der schärfsten Abarth-Version des Fiat 600, ist das aber der Fall. Das Auto hat mich einerseits total geflasht. Es verkörpert so sehr das, was sich Autofans wünschen! Aber die Nachteile des Elektroantriebs machen dem eigentlich so tollen Auto einen massiven Strich durch die Rechnung. Schade! Spannend ist ausserdem auch die Preisgestaltung des Autos…

Optisch trägt der Abarth 600e dick auf. Die Niedlichkeit des Fiat 600e verschwindet hinter der grimmigen Front und unter dem mächtigen Dachkantenspoiler. Markante Kotflügel, schwarze Akzente und sehr stylishe 20-Zoll-Felgen runden den sportlichen Auftritt ab. Die spezielle Farbe des Testwagens trägt ihr Übriges dazu bei, dass dem Auto eine ordentliche Portion Aufmerksamkeit zuteil wird. Wie schon beim Abarth 500e weist der auf einem Blitz stehende Skorpion auf dem Kotflügel auf den Elektroantrieb hin.

2025 Abarth 600e Scorpionissima
Auch die Zukunft von Abarth ist elektrisch. Der 600e ist vielversprechend, aber er kämpft mit einem riesigen Problem.

Wow und mau

Im Innenraum dominieren die Schalensitze das Erscheinungsbild. Sie stammen von Sabelt und würden auch jedem Supersportwagen exzellent stehen: Skelettartige, offene Rückenlehne, extremer Seitenhalt, straffe Polsterung oben und unten, hochwertiger Mikrofaserstoff. Hier nimmt man gerne Platz! Für ein Kompakt-SUV ist die Sitzposition erfreulich integrierend ins Auto, aber wie es so ist in derartigen Schalensitzen: Eigentlich sollte sich das Popometer 20 Zentimeter über dem Boden befinden und nicht einen Meter.

2025 Abarth 600e Scorpionissima
Die Sitze von Sabelt könnten besser nicht sein. Auch die Ergonomie insgesamt ist stimmig.

So cool die Sitze sind, so langweilig ist das übliche Interieur. Auf dem Armaturenbrett steht zwar noch witzigerweise «Mind the Scorpion», doch die nüchterne Tatsache ist die, dass das gesamte Innenleben hauptsächlich aus hartem Kunststoff besteht. Die Haptik ist dadurch schlecht, die Verarbeitungsqualität ist okay, aber verglichen mit einem Peugeot beispielsweise, der mittlerweile schliesslich zum selben Konzern gehört, bestehen Welten. Ebenfalls schlecht im Abarth: Die Platzverhältnisse. Sehr eng auf der Rückbank und auch der Kofferraum ist kein Ladewunder.

2025 Abarth 600e Scorpionissima
Der Rest vom Cockpit ist leider eher graue Tristesse.

Bissig und rumpelnd

“20-Zöller, kurzer Radstand und ein hartes, nicht-adaptives Fahrwerk schaffen ein Fahrererlebnis, das weit weg von komfortabel ist. Der Italiener rumpelt über Unebenheiten, gibt jeden Strassenbelag auf seine Art durch und hoppelt auf schlechten Strassen. Wer damit nicht klar kommt, muss einen grossen Bogen um das Auto machen. Dafür ist der Abarth vom Feeling her ENDLICH der Elektro-Hot-Hatch, den es bislang in dieser Form noch nicht gegeben hat: Hart, straff, kompromisslos, giftig. Kein Wanken, keine Seitenneigung, agiles Einlenken und extrem spontane Gasannahme. Das weckt sehr hohe Erwartungen an die Fahrfreude!

2025 Abarth 600e Scorpionissima
Das Fahrwerk des Abarth 600e übertrifft meine kühnsten Erwartungen. Was für eine Härte, was für eine Sportlichkeit!

Fun bis…

Nur im Fahrmodus Scorpion Track steht die maximale Motorleistung zur Verfügung – eigentlich könnte man die anderen Fahrmodi gleich rausprogrammieren, denn wieso sollte in einem Hot Hatch nicht immer die volle Leistung zur Verfügung stehen? Was für ein Unsinn. Anyway. Kickdown und dann, erste Erkenntnis: Wuuhu, das Ding läuft, und zwar richtig gut! Der Abarth 500e ist definitiv zu schwach, aber hier stimmt die Leistungsentfaltung. Explosiv und vor allem hält der 600e den Durchzug über lange Zeit aufrecht. Zwar sind 206 kW keine enorme Leistung für einen Hot Hatch, aber das hohe Drehmoment, die Bissigkeit des Antriebs und das für ein Elektroauto geringe Gewicht von 1625 Kilo sorgen dafür, dass sich die Leistung hoch und passend anfühlt.

2025 Abarth 600e Scorpionissima
Im digitalen Cockpit erscheint eine hübsche Animation, wenn stark beschleunigt wird.

Nun ist die Leistung nur ein Teil des Erlebnisses und der andere, das Fahrgefühl und das Handling, ein ganz anderer. Und ausgerechnet hier trumpft der Abarth 600e voll auf. Wie auf den sprichwörtlichen Schienen durcheilt das SUV Kurven aller Art und dank des mechanischen Sperrdifferentials an der Vorderachse wird das Auto förmlich in die Kurve hineingezogen und das hohe Drehmoment des Elektromotors wird tatsächlich auf die Strasse gebracht. Ein weiterer Clou: Im Scorpion Track Modus wird die Rekuperation über das Bremspedal einfach geskippt. Das mag zwar schlechter für die Effizienz sein, dafür entsteht ein phänomenales, konsistentes Bremsgefühl mit herrlichem Gegendruck im Pedal. Ich feiere die Italiener für diese Entscheidung!

2025 Abarth 600e Scorpionissima
«Mind the Scorpion». Giltet aber nur im Fahrmodus Scorpion Track, der bei jedem Motorstart erneut angewählt werden muss.

Der Abarth 600e ist wahrlich eines der wenigen Elektroautos, die man einfach nur zum Spass aus der Garage nimmt. Wo man sich freut, wenn die Strasse so kurvig wie möglich ist. Wo der Fahrspass proportional zur Aggressivität des Fahrstils steigt, denn trotz Frontantrieb verbeisst sich der Abarth in eine Art in den Asphalt, wie man es bislang nur von Benziner Hot Hatches kennt. Dieses Auto ist kein SUV mit einer Prise Sportlichkeit, sondern ein Kompakt-Sportwagen im SUV-Kleid. Mamma mia!

2025 Abarth 600e Scorpionissima
Wie geil: Keine Rekuperation im schärfsten Fahrmodus. Man muss eben Prioritäten setzen!

…zur Ladesäule

Leider hat der Spass aber einen Haken in der Grösse eines Ankers von einem Containerschiff. Wird der Abarth 600e nämlich so gefahren, dass sein Potenzial zur Geltung kommt, steigt der Stromverbrauch unter wenig idealen Bedingungen, wie sie im Winter halt in der Schweiz vorkommen, auf 28,4 kWh/100 km. Für ein kompaktes Auto ist dieser Verbrauch jenseits von gut und böse. Noch übler ist aber die logische Konsequenz dessen, wenn der Akku nur rund 50 kWh fasst. Die Praxisreichweite im Winter beträgt somit 180 Kilometer. Und es geht noch schlimmer. Als ich es mal wirklich wissen wollte und mit dem Abarth auf Bergstrassen alles rausholte, was das Auto vom Handling und der Leistung kann, verblasste mein Dauergrinsen schlagartig, als ich realisierte, dass jeder gefahrene Kilometer ein Akkuprozent gekostet hat. 50 Prozent Akku weg in 50 Kilometern. Sorry, aber das ist ein Fall für die Tonne.

2025 Abarth 600e Scorpionissima
Knöpfe für die Klimaeinheit und grosse Kacheln machen die Bedienung einfach.

Der Wille ist da

Es ist einfach jammerschade. Es ist technisch einfach noch nicht möglich, einen Elektro Hot Hatch zu bauen, der hohen Anforderungen gerecht wird. Der Abarth erfüllt sie war puncto Leistung und übertrifft sie bezüglich Handling sogar, aber die Reichweite ist ein Witz. Würde man dieses Manko mit einer grösseren Batterie beheben wollen, würde das zusätzliche Gewicht die Leistung und die Handlingqualitäten torpedieren. Ein Teufelskreis.

2025 Abarth 600e Scorpionissima
Auch auf dem Dachspoiler thront der Skorpion.

Es gebührt den Italienern der höchste Respekt, dass sie es geschafft haben, ein dermassen Fahrspass-orientiertes Auto aus einem Elektro-SUV zu zaubern. Kurioserweise ist der Abarth 600e trotz massiv mehr Leistung und mehr Auto insgesamt nur rund 3000 Franken teurer als der Abarth 500e. Mit einem Preis von 47’400 Franken ist das SUV überraschend fair eingepreist – der kleine 500er ist einfach viel zu teuer. Trotzdem ist es mit der Alltagstauglichkeit auch mit dem 600er nicht weit hergeholt und die Mini-Reichweite macht ihn zwar zum kleinen E-Racer für die Hügel um einen herum, aber jede weitere Strecke wird zum Himmelfahrtskommando.

2025 Abarth 600e Scorpionissima
Fahrerisch ist der Abarth 600e grosses Kino. Aber das Konzept funktioniert als Elektroauto aufgrund der miserablen Reichweite einfach nicht.

Alltag 2.5 out of 5 stars

Der Abarth 600e ist kein grosses SUV, aber die Platzverhältnisse hinter der B-Säule sind schon arg beengt, das können viele Konkurrenten besser. Die Reichweite ist eine Katastrophe, die maximale Ladefähigkeit von 100 kW (im Winter weniger) rettet die Situation auch nicht.

Fahrdynamik 5 out of 5 stars

Die bissige und explosive Leistung sowie das nach Kurven gierende Fahrwerk schaffen ein Erlebnis, das es in diesem Segment noch nicht gegeben hat. Die exzellente Bremse unterstreicht die Sportlichkeit.

Umwelt 3 out of 5 stars

Kälte und ein aggressiver Fahrstil sind nicht die Freunde eines Elektroautos, aber das hier ist ein Hot Hatch und als solcher sind 28,4 kWh/100 km auch unter suboptimalen Bedingungen nicht schönzureden.

Ausstrahlung 4 out of 5 stars

Der Abarth 600e verfügt über ein erfreulich eigenständiges und sportliches Design. Während aber normalerweise die Optik von italienischen Autos sehr zeitlos ist, so ist der auf Krawall gebürstete Abarth 600e diesbezüglich anders und sein Design wirkt in ein paar Jahren möglicherweise überholt.

Fazit 3.5 out of 5 stars

+ Markantes, sportliches Design
+ Exzellente Sitze
+ Einfache Bedienung, gute Sprachsteuerung
+ Bissiges Ansprechverhalten, hoher Durchzug
+ Agiles Einlenkverhalten
+ Mechanisches Sperrdifferential
+ Sportliche Bremse mit gutem Gegendruck
+ Fairer Preis
+ Alle nervenden Assistenzsysteme lassen sich zusammen mit einem Tastendruck deaktivieren

– Hoher Verbrauch
– Unbrauchbare Reichweite
– Langsames DC-laden
– Enge Platzverhältnisse im Innenraum
– Viel harter Kunststoff

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellAbarth 600e Scorpionissima
Preis Basismodell / Testwagen43 400 CHF / 47 400 CHF
AntriebElektrisch, Frontantrieb
Akkukapazität54 kWh (brutto) / 50,8 kWh (netto)
Max. Leistung207 kW
Max. Drehmoment345 Nm
Beschleu­nigung 0–100 km/h5,9 s
Vmax200 km/h (elektronisch abgeregelt)
WLTP-Verbrauch / Energieeffizienz18,8 kWh/100 km / C
Test-Verbrauch / Differenz28,4 kWh/100 km / +51%
WLTP-Reichweite321 km
Ø Test-Reichweite180 km
Max. Ladeleistung (DC)100 kw
Länge / Breite / Höhe4,19 m / 1,78 m / 1,56 m
Leergewicht1625 kg
Kofferraumvolumen360 - 1231 l

Bilder: Koray Dollenmeier

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