Maserati MCPura Cielo: Die perfekte Genetik

Kennt ihr die Samenbank im norwegischen Spitzbergen, mitten in der Arktis? Die Samenbank speichert Samen wichtiger Pflanzen für die Ernährung. Egal, auf welche Katastrophe die Menschheit zusteuert: Ziel ist es, dass etwa Weizen wieder neu gezüchtet werden kann. Die Baupläne des Maserati MCPura, seines Zeichens Facelift und Weiterentwicklung vom MC20, sollten dort gleich miteingelagert werden. Denn selbst im Segment der Supercars kommt Bewegung auf: Designs, die hinterfragt werden dürfen und Hybridantriebe, die zwar mitunter beinahe vierstellige PS-Zahlen ermöglichen, aber vom klassischen Supersportwagen abweichen. Der MCPura? Der ist trotz Facelift einerseits simpel und andererseits technisch brillant. Als offene Cielo Variante Genuss und Performance pur – einzig der Sound trägt nicht mehr die Maserati-Handschrift von früher.

Der Maserati MCPura hat mir während des Tests Hoffnung und Zuversicht gegeben: Die Begeisterung nach Supersportlern ohne einen Hauch von E-Antrieb ist nämlich nach wie vor ungebrochen. Das haben zahlreiche Begegnungen, Kommentare und Halsverrenkungen, die womöglich noch am Folgetag zu spüren gewesen sind, bewiesen. Das Auto verdreht reihenweise Köpfe. Kein Wunder: Waschechte Supersportwagen-Proportionen mit kurzer, flacher Front, Flügeltüren und lang gezogenem Heck. Dazu die klassische italienische Eleganz ohne Spoiler oder andere wilde Anbauten. Und für den letzten Wow-Effekt bei näherer Betrachtung sorgt die Lackierung: AI Aqua Rainbow Fuoriserie, kostet eine Niere Aufpreis, aber das Auto sieht aus, als wäre es direkt aus der Küste Sardiniens aufgetaucht – die Oberfläche erscheint flüssig mit einem durchdringenden, tiefen Hellblau und einer endlosen Weite an Smaragdgrünen Partikeln.

2026 Maserati MCPura
Die tiefe Front kann per Lift-System im Alltag bequem auf Knopfdruck angehoben werden.

Luftig und Luxuriös

Sobald die Flügeltüren nach oben schwingen, geben sie einen Blick auf das Carbon-Monocoque frei. Nicht mehr viele Autos werden heute so gebaut, doch die Mühe von Maserati zahlt sich aus: 1560 Kilo Leergewicht und das sogar als Roadster. Ein VW Golf R wiegt mehr. Unten angekommen, schmiegt man sich in exzellente Sportsitze von Sabelt und geniesst eine Sitzposition quasi direkt über dem Asphalt ohne lästige Batterie dazwischen – so muss das! Für einen Supersportwagen ist das Raumgefühl ausserdem erstaunlich üppig. Natürlich wähnt man sich nicht wie in einem SUV, doch für die Flunder, die der Maserati ist, geniessen Pilot und Copilot ausreichend Platz. Mehr ist dann aber auch nicht, Ablageflächen sind kaum vorhanden und für den zweiwöchigen Roadtrip empfiehlt es sich mangels brauchbarem Kofferraumvolumen, das Auto per Spedition an die Destination zu transportieren. Die solvente Kundschaft dürfte das nicht weiter stören – ausserdem erspart man sich die Peinlichkeit, dass man an der Mautstation aufgrund der extrem tiefen Sitzposition nicht an das Mautticket herankommt.

2026 Maserati MCPura
Grosser Einstiegsbreich. Der Blick auf das Carbon-Monocoque ist sensationell.

Man kann sich nicht nur am Aussendesign, sondern auch am Interieur kaum sattsehen. Es ist schnell ersichtlich, dass Maserati – zu Recht – im MCPura bezüglich Qualität die Extrameile gegangen ist. Das komplette Cockpit ist entweder mit weichem Alcantara oder Leder verkleidet. Die Einlagen in Lenkrad, Mittelkonsole sowie die Schaltpaddels bestehen aus echtem Carbon – ein Fest! Einerseits fühlen sich die Materialien erstklassig an, andererseits ist die Verarbeitungsqualität bombastisch. Allerdings hört die Qualität an jenem Punkt auf, an dem Displays zum Einsatz kommen.

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Im obersten Drehknopf ist ein Display integriert. Darauf hätten die Italiener verzichten können.

Dass das Cockpit-Display bezüglich Auflösung nicht der allerletzte Schrei ist – geschenkt. Das Infotainmentsystem ist durchs Band im gesamten Maserati-Portfolio dasselbe und – ich wiederhole mich – auch dasselbe wie bei Fiat. Nun ja. Ausserdem sind die Geschwindigkeit des Systems, Echtzeit-Navigation und Sprachsteuerung nicht mal ansatzweise auf dem Niveau, wie das Auto fährt. Zu guter Letzt hat Maserati ausgerechnet beim Hauptbedienelement, nämlich dem Fahrmodusschalter, nicht das Letzte herausgeholt. Der Drehregler klickt und rastet nicht so satt ein, wie er in diesem Preissegment sollte. Ferner hat Maserati die unabhängig vom Fahrmodus justierbare Dämpfer-Einstellung in ein kleines Display innerhalb des Drehreglers integriert. Jammerschade, denn nichts würde einem Supersportwagen wie dem MCPura besser stehen als zwei schöne Knöpfe. Gerade bei Autos, die Mechanik und Highend demonstrieren, sollten die Hersteller von unnötigen Displays absehen und zu «Handmade craftsmanship» zurückkehren. Meiner bescheidenen Meinung nach wirkt das um Welten hochwertiger und liebevoller als jedes noch so scharfe Display.

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Die Sitze sind bequem, ultra tief montiert und packen perfekt zu.

Das Biest mit Contenance

Obwohl Maserati quasi aus dem Nichts ein beeindruckendes Elektro-Portfolio, genannt Folgore, aus dem Boden gestampft hat und Elektrifizierung mittlerweile auch im Supercar-Segment en vogue ist, so ist der MCPura ganz klassisch aufgebaut: Mittelmotor ohne jegliche Hybridisierung, 8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, Heckantrieb mit Sperrdifferential an der Hinterachse. Das Dach öffnet sich per Knopfdruck vollautomatisch und konstruktionsbedingt ist die einzige Methode, um einen Blick auf das Nettuno genannte V6-Triebwerk zu erhaschen, den Cabrio-Prozess bei geöffneter Heckhaube zu unterbrechen.

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Das Dach lässt sich auch während der Fahrt mit bis zu 50 km/h bedienen. Geöffnet ist es in nur 12 Sekunden.

Italienische Sportwagen haben nicht von ungefähr den Ruf, wilde Bestien oder zickige Diven zu sein. Hart, laut, unbequem, schaltfaul bei tiefen Geschwindigkeiten – oder am besten alles gleichzeitig. Doch der MCPura hat im standardmässigen GT-Modus tatsächlich Granturismo Vibes. Zwar ist der Geräuschpegel aufgrund sehr wenig Dämmung hoch, aber die sanfte Art und Antrieb und Fahrwerk haben mich überrascht. Der MCPura hat diese brillante Mischung aus üppigem Restkomfort und trotzdem genügend Härte, wo man sie braucht. Der Antrieb spielt dasselbe Lied wie das Fahrwerk. Keine Schaltrucke, kein zickiges Anfahren, einfach ruhiges, geschmeidiges Fahren, ohne unnötige Drehzahlorgien. Von Langeweile ist aber dennoch weit und breit keine spur. Man hört und spürt die Maschine im Nacken arbeiten und die hochpräzise Lenkung vermittelt bereits im GT-Modus einen Eindruck, was das Auto kann, wenn man ihm die Sporen gibt.

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Alleine die offene Türe mit Forged Carbon und der hellen Verkleidung ist ein Kunstwerk für sich.

Puncto Assistenzsysteme ist das Auto erfreulich analog ausgelegt. Ein klassischer Tempomat ist an Bord und ein Notbremsassistent. Dieser hat im Test zweimal unnötig Alarm ausgelöst, was ein kleines Fragezeichen bezüglich der Sensitivität des Systems aufwirft. Ansonsten ist noch ein Tot-Winkel-Warner an Bord und das war’s. Nervige Assistenzsysteme wie ISA oder Spurhalteassistent mutet Maserati seinen Kunden nicht zu.

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Ein leicht sensibler Notbremsassistent ist (leider) an Bord. Ansonsten ist das Lenkrad das einzige Assistenzsystem.

Ein Supersportwagen mit Nachhall

Wer das italienische Drama wünscht, wechselt einfach in den Sportmodus und der MCPura zeigt, wozu er gebaut ist. Dass Nettuno «nur» über 3,0 Liter Hubraum verfügt, kaschiert der gewaltige Boost mit bis zu 1,8 Bar Ladedruck. Das Triebwerk marschiert nur so durch die Drehzahlen, dass man kaum hinterherkommt! Ja, potente EVs können diese Längsdynamik mittlerweile auch, aber wie es im MCPura serviert wird, ist einfach eine andere Welt. Kuzes Luftholen und dann ein Inferno bis zum Drehzahlbegrenzer. Herrlich! Ausserdem gibt einem das Auto zu spüren, dass die Hinterachse förmlich von der Kraft überfallen wird, das Heck zuckt gerne mal bei voller Beschleunigung. Der Gangwechsel wir nicht nur mit mechanischem Klicken der Schaltpaddel quittiert, sondern mit einem Tritt in den Allerwertesten – das Getriebe knallt die Gänge richtiggehend in den Rücken rein! Gefühlt ist jeder Gangwechsel ein Extraboost. Leider ist Nettuno, obwohl stets bemüht, kein Stimmwunder. Ja, der Klang ist da und er akzentuiert das Fahrerlebnis, aber der legendäre Sound von früher ist nicht mehr. Am meisten Laune macht beim MCPura akustisch tatsächlich das omnipräsente Pop-Off-Ventil.

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Nettuno rast durch die Drehzahlleiter, das einem beinahe schwindelig wird.

Noch viel beeindruckender als der biestige Vorwärtsdrang ist das Handling des Autos. Auch hier gilt zweierlei: Einerseits lenkt das Auto so direkt ein, als würde es den Kurvenwinkel riechen. Die Bremsen packen phänomenal zu, bieten einen extrem sensiblen Druckpunkt und Gegendruck on Point. Das Fahrwerk ist die eigentliche Magie: Weicher als mancher Hot Hatch lässt einen der MCPura die Strasse spüren und baut dennoch Grip auf, der auf öffentlichen Strassen selbst dann noch weit diesseits der Grenze ist, wenn man den Platz ausreizt.

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Passt nicht ins exklusive Auto: Das Fiat-Infotainmentsystem.

Apropos spüren. Jetzt kommt der Teil, den ich am allermeisten schätze. Das Auto gibt einem ein Feedback, wie man es heute nur noch selten zu spüren bekommt. An den Händen spürt man förmlich die Lenkung, man weiss genau, in welchem Winkel die Vorderräder zum Asphalt stehen und wie viel Winkel wohl noch möglich sein könnte. Die Hinterachse wiederum scheint mit dem Popometer verzahnt und kommuniziert permanent, ob das Heck noch unter eigener Kontrolle ist oder das Eigenleben nah ist. Es ist schwierig zu beschreiben, aber das Auto ist so unglaublich gut abgestimmt, dass es nicht nur sauschnell ist, sondern einem auch alle relevanten Fahrinfos ungefiltert wiedergibt. Und das ist die ganz hohe Kunst. Nicht nur Vollprofis sind dadurch in der Lage, das Auto genussvoll auszureizen. Letztere können dann auf der Rennstrecke im Corsa-Modus das volle Potenzial des Autos ausreizen. Für mich auf der Landstrasse bietet bereits der Sportmodus mehr als genug Drama.

2026 Maserati MCPura
Damit man weiss, wofür man tief in die Tasche gegriffen hat.

Ein sündhaft teurer Traum

Die Preispolitik von Maserati orientiert sich schon seit geraumer Zeit weit oben. Der MCPura Cielo untermauert dies. Mit einem Preis von 324’800 Franken wie abgebildet ist der Maserati in der Liga angekommen, in der man nicht mehr nach dem Preis fragt. Dass der Konfigurator ebenfalls über die Preise und teils kostspieligen Fuoriserie-Optionen schweigt, unterstreicht den exklusiven Auftritt. Wer auf dem Markt schaut, findet junge MC20, also Pre-Facelift-Modelle für rund 100’000 Franken weniger. Ich sehe den MCPura also nicht als Wertanlage und auf dem Papier mag ein Sechszylinder in diesem Preisrevier seltsam wirken (wobei die GT-Modelle von Porsche ja auch nicht mehr Zylinder aufweisen).

2026 Maserati MCPura
Die Kabine ist überraschend luftig und läst auch zum Reisen ein.

Doch eigentlich sind letztere Feststellungen völlig irrelevant. Das Auto ist ein Magnet und zieht Autofans aller Altersgruppen an. Und fahrerisch ist der MCPura ganz oben – sowohl puncto Feeling, als auch Performance. Dies ist ein Supersportwagen durch und durch – ein Auto mit ungeheuerlicher Performance, aber auch eines, das einen gewissen Respekt einfordert und definitiv nichts für Anfänger ist. Es sei allen gegönnt, die sich diese genüssliche Fahrmaschine zu leisten vermögen. «Sein Geld wert sein» ist vielleicht die falsche Formulierung, aber wie hier Fahrspass zelebriert wird und was in Kurven möglich gemacht wird – das verdient Anerkennung.

2026 Maserati MCPura
Beim Maserati MCPura Cielo treffen Fahrkompetenz, Drama und Stil aufeinander. Das Ergebenis ist ein Fest für die Sinne und insbesondere für all jene, die das Feedback dieses brillanten Sportwagens umzusetzen vermögen.

Alltag 2 out of 5 stars

Verreisen? Einkaufen? Kinder?? Gott bewahre. Das sind die falschen Fragen für dieses Auto. Das mit dem fehlenden Gepäckraum für den Roadtrip finde ich zwar schade, aber entweder man geht alleine, oder die Begleitung muss sehr schlank packen. Dieses Auto ist nicht Alltag, es entflieht selbigem.

Fahrdynamik 5 out of 5 stars

Hätte ich mehr Sterne, würde ich mehr Sterne verleihen. Hier stimmt einfach alles: Schub, Getriebe, Grip, Handling, Feeling, Rückmeldung, Lenkung, Bremse, Ausdauer. Eine Meisterleistung und in kundigen Händen ein Auto, das Mägen umzudrehen vermag.

Umwelt 1.5 out of 5 stars

Mit schwerem Gasfuss wie im Test resultiert ein Verbrauch von 16,7 l/100 km. Es könnte nicht egaler sein – aber man steht alle 350 Kilometer an der Tankstelle.

Ausstrahlung 5 out of 5 stars

Der Maserati MCPura Cielo ist ein Auto, das man sich als Poster übers Bett hängen würde. Es vereint italische Eleganz, Dramatik und Stilsicherheit. Es gibt kaum einfachere Wege, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, als aus diesem Auto auszusteigen.

Fazit 5 out of 5 stars

+ Ein Design und Eyecatcher zum Dahinschmelzen
+ Flügeltüren für Wow-Effekt und grosszügig geschnittener Einstiegsraum
+ Perfekte Supersportwagen-Ergonomie
+ Bombastische Innenraum-Qualität
+ Bequeme Sitze mit packendem Seitenhalt
+ Bezauberndes Fuoriserie-Interieur (selbiges gilt für die Lackfarbe)
+ Leichtbau Carbon-Monocoque
+ Überraschend hoher Fahrkomfort im GT-Modus
+ Biestiger Antrieb
+ Grip ohne Ende
+ Agilität, die ihresgleichen sucht
+ Bissige Bremse mit tollem Druckpunkt
+ Sensationelle Rückmeldung
+ Grenzbereich unerreichbar weit oben
+ Keine nervigen Assistenzsysteme
+ Keine Hybridisierung

– Exorbitanter Verbrauch, wenig Reichweite
– Kaum Gepäckraum um länger zu verreisen
– Motorsound nicht mehr wie früher
– Träges und einfallsloses Infotainmentsystem
– Etwas sensibler Notbremsassistent

Mängel am Testwagen

– Keine Mängel

Steckbrief

Marke / ModellMaserati Mcpura Cielo
Preis Basismodell / Testwagen267'785 CHF / 324'300 CHF
AntriebBenzin, Heckantrieb
Hubraum / Zylinder3000 ccm / V6
Motoranordnung / MotorkonzeptMittelmotor / Biturbomotor
Getriebe8-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Max. Leistung463 kW bei 7500 r/min
Max. Drehmoment730 Nm bei 3000 r/min
Beschleu­nigung 0–100 km/h2,9 s
Vmax320 km/h
WLTP-Verbrauch /CO2-Emissionen / Energieeffizienz11,7 l/100 km / 265 g/km / G
Test-Verbrauch /CO2-Emissionen / Differenz16,7 l/100 km / 378 g/km / + 43%
Länge / Breite / Höhe4,67 m / 1,97 m / 1,22 m
Leergewicht (ohne Fahrer)1560 kg
Kofferraumvolumen100 l + 50 l Frunk

Bilder: Koray Dollenmeier

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