Es gibt immer mehr chinesische Hersteller, die den europäischen Markt für sich entdecken und Leapmotor ist ebenfalls einer. Chinesische Autos sind meistens nicht sehr teuer, doch Leapmotor definiert sich ausserordentlich stark über den Preis. Das hier gezeigte Mittelklasse-SUV C10 gibt es beispielsweise inklusive Komplettausstattung für 37’900 Franken – kein europäischer Hersteller kann hier preislich auch nur ansatzweise mithalten. Nun ist es aber so, dass man beim C10 zwar viel Auto und viel Komfort, aber auch ein paar mehr oder weniger störende Eigenheiten mitkauft. Die Chancen stehen aber hoch, dass das Auto per Software-Update laufend besser wird.
Was das Design betrifft, so braucht sich der Leapmotor C10 überhaupt nicht zu verstecken. In meinen Augen ist das Auto zwar eher verwechselbar weil nicht markant, aber dafür auch gefällig, clean und modern. Ein absolut mehrheitsfähiges Design – und vor allem eines, das nicht billig wirkt. Die bündigen Türgriffe, die schlanken Scheinwerfer und die rundliche Silhouette vermitteln das Bild eines eleganten SUVs, das weit über 40’000 Franken kostet. In meinen Augen ein nettes Detail sind ausserdem die stylischen Felgen – eine willkommene Abwechslung gegenüber den aerodynamisch optimierten Pizzatellern, die immer verbreiteter sind.

Schlichtes Cockpit mit viel Platz
Der Innenraum ist so, wie Tesla vorgeprescht ist: Ein grosser Touchscreen dominiert den Innenraum, physische Knöpfe sind absolut keine vorhanden, die Fensterheber und der Knopf für die Warnblinkanlage ausgenommen. Viel optischen Pepp gibt es ansonsten im schlichten Cockpit nicht. Die meiste Verkleidung besteht aus Kunstleder, was sicherlich besser als Kunststoff ist, der an gewissen Stellen an der Mittelkonsole und an den Türen auch vorkommt. Qualitativ jedenfalls einmal mehr besser, als der Preis es vermuten lässt und die Verarbeitungsqualität ist ebenfalls einwandfrei.

Die Bedienlogik des Infotainmentsystems ist ähnlich wie bei anderen Systemen, die nur auf einen Touchscreen setzen. Man findet sich schnell zurecht, die Gliederung ist sinnvoll und die Übersetzungen überraschend akkurat. Mühsam ist, dass das Menü für Sitzheizung oder Klimaanlage nach dem Aufrufen nicht einfach präsent bleibt, sondern stets automatisch verschwindet. Das Navigationssystem findet aber nicht alle Sonderziele und die Sprachsteuerung hat sowohl in Deutsch als auch in Englisch noch deutlichen Aufholbedarf. Schräg ist zudem die Logik der Fensterheber – ich habe andauernd zuerst «Fenster hoch» gedrückt statt «Fenster runter». Nicht intuitiv.

Punkten kann der Leapmotor beim Platzangebot. Man sitzt auf allen Plätzen luftig, auch die hinteren Mitreisenden geniessen Bein- und Kopffreiheit vom Feinsten. Der Kofferraum ist zwar gut nutzbar, verfügt aber über keinerlei Variabilität wie Haken oder doppelten Boden, was etwas schade ist.

Chaotischer Antrieb
Technisch gesehen handelt es sich beim Testwagen um den C10 REEV, also ein Elektroauto mit Range Extender. Ein 158 kW starker Elektromotor treibt die Hinterachse an, gespeist aus einer 28-kWh-Batterie. Ist diese (fast) leer, generiert ein 1,5-Liter-Benziner Strom – er treibt die Räder im Gegensatz zu einem Plug-in-Hybrid aber nie an. Der Tank fasst üppige 50 Liter, wodurch theoretisch eine kombinierte Reichweite von über 900 Kilometer ermöglicht wird. Soweit die Theorie, was an und für sich ganz okay ist.

Allerdings handhaben die Chinesen das etwas komplizierter. Es gibt nämlich drei Fahrmodi (Comfort, Sport und Individual), welche Lenkung und Gasannahme justieren. Das Fahrwerk ist nicht adaptiv und bleibt immer, wie es ist. Weiter kann man den Antrieb in vier Stufen einstellen: EV+ (fährt den Akku so weit runter, wie es geht, und fährt konsequent mit Strom), EV (bevorzugt Strom, schaltet aber bei Bedarf den Range Extender dazu), Kraftstoff (fährt mit Benzin, um den Akku zu schonen) und Power+ (maximale Leistung). Einerseits ist es zwar löblich, dass der Hersteller dem Fahrer so viele Einstellungen wie möglich überlassen will, um den Antrieb, wie es ihm gerade beliebt, zu nutzen – aber meiner Meinung nach wäre ein etwas einfacheres Setup mit weniger Auswahlmöglichkeiten besser. Die meisten Leute wollen es lieber einfach haben.

Was ich aber viel schlimmer fand, ist die Tatsache, dass die maximale Leistung nur im Power+ Modus und auch dann nur mit ausreichender Akkuladung (über ca. 25 Prozent) zur Verfügung steht. Nun ist bereits dann die maximale Leistung von 158 kW bei einem Leergewicht von knapp zwei Tonnen eher beschaulich, und wenn diese nicht zur Verfügung steht, dann verkommt man schnell zu einem Verkehrshindernis, so lahm wird das SUV dann. Dass man zwar den Akku leer fahren kann, dann aber die Fahrt mit Benzin und reduzierter Leistung für rund 700 Kilometer fortsetzen muss, verstehe ich auch hinten und vorne nicht.

Komfort zuoberst
Fahrerisch lässt sich der C10 schnell einordnen: Der Komfort steht an erster Stelle. Das Fahrwerk ist klar auf der weichen Seite. Das ist auch eine willkommene Abwechslung zur weitverbreiteten Meinung, es müsse auch immer eine Spur Sport im Auto drinstecken. Allerdings spürt man beim Fahren dennoch, dass das Auto preisbewusst entwickelt worden ist. Das Federungsgefühl ist trotz der weichen Abstimmung zum Teil leicht holprig. Der Geräuschpegel im Auto ist ganz okay, aber insbesondere auf der Autobahn ist das Auto lauter als vergleichbare Autos. Und wenig überraschend ist Sport natürlich ganz und gar nicht die Domäne vom C10. Das Handling ist viel zu diffus, das Ganze fühlt sich an, als wäre ein viel zu dicker Layer zwischen Auto und Fahrer.

Penetrante Assistenzsysteme
Bis zu diesem Punkt würde ich sagen: Wer Platz und Komfort schätzt und keine Erwartungen an Sportlichkeit und Spurtvermögen hat, sollte Leapmotor die Bude einrennen, denn dann gibt es keine passenderen und vor allem günstigere Neuwagen. Doch wie Leapmotor die Assistenzsysteme handhabt, kann einem schnell die Laune verderben. Ich schalte den Spurhalteassistenten ohnehin generell aus, aber so sensibel, wie er im Leapmotor arbeitet, dürfte es auch andere Leute stören. Dann: Der Notbremsassistent ist nach jedem Motorstart immer wieder auf der höchsten Sensitivitätsstufe, auch wenn diese justiert wurde. Heisst: Man wird bereits angepiepst, wenn es noch weit weg von kritisch ist. Zu guter Letzt: Etliche Meldungen über angebliche Müdigkeit am Steuer, OBWOHL die Aufmerksamkeitswarnung deaktiviert war.

Das wirft bedauerlicherweise einen mühsamen Schatten über den C10, der sich ansonsten perfekt für preisbewusste Käufer eignen würde. Das Auto bietet viel Platz, solide Fahreigenschaften, guten Komfort und Einfachheit in der Bestellung: Farbe aussuchen und fertig. Zudem ist nebst der Version mit Range Extender auch noch eine fast gleich starke Version mit reinem Elektroantrieb und für nur 4000 Franken mehr steht neu eine Allrad-Variante mit üppigen 440 kW Leistung und 800-Volt-Architektur am Start. Das zeigt eigentlich nur, wie schnell sich die Chinesen entwickeln, auch im preissensitiven Segment. Gut möglich auch, dass sich die Assistenzsysteme per Software verbessern, ich widerspiegle lediglich den Stand vom Test. Eine Probefahrt lohnt sich jedenfalls auf alle Fälle, denn das Auto ist angesichts des Preises fast konkurrenzlos! Vertrieben und importiert wird Leapmotor übrigens von Emil Frey.

Alltag 
Luftiges Raumgefühl auf allen Plätzen, eine bemerkenswert gute Übersicht und 1600 kg Anhängelast spielen dem C10 in die Karten. Leider ist der Kofferraum nicht variabel.
Fahrdynamik 
Der Leapmotor C10 hat seine Stärken, aber die finden sich nicht in der Fahrdynamik. Die Version mit Range Extender ist bescheiden motorisiert und das Handling wirkt diffus.
Umwelt 
Bei einem Range Extender Stromer ist die Umweltbilanz immer so eine Sache. Im winterlichen Test betrug die elektrische Reichweite rund 90 Kilometer statt der versprochenen 140. Anschliessend fuhr ich mit Range Extender weiter und erzielte einen Verbrauch von 7,1 l/100 km – eigentlich kein schlechter Wert.
Ausstrahlung 
Rein optisch wirkt der C10 modern, elegant und vor allem viel teurer, als er eigentlich ist. Ein Auftritt, der sich sehen lassen kann!
Fazit 
+ Elegantes und gefälliges Design
+ Grosszügiges Raumangebot
+ Materialien für den Preis hochwertig
+ Sehr gute Verarbeitungsqualität
+ Sehr reaktiver Touchscreen, intuitive Bedienung
+ Hoher Fahrkomfort
+ DC-Laden trotz kleinem Akku möglich
+ Handy als Schlüssel konfigurierbar
+ Sensationeller Preis
+ Umfangreiche Ausstattung
– Sehr sensible Assistenzsysteme
– Diffuses Handling
– Sprachsteuerung mit deutlichen Schwächen
– Volle Motorleistung nur im Power+-Modus abrufbar
– Bei niedrigem Akkustand und Range Extender Modus nur reduzierte Motorleistung
– Fahr- und Antriebsmode etwas verwirrend
– Im Winter knappe elektrische Reichweite
– Keine Variabilität
Mängel am Testwagen
– Keine Mängel
Steckbrief
| Marke / Modell | Leapmotor C10 REEV |
|---|---|
| Preis Basismodell / Testwagen | 35'900 CHF / 37'900 CHF |
| Antrieb | Elektrisch mit Range Extender, Heckantrieb |
| Akkukapazität | 28,5 kWh |
| Max. Leistung | 158 kW |
| Max. Drehmoment | 320 Nm |
| Beschleunigung 0–100 km/h | 8,5 s |
| Vmax | 170 km/h (elektronisch abgeregelt) |
| WLTP-Verbrauch / Energieeffizienz | 19,0 kWh/100 km oder 6,4 l/100 km / D |
| Test-Verbrauch / Differenz | 7,1 /100 km / +11% |
| WLTP-Reichweite | 140 km (elektrisch) / 970 km (kombiniert) |
| Max. Ladeleistung (DC) | 65 kW |
| Länge / Breite / Höhe | 4,74 m / 1,90 m / 1,68 m |
| Leergewicht (ohne Fahrer) | 1965 kg |
| Kofferraumvolumen | 400 - 1375 l |
























Bilder: Koray Dollenmeier