2017 McLaren 570S Spider

McLaren 570S Spider: Massanzug auf Rädern

Es ist nicht oft der Fall, dass ich ein solches Kribbeln verspüre, wenn ich ein Auto testen darf. Doch beim ersten Mal McLaren fahren ist es nahezu unmöglich, die Sache objektiv anzugehen. Es wird daher bestimmt etwas gefühlslastig in diesem Text, aber das sollte in Ordnung sein, denn Zahlen alleine vermögen eben nicht zu vermitteln, wie sich so ein McLaren 570S Spider anfühlt. Eines Vorneweg: Der McLaren ist nicht gerade das Auto, welches einem mit seinem Motorsound umhaut. Da fährt weiss Gott Stimmgewaltigeres herum, erst Recht in dieser Liga. Dass am Ende dennoch ein noch nie da gewesenes Haben-Will-Gefühl zurückbleibt, beweist, dass der 570S Spider woanders punkten kann. Und zwar massiv.

Eine ganz entscheidende Rolle spielt dabei das Design. Selten sehen Serienautos, selbst wenn sie über 200’000 Franken kosten, so speziell aus wie bei McLaren. Da sind zum einen natürlich die Flügeltüren. Mehr Coolness, als aus einem McLaren auszusteigen, geht eigentlich gar nicht. Zum anderen ist es die Linienführung. Zwar wird jedes Auto im Windkanal erprobt, doch bei McLaren sieht es aus, als habe der Prototyp gar nie etwas anderes als einen Windkanal gesehen. Form follows Function as it’s best. Das Ganze schaut erst noch schön aus. Sehr sportlich, sehr schnell und zwar ohne eine Front, die Kindern Albträume beschert. Das Auto ist so kurvenreich gezeichnet, dass es einem förmlich reizt, die eine oder andere Linie mit der Hand nachzufahren.

2017 McLaren 570S Spider
Der Anblick der geöffneten Flügeltüren ist spektakulär.

Im Stand ist das Auto ein Kunstwerk (vor allem mit geöffneten Türen), doch wie sieht es beim Fahren aus? Der Einstieg wird aufgrund der Flügeltüren das erste Mal etwas unbeholfen aussehen, doch man hat den Dreh sehr bald raus. Bereits angetönt habe ich den Sound: Gänsehaut beim Motorstart bleibt aus. Der Biturbo-V8 meldet sich gut hörbar, doch das grosse Kino bleibt aus. Der erste Eindruck, sobald man drinsitzt: Perfekte Sitzposition, überall schmeichelnde Materialien, doch ein furchtbar enger Fussraum. Fette Schuhe passen nicht so Recht in diesem filigranen Auto.

2017 McLaren 570S Spider
Wenn selbst Baby Blau – McLaren nennt es Curacao Blue – passt, dann passt jede Farbe zum 570S Spider.

Obwohl das Auto abgehoben aussieht und wie aus einer anderen Welt zu kommen scheint, ist der 570S Spider so unglaublich easy zu fahren. Man kann es kaum glauben. Befinden sich Antriebsstrang und Fahrwerk auf Standby, zuckelt man mit diesem Supersportler durch die Gegend, als ob nichts wäre. Besonders hervorzuheben ist die sehr leichtgängige, aber dennoch wahnsinnig exakte Lenkung. Das Getriebe sortiert sich schnell auf die hohen Gänge, kann im Alltag aber nicht ganz mit der Gelassenheit deutscher Supersportler mithalten. Das eine oder andere Mal hat es sich beim langsamen Fahren schon verschaltet.

2017 McLaren 570S Spider
Die Rücklichter sind nicht viel mehr als ein schmales LED-Leuchtband. Sehr cool!

Um für die unschönen Dinge im Verkehrsalltag gewappnet zu sein, verfügt der McLaren auch über ein Noise Lifting System. Dieses sollte man auch unbedingt verwenden, sobald sich am Horizont die Gefahr einer Temposchwelle abzeichnet. Aufgrund der knappen Bodenfreiheit schabt der Frontspoiler ansonsten am Asphalt und glaubt mir, dieses Geräusch will man nicht hören.

2017 McLaren 570S Spider
Der Motorraum lässt sich weder öffnen, noch gewährt die Abdeckung Einblicke. Sehr uncool!

Doch auch in einem McLaren muss man Abstriche in Kauf nehmen. Designbedingt verfügt das Auto nämlich über einen furchtbaren toten Winkel nach Schräg hinten. Das Entertainmentsystem passt ausserdem nicht so recht in diese Preisklasse. Das Navi hinkt ab und zu etwas hinterher und der Touchscreen ist nicht gerade der flinkste seiner Sorte. Die Menuführung treibt einem ebenfalls das eine oder andere Fragezeichen ins Gesicht. Anders ausgedrückt: Die Bedienungsanleitung fürs Auto kann man sich sparen, jene fürs Navi sollte man vorsichtshalber griffbereit halten.

2017 McLaren 570S Spider
Der Einstieg will geübt sein, die Sitzverstellung ist furchtbar fummelig. Die Sitze selber sitzen dafür perfekt.

Vielleicht sollten sich die Briten auch jemanden aus dem Silicon Valley schnappen, wie es derzeit viele Autohersteller tun. Beim Fahren hingegen kann man die Briten durchaus selber als Benchmark bezeichnen. Werden Fahrwerk und Antrieb scharf gestellt, dann befindet sich der limitierende Faktor nicht mehr unter dem Carbon-Monocoque, sondern hinter dem Lenkrad – zumindest, solange kein Profi am Steuer ist.

2017 McLaren 570S Spider
Die grossen, feststehenden und miteinander verbundenen Schaltpaddels, sind das Highlight im Interieur.

Eine dermassen ungeheuerliche Kraftentfaltung wie im 570S habe ich bisher nur im Radical RXC Turbo erlebt – und der ist mehr Renn- als Strassenauto. Unter 3000 Umdrehungen passiert im 570S ziemlich wenig, doch dann setzen die Lader ein und das Biturbo-Triebwerk zieht ohne die geringste Müdigkeitserscheinung durch bis auf über 8000 Umdrehungen.

2017 McLaren 570S Spider
Das digitale Cockpit im Normal-Modus. Im Track-Modus verwandelt sich der runde Drehzahlmesser in ein Drehzahlband.

Das Sahnehäubchen vom Antrieb ist das Getriebe, welches beim sportlichen Fahren mehr als nur hellwach ist und die Gänge nur so durchpeitscht. Highlight ist das manuelle Schalten, denn die Schaltwippen ist eigentlich eine einzige, durchgehende Wippe. Zieht man rechts, drückt es die linke Seite nach hinten. Das bedeutet, das man auch mit einer Wippe alle Schaltmanöver durchführen kann. Das Getriebe reagiert so prompt auf den Schaltbefehl, dass ich jeweils das Gefühl hatte, der Gang sei bereits eingelegt worden, als ich die Wippe nur berührt habe.

2017 McLaren 570S Spider
Die Bremskraft der serienmässigen Carbon-Keramik-Anlage haut einem mehr um, als der irre Vorwärtsdrang.

Das ganze Auto lässt sich so präzise dirigieren, der Vergleich mit dem Schweizer Uhrwerk muss jetzt einfach hinhalten. Man sitzt drin, perfekt eingebettet ins Geschehen und das Auto setzt jede Dynamik perfekt um, sei es längs oder quer. Der Grip ist für Heckantrieb beachtlich und das ESP regelt, bevor das Heck einem vor Probleme stellt. Um im Sport-Modus vom ESP zu fahren, hat mir leider die Zeit gefehlt, um mich besser an die Grenze des Autos zu tasten, es ist schliesslich immer auch eine gute Portion Ehrfurcht mitgefahren.

2017 McLaren 570S Spider
Die Reaktionszeiten von Touchscreen und Navi lassen zu wünschen übrig. Der Plastik-Hochtöner auf dem Armaturenbrett ist das einzig Billige im gesamten Interieur.

Das lag nicht nur am Preis ab 227’420 Franken – mit hübscher Ausstattung rund 250’000 Franken – sondern auch an der Aura des Autos. Klar, was Marketing- und Presseleute einem erzählen, klingt immer besonders toll, aber dieses Mal trifft der PR-Chef mit seiner Aussage «McLaren werden als cool wahrgenommen» einfach ins Schwarze. Damit ist nicht nur cool vom Auftritt her gemeint, sondern auch, dass die britischen Renner nichts Protziges an sich haben. Wir bewegen uns jetzt auf sehr einfach gestricktem Niveau, aber so ein Audi R8 hat schon etwas Verruchtes an sich, während ein Porsche 911 Turbo S trotz unbestreitbarer Qualitäten einfach in der Masse untergeht. Beim McLaren 570S Spider dagegen fährt die Faszination auf jedem Meter mit, ausserdem ist einem die Bewunderung der Passanten gewiss. Zu speziell und selten ist der Auftritt eines McLaren, als dass man ihm negativ gegenüber treten könnte.

2017 McLaren 570S Spider
Mit einem McLaren ist man ein absoluter Blickfang auf der Strasse – und man wird nicht schief angeschaut.

Steckbrief

Marke / ModellMcLaren 570S Spider
Preis ab227 420 CHF
AntriebBenzin, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder3799 ccm / V8
Motoranordnung / Motorkonzept Mittelmotor / Biturbomotor
Getriebe7-Gang Doppelkupplungsgetriebe
Max. Leistung419 kW bei 7500 r/min
Max. Drehmoment600 Nm bei 5000 - 6500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h3,2 s
Vmax328 km/h (geschlossen), 315 km/h (offen)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz10,7 l/100 km / 249 g/km / G
Länge / Breite / Höhe4,53 m / 1,93 m / 1,20 m
Leergewicht1498 kg
Koffer­raum­volumen150 l (vorne) + 52 l (hinten)

Titelbild: McLaren
Bilder: Koray Adigüzel

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