Der Audi A6 ist ein grosser Wurf. Gewisse Autos verleiten dazu, gleich zu Beginn das Verdikt anzuteasern und das hier ist wieder einer der Fälle. Sieht gut aus, ist für alle Fälle zu haben, technisch top und sogar überraschend fahrdynamisch. Doch trotz des anfänglichen Begeisterungssturms muss auch der A6 Kritik über sich ergehen lassen. Ferner beschleicht mich auch im Business-Kombi aus Ingolstadt das Gefühl, dass manche Dinge früher einfach besser waren.
Ich erlaube mir, bezüglich Design etwas persönlich zu sein. Aktuell habe ich das Gefühl, als würde versucht, das Rad optisch neu erfinden zu müssen. Neue Karosserieformen, Crossover noch und nöcher, geteilte Scheinwerfer, überzogene Linien oder gar komplett überzeichnete Designs – Hauptsache auffallen, scheint mancherorts die Devise zu sein. Der A6 dagegen ist einfach eine gelungene Evolution. Vor zwei bis drei Jahren hätte ich das womöglich noch kritisiert, heute finde ich es einfach schön, einen sportlich-eleganten Kombi vor mir stehen zu haben. Freche, selbstbewusst Front mit ganz normalen Scheinwerfern und laaanges, gestrecktes Heck sowie eine flache Silhouette vermitteln bereits im Stand die nötige Dynamik und Dramatik. Von den unsäglichen Fake-Auspuffblenden hat Audi sich glücklicherweise ebenfalls distanziert. Die Lichtsignatur lässt sich – wie bei allen neueren Audi-Modellen – im Infotainmentsystem aus acht vordefinierten Designs selbst aussuchen.

Sportkombi lässt grüssen
Der A6 ist nicht die Turnhalle im Innenraum, sondern ein gut geschnittener Anzug. Schön tiefe, perfekt in Auto integrierte Sitzposition vorne mit massiver Mittelkonsole. Im Fond ist das Raumangebot grosszügig, aber der A6 bietet nicht diese Luftigkeit, wie sie ein fünf Meter langes Auto könnte, wenn die Prioritäten anders liegen würden. Das Ladeabteil ist gross, aber nicht riesig, ausserdem vermisst man eine gewisse Variabilität. An den Haken nimmt der Hybrid-Kombi bis zu 2 Tonnen.

Wie schon angedeutet ist die Ergonomie im Auto sportlich tief. Dazu kommen exzellenter Seitenhalt, Heizung, Kühlung und Massage. Perfekt, um richtig weite Distanzen zu fahren! Das Infotainmentsystem punktet mit einer super Sprachsteuerung, einfacher Bedienung sowie schneller Reaktionszeit. Immerhin befinden sich die wesentlichen Klima-Steuerungselemente fest angepinnt am unteren Touchscreen-Rand. Das Beifahrerdisplay ist das, was es praktisch überall ist: Eine verzichtbare Spielerei.

Weniger perfekt, obwohl besser als auch schon bei Audi jüngst, ist die Qualität. Das Problem ist nicht einmal die Konkurrenz, sondern dass ich das Auto beispielsweise am Vorgänger messen kann. Da war einfach alles eine Spur hochwertiger und liebevoller. Insbesondere der hohe Kunststoffanteil an der Mittelkonsole entspricht nicht dem Businessclass-Niveau, das sich Audi bei entsprechender Ausstattung deutlich sechsstellig bezahlen lässt.

Der Alleskönner
Der Testwagen entspricht dem, was man bei Audi haben kann, wenn man es sich gut gehen lassen möchte. Heisst: An Bord sind die Luftfederung mit Niveauregulierung, die Allradlenkung sowie die Akustikverglasung. Wer Komfort wünscht, bekommt das volle Programm. Angenehm seidiger Antrieb mit Fokus auf elektrischem Vorwärtskommen, massive Geräuschdämmung und eine Federung, welche die Strasse auf eine richtig angenehme Weise glättet und dennoch so viel durchkommen lässt, dass das Fahrgefühl nicht droht, schwammig zu werden.

Wenn man auf hohem Niveau meckern möchte, kann man monieren, dass der Hybridantrieb absolut identisch mit jenem im Audi A5 ist. Sprich, es gibt weder mehr Leistung, noch eine höhere elektrische Reichweite. Doch nach beidem besteht auch gar nicht der Wunsch, es ist nur das Klassendenken. Mit vollem Akku sind rund 70 Kilometer bei ganz normaler Fahrweise möglich. Es kann sowohl der elektrische Modus erzwungen werden, als auch Akkuladung gespeichert werden. Im Hybridbetrieb arbeitet das System ausgereift und geschmeidig. Vor allem die Kombination aus sattem Drehmoment untenrum, Power vom Verbrenner bei steigenden Drehzahlen sowie einem Getriebe, das harmonisch und treffsicher schaltet, sorgt dafür, dass man für jede Situation gewappnet ist.

Dass der Fahrkomfort formidabel ist, ist bei einem A6 wahrlich keine Überraschung, sondern fest zu erwarten. Positiv überrascht bin ich aber von der krassen Spreizung von Ökonomie und Komfort. Im entsprechenden Fahrmodus und nur schon einigermassen vorausschauender Fahrweise lässt sich der grosse und schwere Kombi erstaunlich sparsam bewegen. Selbst wenn der Akku leer gefahren ist, spielt der Elektroantrieb immer mit, was für sehr tiefe Realverbräuche sorgt. Das ist nicht immer der Fall bei Plug-in-Hybriden und deshalb umso lobenswerter.

Indes hat Audi den neuen Kombi aber auch erfreulich dynamisch abgestimmt, ohne dass es alle anderen Eigenschaften tangiert. Im Dynamic-Programm kommt eine Agilität ins Auto, die ich so nicht erwartet hätte. Zackiges Einlenken, blitzschnelles Ansprechverhalten, eine direkte und präzise Lenkung und eine Bremse mit viel Gegendruck. Für Traktion unter allen Umständen sorgt der perfektionierte Quattro-Antrieb. Das einzige Manko ist das stets spürbare, sehr hohe Gewicht von 2,3 Tonnen. Doch wäre eine üppiger dimensionierte Bremsanlage an Bord und hätte der Antrieb 75 kW mehr Leistung, es könnte auch ein S6 sein. Für ein «Basismodell» fährt sich der A6 jedenfalls sehr dynamisch.

Viel für viel
Businessclass bei Audi kostet was, im Falle des Testwagens sind es rund 118’000 Franken. Dafür bekommt man ein zeitlos sportlich-elegantes Design, ausreichend Platz, top Assistenzsysteme, ein super Infotainmentsystem und ein Fahrgefühl, das sowohl fluffig weich, sehr effizient oder erstaunlich agil sein kann. Ferner sind die Assistenzsysteme sauber kalibriert, sie arbeiten zuverlässig und schlagen nicht unnötig Alarm. Dass man 30’000 Franken an Sonderausstattung im Auto versenken kann, war bei teureren Audis schon immer so und wird wahrscheinlich auch immer so bleiben. Dafür stimmt immerhin auch die Ausstattungsvielfalt, was Farben, Polster und Felgen angeht. Wenn ich drei Wünsche frei hätte: 300 Kilo weniger Gewicht, die altbekannte Liebe zum Detail und Extrameile bezüglich Innenraumqualität und eine etwas vielseitigere Variabilität im Gepäckabteil. Dann wäre ich geneigt zu sagen: 5 von 5 Sternen.

Alltag 
Gute Platzverhältnisse, hohe Anhängelast und ein tiefer Kofferraum sorgen dafür, dass der Business- oder Freizeit-Alltag souverän bewältigt werden kann. Allerdings schöpft der Kombi weder das Maximum an Variabilität noch das Maximum an Platz aus fünf Meter Länge.
Fahrdynamik 
Für einen normalen A6 geht der Kombi überraschend agil und willig ums Eck. Audi hat sich viel Mühe gegeben, dass auch die Lenkung und die Bremse das nötige Feedback für eine sportliche Gangart bieten. Nicht zu verachten ist jedoch das enorme Gewicht von 2,3 Tonnen, das leider stets spürbar ist.
Umwelt 
Mit sporadischem Laden erzielte der massige Kombi einen Verbrauch von 5,6 l/100 km. Erfreulich ist, dass der Verbrauch auch bei leerer Batterie im Rahmen bleibt.
Ausstrahlung 
Der Audi A6 Avant ist nicht der Eyecatcher oder Halsverdreher im eigentlichen Sinne. Doch in meinen Augen trifft der Kombi die perfekte Mischung aus Sportlichkeit, Understatement und Präsenz. Modern, aber klassische Linien.
Fazit 
+ Schickes, zeitloses Design
+ Sportlich-tiefe Sitzposition mit starkem Seitenhalt
+ Sitzkomfort mit Heizung, Lüftung sowie Massage
+ Gute Platzverhältnisse
+ Hohe Anhängelast
+ Intuitives Infotainmentsystem mit super Sprachführung
+ Extrem niedriger Geräuschpegel
+ Sehr hoher Fahrkomfort
+ Präzise Lenkung
+ Extrem hohes Gripniveau
+ Agiles Einlenkverhalten
+ ESP dreistufig deaktivierbar
+ Effizienter Antrieb
+ Zuverlässige Assistenztechnik
+ Hoher Grad an Individualisierung
– Hoher Preis, viele und teure Optionen
– Sehr hohes Gewicht ist deutlich spürbar
– Materialqualität nicht überall dem Preis angemessen
Mängel am Testwagen
– Keine Mängel
Steckbrief
| Marke / Modell | Audi A6 Avant E-Hybrid |
|---|---|
| Preis Basismodell / Testwagen | 88'100 CHF / 118'444 CHF |
| Antrieb | Benzin Plug-in-Hybrid / Allradantrieb |
| Hubraum / Zylinder | 1984 ccm / R4 |
| Motoranordnung / Motorkonzept | Frontmotor / Turbomotor + Elektromotor |
| Getriebe | 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe |
| Max. Systemleistung | 270 kW |
| Max. Systemdrehmoment | 500 Nm |
| Vmax | 250 km/h (elektronisch abgeregelt) |
| Beschleunigung 0 - 100 km/h | 5,3 s |
| Elektrische Reichweite nach WLTP | 94 km |
| Batteriekapazität | 25,9 kWh |
| WLTP-Verbrauch / CO2-Emissionen / Energieeffizienz | 2,8 l + 16,1 kWh/100 km / 63 g/km / E |
| Test-Verbrauch / CO2-Emissionen / Differenz | 5,6 l/100 km / 126 g/km / + 100% |
| Länge / Breite / Höhe | 5,00 m / 1,88 m / 1,47 m |
| Leergewicht (ohne Fahrer) | 2296 kg |
| Kofferraumvolumen | 404 - 1423 l |

















Bilder: Koray Dollenmeier