Normalerweise endet ein Autotest mit einer Reihe von Feststellungen. Die gibt es beim Cadillac Optiq natürlich auch, doch die Zeit mit dem Auto hinterlässt bei mir auch ganz viel Fragen und auch ein bisschen Wehmut. Aber beginnen wir von vorne: Cadillac hat jüngst quasi einen Europa-Restart hingelegt, mit dem erklärten Ziel, hier nur noch Elektroautos anzubieten. Gestartet hat man mit dem Lyriq, mittlerweile ist davon auch eine Performance-Version erhältlich, ausserdem sind zwei weitere Modelle am Start. Eines davon ist der Optiq. Für Cadillac das Einstiegsmodell, doch mit Kleinwagen gibt man sich in der gehobenen Cadillac-Welt nicht ab, auch der Optiq ist eine stattliche Erscheinung. Doch leider wirken diverse technische Daten leider sehr wohl nach «Einstiegsmodell» und das passt so gar nicht zum Anspruch der Marke.
Neue Autos, insbesondere SUVs, gleichen sich markenübergreifend optisch immer mehr an. Der Cadillac Optiq dagegen ist eine erfreuliche Abwechslung: Markante Front mit optischem Kühlergrill, die Cadillac-typischen vertikalen Scheinwerfer, sehr breite C-Säule und ein eckiges Heck. Ein schwarz abgesetztes Dach sowie sportlich designte Felgen, die angesichts der grassierenden Aero-Designs richtig schick aussehen. Auf den Fotos ist die Sport Line zu sehen, die mit Akzenten in Hochglanz-Schwarz aufwartet. Alternativ gibt es die Luxury-Line, die statt auf Schwarz auf Chrom setzt. Preislich und technisch sind aber beide Varianten identisch.

Gruss aus der Luxusklasse
Die automobilen Grenzen zwischen Budget-, Premium-, und Luxus-Modellen sind nicht messerscharf getrennt. Man weiss aus Erfahrung, dass Cadillac sich im Premium-Bereich bewegt und das auch deutlich so vermarktet. Doch während mancherorts geschaut wird, wie wenig man immer noch als Premium verkaufen kann, geht Cadillac den anderen Weg. Besonders schön finde ich ja, dass es sich beim Optiq um das elektrische Einstiegsmodell handelt. Doch im Interieur vom Ami schreit nicht, aber auch gar nichts nach Einstiegsmodell – im Gegenteil. Echtes Leder wird für Sitze und gewisse Verkleidungen um die Mittelkonsole verwendet. Die Elemente an den Lüftungsdüsen bestehen aus Aluminium, genauso wie die Lautsprecherabdeckungen des Soundsystems von AKG. Dazu kommen grosszügige Stoffverkleidungen an den Türen und über das gesamte Armaturenbrett und zuletzt eine Deco in der Mittelkonsole, die nach Holz aussieht, tatsächlich aber recyceltes Zeitungspapier ist. Man sieht sogar bei genauem Hinsehen einzelne Buchstaben. Alles in allem schafft der Optiq nicht nur ein sehr wohnliches Ambiente, sondern reiht sich qualitativ in seinem Segment mal eben ganz oben ein. Das Vorurteil, Amis könnten kein qualitativ hochwertiges Interieur, muss umgehend raus aus den Köpfen, denn Cadillac liefert, aber richtig.

Auch weitere wichtige Disziplinen wie Platz und Infotainment meistert der Optiq mit Bravour. Man sitzt auch hinten erstklassig und geniesst dieselbe Liebe zum Detail und hochwertigen Materialien wie in der ersten Reihe. Das gigantische Glasdach flutet das Interieur mit Licht. Der Kofferraum packt einiges weg, obschon die abfallende Dachlinie beim Möbelkauf ihren Tribut fordern wird. Aber man kann nun mal nicht alles haben. Technisch ist der Optiq dank der Integration von Google-Diensten absolut auf der Höhe der Zeit. Maps und Assistent des Tech-Riesen funktionieren zuverlässig und perfekt, wie man es sich vom Smartphone gewohnt ist. Die Bedienung ist einfach, das System reagiert sehr flüssig und lässt sich entweder per Touchscreen oder mittels Dreh-Drück-Regler bedienen. Vorbildlich und top. Eines vorneweg: Wäre das gesamte Auto so überragend wie das Interieur, das Auto würde sechs von fünf Sternen von mir bekommen.

Komfort, mit einem Schuss Sport
Fahrerisch trifft der Optiq meiner Ansicht nach eher den europäischen Geschmack als mit dem Lyriq. Letzterer ist ein Ami durch und durch, mit weichem Fahrwerk und noch weicherer Lenkung. Der Optiq verleugnet seine amerikanische Herkunft zwar nicht, gibt sich aber deutlich integrierter. Der Fahrkomfort ist auch Optiq hoch, der Geräuschpegel ausgesprochen niedrig. Doch die Lenkung ist viel kommunikativer und gibt einem ausreichend Gefühl über die Vorderachse. Im Sport-Modus bekommt das Fahrwerk ausserdem eine gesunde Härte, sodass auch engagiertere Kurvenfahrten mit dem Ami möglich sind und Spass machen. Ein Kurvenräuber ist der Optiq natürlich noch lange nicht, aber das ist auch nicht der Anspruch des Herstellers. Die ausgewogene Abstimmung funktioniert auf Schweizer Strassen aber besser als jene im Schiff-artigen Lyriq.

Technisch unterer Durchschnitt
Nun kommen aber die unangenehmeren Kapitel, begonnen mit der Elektrotechnik. 224 kW und 480 Nm sorgen im Optiq für den Schub und das ist dann doch eher knapp bemessen. Einerseits ist das Gewicht mit 2376 Kilo heftig, worin ein Grossteil der Leistung versinkt. Andererseits ist Cadillac preislich hoch positioniert. Man verspricht erstklassiges Reisen, Souveränität, im Englischen nennt man es «effortless». Nun, so ganz «effortless» ist die Beschleunigung im Optiq nicht. Das SUV müsste keine Leistungsbombe sein, aber etwas mehr Leistungsreserven wären wünschenswert. Und siehe da: Im Heimatmarkt leistet die Allradversion 328 kW und 675 Nm. Das sind Welten! Es gibt in den USA sogar eine V-Performance-Variante! Und wir in Europa? Kriegen die kastrierte Version. Wieso? Ich habe keine Antwort darauf, da ein leistungsstärkeres Elektroauto schliesslich nicht wie beim Verbrenner Probleme mit dem CO₂‑Ausstoss mit sich bringt. Leider lesen sich auch die übrigen technischen Daten eher mit gerümpfter Nase: 75 kWh-Akku, 425 Kilometer Reichweite nach WLTP und 110 kW maximale DC-Ladeleistung klingen eher nach 2016 als nach 2026. Immerhin ist der Cadillac mit einem Testverbrauch von 21,3 kWh/100 km einigermassen sparsam, obwohl auch das kein Glanzwert ist. Realistisch schafft der Optiq rund 365 Kilometer – auch das würde ich nicht als «effortless» bezeichnen.

Assistenzsysteme gegen einen
Nicht nur Fragen, sondern zusätzlich Unverständnis rufen die Assistenzsysteme hervor. ISA erkennt Verkehrsschilder unzureichend zuverlässig. Der Spurhalteassistent will bei jeder gelb gestrichelten Veloweglinie gegensteuern. Der Aufmerksamkeitswarner blinkt bereits ab 1,5 Sekunden Blick aufs Navi. Der Müdigkeitswarer (ein separates Teil) warnte im Test mehrmals völlig grundlos vor erkannter Müdigkeit, zweimal während der ersten fünf Minuten Fahrzeit. Ergo: Mit all diesen Systemen ist der Cadillac eine Nervensäge erster Güte und nur dann als komfortables Auto brauchbar, wenn man alle vier Assistenzsysteme ausschaltet. Alle vier müssen einzeln deaktiviert werden und natürlich muss das nach jedem Motorstart erneut vorgenommen werden. Natürlich ist das alles von der EU gesetzlich vorgeschrieben, aber man sollte von einem Hersteller wie GM, der auf 118 Jahre Erfahrung im Autobau zurückblicken kann, erwarten, dass solche Systeme etwas sorgfältiger kalibriert werden.

Den Vogel abgeschossen hat jedoch der Notbremsassistent. Auch selbiger hat sich im Test kein einziges Mal als nützlich erwiesen, sondern hat nur panisch und nervig vor sich hin gepiepst: Wenn ein Auto voraus etwas fester abgebremst hat, wenn ich nicht schleichend auf ein abbiegendes Auto zugefahren bin, wenn im Kreis ein Auto rasch von links (!) gekommen ist und wenn mir ein Auto in einer unübersichtlichen Kurve entgegengefahren ist! Und was dem ganzen Assistenz-Fiasko die Krone aufsetzt, ist die Tatsache, dass ich exakt dieselben Verhaltensmuster der Elektronik bereits vor einem Jahr beim Lyriq bemängelt habe. Passiert ist seither aber rein gar nichts. Cadillac gelobt Besserung mit einem Update und ich hoffe sehr, dass es implementiert wird und zur Besserung führt, denn in diesem Zustand kann ich keine Autos empfehlen.

Grosse Stärken, grosse Schwächen
Es ist ein Jammer, dass die Assistenzsysteme das Empfinden eines Autos so stark trüben können, doch leider ist es Tatsache. Wären diese Systeme zuverlässig, das Auto würde ganz anders dastehen und strahlen. Denn das Fahrgefühl entspricht genau dem, was man von einem – zumindest für Cadillac-Verhältnisse – kompakten Auto erwartet: Markenüblichen Komfort mit einer gewissen Agilität. Qualitativ zieht das Auto ohnehin alle Register. Und bei der Konfiguration macht Cadillac einen auf China: Farbe aussuchen innen und aussen, Chrom oder Glanzschwarz als Akzentfarbe, fertig. Trotz all der offenen Fragen hat der Cadillac Optiq das gewisse Etwas und im Gegensatz zu den Mondpreisen, die manche Hersteller aufrufen, bleibt Cadillac erfreulich bodenständig. Für rund 63’000 Franken wie im Falle des Testwagens bekommt man jedenfalls bei weitem nicht überall ein derart hohes Qualitätsniveau.

Alltag 
Üppige Platzverhältnisse und ein geräumiger Kofferraum machen das Auto fit für alle Lebenssituationen. Negativ sind aber die schwierige Rundumsicht, die teils durch die Kameras kaschiert wird, die kaum vorhandene Anhängelast und die langsame Ladeleistung.
Fahrdynamik 
Der Cadillac Optiq ist kein Sportler, aber er lässt sich dynamisch bewegen und macht das Ganze gut mit. Hervorragend ist die Brembo-Bremse, aber auch die Lenkung gefällt mit gutem Feedback. Die Motorleistung dürfte höher sein.
Umwelt 
Mit einem Testverbrauch von 21,3 kWh/100 km reiht sich der Optiq im Mittelfeld ein. Kein Spitzenwert, aber verglichen mit den Benziner-Modellen der Marke ein riesiger Schritt in Richtung Effizienz.
Ausstrahlung 
Durch die Seltenheit im Markt ein riesiger Exot. Doch die mutigen Linien lassen den Cadillac auch ganz anders aussehen als die Konkurrenz. Sehr schicke Interieurs in verschiedenen Ausführungen.
Fazit 
+ Mutiges und gefälliges Design
+ Erstklassige Ergonomie
+ Qualitätsniveau ist Spitzenklasse
+ Ausgesprochen wohnliches Ambiente
+ Erstklassiges Infotainmentsystem mit Google-Diensten
+ Super Fahrkomfort
+ Extrem niedriger Geräuschpegel
+ Hervorragend dosierbare Brembo-Bremse
+ Rekuperation und One-Pedal-Driving einstellbar
+ Präzise Lenkung mit gutem Feedback
+ Klar abgegrenzte Fahrmodi
+ Präzises Matrix-Fernlicht
+ Preislich fair
+ Simple Konfiguarion, Vollausstattung inklusive
– Extrem sensibel und nervig kalibrierte Assistenzsysteme
– Lahme DC-Ladeleistung
– Akkukapazität und Motorleistung eher knapp bemessen
– Schlechte Rundumsicht
Mängel am Testwagen
– Keine Mängel
Steckbrief
| Marke / Modell | Cadillac Optiq |
|---|---|
| Preis Basismodell / Testwagen | 59'900 CHF / 63'050 CHF |
| Antrieb | Elektrisch, Allradantrieb |
| Akkukapazität | 79 kWh (brutto) / 75 kWh (netto) |
| Max. Leistung | 224 kW |
| Max. Drehmoment | 480 Nm |
| Beschleunigung 0–100 km/h | 6,3 s |
| Vmax | 184 km/h |
| WLTP-Verbrauch / Energieeffizienz | 19,9 kWh/100 km / B |
| Test-Verbrauch / Differenz | 21,3 kWh/100 km / +7% |
| WLTP-Reichweite | 425 km |
| Ø Test-Reichweite | 365 km |
| Max. Ladeleistung (DC) | 110 kW |
| Länge / Breite / Höhe | 4,82 m / 1,91 m / 1,64 m |
| Leergewicht (ohne Fahrer) | 2376 kg |
| Kofferraumvolumen | 443 - 1340 l |












Bilder: Cadillac Europe