Der Automobilmarkt ist total im Umbruch; zahlreiche neue Hersteller versuchen sich in der Schweiz zu etablieren. Ein weiterer ist Xpeng. Der Hersteller ist auch in China relativ jung und wurde erst anno 2014 gegründet. Nun sind erste Modelle auch hierzulande erhältlich, vertrieben über Hedin. Der Testwagen G6 Performance verspricht Hightech, Leistung und umfangreiche Ausstattung zum Discount-Preis. Soviel sei schon mal verraten: Die Inspirationsquelle von Xpeng schimmert durch. Und der Abstand zu besagter Quelle ist gering.
Optisch ist der G6 unauffällig zurückhaltend. Ein typisches SUV-Coupé, dessen glatte Front mit durchgehender Lichtleiste ziemlich verwechselbar ist. Die Seitenlinie verfügt natürlich über bündige Türgriffe und einen optisch leicht ansteigenden, schwarz abgesetzten Seitenschweller. Das Heck ist dann wiederum eher glatt mit schmalen Rücklichtern, die ebenfalls nur schwer zugeordnet werden können. Insgesamt eine ordentliche Erscheinung, versteht mich nicht falsch, aber der Xpeng G6 ist eher der Typ in gedeckten Farben, der in der Masse untergeht. Zwar gefällig, aber als Newcomer fehlt ihm meiner Meinung nach ein optisches Charaktermerkmal. Andererseits mögen es Herr und Frau Schweizer ja eher dezent, von daher passt der Wagen perfekt. Man müsste halt nur auf ihn aufmerksam werden.

Technisch nüchtern
Im Interieur herrscht technische Coolness. Xpeng gehört zu jenen Herstellern, die gnadenlos auf jeden Knopf verzichten, weshalb das Interieur sehr leer wirkt. Eine Zierleiste aus Holzimitat sowie die Ambientebeleuchtung im Dunkeln sorgen für etwas Kontrast. Qualitativ ist das Interieur aber total überzeugend. Die Verarbeitungsqualität ist für einen preislichen Herausforderer überraschend gut, da sitzt wirklich alles. Bezüglich Materialien sind zwar weder die Sitze aus echtem Leder, noch der Dachhimmel aus echtem Velours oder Alcantara, aber das wäre nur fürs Prestige wichtig. Fakt ist, dass sich das Auto qualitativ sehr hochwertig anfühlt und vor allem geht Xpeng mit dem Kunstleder geradezu verschwenderisch um. Kunststoff muss man im Auto regelrecht suchen. Bezüglich der Platzverhältnisse lässt sich der X6 auch nicht lumpen. Auf allen Plätzen sitzt man luftig, wobei die Vordersitze nicht die Bestnote erhalten. Die Beinauflage ist zu kurz und der Seitenhalt zu wenig ausgeprägt. Dafür verfügen sie über Heizung, Lüftung und Kühlung. Der Kofferraum ist üppig dimensioniert, ein Frunk fehlt aber gänzlich. Als einzige Option abgesehen von der Farbe steht eine Anhängerkupplung zur Wahl, mit der bis zu 1500 kg gezogen werden können.

Das Infotainmentsystem ist brillant, wie bei den meisten chinesischen Herstellern. Reaktionszeit und Bedienung des Systems an sich sind auf höchstem Niveau. Auch die Navigation mit Echtzeitverkehrsdaten, smarter Routenplanung sowie toller Sprachsteuerung, die alles versteht, macht Spass. Schwachpunkt ist, wie bei allen rein Touch-basierten Systemen, die Benutzerfreundlichkeit. Die Klimaanlage muss komplett per Touch bedient werden. Auch der Fahrmodus muss per Touchscreen gewechselt werden. Solche Sachen lenken unnötig ab. Apropos Ablenkung: Einerseits ist es ultracool, dass native Apps wie beispielsweise YouTube und Disney+ heruntergeladen werden können. Andererseits ist es fragwürdig, dass besagte Streaming-Apps auch während der Fahrt funktionieren – sogar per Fullscreen. Natürlich sollte die Verantwortung diesbezüglich beim Fahrer und nicht beim Hersteller liegen, doch seit es das Smartphone gibt, wissen wir alle, dass der Mensch nicht in der Lage ist, Verantwortung zu übernehmen und sich nicht ablenken zu lassen. Deshalb sollte Xpeng diese Apps per Update während der Fahrt blockieren. Zu gross ist ansonsten bei einigen die Verlockung, Streaming-Inhalte zu schauen und sich vom «Autopilot» chauffieren zu lassen.

Das Idol schimmert durch
Man muss kein Autofreak oder Kenner sein, um festzustellen, dass das Design sowohl in seiner Grundform, als auch insbesondere von vorne stark ans Tesla Model Y, ein direkter Konkurrent, angelehnt ist. Nun gut, Designähnlichkeiten finden sich heutzutage schnell mal. Doch auch die Visualisierung der Fahrt samt Verkehr auf dem Touchscreen, die Anzeige von Leistung und Rekuperation, die Anzeige der Verbrauchsstatistik und die Bedienung von Lenkrad, Seitenspiegeln, Sitzen sowie Heckklappe und Ladeklappe kommen einem arg vertraut vor, wenn man Tesla kennt. Zufall? Wer weiss. Schlecht ist es jedenfalls nicht, wenn man sich an einem erfolgreichen Modell orientiert. Und immerhin haben die Chinesen den Minimalismus nicht auf die Spitze getrieben wie Tesla, sondern im G6 ein richtiges Fahrerdisplay mit allen relevanten Anzeigen verbaut.

«Performance» ist Auslegungssache
Zum Test tritt das Modell in der stärksten Variante Performance an. Mit 358 kW und 660 Nm ist das SUV-Coupé üppig motorisiert, und wie sich diese Leistung anfühlt, hängt stark vom Fahrmodus ab. Im Comfort-Modus fühlt sich der Antrieb noch ziemlich dezent an und nicht nach Performance, perfekt für den Alltag. Für mein Gefühl ist die Lenkung etwas gar weich und unmitteilsam. Aber das Gesamtpaket ist stimmig: Ausgewogenes Fahrgefühl, leicht straff, aber nicht schaukelig und eine Rekuperation, die sich von Segeln bis One-Pedal-Driving einstellen lässt. Gut, ohne Alleinstellungsmerkmal, aber wohl das, was sich die meisten von einem E-SUV wünschen. Und seine Stärken spielt das Auto ohnehin mit seiner Technik aus.

Ein Sport-Modus ist natürlich auch an Bord, womit der Antrieb seine Leistung auch stets spüren lässt. Doch der maximale Biss ist nicht drin. Das Ansprechverhalten ist nicht ganz so giftig, wie es sein könnte und die Lenkung ist zwar straffer, aber ein richtiges Feedback-Gefühl fehlt weiterhin. Doch obwohl nicht ganz so viel Performance drinsteckt, wie draufsteht, ist das Auto sauber abgestimmt: Das ESP greift auch bei zügiger Fahrweise kaum ein, das Auto bleibt sehr lange neutral und fährt sich gutmütig sowie vertrauenerweckend. Wer ein sportlich angehauchtes E-SUV sucht, wird definitiv glücklich. Wer vom Tesla Model Y Performance oder deutschen Performance-Modellen umsteigen möchte, eher weniger.

Ladetechnik vom feinsten
Die Stunde von Xpeng schlägt beim Laden. An der Wallbox belassen es die Chinesen zwar bei 11 kW, doch am Schnelllader lässt es Xpeng ordentlich krachen. Mit einer maximalen Ladeleistung von 451 kW setzt sich der G6 Performance gleich mal an die Spitze des Segments. So eine Angabe schreit natürlich nach einem Praxistest und der ist nicht schlecht: Nach nur kurzer Vorkonditionierung erzielte der Chinese eine Spitzenleistung von 315 kW. Innert neun Minuten wurde von 9 auf 52 Prozent geladen, das kann sich wahrlich sehen lassen. Auch der durchschnittliche Stromverbrauch im Test von 20,7 kWh/100 km (auf Winterreifen) überzeugt. Die erzielte Praxisreichweite hat sich bei rund 370 Kilometern eingependelt. Über 400 Kilometer sollten mit Sommerreifen und einigermassen gezügeltem Gasfuss problemlos realisierbar sein.

Das Gesamtpaket überzeugt durchweg
Es gibt unter dem Strich wenig, was ich dem Xpeng G6 Performance ankreiden kann. Etwas mehr Performance-Biss vielleicht? Bessere Vordersitze bestimmt. Eine einfachere Bedienung der Klimaanlage wäre ebenfalls wünschenswert. Und Matrix-Licht. Aber ansonsten? Für die angriffslustigen 52’400 Franken, die Xpeng für den ausschliesslich komplett ausgestatteten G6 Performance aufruft, kann man darüber hinwegsehen. Das SUV-Coupé überzeugt durchweg mit Praktikabilität, Leistung und Technik. Charme fehlt zwar, aber das ist ohnehin nicht die Stärke von E-SUVs. Wenn das so weitergeht mit Xpeng und Co., wird Europa nicht bloss überholt, sondern überrundet. Technisch ist der Xpeng G6 angesichts des Preises eine top Darbietung.

Alltag 
Die Platzverhältnisse sind grosszügig, obwohl es schade ist, dass kein Frunk existiert. Die Reichweite ist solide, die Ladeleistung exzellent und die Anhängelast durchschnittlich.
Fahrdynamik 
Sportlich angehaucht ist der G6 Performance zwar, aber wer gerne richtig sportlich fährt, darf sich nicht vom Performance-Schriftzug in die Irre führen lassen. Der Fokus liegt auf der Leistung, nicht beim Fahrwerk.
Umwelt 
Der realistische Verbrauchswert von 20,7 kWh/100 km ist ganz passabel und dürfte sich locker auch bei unter 20 kWh einpendeln.
Ausstrahlung 
Der Xpeng G6 präsentiert sich clean, glatt und gefällig. Er ist eher dezent unterwegs und kein Eyecatcher mit markanten optischen Zügen.
Fazit 
+ Gefälliges, aber verwechselbares Design
+ Üppige Platzverhältnisse
+ Sehr wertige Materialien, super Verarbeitungsqualität
+ Exzellentes Infotainmentsystem inklusive Navi, Sprachsteuerung und Online-Diensten
+ Hoher Fahrkomfort
+ Niedriger Geräuschpegel
+ Ausgereifte und fortschrittliche Assistenzsysteme
+ Automatismen wie beispielsweise Vorklimatisierung per App steuerbar
+ Kraftvoller Antrieb
+ Solide Verbrauchswerte
+ Exzellente Ladeleistung
+ Umfangreiche Ausstattung
+ Extrem attraktiver Preis
– Kein Frunk
– Sitze mit zu kurzer Beinauflage und zu wenig Seitenhalt
– Kein Matrix-Licht
– Bedienung aufgrund extremer Touch-Lastigkeit manchmal umständlich
– Halbherziges Performance-Modell ohne Performance-Fahrwerk
Mängel am Testwagen
– Keine Mängel
Steckbrief
| Marke / Modell | Xpeng G6 Performance |
|---|---|
| Preis Basismodell / Testwagen | 51'600 CHF / 52'400 CHF |
| Antrieb | Elektrisch, Allradantrieb |
| Akkukapazität | k.A. kWh (brutto) / 80 kWh (netto) |
| Max. Leistung | 358 kW |
| Max. Drehmoment | 660 Nm |
| Beschleunigung 0–100 km/h | 4,1 s |
| Vmax | 202 km/h (elektronisch abgeregelt) |
| WLTP-Verbrauch / Energieeffizienz | 18,4 kWh/100 km / C |
| Test-Verbrauch / Differenz | 20,7 kWh/100 km / +13% |
| WLTP-Reichweite | 510 km |
| Ø Test-Reichweite | 370 km |
| Max. Ladeleistung (DC) | 451 kW |
| Länge / Breite / Höhe | 4,77 m / 1,92 m / 1,65 m |
| Leergewicht (ohne Fahrer) | 2220 kg |
| Kofferraumvolumen | 647 - 1752 l |



















Bilder: Koray Dollenmeier