Mazda nimmt sich Zeit für eine eigene Mittelklasse-Plattform, um Elektroautos zu bauen. Um die Zeit zu überbrücken, nutzen die Japaner eine Kooperation mit dem chinesischen Hersteller Changan. Der Mazda 6e hat also absolut gar nichts mit dem alten Mazda 6 gemein, sondern ist eine Limousine im selben Segment, von Changan entwickelt und von Mazda feingetunt. Dass klingt eigentlich vielversprechend, da die Chinesen solide Elektro-Antriebstechnik entwickeln und Mazda hohen Wert auf Qualität legt. Doch in der Umsetzung hapert es. Der Mazda 6e hat einige beeindruckende Stärken, aber leider auch einige eklatante Mängel. Ob man angesichts des sehr attraktiven Preises von deutlich unter 50’000 Franken darüber hinwegsehen will, muss jeder selbst entscheiden.
Das technische Zwillingsmodell im fernen Osten ist der Changan Deepal L07. Googelt es und staunt: Der Mazda 6e ist in keiner Weise als Schwestermodell zu erkennen, das Mazda-Designteam hat ganze Arbeit geleistet. Optisch überzeugt der elektrische 6er von Mazda auf ganzer Linie: Schneidiges Design, scharfe Linien, fliessendes Dach, rahmenlose Türen, bündige Türgriffe, scharf geschnittene Scheinwerfer, lange Haube. Meiner bescheidenen Meinung nach der Sweet Spot aus optischer Präsenz und zurückhaltender Eleganz. Eine moderne, sportlich-elegante Limousine, mit der man überall vorfahren und den einen oder anderen anerkennenden Blick einheimsen kann.

Verblüffendes Interieur
Der Testwagen verfügt über die höchste Ausstattungslinie Takumi Plus und die hat es in sich. Das Interieur präsentiert sich in üppigem Cognac-Braun. Die Sitze sind ein eleganter Mix aus Wildleder und Nappaleder. Zudem wertet Mazda den Innenraum mit üppigen Verkleidungen aus gleichfarbigem Velours auf. Hochwertige, geriffelte Zierelemente, ein weicher Stoff-Dachhimmel sowie hauptsächlich weich geschäumter Kunststoff erzeugen eine Haptik, die weit hochwertiger ist, als es der attraktive Preis vermuten lässt. Die Verarbeitungsqualität ist ebenfalls auf durchgehend hohem Niveau. Nicht, dass Mazda bislang qualitativ nicht hochwertige Autos gebaut hätte, aber der 6e erscheint in meinen Augen ausserordentlich hochwertig für Mazda.

Das Platzangebot der 4,92 Meter langen Limousine vermag ebenfalls zu überzeugen. Vorne wie hinten ist der Platz luftig und man geniesst im Fond grosse Beinfreiheit. Die Kopffreiheit ist ausreichend, aber eher knapp – jedoch nicht aufgrund der Dachlinie, sondern der leicht zu hohen Sitzposition auf allen Plätzen, die der Batterie im Boden geschuldet ist. Ein ewiges Thema bei E-Limousinen. Der Kofferraum ist dank des Fliesshecks und der grossen Heckklappe praktisch und leicht zugänglich. Was fehlt, ist ein grosser doppelter Boden.

Das Infotainmentsystem wird von Hardware von Huawei betrieben und läuft entsprechend flüssig. Bedienung, Navigation und die Möglichkeit von Shortcuts überzeugen. Leider gibt es aber keinen Shortcut für nervige Assistenzsysteme. Total unbrauchbar ist überraschenderweise die Sprachsteuerung. Sie spricht wie ein besoffener Roboter, kann keine Anrufe tätigen, versteht keine Navigationsziele und spricht Navikommandos abgehakt aus. Zudem macht sie trotz deaktiviertem ISA mit ihrer Roboterstimme bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung ab 1 km/h darauf aufmerksam, selbst wenn keine Routenführung aktiv ist. Bei deaktivierter gesprochener Routenführung herrscht generell Schweigen, auch bei zu schnellem Fahren. So eine Sprachsteuerung ist nicht mal Prototypen-Niveau.

Fahrerisch unauffällig
Die Japanisch-chinesische Limousine fährt sich quasi unter dem Radar. Sehr ruhig, sehr ausgewogen. Eher komfortabel abgestimmt, aber nicht schwammig. Drei Fahrmodi sowie ein Individual-Modus, in dem die Gaspedal-Kennlinie, die Lenkung sowie die Rekuperation justiert werden können, stehen zur Wahl. Die grundsätzlich komfortorientierte Abstimmung bleibt aber stets erhalten. Sportliches Fahren ist nicht so das, was der Mazda 6e will, dazu gibt auch die Lenkung wenig Feedback und fühlt sich für ein Mazda-Modell eher entkoppelt an. Immerhin regelt das ESP die heckgetriebene Limousine effizient – nicht übervorsichtig, aber dennoch sicher, wenn es notwendig ist.

Aufgefallen und zwar leider negativ sind der Abstandstempomat sowie der Tot-Winkel-Warner. Letzterer leuchtet gefühlt 80 Prozent der Zeit auf der linken Spur auf der Autobahn grundlos. Keine Ahnung, ob die Leitplanke als Fahrzeug missinterpretiert wird oder was sonst das Problem ist. Zwar nicht weiter schlimm oder störend, aber für ein modernes Auto dennoch sehr suspekt. Der Abstandstempomat bremst einen auf der Autobahn oder auf Überlandstrecken permanent aus, sobald auch nur sanfte Kurven kommen. Jeder Lenkwinkel, der schätzungsweise zwei Grad übersteigt, hat eine Reduktion der Geschwindigkeit um bis zu 15 km/h zur Folge. Richtig mühsam und eine Kalibrierung, die so gar nicht Mazda-like ist.

Reichweite dürftig
Mazda bietet zwei Varianten des 6e an: Die getestete Variante mit 68,8 kWh Akkukapazität, 190 kW Motorleistung und 165 kW Ladeleistung. Letztere wurde im Test mit rund 80 kW deutlich verfehlt. Als zweite Variante steht die Long Range Version mit 80 kWh Akkukapazität, 180 kW Motorleistung sowie 90 kW Ladeleistung im Angebot. Beide Versionen verfügen über Heckantrieb, der Long Range kostet 1750 Franken mehr. Warum es nicht einfach nur den Long Range, aber mit 190 kW Motorleistung und vor allem der 165 kW-Schnellladung (theoretisch) gibt, erschliesst sich mir nicht. Ein Long Range, der aber nur mit 90 kW laden kann, ist ziemlich armselig. Im Test hat sich der Verbrauch bei 21,1 kWh/100 km eingependelt, was eine reale Reichweite von 300 Kilometer ergeben hat. Für eine stattliche Limousine eher wenig.

Wenig Mazda, viel Badge-Engineering
Was am Ende bleibt, ist ein sehr zwiespältiger Eindruck. Da wären einerseits das schicke Design, das noble Interieur, das flinke Infotainmentsystem, der hohe Fahrkomfort sowie der extrem attraktive Preis von 46’800 Franken mit Vollausstattung. Eine echte Kampfansage. Doch der übervorsichtige Abstandstempomat, die unbrauchbare Sprachsteuerung, die mässige Reichweite sowie die beiden Modellvarianten, die einfach nicht logisch erscheinen, trüben das Bild teils stark. Der Scheibenwischer, der nicht über einen klassischen Hebel bedient werden kann, sondern man die Funktion auf eine Favoritentaste am Lenkrad setzen muss, damit man ihn nicht über den Touchscreen einschalten und einstellen muss (!), schiesst den Vogel ab. Auch die Tatsache, dass der Ladestand auf der Autobahn innert einer Minute von 10 Prozent auf noch 2 Prozent abgestürzt ist, weckt nicht unbedingt Vertrauen ins Auto.

Synergien nutzen und Partnerschaften eingehen ist ein gangbarer Weg. Aber im Mazda 6e steckt mir zu viel Badge-Engineering und zu wenig Mazda-Spirit. Das Auto ist zwar hochwertig und ein Preiskracher, aber da gibt es meines Erachtens einfach zu viele Unzulänglichkeiten, die Mazda hätte bereinigen sollen. So wirkt das Auto etwas lieblos und unfertig.

Alltag 
Die Platzverhältnisse sind grosszügig und der Kofferraum gut nutzbar. In den Frunk passt ausserdem auch mehr als nur ein Ladekabel. Ein praktischer Wendekreis rundet das Ganze ab.
Fahrdynamik 
Der Mazda 6e ist komfortorientiert. Die Leistung ist überschaubar, das Feedback zum Fahrer eher mau. Von Mazda-Modellen ist man diesbezüglich anderes gewohnt.
Umwelt 
Der Verbrauch von 21,1 kWh/100 km ist ein vernünftiger Wert. Hier kommt es Mazda klar zugute, dass man nicht auf überbordende Leistung setzt.
Ausstrahlung 
Beim Design hat Mazda Vollgas gegeben. Das Auto sieht richtig gut aus: sportlich, elegant, anders. Das Interieur steht dem Aussendesign in nichts nach.
Fazit 
+ Sportlich-elegantes Design
+ Grosszügiges Raumangebot für die Passagiere
+ Hochwertige Einrichtung, top Qualität
+ Sehr bequeme Sitze mit Lüftung und Heizung
+ Schnelles und intuitives Infotainmentsystem
+ Sehr tiefer Geräuschpegel
+ Hoher Fahrkomfort
+ Feinfühliges ESP
+ Extrem attraktiver Preis
+ Sehr umfangreiche Ausstattung
– Sitzposition leicht zu hoch
– Geringe Praxisreichweite
– Unbrauchbare Sprachsteuerung
– Viel zu defensiver Abstandstempomat
– Umständliche Bedienung vom Scheibenwischer
– Seltsame Modellpolitik
Mängel am Testwagen
– Keine Mängel
Steckbrief
| Marke / Modell | Mazda 6e |
|---|---|
| Preis Basismodell / Testwagen | 43'600 CHF / 46'826 CHF |
| Antrieb | Elektrisch, Heckantrieb |
| Akkukapazität | k.A. kWh (brutto) / 68,8 kWh (netto) |
| Max. Leistung | 190 kW |
| Max. Drehmoment | 320 Nm |
| Beschleunigung 0–100 km/h | 7,6 s |
| Vmax | 175 km/h (elektronisch abgeregelt) |
| WLTP-Verbrauch / Energieeffizienz | 16,6 kWh/100 km / B |
| Test-Verbrauch / Differenz | 21,1 kWh/100 km / +27% |
| WLTP-Reichweite | 479 km |
| Ø Test-Reichweite | 300 km |
| Max. Ladeleistung (DC) | 165 kW |
| Länge / Breite / Höhe | 4,92 m / 1,89 m / 1,49 m |
| Leergewicht (ohne Fahrer) | 1962 kg |
| Kofferraumvolumen | 465 - 1074 l |
























Bilder: Koray Dollenmeier