Jaguar XE S: Schnurrende Katzen machen glücklich

Jaguar XE S: Schnurrende Katzen machen glücklich

Es ist ein Montag, 5 Uhr morgens, der Wecker klingelt mich unbarmherzig aus dem Bett. Da der Stundenplan für diesen Tag prall gefüllt ist, sehe ich mich gezwungen, den Wechsel vom Range Rover Hybrid zum Jaguar XE S frühmorgens zu erledigen (was ich für meine Leserschaft alles mache…). Doch der Start ist harzig. Erstmal gilt es, eine fingerdicke Eisschicht vom Range abzukratzen. Anschliessend setze ich mich völlig durchgefroren hinters Steuer und stellte fest, dass die Aussenspiegel nicht in der Lage sind, auszuklappen – alles festgefroren! Ich will das Fenster runterlassen, um (zumindest den linken) Spiegel von Hand zu richten: Denkste. Das Fenster ist ebenfalls zugefroren. Dann eben nicht! Bin ich halt mit eingeklappten Spiegeln losgefahren. Übersicht wird eh völlig überbewertet. Am Ziel angekommen wartet ein zugeschneiter und zugefrorener XE S auf mich. Na dann: Heissen wir den Winter herzlich willkommen!

Zum zweiten Mal an diesem Morgen setze ich mich in ein tiefgefrorenes Auto. Ich drücke schleunigst den Startknopf, lausche dem vielversprechenden Startklang des V6 Kompressors und hoffe, dass Sitz-, Scheiben- und Lenkradheizung rasch auf Touren kommen. Der Umstieg vom Range in den Jaguar ist krass. Der Range ist riesig gewesen, ganz in Beige, mit grossen Fenstern. Der XE dagegen ist eine kleine, schwarze Höhle mit winzigen Fenstern. Im Range thronte ich über der Strasse, im XE kauere ich über dem Asphalt. Ohne das Design genau betrachtet zu haben (das kommt später, ich will schliesslich kein Eiszapfen werden), spüre ich instinktiv, in einem fahraktiven, sprungbereiten Auto zu sitzen.

Jaguar XE S
Letztendlich sind die Bilder dennoch bei Eiseskälte entstanden. Hier also der Designcheck…

Die Sitzposition ist niedrig, das Interieur nicht luftig, sondern umschliessend wie in einem Sportwagen. Nicht beengend, sondern perfekt sitzend. Wie ein Massanzug. Der XE kommt in den Genuss des neuen, intuitiven Mediasystems, bereits bekannt aus dem Land Rover Discovery Sport. Insbesondere die Auflösung und die Geschwindigkeit des alten Systems waren nicht besonders zufriedenstellend, aber das sind nun tempi passati. Mittlerweile hat sich der Innenraum angenehm aufgewärmt und ich nehme erstmal eine lange Autobahnetappe in Angriff.

Jaguar XE S
Die lange Motorhaube und die schnittige Schnauze verleihen dem Jaguar den nötigen, optischen Biss.

Leider fehlt meinem Testwagen der optional erhältliche, adaptive Tempomat, dafür hat er den Spurhalteassistenten an Bord. Der wird von mir jedoch schnell deaktiviert, denn Spurhalteassistenten, die lediglich piepsen oder das Lenkrad rütteln lassen, sind so was von gestern und bringen rein gar nichts. Als brandneues Auto, das der XE ist, hätte ich da schon ein moderneres System erwartet. Ansonsten gibt es nichts zu motzen. Etwas straff, aber doch komfortabel rollt der XE S ab und bleibt im Innenraum schön leise. Vom Motor ist lediglich ein leises Grummeln zu vernehmen. Die Ergonomie ist perfekt, auch nach rund zwei Stunden Fahrt fühle ich mich frisch und munter. Aber das Kilometerfressen ist nicht die Hauptaufgabe vom XE S. Genau dafür, bietet Jaguar den XE auch mit zwei Dieselmotoren an, welche wahrscheinlich noch etwas sanfter als der S abrollen und vor allem sparsamer sind. Es ist schwierig, den Verbrauch auf unter acht Liter zu drücken. Das ist nicht per se verwerflich, aber dafür möchte man auch etwas haben.

Jaguar XE S
Die flache Silhouette wirkt sportlich und attraktiv.

Winter und Heckantrieb. Eine herausfordernde Kombination. Meine hauseigene Teststrecke, der Klausenpass, ist mittlerweile gesperrt, deshalb muss der Kerenzerberg herhalten. Die Strecke ist zwar mehrheitlich sauber und trocken, doch es gibt Stellen, an denen die Sonne nie oder nur kurz scheint und deshalb akute Glättegefahr herrscht. Ich schalte den XE S in den Dynamic Mode, die Instrumente wechseln in ein glühendes Rot und die Lenkung versteift sich. Ab geht die Post, Gas run… nein. Nicht runter. Ich habe das Gaspedal bloss angetippt und der Jaguar macht bereits einen gewaltigen Satz nach vorne! Dieses Ansprechverhalten! Bissiger geht’s kaum. Dank Kompressoraufladung ist Ladedruck Turboloch ein Fremdwort und die Leistungsentfaltung schön linear, aber rasant. Der V6 ist enorm drehgeil, lechzt gierig nach über 6000 Umdrehungen, dreht mit Leichtigkeit bis 7000 Touren und setzt Gasbefehle unmittelbar in Vortrieb um.

Jaguar XE S
Das Heck hingegen ist an Langeweile kaum zu überbieten…

Leider sind die Möglichkeiten, den Motor auszudrehen und dem kehligen, dezent brüllenden Klang zu lauschen, äusserst begrenzt. Kaum eine Stelle ist so trocken, dass der XE S ohne Traktionsprobleme davonstürmen kann. In den Kurven ist Vorsicht geboten. Aufgrund des ultradirekten Ansprechverhaltens wird das Heck bei zu viel Gas schnell unruhig, wobei das ESP geschickt und weitgehend unbemerkt eingreift. Insgesamt habe ich den XE S bei weitem nicht an sein Limit führen können, aber es ist gewaltiges Potential vorhanden.

Jaguar XE S
…einzig die F-Type Lichtgrafik rettet die Kehrseite gerade noch – zumindest im Dunkeln.

Das adaptive Fahrwerk schafft den Spagat zwischen Komfort und Sportlichkeit perfekt, der Motor ist ohnehin das Sahnehäubchen vom ganzen Auto und das Automatikgetriebe wechselt die Gänge rasant durch. Für maximalen Genuss empfiehlt sich das manuelle Schalten, da der Schaltvorgang noch einen Tick aggressiver durchgeführt wird. Fanfaren à la F-Type sind freilich nicht zu erwarten, da pflegt der XE Zurückhaltung. Leider ist auch die Lenkung etwas zurückhaltend mit der Rückmeldung und erreicht nicht die Schärfe und Präzision, die ich mir von einer Sportlimousine wünsche.

Jaguar XE S
Das Interieur ist übersichtlich und sportlich zugeschnitten.

Trotzdem spüre ich, dass mehr als nur ein Hauch F-Type im XE S steckt, die Topmotorisierung vom XE ist schliesslich gleichzeitig die Basismotorisierung vom F-Type. Der Jaguar versucht sich als Verführer, umschlingt die Passagiere, verwöhnt sie mit sattem Sound und unerbittlich direktem Ansprechverhalten. Gleichzeitig kann er sehr sanft sein. Im Winter Mode wird er äusserst lammfromm, der Motor reagiert nur sehr sanft auf Gasbefehle, was die Traktion merklich verbessert. Selbst komplett verschneite Strassen sind trotz Heckantrieb kein Problem. Wie ich schon öfters gesagt habe: Allradantrieb wird überbewertet. Mit etwas mehr Konzentration erreicht man auch mit dem XE S das hinterste, ländliche Loch.

Jaguar XE S
Schlussendlich sprechen zwei Dinge für den XE S: Sein Design…

Warum aber versucht der XE S seinen zukünftigen Halter mit seiner Optik, seinem Antrieb und seinem Handling zu verführen? Nun, vielleicht deswegen, weil er sonst bloss durchschnittliche Leistungen vorweisen kann. In Sachen Technik und Assistenz ist ihm die deutsche Konkurrenz voraus. Beim Raumangebot wird es wortwörtlich düster. Der Fond ist eine dunkle Höhle, der Einstieg sehr eng, Bein- und Kopffreiheit angesichts der Fahrzeuggrösse arg beschränkt. Auch der ansteigende Kofferraum ist nominell zwar grösser als bei einem Golf, aber viel mühsamer zu beladen. Der Jaguar hofft einfach, dass sich potentielle Interessenten zuerst ans Steuer setzen, bevor sie das Platzangebot überprüfen. Dann kann er sie nämlich so sehr begeistern, dass der knappe Raum auf einmal verschmerzbar wird. Beim Preis wird der XE S nämlich wieder etwas gutmütiger, denn er ist ein bisschen günstiger als die deutschen Platzhirsche – wobei «günstiger» bei weitem nicht «günstig» heisst, unter 62’000 Franken läuft nämlich gar nichts und da fehlen noch viele, angenehme Extras. Doch auch bei diesem Punkt setzt der Jag auf seinen Antrieb. Sein schnurrender V6 ist sozusagen das Allheilmittel. Angeblich machen schnurrende Katzen den Besitzer glücklich. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, macht der XE S auch glücklich – sofern er in Fahrt ist.

Jaguar XE S
…und sein Kraftwerk, der 3,0-Liter Kompressor-V6.

Alltag 

Dank dem adaptiven Fahrwerk und den verschiedenen Fahrmodi (Normal, Dynamic, Eco und Winter) lassen sich alle Alltagssituation gut bewältigen. Gegen die miese Sicht nach hinten helfen die üblichen Hilfsmittel. Fond und Kofferraum sind sehr knapp bemessen.

Fahrdynamik 

Im Herzen ist er ein F-Type. Der XE S stürmt wild entschlossen los, der Sound ist kraftvoll. Das Handling ist agil und präzise, doch der Lenkung fehlt es an Rückmeldung.

Umwelt 

Es gibt kaum emotionale Autos, die mit dem Punkt «Umwelt» harmonieren. Mit einem Verbrauch von 9,4 l/100 km ist er alles andere als vorbildlich. Aber der XE S ist ein Auto für Genussmenschen. Es gibt ihn auch mit sparsamen Dieselmotoren. Aber dann ist der grösste Reiz dahin.

Ausstrahlung 

Die flache Silhouette lässt den Jaguar sportlich wirken, die Front zeugt von genügend Biss. Das Heck ist jedoch etwas gar lustlos designt, lediglich die F-Type Lichtgrafik ist ein hübsches Detail.

Fazit 

+ Sportliches Design
+ Adaptives Fahrwerk mit perfekter Spreizung
+ Toller Motorsound
+ Agiles Handling
+ Kraftvoller, drehgeiler Motor
+ Ultradirektes Ansprechverhalten
+ Sanftes und zackiges Automatikgetriebe
+ Bequeme Sportsitze, tiefe Sitzposition
+ Hochwertige Materialien, sehr gute Verarbeitung
+ Intuitives Mediasystem

– Enger Fond
– Kleiner, unpraktischer Kofferraum
– Hoher Verbrauch
– Lenkung mit geringer Rückmeldung

Mängel am Testwagen

– Musikanlage streikt nach Kaltstart bei sehr tiefen Temperaturen. Musik kommt, nachdem sich das Auto aufgewärmt hat (nach ca. 15 Minuten).

Steckbrief

Marke / ModellJaguar XE S
Preis Basismodell / Testwagen62 200 CHF / 75 180 CHF
AntriebBenzin, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder2998 ccm/ V6
Motoranordnung / MotorkonzeptFrontmotor / Kompressormotor
Getriebe8-Gang Automatikgetriebe
Max. Leistung250 kW bei 6500 r/min
Max. Drehmoment450 Nm bei 4500 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h5,1 s
Vmax250 km/h (elektronisch abgeregelt)
NEFZ-Verbrauch / CO2 Emissionen / Energieeffizienz8,1 l/100 km / 194 g/km / G
Test-Verbrauch / CO2 Emissionen / Differenz9,4 l/100 km / 225 g/km / +16%
Länge / Breite / Höhe4,67 m / 1,85 m / 1,42 m
Leergewicht1665 kg
Koffer­raum­volumen455 l

(Bilder: Koray Adigüzel)

2 thoughts on “Jaguar XE S: Schnurrende Katzen machen glücklich

  1. Finde es sieht sehr gut aus der Jaguar XE. Ich hoffe nächstes das ich es in USA auf den Mietwagen Märkten finden kann. Auch wenn es nur für einen Tag würde ich mich darüber freuen ihn mal zu fahren.

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