2019 BMW 8

BMW 8er Coupé: Eine grosse Nummer

BMW greift nach den Sternen – genauer gesagt, nach dem Stern. Um dem S-Klasse Coupé etwas entgegenzusetzen, wurde aus dem 6er – der in meinen Augen leider ein arg gebeuteltes Shipi-Image hat – kurzerhand das neue Topmodell, der 8er. Das wirft viele Fragen auf: Ist die Adelung zum Topmodell mehr als nur ein Marketing-Gag? Ist der 8er ein GT oder ein echter Sportwagen? Und: Kann das Konzept auch mit der im Testwagen verbauten Basismotorisierung überzeugen?

Auf jeden Fall weiss das Design zu überzeugen, denn während des Tests wurde das Auto geradezu mit Lob überschüttet. In unsicheren Zeiten, in denen die Nieren bei BMW teilweise das ganze Auto verschandeln, ist der 8er eine wahre wohltat. Nicht sehr klassisch, sondern schön modern, ohne überzeichnet zu wirken. Lange Haube, sportliche Proportionen, niedriges Dach – ein echter Augenschmaus. Ebenfalls sehr hübsch ist das sogenannte «Barcelona Blau» vom Testwagen, der das Auto noch mehr auffallen lässt und dennoch nicht prollig oder kitschig wirkt.

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Das lang abfallende Heck und die geschwungenen Rücklichter sind ein Genuss fürs Auge.

Luxus-Lounge – aber ohne Nutzwert

Im erlesenen Innenraum findet sich alles, schick, gut und teuer ist. Zum einen eine komplette Lederausstattung, im Testwagen leider bieder schwarz mit grauen Nähten. Doch dank BMW Individual sind da auch deutlich ausgefallenere Kombinationen möglich. Anyway, komplettiert wird der noble Look durch Holzapplikationen, Aluminium-Einlagen sowie dem gläsernen Gangwahlhebel und der fancy Ambientebeleuchtung. Unnötig zu erwähnen, dass selbst in dieser Liga das Meiste nochmals extra kostet.

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Das Cockpit, ein ergonomisch perfektionierter Ort inmitten von Leder, Holz und Glas.

Top sind die Komfortsitze, die eine sportlich tiefe Sitzposition mit unvergleichlichem Sitzkomfort verbinden. Armlehnen-Beheizung inklusive, aber an die unglaubliche Hot-Stone-Massage von Mercedes kommt der 8er nicht ran. Dafür ist er bei der Connectivity weit voraus: Die Bedienung geht trotz des immensen Funktionsumfangs leicht von der Hand, selbst die ungewohnte Gestensteuerung funktioniert sehr gut, die Sprachsteuerung gar perfekt, genauso wie die Smartphone-Integration via Bluetooth.

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Liebe zum Detail hier…

Total unnötig ist dafür das digitale Cockpit, welches praktisch völlig starr daherkommt und nicht mal richtige Instrumente einblenden kann. Das ist überhaupt nicht zu Ende gedacht. Auch frage ich mich, an wen man bei der Fond-Gestaltung gedacht hat. Wer die Embrio-Grösse überschritten hat, findet in dieser extrem engen Höhle schlicht keinen Platz, da ist der 8er ganz Coupé. Dafür ist der Kofferraum gross genug bemessen.

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…und da.

Der Motor macht’s

Basismotorisierung – das klingt in Bezug auf das 8er Coupé seltsam. Doch in dieser Liga möchte BMW den Kunden nichts ordinäres zumuten und daher ist das «Einstiegsmodell» ein Dreiliter-Reihensechser-Diesel mit ordentlich Dampf. Doch erstaunlicherweise reizt der 840d, so die genaue Modellbezeichnung, gar nicht zum rasen. Stattdessen lauscht man den Klängen des phänomenalen, aber sündhaft teuren Bowers & Wilkings Soundsystem, wählt den Comfort-Modus (ist ohnehin bei jedem Motorstart aktiv) und cruist von dannen.

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Die breite, aber flache Niere passt perfekt zur aggressiven und entschlossenen Front.

Es ist krass, wie leise der hektische Verkehr sein kann, wenn man nur im richtigen Auto sitzt. Leise säuselt der Wind, die Reifen rauschen dezent und der Motor erfüllt den Innenraum mit einem angenehmen Klang. Und ja, ich sage bewusst Klang, denn es ist natürlicher Motorsound und der Beweis, dass ein Diesel, wenn er nur über genügend Zylinder verfügt, durchaus auch den Ohren schmeicheln kann. Vollgetankt beträgt die Reichweite bei moderater Fahrweise übrigens über 1000 Kilometer. Damit ist der 8er ein echter Langstrecken-Traum mit hervorragendem Federungskomfort trotz eindeutig sportlichen Wurzeln.

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Weniger passend: Die unübersichtliche Darstellung des Digitalcockpits: Personalisierung? Fehlanzeige. Mäusekino par Excellence.

Die Assistenzsysteme tun ihr übriges, um die Reise angenehm zu gestalten. Grosser Pluspunkt: Wer den Spurhalteassistenten nicht mag, muss ihn nicht nach jedem Motorstart erneut deaktivieren. Überhaupt sind die Systeme im 8er sehr ausgereift: Er kann astrein semi-autonom fahren und einparkieren. Selbst von schlechten Wetterbedingungen lassen sich die Systeme nicht beeindrucken: Sie tun ihren Dienst absolut zuverlässig und Warnsysteme wie Tot-Winkel oder Notbremsassistent haben nie fehlerhaft Alarm geschlagen. So soll es sein.

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Die Komfortsitze stützen dank verstellbaren Wangen oben und unten perfekt.

Gekünstelt sportlich

Aber um Gottes willen, ich schweife ab, schliesslich handelt es sich hier um einen BMW! Also, ab in den Sport-Modus, der sich im Sport Plus sogar noch weiter schärfen lässt. Kickdown. Fast schon benzinerähnlich baut der Diesel von tief unten kraft auf, steigert sich und lässt auch jenseits von 4000 Umdrehungen kein bisschen nach. Ein super elastischer Motor mit Kraft in allen Lebenslagen, perfekt unterstützt von einem schnellen und präzisen Getriebe. Nix mit Verzögerung, kein Turboloch, keine Anfahrschwäche. Motorenbau auf Spitzenniveau und ein starkes Zeichen, dass der Dieselmotor noch lange nicht aufs Abstellgleis gehört.

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Wie es sich für einen BMW gehört, drückt das Heck im Sport-Modus spürbar.

Eher zwiespältig fällt überraschenderweise das Handling aus. Aber zuerst das Positive: Wie bei allen Autos mit Hinterradlenkung schmeisst sich auch der 8er zackig und hochmotiviert in die Kurve, wankt und schwankt kaum und begeistert mit einem neutralen Verhalten, das im Sport-Modus des ESP bei hitziger Fahrweise mitunter in einem sanften, aber sicheren Slide gipfelt. Hecklastiger Allrad, starke Bremsen, deftiger Motor – so weit alles BMW-like, so weit alles gut.

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Leider ist das grosse Coupé über die Lenkung zu hyperaktiv abgestimmt.

Weniger gut ist, dass der 8er als grosses, stattliches Auto teilweise fast schon nervös wirkt, was der überdirekten Lenkung geschuldet ist. Sie spricht bereits ab der Mittellage sehr schnell und sensibel an, was möglicherweise zu einem Hot-Hatch passen würde, aber nicht zu einem 5-Meter-Luxusliner. Dadurch fehlt nicht nur das verbindende Gefühl zum Auto, es ist auch nicht ganz einfach abzuschätzen, ab wann das Heck nach aussen drückt. Da ist der Eifer von BMW meiner Meinung nach leicht übers Ziel hinausgeschossen.

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Flüssige Darstellung, intuitive Bedienung wie es einem gerade passt und massig Online-Dienste – so soll es sein.

Gentleman-Sportler

Um die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Ja, die Basismotorisierung überzeugt! Mehr Power braucht es nicht und gerade als Diesel ist das faszinierende, wie das Auto lässiger GT und doch auch ernstzunehmender Sportler in einem ist. Allerdings wirkt das Auto nie aufdringlich oder aufbrausend, was gerade bei alltäglichen Fahrten sehr angenehm ist. Mit diesem wunderschönen Coupé hat BMW ein Top-Modell auf die Räder gestellt, das diesem Status gerecht wird.

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Wer einen Sportler sucht, der nicht dauernd verleitet (hallo ///M…) ist mit dem Diesel bestens bedient.

Wer sich jetzt aber von dem ganzen Basis-gehabe ein Geheimtipp erhofft, muss stark sein. Schon die echte Basis sprengt mit 127’800 Franken so manches Budget und wer ein Auto will, das den luxuriösen Innenraum und das sportliche Handling dank M Sportpaket auch bietet, landet bei einem Testwagenpreis von 155’840 Franken. Nichtsdestotrotz spricht der Markt für den BMW, denn Audi hat ihm nichts entgegenzusetzen und das S-Klasse Coupé nähert sich dem Ende seines Lebenszyklus. Somit ist BMW mit dem 8er zur richtigen Zeit gekommen, um Sportlichkeit und Luxus in einem schicken Blechkleid zu vereinen.

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Natürlich hat der 8er seinen Preis, doch dafür bekommt auch ein Auto der Spitzenklasse.

Alltag 3.5 out of 5 stars

Im Verhältnis zur Aussengrösse sind die Platzverhältnisse schlecht, aber diesen Preis bezahlt man angesichts des grandiosen Designs gerne. Der Kofferraum geht in Ordnung, aber die beiden Rücksitze kann man getrost vergessen. Die Übersicht ist auch schlecht.

Fahrdynamik 4.5 out of 5 stars

Gerade weil es sich um einen Diesel handelt, überrascht das sportliche Talent umso mehr. Die Motor-Getriebe-Kombination ist top, das Handling so hecklastig, wie man es von einem BMW erwartet. Agilität und Neutralität sind super, doch die Lenkung wirkt zu künstlich und nervös.

Umwelt 4 out of 5 stars

Der Testverbrauch von 7,5 l/100 km ist angesichts der Grösse und der Power eine starke Leistung. Wer das sportliche Potenzial auf der Langstrecke nicht ausreizt, fährt mit weniger als sieben Liter – Kompaktwagen-Verbrauch in der Luxusklasse.

Ausstrahlung 5 out of 5 stars

Ist schon mehrmals thematisiert worden: Der 8er ist ein Eyecatcher, ein Auto fürs Auge und fürs Herz und nicht eines für den Flottenverbrauch.

Fazit 4.5 out of 5 stars

+ Sehr schönes, sportliches Design
+ Sportliche und doch bequeme Sitze mit tiefer Sitzposition
+ Qualität und Materialien auf höchstem Niveau
+ Hoher individualisierungs-Grad
+ Topmodernes Infotainment mit guter Gesten- und Sprachsteuerung
+ Sehr kultivierter, angenehm klingender und durchzugsstarker Diesel
+ Perfekt abgestimmtes Getriebe, macht die Schaltwippen überflüssig
+ Grosse Spreizung zwischen den Fahrmodi, kann sehr komfortabel und sehr sportlich
+ Agiles und neutrales Handling
+ Relativ niedriger Verbrauch
+ Top Assistenzsysteme
+ Akzeptables Gewicht

– Unbrauchbare Sitze im Fond
– Viele teure Optionen trotz hohem Einstiegspreis
– Zu direkte und dadurch nervöse, leicht künstlich wirkende Lenkung

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellBMW 840d Xdrive
Preis Basismodell / Testwagen127 800 CHF / 155 840 CHF
AntriebDiesel, Allradantrieb
Hubraum / Zylinder2993 ccm / R6
Motoranordnung / Motorkonzept Frontmotor / Biturbomotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung235 kW bei 4400 r/min
Max. Drehmoment680 Nm bei 1750 - 2250 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h4,9 s
Vmax250 km/h (elektronisch abgeregelt)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz6,2 l/100 km / 164 g/km / F
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz7,5 l/100 km / 198 g/km / +21%
Länge / Breite / Höhe4,84 m / 1,90 m / 1,34 m
Leergewicht1936 kg
Koffer­raum­volumen420 l

Bilder: Koray Adigüzel

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