Leapmotor dringt mit absoluten Kampfpreisen in Europa an. Und während die Chinesen natürlich auch den SUV-Hunger der Kunden stillen, schicken sie mit dem B05 auch einen Vertreter in den Kampf um Marktanteile in der klassischen Kompaktklasse ins Rennen. Eines muss man den Chinesen lassen: Sie wissen, wie man Autos designen, die grundsätzlich, aber auch im Speziellen in Europa gut ankommen. Das Papier mit Versprechungen und technischen Daten scheint fast zu gut zu sein. Doch in der Realität treffen hervorragende Eigenschaften des B05 mit eklatanten Schwächen zusammen.
Den ersten Eindruck meistert der B05 gewinnend. Schicke Proportionen, flache Scheinwerfer, schick gestylte Felgen und rahmenlose Türen unterstreichen den sportlichen Auftritt. Bei genauerem Hinsehen stören zwar der relativ hohe Aufbau sowie die hohe Bodenfreiheit und die schmale Spur das auf den ersten Blick sportliche Styling, aber das ist Jammern auf hohem Niveau. Das Design des Chinesen ist definitiv gewinnend.

Geräumige Tristesse
Im Innenraum wird es zwiespältiger. Zwar punktet der B05 mit einem grosszügigen Innenraum. Auch auf der Rückbank geniesst man üppige Bein- und Kopffreiheit, was in diesem Segment keine Selbstverständlichkeit ist. AUch typisch chinesisch ist das Infotainmentsystem. Es reagiert flink, verfügt über eine gute Sprachsteuerung auch auf Deutsch und eine akkurate Navigation mit Verkehrsdaten sowie Ladeplanung. Was aber wie immer mühsam ist, ist der Fakt, dass auch elementare Einstellungen wie Klima oder Fahrmodi über den Touchscreen getätigt werden müssen.

Qualitativ erkennt man im Innenraum, das Leapmotor irgendwo sparen musste. Den Sitzen fehlt es an Seitenhalt und sie sind absolut lieblos gestaltet. Über das Design des Armaturenbretts lässt sich streiten, nicht aber über die Tatsache, dass es sich um Hartplastik handelt. Zwar verwendet Leapmotor auch an diversen Orten softes Material, das fühlt sich aber wie Neopren an und somit auch nur bedingt hochwertig. Zudem wirkt der Innenspiegel wie ein Relikt aus den 90er-Jahren. Was Leapmotor ausserdem an Platz für die Insassen gewinnt, geht beim Kofferraum flöten, selbiger ist für ein Auto dieser Klasse klein ausgefallen. Zu guter Letzt verbessert die Ambientebeleuchtung die Atmosphäre im Dunkeln, doch bei Tageslicht ist der Innenraum gar leer und schmucklos. Fair angesichts des Preises, doch der Kontrast zum Aussendesign ist enorm.

Knackig mit einem grossen Aber
Leapmotor beschreibt den B05 ausdrücklich als sportlich angehauchtes Auto. Den Vortrieb übernimmt ein einzelner Elektromotor an der Hinterachse. Mit 160 kW Leistung hat der Leapmotor zwar kein überschäumendes Temperament, doch der Durchzug ist ausreichend und nicht schwach. Eine Launch Control ist ebenfalls an Bord, doch das ist dann eher ein zu belächelndes Feature bei dieser Leistung.

Was das Wesen des Autos auszeichnet, ist sein Fahrwerk. Das ist straff und knackig abgestimmt. Das sorgt für Laune in den Kurven, da die Reifen mitspielen: Statt auf rollwiderstandsoptimierten Spassbremsen zu stehen, rollt der B05 auf guten Allround-Reifen. Somit wäre in Verbindung mit dem Heckantrieb eigentlich ganz viel gute Laune bei kurvigen Strassen vorprogrammiert, wenn nicht ein grosses Problem wäre: Die Lenkung. Wie so etwas den Weg in die Serie finden konnte, ist mir ein Rätsel. Jedes GranTurismo-Lenkrad auf der Playstation schlägt die Direktheit, Präzision und Rückmeldung der Leapmotor-Lenkung um Welten. Es wäre sogar in einem absolut unsportlichen SUV schon uncool, aber im B05 mit der sportlichen Fahrwerksabstimmung komplett fehl am Platz.

Bevormundung, nicht Assistenz
Das ganz grosse Desaster beim B05 sind aber die Assistenzsysteme. Zwar kann man sich alles auf einen Shortcut am Lenkrad setzen, um alles Nervige vor Fahrantritt direkt zu deaktivieren und das muss man auch tun. Die Kalibrierung der Assistenzsysteme grenzt an Hyperventilierung. Sie wollen andauernd eine Gefahr erkannt haben und es piepst und lenkt wirklich andauernd. Nun wäre allein das ja schon schlecht, weil grundsätzlich sollen solche Systeme ja die Sicherheit erhöhen und nicht den Stresspegel des Fahrers. Aber mit der Deaktivierung könnte man auch gut leben – wenn es denn auch so wäre. In unregelmässigen Abständen schaltet der Leapmotor die ganze Armada aber wieder ein. Um sich der Bevormundung zu entledigen, muss man irgendwo anhalten, ins P schalten, per Shortcut alles abschalten und hoffen, dass es möglichst lange dauert, bis das Gepiepse und Gegengelenke sich wieder einschaltet. Meine Meinung dazu ist glasklar: In diesem Zustand unfahrbar. Wer sich so etwas zumutet, muss eine ausgeprägte masochistische Ader haben.

Knappe Reichweite
Bei der Elektrotechnik bleiben auch Fragezeichen übrig. Gemäss Bordcomputer belief sich der Testverbrauch auf 15,9 kWh/100 km, was nicht nur isoliert betrachtet ein guter Wert ist, sondern auch 0,2 kWh/100 km unter des WLTP-Verbrauchs liegt. Doch während die WLTP-Reichweite 482 Kilometer beträgt, sind in der Praxis nur rund 320 Kilometer möglich – trotz verblüffend tiefem Verbrauch, zumindest gemäss Bordcomputer. Das geht überhaupt nicht auf und woran auch immer es liegen mag, Fakt ist, dass 320 Kilometer knapp bemessen sind. Nachgeladen wird mit maximalen 168 kW. Und aufgepasst: Leapmotor gibt die Nachladezeiten per DC-Ladung von 30 auf 80 Prozent an, nicht von 10 auf 80 Prozent. Da versuchen die Chinesen die Zahlen schön darzustellen.

Günstig, aber leider auch billig
Am Ende bleibt somit leider der starke Eindruck, dass Leapmotor ein günstiges, knackig abgestimmtes Elektroauto in der Kompaktklasse lancieren wollte. Während Aussendesign und Fahrwerk hervorragend zur Idee passen, so ist bereits beim Innenraum der Spardruck ersichtlich. Das wäre aber in Relation zum Preis zu erklären und ist eher ein Fakt als eine negative Kritik. Doch die knappe Reichweite, die absolut synthetische Lenkung und vor allem die Assistenzsysteme verhageln den zunächst guten Eindruck des Autos komplett. Das lässt sich auch nicht mehr mit dem Preis schönreden und wirkt eher, als wäre irgendwann das Entwicklungsbudget erschöpft gewesen, aber man beschlossen hat, das Auto trotzdem auf die Strasse zu schicken.

Alltag 
Grosszügige Platzverhältnisse für die Passagiere, gute Übersicht und eine hohe Handlichkeit sind die Pluspunkte. Negativ sind der kleine Kofferraum sowie die knappe Reichweite.
Fahrdynamik 
Ein knackiges Fahrwerk, ein drehmomentstarker Elektromotor und Heckantrieb in einem kompakten Auto? Klingt super und ist es auch im Falle des B05, wäre nicht die furchtbar künstliche und gefühllose Lenkung.
Umwelt 
Sofern der Wert stimmt, sind 15,9 kWh/100 km ein toller Verbrauchswert. Leider bleibt das Problem mit der knappen Reichweite.
Ausstrahlung 
Das Aussendesign wirkt frisch, modern und sportlich, aber auch teilweise austauschbar. Nichtsdestotrotz macht der Leapmotor optisch einen tollen Eindruck.
Fazit 
+ Schickes Design
+ Viel Platz für die Insassen
+ Flinkes Infotainmentsystem mit guter Sprachsteuerung und Online-Diensten
+ Knackiges Fahrwerk
+ Viel Grip
+ Spürbar hecklastiges Fahrverhalten
+ Gute Übersicht
+ Kleiner Wendekreis
+ Umfangreiche Ausstattung
+ Preis kaum zu unterbieten
– Knapp bemessener Kofferraum
– Reichweite dürftig
– Gefühllose und synthetische Lenkung
– Aggressive und bevormundende Assistenzsysteme, die sich nicht wirklich abschalten lassen
Mängel am Testwagen
– Keine Mängel
Steckbrief
| Preis Basismodell / Testwagen | 27'900 CHF / 28'600 CHF |
|---|---|
| Antrieb | Elektrisch, Heckantrieb |
| Akkukapazität | 67 kWh (brutto) / k.A. kWh (netto) |
| Max. Leistung | 160 kW |
| Max. Drehmoment | 240 Nm |
| Beschleunigung 0–100 km/h | 6,7 s |
| Vmax | 170 km/h (elektronisch abgeregelt) |
| WLTP-Verbrauch / Energieeffizienz | 15,9 kWh/100 km / B |
| Test-Verbrauch / Differenz | 16,1 kWh/100 km / +1% |
| WLTP-Reichweite | 482 km |
| Ø Test-Reichweite | 320 km |
| Max. Ladeleistung (DC) | 168 kW |
| Länge / Breite / Höhe | 4,43 m / 1,88 m / 1,52 m |
| Leergewicht (ohne Fahrer) | 1810 kg |
| Kofferraumvolumen | 295 - 1205 l |


















Bilder: Koray Dollenmeier