Der BYD Seal hat genau zwei Probleme. Erstens: Das Auto verfügt über kein bis ein schlechtes Image. China? Sollte man nicht unterstützen. China? Die können keine guten Autos bauen. China? Keine angemessene Qualität, «Temu-Kiste» war eines der weniger netten Vorurteile, die ich angesichts des Testwagens gehört habe. Wobei: Wenn man sich so anschaut, wie viel Umsatz Temu in der Schweiz generiert, dann sollten sich die genannten Vorurteile in Nullkommanichts in Luft auflösen, zumal BYD im Gegensatz zu Temu definitiv seriöser auftritt. Zweitens: BYD? Nie gehört. Was ist das? Sprich: Es gibt da draussen sehr viele Leute, welche die Marke nicht kennen und mindestens genauso viele, die haltlose Vorurteile gegenüber der Marke haben. Aber meiner Meinung nach sind das Argumente, die sich mit der Zeit von alleine erledigen, denn das Auto spricht für sich. Der BYD Seal ist angesichts seines Preises eines der besten Autos in seinem Segment.
Man kann sich über die Optik ja immer streiten, aber der BYD Seal hat meines Erachtens ein Design, das nicht nur mehrheitsfähig ist, sondern auch bei den meisten wirklich gut ankommt. Eine schnittige Limousine, die trotz sehr niedrigen cW-Wert von 0,22 in erster Linie sportlich-elegant und nicht rundgelutscht wirkt, obwohl das Design diverse Rundungen aufweist. Die Front mit dem markanten, geschwungenen Tagfahrlicht und die flachen Scheinwerfer symbolisieren das Markengesicht der Chinesen. Die Silhouette weist eine stark abfallende Dachlinie, bündige Türgriffe und aerodynamisch optimierte Felgen auf, während das Heck durch den üppigen Diffusor sowie das auffällig gepunktete Rücklicht auffällt. Obwohl das Design eher dezent statt auffällig ist, fällt das Auto aufgrund des (noch) vorhandenen Seltenheitswert auf der Strasse stark auf.

Premium ohne Premium zu sein
Der positive Eindruck verstärkt sich im Innenraum. Man nimmt auf sehr bequemen Ledersitzen Platz, die Heizung und Lüftung bieten. Eine Massagefunktion ist nicht an Bord und die Sitzposition ist einen Tick zu hoch aufgrund der flachen Bauweise des Autos und des Akkus im Boden, aber das ist beides Jammern auf hohem Niveau. Das Cockpit präsentiert sich in geschwungenen Formen, zahlreichen Kontrastnähten und hochwertigen Materialien wie Mikrofaserstoff, Kunstleder und Glas. Die Verarbeitungsqualität ist exzellent und die chinesische Limousine wirkt deutlich mehr Premium als viele selbsternannte Premium-Autos.

Ebenfalls Lob verdienen die Platzverhältnisse. Im Fond sitzt es sich geradezu fürstlich, auch die Kopffreiheit ist trotz der flachen Dachlinie ausreichend. Das riesige Glasdach und der flache Boden tragen zum luftigen Eindruck bei. Der Kofferraum ist halt typisch Limousine, ist aber tief. Ein Frunk nimmt ebenfalls Kleinkram auf. Was man aber merkt, ist, dass der Seal von Grund auf als Elektroauto konzipiert wurde und keine Kompromisse eingeht – und trotzdem sexy aussieht.

Das Infotainmentsystem unterstreicht die Domäne Hightech der Chinesen. Das System reagiert ultraschnell und die Sprachsteuerung arbeitet exzellent. Für die Navigationssuche kommt Google zum Einsatz, das Kartenmaterial stammt von Here und ist Open Source, die Verkehrsführung ist sehr akkurat und nahe an Google Maps. Als Gimmick lässt sich der Touchscreen sogar drehen, sodass je nach Wunsch eine vertikale oder horizontale Darstellung möglich ist.

Die einzigen Kritikpunkte im Innenraum gehen an das lieblos platzierte Display, das als Cockpit fungiert und obendrein nur sehr beschränkt personalisierbar ist, was die Anzeigen betrifft. Hier wäre mehr möglich. Dass die Klimasteuerung ausschliesslich über den Touchscreen funktioniert, machen andere zwar auch, aber trotz hübscher Animationen geht einfach nichts über physische Knöpfe. Zu guter Letzt sind ein paar wenige deutsche Übersetzungen entweder grammatikalisch falsch («GPS-Signal ist unstabil») oder werfen Fragen auf, was sich nun hinter dieser Einstellung befindet. Aber das sind Details und obendrein noch solche, die sich per Updates, die selbstverständlich OTA ablaufen, beheben lassen.

Auffällig unauffällig
Wie schon beim Interieur erzeugt der BYD Seal auch fahrerisch nicht durch virtuose Fähigkeiten ein Wow-Effekt, sondern dadurch, dass er insgesamt und für den verlangten Preis einfach sehr gut und in sich stimmig ist. Elektroautos sind leise und geschmeidig, im Seal ist das Fahrgefühl aber exzellent abgestimmt und dadurch besonders fein. Der Fahrkomfort ist hoch, der Geräuschpegel oberklassemässig niedrig und dennoch fühlt sich das Auto auch im Comfort-Modus ausreichend verbindlich an. Wer maximalen Komfort sucht, findet Weicheres als den sportlich angehauchten Seal.

Ich sage bewusst sportlich angehaucht, denn ich persönlich glaube ganz fest, dass das Auto technisch mehr könnte, als der Hersteller zulässt. Ersteres betrifft den Antrieb: Selbst im Sport-Modus setzt der Schub ganz leicht verzögert ein und baut schliesslich kräftig Druck auf. Das Ganze wirkt sehr kräftig, aber gleichzeitig sehr gelassen. Die explosive Leistungsentfaltung, die performante Elektroautos so mit sich bringen, ist überhaupt nicht vorhanden im Seal. Zweitens: Die Kraftverteilung ist durch den stärkeren Elektromotor im Heck zwar grundsätzlich eher hecklastiger, aber die Software steuert das Ganze so, dass sich sowohl Handling und Schub sehr neutral anfühlen.

Das adaptive und im Sport-Modus straffere Fahrwerk sorgt für wenig Roll- und Nickbewegungen, bietet hohen Grip und ein ausgezeichnetes Gefühl für die Strasse. Zu guter Letzt ist mir die Bremse mit sehr kräftigem und präzisem Druckpunkt trotz aktiver Rekuperation aufgefallen. So, und wenn ich nun den Seal hart rangenommen habe, dann hat sehr oft das rigorose und sehr auf Sicherheit getrimmte ESP deutlich spürbar eingegriffen. Es lässt sich zwar per Touchscreen deaktivieren (vermutlich nicht komplett) und ab 80 km/h ist es ohnehin immer und ausnahmslos wieder aktiv.

Was heisst das nun? Der Seal vermittelt ein sportliches Handling und kräftige Beschleunigung, ohne spitz oder aggressiv zu wirken. Das ist nicht wertend, zumal der Hersteller zwar von einer sportlichen Limousine spricht, aber nie von einem Sportwagen oder Performance-Modell die Rede ist. Der limitierende Faktor ist ausserdem definitiv weder der Antrieb, noch das Fahrwerk, sondern die Software-mässige Abstimmung des Auto, die aber vom Hersteller bewusst so gewollt ist. Worauf ich hinauswill: BYD stimmt das Auto sehr sicher und ausgewogen ab, rein technisch ist es aber zu deutlich mehr in der Lage.

Fair oder nicht fair?
Zeit, die Katze aus dem Sack zu lassen. Der hier gezeigte Testwagen kostet rund 55’000 Franken. Der BYD Seal ist grundsätzlich ein sehr gutes Auto und wenn man sich die Preise diverser Konkurrenten so anschaut, so könnte das Auto auch teurer sein und wäre immer noch fair eingepreist. Für dieses Geld ist es aber ein Kampfangebot und der Seal ist kein Discount-Auto, im Gegenteil. Matrix-Licht, Parkassistent, Massage – Dinge, die es beim Seal nicht gibt. Auch die maximale DC-Ladeleistung von 150 kW ist bloss Durchschnitt. Ebenfalls typisch chinesisch ist die Einfachheit beim Bestellen. Ausstattungslinie, Lackfarbe, Innenraumtrim – fertig. Andere Felgen? Nicht hier.

Ich sage es geradeaus: Echte Schwächen oder Schwachpunkte haben sich im Test nicht offenbart. Ein paar Details wären wünschenswert und ein paar Details gibt es halt nicht. Aber unter dem Strich ist der BYD Seal ein top Auto, das in seinem Preissegment die deutlich bessere Wahl ist als viele andere. Apropos Preis: Ja, in China wird der Bau von Elektroautos staatlich subventioniert, was den Preis etwas verzerrt, weil BYD günstiger fertigen und forschen kann als etwa europäische Hersteller. Doch Tatsache ist, dass BYD nun hier ist und sehr ausgereifte Fahrzeuge zu attraktiven Preisen anbietet. Dies sollte für alle Hersteller ein Warnschuss sein, denn der Seal hat gezeigt, dass er nicht nur mithalten kann, sondern teilweise outperformt.

Alltag 
Der BYD Seal bietet hervorragende Platzverhältnisse auf allen Plätzen, gute Übersicht und für Limousinenverhältnisse einen grossen Kofferraum, der um einen Frunk ergänzt wird.
Fahrdynamik 
Ein sportliches Handling und sowie eine schnelle Gangart locken das Auto nicht aus der Reserve. Das Auto ist parat für mehr, die Abstimmung sowie das ESP sorgen dafür, dass alles auf der sicheren Seite bleibt. Keine Sportlimousine im klassischen Sinne, aber ein knackiges Handling ist da.
Umwelt 
Mit einem Verbrauch von 21,8 kWh/100 km in der kalten Jahreszeit liefert der BYD Seal auch puncto Effizienz einen vorbildlichen Wert. Dass die Reichweite hochgerechnet aber dennoch nur 320 km betrug, ist etwas irritierend, da dies mit der Netto-Akkukapazität von 82 kWh nicht aufgeht.
Ausstrahlung 
Der chinesische Neuzugang markiert mit sportlich-eleganten Proportionen Präsenz auf der Strasse. Offen gestanden finde ich ihn zu den immer stärker überzeichneten Europäern eine elegante und schlichte Abwechslung!
Fazit 
+ Elegantes und sportliches Design
+ Grosszügiges Raumangebot
+ Sehr bequeme Sitze
+ Hochwertige Materialien, exzellente Verarbeitungsqualität
+ Sehr schnelles Infotainmentsystem mit erstklassiger Navigation und Sprachsteuerung
+ Drehbarer Bildschirm
+ Hoher Fahrkomfort
+ Sehr tiefer Geräuschpegel
+ Kräftiger Antrieb
+ Sportliches Handling
+ Exzellentes Bremsgefühl
+ Fahrmodi mit deutlicher Spreizung
+ Sehr attraktiver Preis
– Sitzposition leicht zu hoch
– Kein Matrix-Licht verfügbar
– Empfindliche Assistenzsysteme, Deaktivierung teils umständlich im Menü
– ESP sehr restriktiv, nicht deaktivierbar
Mängel am Testwagen
– Keine Mängel
Steckbrief
| Marke / Modell | BYD Seal Excellence |
|---|---|
| Preis Basismodell / Testwagen | 53 990 CHF / 55 090 CHF |
| Antrieb | Elektrisch, Allradantrieb |
| Akkukapazität | k.A. kWh (brutto) / 82,5 kWh (netto) |
| Max. Leistung | 390 kW |
| Max. Drehmoment | 670 Nm |
| Beschleunigung 0–100 km/h | 3,8 s |
| Vmax | 180 km/h (elektronisch abgeregelt) |
| WLTP-Verbrauch / Energieeffizienz | 18,2 kWh/100 km / A |
| Test-Verbrauch / Differenz | 21,8 kWh/100 km / +20% |
| WLTP-Reichweite | 520 km |
| Ø Test-Reichweite | 310 km |
| Max. Ladeleistung (DC) | 150 kW |
| Länge / Breite / Höhe | 4,80 m / 1,88 m / 1,46 m |
| Leergewicht (ohne Fahrer) | 1985 kg |
| Kofferraumvolumen | 400 l |





















Bilder: Koray Dollenmeier