Ford Mustang GT: Mehr als nur heisse Luft!

Ford Mustang GT: Mehr als nur heisse Luft!

Alle kennen ihn, alle lieben ihn: Den Ford Mustang, Gründer eines ganzen Segments – jenes der Pony Cars. Ich könnte eine Strassenumfrage durchführen, indem ich vierjährigen Knirpsen ein Foto vom Mustang vor die Nase halten und fragen würde, was das für ein Auto sei. Ich hätte garantiert eine Richtig-Antwortquote von mindestens 120%. Sei es durch ein Autoquartett, ein Poster an der Wand, durch einen Film oder ein Racing Game, in seiner Kindheit hatte bestimmt jeder Junge in irgend einer Form Kontakt mit dem Mustang. Ich hatte mir eigentlich vorgenommen, die Einheit PS auf meinem Blog nicht mehr anzuwenden, aber ein besonderes Auto erfordert besondere Massnahmen. Daher: Wer die Zügel von 418 angriffslustigen Hengsten in die Hand gedrückt bekommt, dessen Augen fangen an zu leuchten. Auch meine.

Doch leider kostet es mich extrem viel Körperbeherrschung, um zu verhindern, dass mir beim Anblick des Mustangs eine Träne aus den Augen kullert. Die Rede ist hier übrigens nicht von einer Freudenträne. Wer auch immer das Lichtdesign bei Ford Europe verantwortet, ich hoffe, er oder sie wurde gefeuert. Einer Legende begegnet man gefälligst mit Würde und Respekt! Wer Halogenspots als Tagfahrlicht verbaut, tritt diese Werte mit Füssen und gehört in die Wüste geschickt, bevor noch mehr Unheil angerichtet werden kann.

Ford Mustang GT
Geht gar nicht: Halogenspots als Tagfahrlicht.

Der amerikanische Mustang hat nämlich die drei schrägen LED-Streifen im Scheinwerfer als Tagfahrlicht, aber in Europa war man offensichtlich zu faul, um eine Homologation für diese Form von Tagfahrlicht hinzukriegen. Pfui! Auch den coolen Lauflichtblinker am Heck hat man in Europa nicht durchgebracht. Nochmals pfui! Weitere, zum Glück belanglose Unterschiede zum US-Modell hat Autophorie aufgelistet.

Ford Mustang GT
Die drei LED-Streifen leuchten beim EU-Mustang nie. Trotzdem: Wer stilvoll unterwegs sein will, fährt auch tagsüber mit Abblendlicht.

So, fertig herumgehackt. Abgesehen von den Licht-Fails ist der Mustang eine Augenweide, eine überaus harmonische Kombination aus Retro und Moderne. Vor allem die Front wirkt mit der langen Motorhaube und dem scharfen Blick sportlich und zeitgemäss, während das Heck gekonnt den Ur-Mustang zitiert. Schön finde ich die lange, konstant abfallende Dachlinie. Ich spüre förmlich den Drang, mit der Hand der Dachlinie entlangzufahren. Wusch! Wer das einmal gemacht hat, wird verstehen, warum das Coupé «Fastback» heisst. Ein Eyecatcher bei Nacht ist das Mustang Logo, welches von den Aussenspiegeln auf den Boden projiziert wird. Ein standesgemässer Auftritt eben.

Ford Mustang GT
Damit man weiss, in was man einsteigt.

Auch im Interieur findet sich ein Mix aus Moderne und Retro. Besonders cool sind die klassischen Rundinstrumente, welche «Ground Speed» und «Revolutions per Minute» anzeigen. Ein grossartiges Gefühl, schliesslich denkt man bei Ground Speed unweigerlich an die Luftfahrt! Auch die Kippschalter in der Mittelkonsole vermitteln Kampfjet-Feeling. Unbedingt zu empfehlen sind die bequemen, aber fest zupackenden Recaro Sitze. Damit fallen zwar die elektrische Sitzverstellung sowie die Möglichkeit für Sitzheizung und -Lüftung weg, aber wer Wert auf solchen Krimskrams legt, der ist bei diesem Auto an der falschen Adresse.

Ford Mustang GT
Damit man weiss, worin man sitzt.

Modern und angenehm zu bedienen ist das Infotainmentsystem, welches aus anderen Ford-Modellen bekannt ist. Die Bedienung ist erfreulich intuitiv und der Touchscreen schön gross. Apropos gross: Wer sich oregami-mässig zusammenfalten kann, der darf sich gerne im Fond einnisten. Allen anderen rate ich tunlichst davon ab, nach hinten zu klettern. Doch auch vorne ist man weit von First Class entfernt. Die Sitze sind zwar super, aber A-Säule, Mitteltunnel und Teile der Türverkleidung sind mit Plastik verkleidet. Auch das hochwertig wirkende Armaturenbrett entpuppt sich als Plastik. Immerhin: Alles ist sauber verarbeitet, nichts knarzt oder vibriert. Der wahre Luxus vom Mustang verbirgt sich unter der Haube.

Ford Mustang GT
Erstklassige Recaro Sitze. Die Sitze im Fond kann man rauchen.

Ich werfe den 5,0-Liter V8 Brocken an muss instinktiv grinsen: So dreckig und rau klingen einfach nur die «echten», amerikanischen Achtzylinder. Herrlich! Es sei hier am Rande erwähnt, dass der Mustang auch mit einem 2,3-Liter Vierzylinder Turbobenziner (EcoBoost) erhältlich ist. Aber wer einen Vierzylinder Mustang fährt, trinkt wahrscheinlich auch koffeinfreien Kaffee, verzichtet auf Fleisch und lebt sexuell abstinent. Nur ein V8 Mustang ist ein wahrer Mustang und das stellt er gerne eindrücklich zur Schau. Der Tesla Model S P85D hat ja den sogenannten «Insane Mode» (Wahnsinn-Modus), aber wenn ein Auto so eine Bezeichnung benötigt, dann der Mustang (und nur der V8 Mustang). Was der Hengst abzieht, ist einfach nur noch… Am besten, ihr schaut selber:


Vielen Dank Ford, dass ihr durchgeknallt genug seid, um diese Funktion des automatischen Burnouts (Ford nennt es «Line Lock») in ein Serienauto zu implementieren! Böse Zungen sagen diesem Manöver «viel Lärm um nichts» nach. Das mit dem Lärm lasse ich gerne durchgehen. Der Mustang ist nicht extrem laut, aber er produziert wunderbaren, ehrlichen V8 Sound in Reinkultur. Blubbernd und grummelnd poltert er durch die Gegend, zum Cruisen reichen ihm 1000 Umdrehungen. Für Softies lässt sich sogar die Lenkung in einen Comfort Modus mit weniger Widerstand umstellen.

Ford Mustang GT
Ein echter Ami: Viel Hubraum, grosser Durst, dreckiger Sound.

Doch zartbesaitete scheitern spätestens beim Griff zum Schalthebel. Der will nämlich mit Nachdruck in die Gassen gedrückt werden, die Kupplung schnappt giftig zu. Die Schalthebelführung ist wunderbar präzise, die Wege kurz und knackig: Das Getriebe ist einfach eine Wucht. Besser geht’s nicht. Auch hier gilt: Natürlich gibt es den Mustang mit Automatikgetriebe (ist ja ein Ami) und wer einen V8 mit Automatik fährt, lebt vielleicht nicht gerade sexuell abstinent, aber bestimmt gibt es keinen Sex vor der Ehe. Und so schön das Cruisen mit dem Mustang auch sein mag, per Definition sind Mustangs verwilderte Pferde und nicht zahm. Auch der fahrende Mustang will von seinem Dompteur gezähmt werden. Während er im tiefen Drehzahlbereich noch äusserst lammfromm ist, ändert sich ab 3500 Umdrehungen nicht nur die Tonlage, es werden auch immense Kräfte an die Hinterräder geschickt.

Ford Mustang GT
Insignie der Macht.

Nach guter, alter US-manier brüllt der V8-Reaktor wütend die Umwelt zugrunde und dreht bis auf beeindruckende 7000 Umdrehungen. Da die Drehzahlen ab 5500 Umdrehungen enorm schnell steigen, blinken bei 6500 Touren beide Instrumente orange auf, um zu verhindern, dass man in den Begrenzer rasselt. Schade finde ich, dass der Mustang weder im Sport+, noch im Gelände Modus das Runterschalten über automatisches Zwischengas akustisch untermalt. …Moment. Gelände?! Jawohl, Ford ist ein weiterer Fail unterlaufen, indem sie «Track» in «Gelände» übersetzt haben…

Ford Mustang GT
Fest entschlossene Front…

Anyway, während der Mustang im Sport+ Modus deutlich direkter und schärfer wirkt als im Normal Modus, habe ich im Track Modus keine wirkliche Steigerung mehr gespürt. Im Track Modus ist dafür das ESP deutlich lockerer abgestimmt, aber ich warne alle da draussen und betone nochmals: Der Mustang ist ein wildes Tier. Im Sport+ Modus ist das ESP ja aktiv, da kann nicht viel schief gehen. Dachte ich. Also stürme ich engagiert den Berg hoch und staune, wie neutral sich der Mustang in schnell gefahrenen Kurven verhält. Keine Zuckungen oder Traktionsprobleme, das Fahrwerk ist hervorragend abgestimmt.

Ford Mustang GT
Fesche Dachlinie…

Ich erhöhe also das Tempo und nach wie vor lässt sich der Mustang nicht beeindrucken, vermittelt mir ein sehr gutes Gefühl. Schliesslich lege ich nochmals eine Schippe drauf, beschleunige noch etwas stärker aus der Kurve heraus – und zack, ohne die geringste Vorwarnung bricht das Heck gewaltig aus, trotz eingeschaltetem ESP! Ich benötige die komplette Strassenbreite, um den Mustang wieder einzufangen. Das gute Gefühl täuscht: Die Grenze zwischen Haftung und keiner Haftung ist sehr, sehr schmal: Der Mustang ist lange neutral, aber wenn es zu viel wird, sind extrem schnelle Reaktionen erforderlich.

Ford Mustang GT
Sexy Hüftschwung…

Bei engen Haarnadelkurven – insbesondere bergab – neigt er zudem zum Untersteuern. Während das ESP in Neuwagen mittlerweile eher übervorsichtig abgestimmt wird, scheint sich das elektronische Fangnetz im Mustang zurückzulehnen und schaut, ob und wie der Fahrer alleine klar kommt. Dies unterstreicht aber den Charakter vom Mustang. Er ist ein gemütlicher Cruiser, der bei entsprechenden Drehzahlen zum giftigen Sportwagen mutiert. Ein verwildertes Wesen eben, das gezähmt werden will.

Ford Mustang GT
Und ein knackiger Hintern.

Als wäre der Geilheitsfaktor vom Mustang selber nicht schon hoch genug, der wahre Hammer kommt erst noch: Der Preis. Nirgends, aber wirklich absolut nirgendwo gibt es für 49’900 Franken 418 PS in einem Kultauto. (Wer sich für den EcoBoost interessiert, kann den Preis selbst recherchieren). Sonnenanbeter bekommen für 4000 Franken extra das Cabrio, während jene, die bis zur Ehe mit dem Sex warten, noch 2000 Franken für das Automatikgetriebe einkalkulieren sollten. Die sonstigen Zusatzausstattungen lassen sich fast an einer Hand abzählen.

Ford Mustang GT
Die Lichter sind Kult: man erkennt ihn bereits aus einem Kilometer Entfernung.

Perfektionisten wird der Mustang nicht gerecht. Das viele Plastik im Interieur, ungleiche Spaltmasse und die Sache mit den Lichtern – wer ein Problem damit hat, darf gerne für einen schwächeren, emotionslosen Audi TTS das Anderthalbfache bezahlen. Der Mustang ist ein Auto für Genussmenschen, jene, die nach einem wilden Ritt die Zigarette danach anzünden. Und falls jemand sein loses Mundwerk nicht unter Kontrolle hat und meint, er müsse den hohen Verbrauch und die Unvernunft monieren: Kein Problem. Mit dem Mustang lassen sich beim Anfahren jederzeit zwei wunderschöne, schwarze Streifen produzieren. Nicht mal das ESP hat Bock darauf, sich um die Unvernunft vom Mustang zu kümmern.

Alltag 

Der Mustang ist ein Ami, also wird auch der Komfort gross geschrieben. Das Fahrwerk federt stets angenehm und der Geräuschpegel ist tief. Für zwei Personen reicht der Kofferraum locker, die Rückbank ist höchstens dazu geeignet, Veganer, Öko-Tussis, Abstinente und sonstige unangenehme Zeitgenossen zu transportieren.

Fahrdynamik 

Motor und Getriebe sind eine Wucht. Die Soundkulisse, wenn alle 418 Pferde die Hinterachse antreiben, ist unbeschreiblich. Lenkung und Fahrwerk werden einem Sportwagen gerecht, doch man spürt, dass der Mustang lieber ein Alltagssportler als eine Hardcore Maschine ist. Auch das stattliche Gewicht ist spürbar. In engen Kurven ist zudem Vorsicht angebracht. Das Heck kommt blitzschnell und ohne Vorwarnung.

Umwelt 

Klar, ein Verbrauch von 12,5 l/100 km im Test lässt sich kaum schönreden. Aber der Mustang wurde hart rangenommen. Und wenn man den höheren (!) Normverbrauch von 13,5 l/100 km als Messlatte nimmt, muss man den Mustang fast schon loben für seine Genügsamkeit. Wer bewusst gemütlich fährt, dürfte einen Verbrauch von etwa 10,5 l/100 km erzielen.

Ausstrahlung 

Abgesehen vom Licht-Fail vorne verdient dieses Auto einen Design-Award. Niemand würde dieses Auto als nicht gelungen bezeichnen.

Fazit 

+ Geiler Motor, geiler Sound
+ Herrlich knackiges, präzises Getriebe
+ Extrem lasches ESP, zudem komplett deaktivierbar
+ Präzises Handling
+ Guter Fahrkomfort
+ Tiefer Geräuschpegel
+ Recaro Sitze
+ Intuitives Infotainmentsystem
+ Unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis
+ Design zum Niederknien
+ Burnout-Funktion! 😀

– Versautes Licht-Design
– Viel Kunststoff im Interieur
– Hoher Verbrauch
– Hohes Gewicht

Marke / ModellFord Mustang GT
Preis Basismodell / Testwagen49'900 CHF / 53'600 CHF
AntriebBenzin, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder4951 ccm / V8
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Saugmotor
Getriebe6-Gang manuell
Max. Leistung308 kW (418 PS) bei 6500 r/min
Max. Drehmoment524 Nm bei 4250 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h4,8 s
Vmax250 km/h (elektronisch abgeregelt)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz13,5 l/100 km / 299 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz12,5 l/100 km / 277 g/km / -7%
Länge / Breite / Höhe4,78 m / 1,92 m / 1,38 m
Leergewicht1720 kg
Koffer­raum­volumen408 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

6 thoughts on “Ford Mustang GT: Mehr als nur heisse Luft!

Deine Meinung hinterlassen

%d bloggers like this: